3'/
Qroot,lJniversismus
9^f^
Die hauptsächlichsten Werke De Groot's
Les Fetes annuellement celebrees ä Emoui (Amoy). Etüde con-
cernant la Religion populaire des Chinois. Zwei Bände 4».
832 Seiten. Erschienen in den Annales du Musee Guimet, 1886.
Le Code du Mahayana en Chine. Son influence sur la vie
monacale et sur le monde laique. Herausgegeben von der
Kön. Akademie der Wissenschaften zu Amsterdam, 1893. Imp. 8".
276 Seiten.
Sectarianism and Religious Persecution in Cliina. A page in
the History of Religions. Herausgegeben von der Kön. Akademie
der Wissenschaften zu Amsterdam, 1903 — 1904. Zwei Bände Imp. H^,
595 Seiten.
The Religious System of China. Its ancient forms, evolution.
history and present aspect. Manners, customs and social
institutions connected therewith. Sechs Bände Imp. 8», 1468
und 1341 Seiten.
UNIVERSISMUS
DIE GRUNDLAGE DER RELIGION
UND ETHIK, DES STAATSWESENS
UND DER WISSENSCHAFTEN CHINAS
VON
J. J. M. DE GROOT
PROFESSOR DER SINOLOGIE AN DER UNIVERSITÄT ZU BERLIN
MIT 7 BILDERN
BERLIN 1918
VERLAG VON GEORG REIMER
Meiner Mutter und dem Gedäclitnis
meines Vaters gewidmet
lOSilO?
Vorwort.
Vorliegendes Werk bezweckt, die Grundlage von Chinas Reli-
gion und Ethik, von seinem Staatsv^esen und seinen Wissen-
schaften zu bestimmen und zu erklären. Es gründet sich auf
das Studium alter und neuer chinesischer Schriften und bringt
als unentbehrliches Beweis material in wortgetreuer Übersetzung
Auszüge daraus, zwar in möglichst beschränkter Anzahl, die
jedoch beliebig stark hätte vermehrt werden können.
Auf die Reformen, welche in den letzten Jahren in China
eingesetzt haben, habe ich absichtlich keine Rücksicht genommen,
in der Absicht, nur ein kulturgeschichtliches Bild zu entwerfen,
das auch, falls die Reformen ihren Fortgang nehmen und so-
gar das Alte völlig stürzen sollten, für die Wissenschaft der
Kultur der Menschheit Wert haben mag. Ich gebe mich dabei
der Hoffnung hin, daß dieses Bild weitere sinologische Arbeit
zur Vertiefung unserer Kenntnisse des Geisteslebens Chinas er-
leichtern und das dazu erforderliche richtige Verständnis chi-
nesischer Schriften fördern möge.
Zur Erhöhung der Deutlichkeit sind die den chinesischen
Textauszügen und Ausdrücken beigefügten Übersetzungen in
kleineren Buchstaben gedruckt. Die Übersetzungen sind wort-
getreu und keine Paraphrasierungen.
Über die angewandte Transkription der chinesischen Schrift-
zeichen sei folgendes bemerkt:
Diö Buchstaben haben im allgemeinen den Wert der hoch-
deutschen. Das s ist scharf; s entspricht deutschem seh, und
somit ist ts = tsch ; z = französisches j : e ist das tonlose e (wie
in Bezirk). Aus ng (wie in singen) darf g nicht herausklingen.
Auch in den Diphthongen ai, ao, ei, ia, ie, io, iu, oa, oi,
ou, ua, ue, ui, üe, behält jeder Buchstabe seinen deutschen Wert,
jedoch ohne mit besonderer Betonung ausgesprochen zu werden,
weil jedes chinesische Wort einsilbig ist. Ao lautet also w^ie
au; ia etwa wie ja; ua ungefähr wie wa; ei aber nicht wie in Eis.
Der Spiritus asper * gilt als Zeichen scharfer Aspiration.
Ein Haken ' am Ende eines Wortes bezeichnet einen ver-
schluckten Endkonsonanten k, p oder t, wodurch das betreffende
Wort kurz ausgesprochen wird.
Karwoche des Kriegsjahres 1918.
Berlin-Lichterfelde. De Groot.
Inhaltsverzeichnis.
beite
Einleitung i
Universismus, die gemeinschaftliche Grundlage des Taoismus, Kon-
fuzianismus und Buddhismus. Stiftung des einheitlichen chinesischen
Reiches und die Organisation seines Staatswesens und seiner Staats-
religion unter der H an -Dynastie.
Erstes Kapitel.
Das Tao, die Ordnung des Weltalls 5
Das Tao des Weltalls und das Tao des Menschen. Weltseele
und Menschenseele. Universistischer Animismus, Polytheismus. Poly-
dämonismus. Die Gespensterwelt und ihre Wirksamkeit. Däraonismus.
eine der Grundlagen der Ethik. Das Tao als Schöpfer. Die drei
Erzväter des Universismus.
Zweites Kapitel.
Das Tao des Menschen 22
Das Tao ist Güte, und die menschliche Natur ist deshalb gut.
Die fünf natürlichen Haupttugendeu. Die dem Weltall entlehnten
Lebeusregeln, Bräuche und Riten. Die konfuzianischen heiligen
Schriften, die Wegweiser für das menschliche Tao. Orthodoxie und
Ketzerei, Intoleranz und Verfolgung. Besitz des Tao ist Vollkom-
menheit, Heiligkeit und Göttlichkeit. Erwerbung des Tao durch Nach-
ahmung des Weltalls und Anpassung an dasselbe. Unparteilichkeit, Ge-
rechtigkeit, Selbstlosigkeit. Willfährigkeit. Nachsicht, Milde, Selbstver-
leugnung, Leidenschaftslosigkeit. Tugend und Heiligkeit, erworben
durch Kenntnis der heiligen Schriften. W u - w e i oder Quietisraus, Spon-
taneität.
Drittes Kapitel.
Vollkommenheit, Heiligkeit, Göttlichkeit r,{\
Vollkommenheit in Tugend ist Heiligkeit oder Göttlichkeit. Die
Merkmale der Heiligkeit: Allmacht, Zauberkraft, Unverletzlichkeit. All-
wissenheit u. a. Heiligkeit durch Kenntnis und Weisheit. Die heiligen
Schriften die Grundlagen des Staatswesens und der Ethik. Weisheit und
Tugend der Kaiser. Die Heiligen des Konfuzianismus. Vollkommenheit
durch Zügelung der Leidenschaften. Heiligkeit und Göttlichkeit des
regierenden Kaisers. Seine unbeschränkte Gewalt.
Inhalt. VII
Viertes Kapitel. Seit«
Heiligkeit durch Askese und Absonderung von der
Welt. Lebensverlängerung, Exorzismus, Heilkunde . 86
Heiligkeitsaskese und Erlösung. Taoistische Weise und Ein-
siedler. Taoistisches und buddhistisches Klosterleben. Verlängerung
und Verewigung des Lebens durch Tugend und Weisheit. Exorzistische
Zauberkraft. Atemregulierung zur Verlängerung des Daseins und zur
Förderung der Gesundheit. Universistische Krankheitslehre, Heilkunde
und Arzneilehre. Paradiese der Unsterblichen.
Fünfte s Kap itel.
Die taoistische Kirche und ihr Götterkult 127
Polytheistischer Naturismus. Anthropotheismus und Anthropolatrie.
Ahnenverehrung. Die taoistische Theogonie. Die Gründung der tao-
istischen Kirche. Ihre Geistlichkeit und der Kreis ihrer Wirksamkeit.
Tempel und Tempelchen. Hausaltäre.
Sech stes Kapitel.
Der Götterkult des Konfuzianismus (I) I4i
Die große Opferstätte des Himmels. Kaiserliches Opfer des
Wintersolstitiums für den Himmel, die kaiserlichen Ahnen. Sonne, Mond
und Sterne. Regenopfer und andere Zeremonien.
Siebentes Kapitel.
Der Götterkult des Konfuzianismus (II) 187
Die große Opferstätte der Erde. Das kaiserliche Opfer des
Somraersolstitiums für die Erde, die kaiserlichen Ahnen, die Berge,
Flüsse und Meere. Opferstätte und Opfer für die kaiserlichen Ahnen
und für die Götter des Bodens und der Feldfrüchte.
Achtes Kapitel.
Der Götterkult des Konfuzianismus (III) 228
Opferstätte und Opfer für Sonne, Mond und Sterne, für die
Schutzgötter des Ackerbaus und die Schutzgöttin der Seidenzucht.
Die Pflugzeremonie des Kaisers und der Reichsbehörden ; die Maul-
beerblätterzeremonie der Kaiserin. Tempel und Opfer für die Kaiser
der vergangenen Dynastien, für berühmte Staatsdiener aller Zeiten
und für die kaiserlichen Lehrmeister.
Neuntes Kapitel.
Der Götterkult des Konfuzianismus (IV) 269
Tempel und Opfer für Konfuzius und die Heiligen und Weisen
seiner Schule. Kaiserliche Predigten. Staatliche Verehrung der Tu-
gendhaften und Weisen im ganzen Reich. Opferstätte und Opfer
an Wolken, Regen, Wind und Donner, an Berge, Meere und Gewässer
des ganzen Reiches. Tempel und Opfer für den Planeten Jupiter und
andere Zeitgötter.
VIII Inhalt.
Zehntes Kapitel. Seit«
Der Götterkult des Konfuzianismus (V) 283
Tempel und Opfer für die Götter der Heilkunde, für den Kriegs-
gott, für den Schutzgott der klassischen Studien, für den Nordpol des
Himmels, für den Feuergott, für die Götter der Kanonen und der
Stadtmauern, für den Gott des Berges des Ostens, für Drachen und
andere Wassergottheiten, für die Erde und den Verwalter von Bau-
werken, für Götter der Ziegelöfen, Tore und Kornkammern, für beson-
dere in den Provinzen verehrte Gottheiten, für die Koryphäen der
Staatsdienerschaft, für die unversorgten Seelen der Toten. Idolatrischer
und ritualistischer Charakter der Staatsreligion.
Elftes Kapitel.
Kalendrische Lebensführung. Der Kalender. Zeit-
deutung . 303
Die menschliche Notwendigkeit, in Übereinstimmung mit dem
jährlichen Kreislauf des Universums zu leben. Das heilige Buch der
Weisungen für die Monate. Lebensführung, die dem Lauf der Zeit
nicht entspricht, als Ursache von Weltkatastrophen. Handbücher und
Schriften für eine zeitgemäße Lebensführung.
Die Pflicht der kaiserlichen Regierung, für eine richtige Zeit-
rechnung Sorge zu tragen. Der Staatskalender, seine chronomantische
Rolle und zeremonielle Herausgabe. Volksalmanache.
Zwölftes Kapitel.
Mantik des Universums 83i
Beobachtung und Deutung der ungewöhnlichen Naturerscheinungen
zur Bestimmung und Beseitigung der Fehler im T a o der Menschheit.
Beobachtung des Himmels und der Himmelslichter; Astrologie. Deu-
tung von Wind, Regen, Donner, Blitz usw. Ungewöhnliche Erschei-
nungen in den Teilen der Erde und im Menschen-, Tier- und Pflanzen-
ieben. Die Mittel zur Ratpflege der Weltseele oder der Götter.
Dreizehntes Kapitel.
Geomantik .%4
Wolmstätten, (iräber und Tempel sollen unter günstigen Einflüssen
des Universums gelegen sein. Die Geomantik und ihre Professoren.
Die fünf Weltelemente und andere universistische Faktoren. Geoman-
tische Literatur und Systeme. Fung Sui der Gräber, Tempel und
Klöster. Die Zukunft des Universismus und seiner Wissenschaften.
Sach- und Wortregister 385
EINLEITUNG.
China besitzt; wie allgemein bekannt, drei Religionen:
den TaoismuS; den Konfuzianismus und den Buddhismus. Man
wendet jedoch auf sie das Wort an: ^^^ — *, han san
W e i j i , d.h. es (China) umfaßt drei (Religionen), und doch sind diese
nur eine. Es fragt sich, ob man diese eine Religion, in der die
drei genannten enthalten sein sollen, genau bestimmen kann.
Man könnte annehmen, jener Satz wolle einfach aus-
drücken, daß die drei Religionen sich in einer einzigen ver-
schmolzen hätten. Allein, wenn das der Fall wäre, dann würden
sie aufgehört haben, als drei zu existieren, während tatsächlich
noch jede für sich getrennt besteht.
Man könnte ferner den Satz so auslegen, daß jeder Chinese
sich gleichzeitig zu allen drei ReHgionen bekennt. Zweifellos
dürfte an einer derartigen Religionsvielheit, der das Chinesen-
tum ergeben ist, etwas Wahres, sogar viel Wahres sein. Dennoch
bliebe die Frage unaufgeklärt, warum drei verschiedene Re-
ligionen sich in den Köpfen oder Herzen des Volkes als eine
einzige darstellen sollten.
Eine dritte Erklärung, welche die Einheit der drei Re-
ligionen nur als Ausdruck dessen auffaßt, daß China ein Land
von höchst bemerkenswerter und vorbildlicher Toleranz sei,
beruht auf Irrtum. Diese vermeintliche Toleranz ist und war
vielmehr stets eine Legende, wie ich an der Hand von geschicht-
lichen Quellentexten, kaiserlichen Gesetzen und Erlässen in
De Groot, Universismus. 1
einem besonderen Werke über Sektenwesen und religiöse Ver-
folgung in China ^ nachzuweisen versucht habe.
Offenbar ist das Problem nicht durch bloße Mutmaßungen,
sondern allein durch genaue Untersuchungen zu lösen. In Wirk-
lichkeit sind die erwähnten drei Religionen Aste eines gemein-
samen Stammes, der seit uralten Zeiten bestanden hat; dieser
Stamm ist die Religion des Universums, des Weltalls, seiner
Teile und seiner Erscheinungen. Universismus, wie ich sie von
jetzt ab bezeichnen will, ist die eine Religion Chinas; die drei
oben genannten Religionen aber bilden nur ihre integrierenden
Bestandteile. Deshalb fühlt sich auch der Chinese gleichmäßig
heimisch in ihnen, ohne durch widerstrebende und einander
unverträgliche Dogmen beschwert zu sein.
Es war im Zeitalter der H a n - Dynastie, zwei Jahrhun-
derte vor und zwei nach Christi Geburt, als sich der ur-
sprüngliche Stamm in die beiden Aste des Taoismus und Kon-
fuzianismus gabelte, während ihm gleichzeitig als dritter Ast
der Buddhismus aufgepfropft wurde. Tatsächlich hat damals
der Buddhismus seinen Weg nach China gefunden, und zwar
in der universistischen Form, genannt Mahajäna, die sein
Fortbestehen auf dem ursprünglichen Stamme ermöglichte. Auf
diese Weise stellen sich die drei Religionen tatsächlich als die
drei Aste eines gemeinsamen Stammes dar, als einheitliche Re-
ligion. Ein merkwürdiges Zusammentreffen ist es, daß der
wichtigste Zeitraum in der Entwicklungsgeschichte der chine-
sischen Religion, der Zeitraum ihrer Dreiteilung, mit der Ent-
stehung des Christentums zusammenfällt.
Der Buddhismus als aufgepfropfter Bestandteil des chi-
nesischen Religionssystems kann vorläufig außer Betracht bleiben,
während unsre Aufmerksamkeit in erster Linie dem Taoismus
^ Sectarianism and Religious Persecution in China, veröffentlicht durch
Äie Königliche Akademie der Wissenschaften zu Amsterdam, 1903—1904.
und KonfuzianismuS; als den natürlichen Abzweigungen des alten
Universismus, gewidmet sein soll.
Dieser Universismus war selbst Taoismus; die beiden Aus-
drücke sind synonym. In der H a n - Zeit wuchs ein neuer Zweig
hinzu, ohne jedoch neue religiöse Lehren hervorzubringen. Das
war der Konfuzianismus, die Staatsreligion, bestimmt, von nun
ab der wichtigste Bestandteil des chinesischen Religionssystems
zu werden. Vom Grrundsatz der Unduldsamkeit beherrscht, hat
er die Lebensfähigkeit des Buddhismus untergraben und dem
Taoismus die Möglichkeit abgeschnitten, sich überwiegende
Geltung zu verschaffen.
Das chinesische Reich wurde als einheitliches Ganze im
3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung geschaffen. Damals
vernichtete ^ier gewaltige Kaiser Si Huang, dessen Reich
von ^ Ts'in seit dem 9. Jahrhundert vor Chr. den Nord-
westen des heutigen China beherrschte, das bunte Staaten-
gemisch, das sich bis dahin um den Sitz der höheren asiatischen
Kultur, um die Wiege eines Konfuzius und Menzius gruppiert
hatte, das Stammland uralter Weisen und Herrscher, von
denen zu singen die chinesische Sagenwelt nie müde geworden
ist. Aber die T s *^ i n - Dynastie hielt sich nicht lange genug, um
das enorme Reich, das ihrer Söhne größter geschaffen hatte, im
Inneren auszubauen und auszugestalten. Nach wenigen Jahren
der Herrschaft brach sie zusammen und machte dem ruhmvollen
Hause Han Platz, das sich seitdem bis ins 3. Jahrhundert
unsrer Ära auf dem Throne behauptet hat. Die Regierungs-
zeit dieser Dynastie bezeichnet den endgültigen Triumph des
Klassizismus oder Konfuzianismus und ebensogut der univer-
sistischen oder taoistischen Weltanschauung in China. Denn
die politische Verfassung, welche damals die mit dem Ausbau
des jungen Reiches betrauten Gelehrten und Staatsmänner aus-
arbeiteten, wurde in natürlicher und planmäßiger Weise völlig
auf den Anschauungen und Präzedentien der älteren Zeiten
1*
aufgebaut; wie sie in den schriftlichen Urkunden überliefert
wurden, soweit diese dem Schicksal der Verbrennung ent-
gangen waren, das ihnen in einem Anflug von Cäsarenwahn
S i H u a n g zugedacht hatte. Hand in Hand mit diesem gigan-
tischen Organisations werke wurden die Überreste der alten
Urkunden gesammelt, wiederhergestellt, ergänzt und erläutert.
So entstand eine klassische Literatur und eine archaische Staats-
verfassung, die, seitdem von Dynastie auf Dynastie vererbt, bis
auf den heutigen Tag fortlebt. Die religiösen Elemente der
klassischen Schriften wurden hierbei mit in jene Staatsverfassung
hineinverwoben, da alles und jedes, was die Schriften enthalten,
als heiliges Vermächtnis der Vorfahren galt und dementsprechend
befolgt werden mußte. Mit anderen Worten, diese rehgiösen
Elemente der klassischen Schriften wurden die StaatsreHgion.
Diese Religion ist demnach jetzt volle zweitausend Jahre alt.
Ihre Wurzel, der Universismus, reicht selbstverständlich viel
tiefer in die Vergangenheit hinab als die Schriften, mittels derer
die universistischen Gedanken der Nachwelt überliefert sind.
Der Ursprung des Universismus verliert sich völlig
im Dunkel der Menschheitsgeschichte.
Die religiösen Elemente und Grundsätze, die in den klassi-
schen Schriften enthalten sind und bis auf den heutigen Tag
die Elemente und Grundsätze für den Konfuzianismus darstellen,
bildeten also zugleich auch die uralten Grundanschauungen des
Universismus oder Taoismus, so daß demgemäß die klassischen
Schriften die Bibel sowohl des Konfuzianismus als auch des
Taoismus sind.
Unsre Aufgabe ist es nun, diese Grundanschauungen zu
betrachten und an ihnen das Wesen der ostasiatischen Religion
alter und neuer Zeit zu erkennen.
Erstes Kapitel.
Das Tao, die Ordnung des Weltalls.
Universismus ist Taoismus. In der Tat bildet seinen An-
gelpunkt das ^ Tao, was Bahn oder We^ bedeutet, nämlich
die Bahn oder den Weg, worin sich das All bewegt; Tao
heißt in diesem Sinne die ganze planmäßige Anlage und Da-
seinsäußerung des Universums, sein Leben und Wirken, die
Gesamtheit aller seiner regelmäßig wiederkehrenden Erschei-
nungen, kurz die Natur, den Gang des Alls, die natürliche
Weltordnung. Im engeren Sinne bedeutet Tao hauptsächlich
den regelmäßig wiederkehrenden Umlauf der Jahreszeiten in
seinem ewigen Wechsel von Werden und Vergehen, Wachstum
und Absterben; es deckt sich demnach mit dem Begriff der
schöpferischen und zerstörenden Zeit.
Seit unvordenklichen Zeiten sinnt der Mensch nach über die
Tatsache seiner gänzlichen Abhängigkeit von den gewaltigen
Einflüssen der Natur. Schließlich ist er zu der Überzeugung
gekommen, daß, um glücklich zu sein, es darauf ankomme,
so vollkommen wie möglich im Einklänge mit dem unendlichen
All zu leben. Weicht daher menschliche Handlungsweise von
jenem allmächtigen Tao ab, so ist ein Konflikt die unaus-
bleibliche Folge, in dem der Mensch als unendlich schwächerer
Teil mit zwingender Notwendigkeit unterliegen muß. Diese Er-
wägungen haben den Menschen dazugeführt, auf dem Wege philo-
sophischen Nachdenkens die Wesenseigenschaften des Tao zu
erforschen und gleichzeitig die Mittel ausfindig zu machen, durch
die man jene Eigenschaften selbst erlangen und seine Hand-
lungsweise danach einstellen kann. Mit anderen Worten, der
Mensch erblickte im All ein belebtes Wesen, das mit unwider-
stehlicher Kraft ihm seinen Willen aufzwingt, und versuchte
nun diesen Willen zu ergründen, um sich ihm in schlichter
Demut zwecks Vermeidung unheilvoller Konflikte anpassen und
unterwerfen zu können.
Dieses philosophische System ist offensichtlich darauf an-
gelegt, die ganze Sphäre menschlichen Daseins und Tuns zu
umfassen. Tatsächlich zeigt es sich uns als ein System von
Regeln, Bräuchen und Sitten, die auf Beobachtung, Deutung
und Nachahmung der Natur beruhen und in einer Unzahl von
Vorschriften das ganze Verhalten des Menschen in seinem pri-
vaten, häuslichen und öffentlichen Leben normieren, wobei sie
sogar politische Einrichtungen und staatliche Gesetze in ihren
Bannkreis ziehen, und zwar alles dies zu dem einen großen
Zweck: Volk und Regierung der wohltätigen Einflüsse der
Natur teilhaftig zu machen, und umgekehrt die schädlichen
Einwirkungen der Natur von ihnen fernzuhalten.
Seit alten Zeiten bezeichnen die Chinesen selbst dieses
philosophische System als ^5^ Zön Tao oder Tao des
Menschen, im Unterschied zum Tao des Universums, dessen
getreue Nachbildung es zu sein bestimmt ist. Dieses universelle
Tao aber teilt sich wiederum zweifach, als ^ ^ T*^ien Tao
oder Tao des Himmels und als i^J ^ Ti Tao oder Tao der
Erde. Selbstverständlich gilt das Tao des Himmels als das
mächtigere von den beiden, da der Himmel es ist, der durch
Sonnenwärme und Regen die alljährlichen Schöpfungsvorgänge
in der Natur hervorruft. Demgemäß betrachten die Chinesen
den Himmel als ihre höchste Gottheit. Für einen Gott, der
über der Welt stände, einen Weltenschöpfer, einen Jehovah, AUah
ist in ihrem System kein Platz. Schöpfung ist nach chinesischer
Auffassung einfach die alljährliche Wiedererneuerung der Natur,
das spontane Werk von Himmel und Erde, das sich durch jede
Umwälzung des T a o von neuem vollzieht.
Der Name T a o ismus, mit dem wir gewöhnlich das genannte
System bezeichnen, ist also durchaus zutreffend gewählt, und
es besteht kein Grund, ihn aus unserem religionswissenschaft-
Hchen Wortschatz zu bannen. Gebrauchen doch die Chinesen
selbst die Ausdrücke ^ ^^ Tao Kiao, Tao -Lehre, und^^
P^ Tao Mön oder ^^ Tao Kia, Tao-Schule.
Betrachtung des Weltalls und seiner Gesetze führte in
China keineswegs zu richtiger Naturforschung, noch zu einer
Entthronung all der Gottheiten, von denen man die Natur bis
in ihre kleinsten Teile belebt glaubte. Die universistische Welt-
anschauung hat sich infolgedessen alle Zeiten hindurch be-
hauptet, und zwar insbesondere in der konservativen, klassischen
Form, die unter dem Namen Konfuzianismus bekannt ist. Ich
erwähnte bereits (S. 4), daß die universistischen Grundlehren in
den klassischen Büchern enthalten sind, die man als heilige Bibeln
sowohl des Konfuzianismus wie des Taoismus anzusehen hat.
Unter diesen Büchern genießt den Ruhm der höchsten Heilig-
keit das ^ Ji', und zwar deshalb, weil in ihm die eigent-
lichen Urlehren des ganzen Systems geschrieben stehen. In
seinem dritten Anhang, der die Bezeichnung ^ ^ hi Ts6,
d. h. angehängte Ausführungen, trägt, und dessen Urheberschaft
von zahlreichen chinesischen Gelehrten Konfuzius selbst zu-
geschrieben wird, findet sich das Universum beschrieben als
ein lebendiger Organismus, genannt ^ ^ t'ai Ki', d. h.
höchster Gipfel oder Allerhöchstes. Dieses Allerhöchste hat die ^
^ Hang I, zwei Ordner, hervorgebracht, unter denen ein Welt-
seelen- oder Weltodempaar zu verstehen ist, genannt ^ J a n g
und (^ Jin. Diese zwei vertreten die männliche und weibliche
Seele des Weltalls und werden dementsprechend einerseits mit
der befruchtenden Himmelskraft, Wärme und Licht identifi-
ziert, anderseits mit der vom Himmel befruchteten Erde, mit
8
Kälte und Dunkel. In dem erwähnten dritten Anhang (I)
des Ji' lesen wir: ^ ^ ^ ^ i^ ®^ ^ ^ M M^M
^k ^^ nn ^^L • und somit besteht (wirkt) in den Wandlungen des Welt-
alls das Allerhöchste, das die zwei Ordner erzeugt, welche die vier Ge-
staltungen (Jahreszeiten) hervorrufen.
Es sind die beiden Urkräfte J a n g und J i n, die zusammen
das T a o bilden, denn ausdrücklich sagt der dritte Anhang zum
Ji': — ' [^ — ' |J^ ^^ gS ^g , das Jang und das Jin des Universums,
die heißen Tao. In der Tat besteht ja der Lauf der Natur oder
der Weltordnung in einer alljährlich sich wiederholenden, all-
mählich wechselnden Verschmelzung von Wärme und Kälte,
wodurch die vier Jahreszeiten und die Vorgänge des Werdens
und Vergehens in der Natur Zustandekommen. Diese Vorgänge
heißen in der Sprache der alten und neuen chinesischen
Philosophie^ Ji^, d. h. Wechsel oder Wandlungen; j^ ^ ^ g^
>ä^ die Vorgänge der Erzeugung und Wiedererzeugung sind es, die Ji'
heißen, so lautet es wiederum im dritten Anhang (I) des Ji';
daher auch der Titel dieses heiligen Buches. In den Wandlungen
offenbart sich das Tao, weshalb bei chinesischen Schriftstellern
das Tao häufig bezeichnet wird als (^ [^ ^ Mj, die kreisenden
Wandlungen von Jin und Jang, oder als ß^ (^ ^p ^fe, der wechselnde
Kreislauf von Jin und Jang, oder als 1^ j^ ^^ ^y ; ^^® Wandlungen
von J i n und Jang. Am häufigsten umschreiben alte wie neue
Schriftsteller das Tao des Weltalls mit dem Ausdruck |^ ^
/J^ 5M ^a ? ^^^ "^on Jin und Jang.
Unter dem menschlichen Tao ist, wie schon erwähnt (S. 6), eine
bestimmte Lebensführung zu verstehen, die dem Tao von Himmel
und Erde nachgebildet und dazu bestimmt sein soll, den Menschen
glücklich zu machen. Das menschliche Tao ist ein Gebot des
Umstandes, daß des Menschen Leben und Tod völlig vom Uni-
versum abhängen. Diese Abhängigkeit wird nachdrücklich durch
jenen klassischen Glaubenssatz betont, wonach der Mensch seine
eigene Lebenskraft den beiden Weltseelen Jin und Jang entlehnt
und demnach ein Erzeugnis dieser beiden Mächte ist, und ferner
auch durch die Tatsache bewiesen, daß der menschliche Körper
aus den gleichen Elementen zusammengesetzt ist wie die Welt.
So lesen wir denn im |g fß L i K i, der umfangreichen Sammlung
von klassischen Büchern, im Buche |[§ )|| Li Jun (III): A{^
i~f -^ ^y ^L ifii ' ^^^ Mensch ist ein Erzeugnis des segensreichen
Wirkens von Himmel und Erde, der Vermählung von J i n und J a n g, der
Vereinigung eines K w e i mit einem S ö n, der feinen Einflüsse der fünf
Elemente. Sonach denkt sich die alte chinesische Philosophie die
Menschenseele als eine Zusammensetzung aus einem J^ Kwei
und einem J0 Sen, also aus zwei Seelen, deren eine dem Jin
oder der Erde, die andere dem Jang oder dem Himmel ent-
stammt.
Man braucht in dem erwähnten umfangreichen heiligen
Buch, das bis auf den heutigen Tag die chinesische Denkweise
in den Bannkreis seiner Lehren zwingt, nicht lange nach weiteren
Stellen zu suchen, welche hinsichtlich der chinesischen Vor-
stellung vom Dualismus der menschlichen Seele und ihrer nahen
Beziehung zum Weltall Aufschluß geben. So steht im Buche
^ ^ T s i I im zweiten Abschnitt geschrieben : ^ ^ 0 ^
mz&^h^.m^^m^z^^.'^^mmm
ZM^oM^äi^n.Mß^^m±.itzmk.'W
Tsai Ngo sagte: „Ich habe die Worte Kwei und S6n gehört, aber ich
verstehe nicht ihre Bedeutung." Konfuzius erwiderte: „Der Atem (K'i)
stellt die Fülle des Sen dar, und das Po' die Fülle des Kwei; die Ver-
einigung von Kwei und Sön ist das höchste Ergebnis der Lehre. Alle
lebenden Wesen müssen sterben, und das, was beim Tode zur Erde zurück-
kehren muß, heißt Kwei; Knochen und Fleisch modern in der Tiefe und
werden unmerklich Staub; der Atem (K'i) aber erhebt sich in die Höhe
und wird zu strahlendem Licht."
10
Dieser wichtige Satz und der ihm vorangehende stellen
das grundlegende Dogma der taoistischen und konfuzianischen
Seelenlehre dar. Sie lehren, daß die beiden Weltseelen, das
Jang und das Jin, eine Unzahl von Einzelseelen bilden, die
je nachdem SSnoderKwei sind. Die Sön kennzeichnen sich
durch Licht, Wärme, Zeugungskraft, Leben und weitere Eigen-
schaften des Jang; die K w e i durch Dunkel, Kälte, Unfrucht-
barkeit, Tod, die Beschaffenheit des Jin. Die Seele des Menschen
wie die eines jeden Lebewesens besteht aus einem Sön und
einem K w e i ; die Verschmelzung beider hat seine Geburt, ihre
Loslösung seinen Tod zur Folge, wobei der Sön zum Jang
oder Himmel, der K w e i zum J i n oder der Erde zurückkehrt.
Wie Himmel und Erde ist des Menschen Körper aus den fünf
Elementen zusammengesetzt. Der Mensch bildet also einen we-
sentlichen Bestandteil des Universums, einen Mikrokosmus, der
spontan aus und in dem Makrokosmus entstanden ist. Natür-
lich ist der S S n die Hauptseele des Menschen, da sie für ihn
Sitz des Verstandes und Lebens bedeutet, während der Kwei
die entgegengesetzten Eigenschaften in sich vereinigt. Im
lebenden Menschen entspricht der Atem oder K '' i seinem S ö n.
Dieses klassische System einer universistischen Seelenlehre
— ein anderes ist niemals in China entstanden — versteht also
unter Jang einen höchsten universellen Sön, der, mit Leben
und Zeugungskraft ausgestattet, sich selbst in eine Unzahl von
Einzel-sön spaltet und mit diesen die verschiedenen Lebewesen
der Welt beseelt; es versteht anderseits unter Jin einen uni-
versellen Kwei, der sich gleicherweise in Myriaden von Einzel-
kwei teilt und von denen jedes in irgendeinem Lebewesen
dessen zweite Seele bildet. Demnach ist Schöpfung ein bestän-
diges Ausströmen einzelner Jang- und Jin- Atome, und Tod
ihre Resorption. In diesem Schöpfungsprozeß liegt die höchste
und hauptsächliche Offenbarung des Tao. Er erfolgt, da das
Tao spontan wirkt, durch die Atome von selbst. Diese Teile,
11
die Sön und Kwei, sind unendlich an Zahl. Die Welt ist
von ihnen überall durchsetzt und durchdrungen, sie beleben
jedes Wesen, selbst Gegenstände, die Abendländer gewöhnlich
als tot ansehen. Ein § Ö n wird im allgemeinen als guter Geist,
als Gottheit angesehen, weil er dem segenbringenden Jang ent-
stammt; ein Kwei dagegen als böser Geist, als Dämon, Teufel,
weil er vom Jin ist. Da es keine höhere Macht über dem
Tao gibt, so kommt alles Gute in der Welt nur von den §ßn,
alles Übel nur von den Kwei.
Daß dieser Glaube schon im ältesten China vorgeherrscht
hat, davon legt das Ji' Zeugnis ab und verleiht demselben, ver-
möge seines Gewichts als heiliges Buch, bis auf den heutigen
Tag unumstößliche, dogmatische Kraft. In dem schon auf S. 7
angeführten dritten Anhang (I) sagt es an drei verschiedenen
Stellen: fljl ^ ^jtf ooo ^BZ-'iMZM llooo 1$ M
sind allgegenwärtig. Sie sind es, die das unergründliche Werk von Jang
und Jin verrichten. Das feine Odempaar (des Universums) erschafft die
Wesen; die dahinflutenden Hun (oder San) erzeugen die Wandlungen
(in der Natur), und durch diese erkennt man Tun und Wesen der Kwai
und Sön.
Wie aus andrer klassischer Stelle hervorgeht, war von
der Allgegenwart der Kwei. und SSn und ihrem Wirken in
jedem Schöpfungsvorgang ein Konfuzius nicht minder über-
zeugt wie wohl jeder andre Denker seiner Zeit. Er sprach,
dem 410 Tsung Jung(16)zrfolge: M^W ZMM^ ^
'^Mom^TZAmm^m.m^^m. n
# ^ ^n ^S ı. ^n ^ Ä 2fe ^ <''>«'"'«'> '=* *^' '«-
gnende Wirken der Kwei und §6n! Wir schauen nach ihnen, doch sehen
sie nicht, wir lauschen nach ihnen, doch hören sie nicht; sie wohnen in
allen Wesen, und diese können sich nicht von ihnen losmachen. Sie
machen, daß alles Volk unter dem Himmel fastet, sich reinigt und große
Feiertracht anlegt, und ihnen so seine Opfer darbringt; dann gleich einem
12
Ozean scheinen sie ihm zu Häupten, scheinen sie ihm zur Rechten und
Linken zu sein.
Auf Grund der angeführten Dogmen läßt sich voraussetzen^
daß das chinesische KeUgionssystem ein universistischer
Animismus ist. Das System ist überdies, da man sich das
Weltall mit zahllosen Sön und Kwei belebt vorstellt; poly-
theistisch und polydämonistisch. Gottheiten sind beispiels-
weise die Sen, die den Himmel, die Sonne, Mond und Sterne
beleben, den Wind, Kegen, Wolken, Donner und Blitz, Feuer,
Erde, Seen, Berge, Flüsse, Steine, Tiere, Pflanzen und alle
möglichen andren Gegenstände; Gottheiten sind insbesondere
auch die S ö n Verstorbener. Was nun die Welt der Dämonen
betrifft, so spielen diese nirgends auf Erden eine so große Rolle
wie in China. Überall schwärmen die Kwei einher. Nirgends
ist der Mensch vor ihnen sicher. Besonders gefährlich sind sie
des Nachts, wenn sich die Macht des Jin, dem die Dämonen
angehören, am stärksten erweist. Sie haschen nach den Seelen
Lebender, so daß diese erkranken oder sterben. Ihre Be-
rührung verursacht am Körper Beulen und Geschwüre. Geister
von schlecht bestatteten Toten treiben in den Wohnungen un-
heimlichen Spuk und beruhigen sich nicht eher, als bis die
Leichen von neuem und in geziemender Weise beerdigt sind.
Schwärme von Dämonen versetzen nicht selten ganze Ort-
schaften und Landstriche in Aufregung und machen die Be-
völkerung fassungslos. Geister scharen, zu Fuß oder Roß und
in kriegerischer Rüstung, ziehen nachts am Himmel einher,
rauben Kinder, stehlen Zöpfe harmloser Bürger, verbreiten
Seuchen und Tod, zwingen die heimgesuchte Bevölkerung,
sich mit Gonggetöse und Trommellärm, mit Bogen und Pfeil,
Schwert und Speer, mit Fackelschwingen und Anzünden von
Scheiterhaufen zu verteidigen. Die chinesische Literatur ist
überreich an Geistererzählungen, die beim Volk indes nicht als
Fabeln, sondern als wahrhafte Geschichten angesehen werden.
13
Konfuzius selbst unterschied drei verschiedene Klassen
von Dämonen: solche, die auf Bergen und in Wäldern, die in
Gewässern und in der Erde hausen. Die Berggeister können
durch ihre bloße Anwesenheit Dürre und dadurch Mißwachs,
Teuerung, Hungersnot verursachen — das bedeutet in China
unter Umständen den Tod von Hunderttausenden. Wie chro-
nische Plagen pflegen sie China von Zeit zu Zeit heimzusuchen.
Wasserdämonen sind meist die Geister Ertrunkener. Sie
locken mit List die Menschen in Gewässer und Sümpfe oder
verursachen bei Schwimmenden Muskelkrampf. Die Erdgeister
werden in ihrer Ruhe gestört, wenn die Menschen den Erd-
boden aufgraben oder schwere Gegenstände bewegen. Sie rä-.
chen sich dann, indem sie dem Embryo im Mutterleib Schaden
zufügen.
Zahlreich sind im Reiche der Gespenster die Tiere vertreten.
China hat seine Werwölfe, vor allem seine Geistertiger, die in
Menschengestalt rasen. Füchse und Füchsini].en, Wölfe, Hunde
und Schlangen schleichen sich mit Vorliebe und zu unsittlichen
Zwecken in die Kreise menschUcher Gesellschaft ein, in Gestalt
reizender Mädchen und schöner Frauen. Oft verschlingen sie die
Opfer ihrer Lust, auf jeden Fall machen sie sie krank, besessen,
verrückt. Regelmäßiges Unheil bringen über die Menschen alle
möglichen Tierarten, selbst Vögel, Fische und Insekten, besonders,
wenn sie menschHche Gestalt annehmen. Diese endlose Wand-
lungsmöglichkeit zwischen Menschen und Tieren und umgekehrt
kennzeichnet am besten den gewaltigen Einfluß, den der Uni-
versismus auf die chinesische Volksanschauung ausübt, denn
nach dieser Aufikssung sind Menschen wie Tiere in gleicher
Weise von demselben J a n g und J i n belebt, aus denen sich das
T a 0 des Weltalls zusammensetzt. Eine weitere Folge dieser An-
schauung ist auch der Glaube, daß gewisse Bäume, Sträucher,
Pflanzen und andre Gegenstände ihre Seelen ausschicken, um
den Menschen Schaden zuzufügen.
14
Das cliinesische Volk sieht also die Welt, in der es lebt
ringsum von gefährlichen, Unheil stiftenden Geistern wimmeln.
Das ist keineswegs ein bloßer Aberglaube, der etwa noch in
Ammenmärchen spukt, sondern ein Grundsatz der univer-
sistischen Weltanschauung, der in den Augen der Chinesen
ebenso unumstößlich ist wie die Tatsache, daß es in der Welt
ein J i n gibt. Die K w e i sind innerhalb dieser Weltordnung
als Spender von Unheil tätig und üben in dieser Rolle einen
wichtigen Einfluß auf des Menschen Geschick aus, ebenso wie
umgekehrt die SSn als segnende, glückbringende Geister auf-
treten. Doch Jang ist hoch erhaben über das Jin, so hoch
wie der Himmel, der dem Jang entspricht, über die Erde,
welche zum J i n gehört. Der Himmel gilt deshalb als höchster
Sön oder Gott und ist Meister aller bösen Geister. Hieraus
hat die chinesische Theologie das Dogma entwickelt, daß ohne
Ermächtigung oder wenigstens stillschweigende Einwilligung des
Himmels kein Teufel einem Menschen Leid zufügen darf. Dieses
Dogma ist durchaus klassisch, da es sich bereits im ^ Su,
(im Buche ^g^ T'ang Kao des 18. Jahrhunderts v. Chr.)
und im Ji' (im ersten Teil des ersten Anhangs, der die Be-
zeichnung ^ T'uan trägt) ausgesprochen findet. Dort steht
beziehungsweise geschrieben: ^ ^ JÜS ^ j|S *^, des Himmels
Tao bringt Glück über den Guten und Unheil über den Schlechten, und
Ä W W ^tt ffii ifiS ^K' ^^® Kwei quälen den von seinem Ich er-
füllten, aber die Sön beglücken den Selbstlosen.
Der Glaube an die Existenz böser Geister bildet den
Hauptbeweggrund zur Anbetung und Verehrung des Himmels,
der dadurch veranlaßt werden soll, die rächenden Kwei in
Schranken zu halten. Die Jang entsprossenen Sön sind die
natürlichen Feinde der Kwei, die dem Jin angehören, denn
zwischen Jang und Jin herrscht ewiger Kampf, der sich in
dem beständigen Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und
Winter, Hitze und Kälte offenbart. Zweck der Religion in China
15
ist, göttlichen Schutz gegen die bösen Geister zu erlangen, z. B.
dadurch, daß während der Opfer die Götter selbst zu den
Menschen herabsteigen und durch ihre furchtgebietende Ge-
genwart die bösen Geister verjagen. Der chinesische Götter-
kult ist ein Flehen um Glück; Glück aber ist die Abwesenheit
des Unglücks, das die Dämonen verhängen; sonach bedeutet
dieser Kult die Bekämpfung der Dämonen mit Hilfe der Götter.
Der Glaube an eine Welt böser Geister, die mächtig in
das menschliche Schicksal eingreifen, ist mehr als nur eine
Grundlage der chinesischen Religion; er ist auch eine der
Hauptstützen der öjffentlichen Moral.
Das T a 0 oder die Weltordnung, d. h. der jährHche Kreis-
lauf von J a n g und J i n, zeichnet sich durch vollkommene Un-
parteilichkeit oder Gerechtigkeit gegenüber allen Menschen aus.
Durch die Sön verteilt der Himmel Segen unter die Guten,
und durch die Kwei Strafe unter die Schlechten. Deshalb
gibt es in dieser Welt nur für den Guten Glück.
Schon das ^^ Tso Tä'uan, dieses berühmte klassi-
sche Buch, das einem Konfuziusschüler zugeschrieben wird und
deshalb dogmatische Autorität genießt, enthält klare Belege für
den Glauben, daß die bösen Geister mit Ermächtigung des
Himmels berufen sind, Strafen über die Menschen zu verhängen.
Es besagt auch, daß die Geister, je nach der Führung der
Herrscher, ganze Reiche und Völker segnen oder züchtigen,
sie gedeihen lassen, wenn der Herrscher Tugend übt, und ihren
Untergang herbeiführen, wenn er böse und schlecht ist. Ge-
schichten von Segen oder Fluch bringendem Eingreifen der
Geister bringt die chinesische Literatur alter und neuer Zeit
in großer Anzahl. Sittenlehrer haben von solchen Geschichten
ganze Bände gesammelt, um mit ihnen die Volksgesittung zu
heben und zu fördern.
Zahlreich sind anderseits die Berichte von Geistern, die
Lohn spenden aus Erkenntlichkeit für geleistete gute Dienste.
16
Kaiserliche Truppen erringen Siege mit Hilfe von Geister-
scharen; die in der Schlacht mitkämpfen. Auffallend häufig
begegnet man in der Literatur Fällen, in denen Seelen der
Toten diejenigen belohnen, die sich ihrer mangelhaft oder gar
nicht bestatteten leiblichen Überreste angenommen haben; und
hiermit kommt die hohe Bedeutung zum Ausdruck, die der Toten-
pflege nicht nur als Zweig menschlicher Wohltätigkeit, sondern
auch als Gegenstand staatlicher Gesetzgebung beigemessen wird.
Grabschänder haben stets die Rache der Seelen erfahren müssen,
deren Ruhe sie gestört hatten. Durch hunderte von Erzählungen,
die teilweise noch aus der guten alten Zeit stammen, aufrecht
erhalten, beherrscht der Glaube an das rächende Auftreten der
Geister bis auf den heutigen Tag alle Schichten des chinesischen
Volkes.
Die Vorstellung, daß jederzeit unsichtbare Wesen in das
Leben des Menschen eingreifen können, übt entschieden einen
günstigen Einfluß auf die öfi'entliche Moral in China aus. Man
sieht sich gezwungen, Respekt für das Leben der Mitmenschen
zu zeigen und Schwache und Kranke mit zarter Rücksicht zu
behandeln. Dieser Sinn für Barmherzigkeit und menschliche
Anteilnahme erstreckt sich sogar auf Tiere, denn auch diese
besitzen Seelen, die Lohn oder Rache verhängen können. Aus
der gleichen Ursache schreckt der Mandarin in China auch vor
zu krasser Anwendung ungerechter Justiz zurück, weil die un-
gerecht behandelte Partei sich nicht selten dadurch in einen
rächenden Geist verwandelt, daß sie einfach Selbstmord begeht.
In hundertfacherweise bestätigt sich die Rache der Geister.
So ist es möglich, daß der feindliche Dämon in den Körper seines
Opfers steigt und es dahin bringt, in einem Zustand geistiger
Verwirrung seine Schuld zu bekennen, so daß es irdischer Justiz
verfallen muß. Oder der Geist bemächtigt sich des Körpers seines
Feindes und macht ihn krank oder wahnsinnig; er läßt ihn
auch nach langen Leiden und Seelenqualen sterben oder treibt
17
ihn zum Selbstmord. Auch Armut kann durch eine Schuld des
Betroffenen und einen Racheakt der Geister verursacht sein;
und als grausamste Züchtigung gilt es, wenn einer seine männ-
lichen Nachkommen verliert, da ihm dann niemand bleibt, der
ihn im Alter schützen und nach dem Tode durch Bestattung
und Grabopfer vor Elend und Hunger bewahren kann.
Da der höchste Ehrgeiz jedes Chinesen seine Zulassung zu
der bevorzugten Klasse der Mandarinen ist, so findet man in
der Liste der Belohnungen, die dankbare Geister zu verleihen
vermögen, ganz vorn an der Spitze, Erfolg in den berühmten
Staatsprüfungen, die Zutritt zu den Amtsstellen verschaffen. In
Erzählungen aus alter und neuer Zeit finden sich zahlreiche
Fälle, wo Kandidaten durch die Hilfe von Geistern ihre Prüfung
bestanden. Andererseits schreibt man die Schuld am Examens-
pech häufig der Einmischung rachsüchtiger oder grollender
Geister zu. Stets kommt es bei den Prüfungen vor, daß unter der
Masse von Kandidaten dem einen oder anderen, wenn er in seiner
Prüfungszelle eingeschlossen sitzt, infolge nervöser Aufregung
unwohl wird und er wohl gar stirbt oder Selbstmord begeht;
derartige Zwischenfälle sehen die Chinesen regelmäßig als die
Tat rächender Geister an.
Menschlichkeit und Mitgefühl, die sonach auf selbstischer
Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Belohnung beruhen, mögen
zwar in unseren Augen nur geringen sittlichen Wert haben,
aber dennoch muß ihr bloßes Dasein in einem Land, dessen Kul-
tur die Menschen noch wenig gelehrt hat, das Gute um seiner
selbst willen zu tun, als Segen begrüßt werden. Eine Moralität,
die auf Dämonismus aufgebaut ist, also auf einer Grundlage,
die wir als nichtig und hohl verachten, als unwahres und aber-
gläubiges Erzeugnis tiefster Unwissenheit verwerfen, beansprucht
zweifellos die Aufmerksamkeit jedes Forschers menschlicher Kul-
tur. Sie ist jedenfalls mehr als eine bloße sinologische Kuriosität.
Mit Rücksicht auf ihr mehr als zweitausendjähriges Bestehen
De Groot, Uniyersismus. ^
18
und auf den gewichtigen Rückhalt, den sie in dem universistischen
System besitzt, bildet sie ein bedeutsames Phänomen in der
Kulturgeschichte der Menschheit. Wie dem auch sei, Tatsache
bleibt, daß Chinas Dämonenglaube trotz der Hinfälligkeit seiner
Grundlage bis auf den heutigen Tag in Ostasien zur Bändigung
schlechter menschlicher Triebe ganz Unschätzbares geleistet hat.
Schon im klassischen Zeitalter haben sich Chinas Denker
der Spekulation über das Tao des Universums hingegeben,
jedoch immer im Rahmen des Vorstellungskreises, den wir be-
reits skizziert haben. Die Lehre des Ji"*, wonach das Tao
oder das Jang und Jin sich aus dem t ai Ki' (s. S.7), dem
„Allerhöchsten" (etwa unserm Chaos entsprechend ?), entwickelt
hat, ist von den chinesischen Weisen aller Zeitalter als unum-
stößliches, heiliges Dogma übernommen worden; und da nun
das Jang und das J i n mit dem Himmel und der Erde gleich-
gestellt werden, so überrascht es nicht, daß bedeutende Phi-
losophen den Standpunkt vertreten, daß das organisierte Weltall
spontan durch das Tao geschaffen wurde und das Tao von
aller Ewigkeit im Chaos existierte. Einige Stellen im ^ ^ ^
Tao Te' King des Philosophen y^'^ Lao Tsö, die sich
mit diesem Problem befassen, lauten folgendermaßen:
^ *& :e M. ^ ==g. ^ i^ :e # (§ !)• I- Tao (dem
„Weg" des Weltalls) sollt ihr wandeln — es ist nicht ein gewöhnlicher
Weg; seinen Ruhm sollt ihr rühmen — der ist kein gewöhnlicher Ruhm.
Als das Tao noch keinen Ruhm (unter den Menschen) hatte, war es sthon
des Himmels und der Erde Anfang, und seit es diesen Ruhm hat, ist es
die Mutter (Genitrix) gewesen von allem, was besteht.
Weiter: # ^ ^ Ü :S ^, ^ # J^ :5t (§ 4). Ich
weiß nicht, wessen Kind es (das Tao) ist, denn es war schon, ehe der
kaiserliche, mit Sternbildern geschmückte (Himmel) war.
19
^ Ä:^^^ ^0^ (§25). Es war einmal etwas aus dem Chaos
Gebildetes da vor dem Entstehen von Himmel und Erde. Still war es und
gestaltlos; selbständig war es und zeigte keine Veränderung; es kreiste
rund umher von nichts gefährdet. Ihr sollt es als die Mutter von Allem
betrachten, das es unter dem Himmel gibt. Seinen Namen kenne ich nicht ;_
geschrieben heißt es ^g T a o.
In den Schriften des Philosophen ^-^Tsuang Tsö
lesen wir den Satz: ^ %/ ?^ ^^ Ä^ ^ ffi| ig^ — ;^ ^jf
^^.RBummz^o'^wjffn^!^ (Kap. 12).
Im allerersten Anfang war nichts; im Nichts war das noch ruhmlose (Tao),
aus dem das All entstand. Das All war dann da, aber hatte noch keine
Gestalt. Das, wodurch die Wesen die Möglichkeit ilires Entstehens und
Bestehens erlangten, nenne ich die Kraft (Te* des Tao); im Gestaltlosen
entstand durch sie eine Trennung (in Jang und Jin), und weil diese ohne
Unterbrechung fortdauerte, war, was ich Leben nenne, da. Sie (Jang und
Jin) verharrten in Bewegung und erzeugten dadurch (immerfort) die Wesen.
In den Schriften von ^-^KuanTse (Buch 14, bezw.
Kap. 40) finden wir klipp und klar ausgesprochen, daß ^ ^
^C ^^J ^^^ Tao Himmel und Erde geboren hat.
Diese drei alten Philosophen verdienen es, Propheten des
Taoismus genannt zu werden, weil neben den klassischen Büchern
es in erster Linie ihre Schriften sind, die über den Ursprung und
die Entwickelung des Universismus Aufschluß geben. Lac
TsÖ's Tao Te' King oder heiliges Buch vom Tao und dessen Tu-
genden oder Eigenschaften ist auch außerhalb Chinas wohlbekannt,
weil es oftmals, auch durch Personen, die gar nicht chinesisch
konnten, in europäische Sprachen übersetzt worden ist; diese Aus-
zeichnung verdankt das Werk dem Umstände, daß seine ge-
naue Wiedergabe in europäischer Sprache höchst schwierig, ja
faßt unmöglich ist, und sogenannte Übersetzungen sich somit auf
ihre Richtigkeit so gut wie gar nicht prüfen lassen. Nach herr-
2*
20
sehender Ansicht war L a o T s e ein Greis, als Konfuzius lebte.
Tgtiang Ts6 oder ^^ Tsuang T so u lebte in der zweiten
Hälfte des 4. Jahrhunderts vor Christi Geburt. Seine Schriften
sind, ebenso wie das Tao Te'King, von Legge^ dem meisterr
haften Übersetzer der konfuzianischen Bücher, ins Englische
übertragen worden. Das Werk des Kuan Tse ist umfangreicher
als die Schriften Lao Ts6's und Tsuang TsS's zusammen-
genommen. Es enthält in der Hauptsache die Darstellung einer
ethischen und politischen Philosophie auf universistischer Grund-
lage. Der Verfasser ^'f^}' Kuan T§ung oder ^ i£ ^1
t=9
Kuan I-wu lebte angeblich im 7. Jahrhundert vor Christi
Geburt, so daß sein Werk, falls es damals wirklich entstanden
sein sollte, Zeugnis dafür ablegen würde, daß der Taoismus
bereits in der frühesten Periode zuverlässiger ostasiatischer
Geschichte existiert hat. Indes enthält es oiSfenkundig um-
fangreiche Beiträge von fremder Hand; doch selbst, wenn es
später geschrieben sein sollte, etwa zur Han-Zeit, so bleibt es
eine wertvolle Quelle für unsere Kenntnisse vom alten Taoismus
und höchst wertvoll auch als Kommentar und Ergänzung zu den
Schriften des Lao und Tsuang. .
Die Schriften der drei Philosophen haben einen entschei-
denden Einfluß auf die Entwickelung des Taoismus zu einer
selbständigen Religion ausgeübt. Maßgebend sind sie vor allem
für die Lehre geworden, daß der Mensch sich und sein Be-
nehmen dem Tao des Weltalls und dessen Eigenschaften an-
passen soll. Da die Richtlinien, die sie in dieser Beziehung
angeben, aus heiliger alter Zeit stammen, so sind sie immer hoch
verehrt worden und werden als Grundlagen für das ethisch -
religiöse System angesehen, das den Namen „menschliches
Tao" (s. S. 6) führt. Jedoch sind die Werke nie als lieiHge
Bücher des Konfuzianismus anerkannt worden. Der Grund für
diese Ausschließung ist noch unbekannt; einstweilen müssen wir
uns mit der Annahme begnügen, daß sie erfolgte, weil die ge-
21
nannten Werke nicht von Konfuzius oder seinen Schülern
stammen. Diese Frage verdient nähere Untersuchung, da diese
Ausschließung kennzeichnend ist für die Spaltung des ursprüng-
lichen universistischen Glaubens in einen taoistischen und einen
konfuzianischen Zweig (vgl. S. 3 f.). Vom Augenblick dieser
Spaltung in der H an- Zeit an, haben die Schriften von Lao,
Tsuang und Kuan zusammen mit einigen anderen von ge-
ringerer Bedeutung eine Rolle für sich gespielt als Bibeln des
Taoismus, jedoch brüderlich Seite an Seite mit den Bibeln des
Konfuzianismus.
Zweites Kapitel.
Das T a 0 des Menschen.
Wie in dem vorigen Kapitel gezeigt wurde^ ist die Grund-
lage der chinesischen Philosophie und Religion das treibende,
lebende, schöpferische Universum, der Gang der Natur, die
Weltordnung, genannt Tao oder „Weg". Es wurde ferner
darauf hingewiesen, daß dieses Tao sich kundtut in der Um-
wälzung der Zeit, insbesondere in jedem Umlauf der Jahres-
zeiten, wie er durch die Wechselwirkungen des Jang und des
Jin oder der hellen und dunklen, bezw. warmen und kalten
Weltseele hervorgerufen wird. Weiter wurde das große univer-
sistische Dogma betont, daß der Mensch das Produkt dieses
Weltseelenpaares ist und gleichfalls eine Doppelseele besitzt,
nämlich als Bestandteil des Jang einen S ö n und als Bestand-
teil des Jin einen Kwei. Der Mensch ist sonach ein Stück
des universellen Tao; sein Werden und Vergehen, sein ganzes
Dasein richtet sich nach dieser Weltordnung.
Diese Fundamentalsätze bilden bis auf den heutigen Tag
den Ausgangspunkt für die konfuzianische und taoistische Lehre
von der rechten Lebensführung des Menschen. Diese soll
sich in Übereinstimmung mit dem Tao des Universums be-
finden; daher ihr Name „menschliches Tao" (S. 6). Das
Ji (hi TsS, I) enthält einen Satz, aus dem die ganze
Bedeutung einer derartigen Übereinstimmung hervorgeht:
23
das Jin des Alls und das Jang- des Alls, die heißen das Tao; was aus
demselben hervorgeht, ist das Gute (^ San); was es schafft, ist die
menschliche Natur (>b{: Sing).
Das Tao ist somit die Quelle des Guten, alles Segens, das
summum bonum. Das Tao kann nur gut sein, darin stimmen
alle Philosophen überein, weil unter seinem Einfluß das wohl-
tätige Zusammenwirken von Himmel und Erde erfolgt, das alle
Wesen entstehen läßt und unparteiisch mit gleichem Wohlwollen
erhält; diese Schöpfergüte ^ San bildet die höchste Eigen-
Schaft (^ Te') des Universums. ^^Zi^WiB^^
die höchste Eigenschaft von Himmel und Erde ist Schöpfung, sagt das
Ji' (hi TsS, II). Auch lesen wir in diesem heiligen Buch:
5^ iHli ^ rfil -ß§ '^B?l rLt ^4* ? Himmel und Erde werden erregt (durch
das Tao), und dann entstehen durch Umbildung die zehntausend Wesen
(T'uaD,ii). ^mmnf^.mAmwmi^ni^'
Himmel und Erde nähren die zehntausend Wesen; der Heilige nährt seine
Vortrefflichkeit und läßt sie den zehntausend Wesen zukommen (T U a n, I )
Da des Menschen Seele ein Teil von Jang und Jin ist,
die das Tao bilden, so folgt, daß ihre Beschaffenheit, d. h. des
Menschen Charakter oder Natur, sein ^^ Sing, von Natur gut
ist. Das Ji' sagt:
"(^ >g, jg i^ ^^ das Tao des Himmels schafft
^U f^, >52i
die Wandlungen der Natur, welche für jedermann Charakter und Leben
zurechtmachen (T'uan, I). 5^ ^ 13! OL ffil ^ ff ^ Ä 4*
^0^'^^^oM.B^Zf^' Hi»-"«! und Erde haben ihre
Lage, und inmitten von ihnen vollziehen sich die Wandlungen. Sie schaffen
die Natur der Wesen und erhalten sie fort und fort. Das ist die Lehre
zum Verständnis des Tao (hi T S Ö, I).
Das Ji' entwickelt diese Lehre weiter, indem es dar-
legt, daß die menschliche Natur vier Grundeigenschaften
umfaßt, die aus den vier höchsten Eigenschaften des Himmels
hervorfließen. Wenn wir die erste Seite des genannten heiligen
Buches aufschlagen, so finden wir die Worte: ^ 7C "^ ^Ij^?
24
der Himmel ist schöpferisch, alldurchdringend, freigebig und unerschütter-
lich. Und im vierten Anhang zum J i \ der den Titel ^ "^
Wön Jon trägt, steht geschrieben: TC^^^Sifc^^
m^moß,^mz^^Anf-]^m^B
Schöpfungskraft ist die Hnupteigenschaft der natürlichen Güte; der Edle
verkörpert Menschenliebe fT~t Zön) und kann dadurch zum Höchsten
unter den Menschen werden. Alldurchdringend ist die Gesamtheit des Vor-
trefflichen; der Edle vereint soviel Vortrefflichkeit, daß sie den Lebens-
regeln und der guten Lebensform (|[jp L i) entspricht. Freigebigkeit ist
die harmonische Vereinigung der Lebenspflichten; der Edle wirkt so wohl-
tätig auf die Wesen, daß er die Lebenspflichten (^^ I) harmonisch vereint.
Unerschütterlichkeit ist die feste Grundlage alles Tuns; der Edle ist un-
erschütterlich fest, deshalb kann er Werke vollbringen. Der Edle verfährt
nach diesen vier Eigenschaften; deshalb spricht (das heilige Buch) von
schöpferisch, alldurchdringend, freigebig und unerschütterlich.
Diese vier Haupteigenschaften, die der menschlichen Natur
innewohnen und den Haupteigenschaften des Himmels entlehnt
sind, werden in dem chinesischen Ausdruck 'i^ Sang, die
unvergänglichen (Eigenschaften), zusammengefaßt; sie gelten als so
ewig und unveränderlich wie der Himmel selbst. Die vierte
wird allgemein mit ^ Tsi, Wissen, gleichgesetzt, weil nur
das Wissen, die Mutter der Weisheit, zu festen Taten führt.
Zusammen stellen die vier „unvergänglichen Eigenschaften" das
„Tao des Menschen" dar. Sie bildeten immerund bilden noch
heute die Quintessenz der konfuzianischen Sittenlehre, Hand in
Hand damit das Dogma, daß der Mensch von Natur gut (äan)
ist. Allerdings gab es in der klassischen Zeit Philosophen, die
dieses „von Natur Gutsein" der Menschen in Abrede stellten
und die Meinung vertraten, daß der menschliche natürliche
Charakter ein Gremisch von gut und böse sei, wobei je
nach der Erziehung das eine oder andre überwiege. Ja, ein
25
Weiser des 3. vorchristlichen Jahrhunderts, ^ St Silin
Iluang, behauptet sogar die völlige Verderbtheit der dem
Menschen angeborenen Natur. Aber alle diese Meinungen
wurden in China endgültig verurteilt und in die Region der
Irrlehre verbannt; zuerst durch den großen ;^-^MöngTs6;
den Altmeister der konfuzianischen Schule, dessen Schriften
unter die klassischen Bücher eingereiht wurden, sodann auch
durch Konfuzius' Enkel ^l ^ K'ung Ki' oder ^fL "^ Ä
K'ung TsÖ-sö, den berühmten Verfasser des Tsung Jung,
(S. 11); das ebenfalls zum Range eines klassischen Buches er-
iioben ist und mit folgenden bedeutungsvollen Worten anhebt:
der Himmel bestimmt, das ist des Menschen Natur (Sing); der menschlichen
Natur folgen, das ist das Tao (des Menschen); Pflege dieses Tao, das heißt
Unterweisung. So wurde die Lehre von der menschlichen An-
passung an das Universum von einem der größten Meister der
konfuzianischen Schule zur Grundlage des konfuzianischen Er-
ziehungssystems erhoben.
Wie die chinesische Philosophie übereinstimmend lehrt,
ist die wichtigste der vier natürlichen Haupttugenden Beobachtung
der iü^ L i; d. h. der Lebensregelu; der Gesetze für das Benehmen,
wie sie die klassischen Schriften aus der heihgen Zeit der Vor-
ahnen überliefert haben. Die Li regeln das Verhalten des
Menschen zum Einzelnen, zur Familie, Gesellschaft und Staat,
zu den Ahnen und Göttern, kurz das ganze menschliche Tao;
sie enthalten mithin zahlreiche religiöse Bräuche und Riten.
Wie Konfuzius und seine ersten Schüler mit Nachdruck erklärten,
sind die Li das Mittel, vermöge dessen der Mensch sich dem
Tao des Himmels überhaupt nur angleichen kann, was zu
seinem Leben unbedingt notwendig ist; überdies stammen die
Li, gemäß einem Ausspruch des großen Weisen, unmittelbar
vom Himmel und Weltall, d. h. sie beruhen völlig auf der
Natur. Demgemäß kann kein Staat, keine Dynastie, ja keine
26
Familie ohne Li existieren. Dieses Dogma erhebt die konfu-
zianische Lehre ganz von selbst zu einer Staatslehre und Staats -
religion, die auf dem T a o beruht, und deren Aufrechterhaltung
Sache der jeweils regierenden Dynastie ist. Selbstverständlich
ist diese Auffassung durch und durch klassisch; wir finden sie
in einem der Bücher des Li Ki, dem Li Jun (s. S. 9), in
folgender Weise zum Ausdruck gebracht:
^^^ffii lEiÖi (Kap. I). Konfuzius sprach: „Fürwahr, die Li sind
es, durch die die alten Herrscher das Tao dos Himmels in Empfang nehmen
konnten, um über die Leidenschaften der Menschen zu regieren. Darum,
wer die Li verliert, der muß sterben, wer sie aber erworben hat, der wird
leben. Denn im' Buch der Lieder ( «sp^R^ Öi King) steht: „Siehe die
IRatte, sie hat ihre Gliedmaßen; es gibt aber Menschen ohne Li; Menschen
ohne Li, müssen sie nicht alsbald sterben (wie eine Ratte ohne Glied-
maßen)?" Das kommt daher, weil die Li im Himmel wurzeln, sich über die
Erde verbreiten, sich auf böse und gute Geister verteilen und sich erstrecken
auf Totentrauer und Opfer, auf Bogenschießen und Wagenlenken, auf Mann-
barkeitsfest und Eheschließung, auf Audienzen und Empfang von Gesandt-
schaften. Darum nimmt der Heilige (der Herrscher) die L i und tut sie der
Welt kund; dann vermag sein Haus, das über alles unter dem Himmel
regiert, die Welt in Ordnung zu halten." *
^ i^ ^ ^ (Kap. IV). Das ist 80, weil die L i im großen AU
wurzeln, das sich in Himmel und Erde teilt, die drehend Jin und Jang
bilden, welche die Wandlungen (der Natur) hervorbringen und so die vier
Jahreszeiten schaffen, deren Ordnung die Kwei und Sön bildet. Was
(dieser Gang der Welt) herabsendet, ist das Schicksal ; die Verwaltung des
Schicksals aber liegt beim Himmel.
27
AW^o iikmmAM93imzr-'^]üBaL.
i^BmMM-CAßi'^^^m. (Kap. IV). De.,
halb ist die richtige Deutung der Li der Menschheit höchster Grundsatz.
Sie sind es, vermöge deren die Menschen die Fügsamkeit lehren, die Ein-
tracht pflegen, und die dadurch der Menschen Haut mit dem Fleische, ihre
Muskeln mit den Knochen fest zusammenhalten.^ Die Li sind das Haupt-
prinzip, durch das den Lebenden Erhaltung, den Toten Bestattung, den Geistern
und Göttern Verehrung zuteil wird; sie sind die große Bresche zum Ver-
ständnis des himmlischen Tao und zur Befolgung der menschlichen Natur.
Darum darf in der Regierung eines Heiligen (eines Herrschers) die Erkenntnis
der Li keine Grenzen haben, denn wann auch immer ein Reich vernichtet
wurde, ein Herrscherhaus herabsank, ein Volk zugrunde ging, stets war
schuld daran, daß man die Li preisgegeben hatte.
Das Tao des Universums, aus dem das Tao des Menschen
entspringt, beherrscht also gemäß konfuzianischer Anschauung das
gesamte menschliche Leben. Man kann sagen, das menschliche
Tao bedeutet einen pflichtgemäßen Wandel des Menschen in
Übereinstimmung mit den Lebensbedingungen, in die ihn das
Tao des Weltalls, das ihn erschuf und unter seinem allmächtigen
Einfluß leben läßt, von Natur gestellt hat. Man könnte auch
sagen, das menschliche Tao, das sich durch die vier natürlichen
Haupttugenden des Menschentums äußert, ist der „Weg", in
dem der Makrokosmos den Mikrokosmos wandeln läßt, der Weg
menschHcher Gesittung im allgemeinen. Das Wort Tao bedeutet
demgemäß rechtes Verhalten, auch die wahren Regeln für Leben
und Rehgion, die guten Grundsätze; in allen diesen Bedeutungen
wird es in den klassischen Schriften gebraucht. Bis auf den
heutigen Tag ist Tao in China die Bezeichnung fast alles dessen,
was des Menschen höheres Wesen ausmacht. Seit der Han-
1 Ohne Li herrschte gewiß unaufhörlich Zwist und blutiger Kampf-
28
Dynastie sind die konfuzianischen; klassischen Schriften die
Grundlage der chinesischen Gesittung und Politik gewesen. Diese
Tatsache kennzeichnet sie gleichzeitig als taoistische Schriften.
Tatsächlich sind sie seit jeher von der Regierung und den
geistigen Führern der Nation als einziger Wegweiser für das
menschliche T a o angesehen worden. Sie sind es, die das Volk
lehren, wie seine ältesten und darum heiligsten Vorfahren ge-
dacht und gehandelt haben, was sie für Lebensgrundsätze und
politische Anschauungen hatten, sie, die „Vollkommenen oder
Heiligen" (^ Sing), die besser als irgend jemand wußten,
was das T a o sei, weil sie schon lebten, als es zuerst unter die
Menschen kam, ja weil sie an seiner Begründung selbst teil-
genommen haben. Einfachste Logik zwingt daher zu sklavischem
Gehorsam gegenüber diesen konfuzianischen Schriften und macht
sie zu Bibeln, nach denen sich Glauben und Leben des Einzelnen
wie der Gesamtheit, der Familie wie des Staates zu richten
haben. Die Lehren, die in diesen Schriften enthalten sind,
bilden das, was wir als Konfuzianismus kennen. Der Konfn-
zianismus kann also nur die allein richtige Lehre sein, weil es
nur ein Tao, nur eine Weltordnung gibt und nur einen Satz
von heiligen Büchern, die diese Ordnung unter den Menschen
verkünden; jede andere Religion oder Sittenlehre muß im Wider-
streit mit dem Universum selbst stehen und deshalb für Staat
und Menschheit verhängnisvoll sein. Weisheit und Politik in
China versagen demnach, abgesehen vom taoistischen Konfa-
zianismus, bezw. konfuzianischen Taoismus, jedem Glauben
oder Sittensystem die Existenzberechtigung. Nur das Tao
zeigt die Wahrheit und den Weg zum rechten Leben; es ist
sogar der Schöpfer alles Guten wie überhaupt aller Dinge.
Über dem Tao, der treibenden Kraft des Weltalls, gibt es
nichts Höheres, noch neben ihm ein Gleiches. Deshalb ist
außer der Lehre des Tao kein Raum für irgendwelche andre
sittliche, religiöse oder politische Anschauungen. Sollten aber
29
andersgläubige Anschauungen und Lehren, die nicht auf den
klassischen Schriften beruhen, aufkommen, so müssen sie un-
bedingt irreführeiid, ketzerisch, schädlich, verderblich sein, und
jeder Staatsmann von wahrhaft aufrechter konfuzianischer Ge-
sinnung ist verpflichtet, für ihre gänzliche Ausrottung und
Vernichtung Sorge zu tragen. Und zwar soll er sie bereits im
Keime zerstören, bevor sie an Ausdehnung gewinnen und Ver-
wirrung unter den Li stiften, diesen allumfassenden Regeln und
Geboten wahrer menschlichen Gesittung, die allein imstande
sind, des Menschen Denken und Tun in völligem Einklang mit
der Ordnung des Weltalls zu erhalten.
Diese Grundanschauungen erklären uns vollständig die
Tatsache, daß die klassischen Bücher in China die einzigen
Schriften sind, die stets bei den Gebildeten, Gelehrten und
Staatsmännern höchstes Ansehen genossen haben. Man versteht
nun, warum diese klassischen Bücher als Basis aller Kultur
und Bildung gelten, und warum die gründlichste Kenntnis ihres
Inhaltes stets den hauptsächlichsten, ja den einzigen Gegenstand
in jenen weltberühmten Prüfungen gebildet haben, die in China
den Weg zum Beamtentum öffnen. Es ist jetzt klar, warum
dort die Worte „Gelehrter" und „Staatsmann" gleichbedeutend
mit „Konfuzianer" sind. Die Schriften außerhalb des Gedanken-
kreises der Klassiker sind entweder neutral, dann entgehen sie
der Beachtung der gelehrten und politischen Welt und gelten
als gerade gut genug für zweit- und drittklassige Geister, die
gern müßigen Beschäftigungen nachgehen; oder aber sie atmen
einen von den klassischen Schriften abweichenden Geist, dann
gelten sie als irrlehrig, ketzerisch, sittUch gefährdend, staats-
feindlich. Man nennt sie dann: ^ $^ pu'-king, unklassisch;
^ jE pu'-tsing oder ^^ pu*-tuan, unrichtig oder nicht
orthodox; ^ siö oder *^ j in, sittlich gefährdend; auch: ^^
tso Tao, linkes oder minderwertiges Tao, und ^ fe i Tuan,
vom Richtigen abweichend; also heterodox.
30
Stets war in dieser Welt der Dogmenglaube die Ursache
von Unduldsamkeit und Verfolgung. Hätte es in China anders
sein können? Sicherlich nicht. Tatsächlich findet man die
konfuzianische Lehre im Verein mit dem Staat, der ihr ja völhg
angepaßt ist, von jeher von geradezu fanatischer Feindschaft
gegen jede religiöse und sittliche Richtung erfüllt, die sich
nicht als rein klassisch darstellt, und gegen jede Lehrmeinung,
die nicht auf den konfuzianischen Schriften beruht. Kreuzzüge
gegen falsche Lehren predigt schon das Su (s. S. 14), eins
der heihgsten unter den heiligen Büchern, in den ^ ^ §^,
Ratschlägen von Jü dem Großen, eine Sammlung von politischen
Lehrsätzen vom heiligen Stifter der ^ H i a - Dynastie,
der im 23. Jahrhundert vor unsrer Zeitrechnung lebte. Dieses
wichtige Dokument, das, seit es in der H an- Zeit entdeckt
wurde, als eines der Hauptpfeiler der Staatsverfassung Chinas
gegolten hat, sagt kurz und kräftig: -^ ^ ^ ^, wirf fort, was
sie ist, und zaudere dabei niclit. Konfuzius selbst, der allerheihgste
der Heiligen Chinas, predigte die Verfolgung der Ketzerei für alle
Zeit, denn dem heihgen Buche g^ ^ Lun Jü zufolge (H, 16)
befahl er: J^ ^ ^ jJj^ ^ Äf W ifii B ' ^^®^^* ^^® Irrlehre an, denn
sie ist das Schädliche und Gefährliche! Auch Möng Tsö legt die Ver-
folgung der Ketzerei allen künftigen Geschlechtern als dringende
Pflicht ans Herz. Ausdrücklich bezeichnet er mit Ketzerei alles,
was von den Lehren des Konfuzius oder noch älterer Weisen
abweicht. Die Schriftkundigen, einschließlich der Mandarinen,
die ja mittels der Staatsprüfungen aus den Kreisen der Schrift-
kundigen ausgewählt werden, sind also natürlicherweise stets
als Verfolger der Irrlehre aufgetreten, denn sie sind es, die das
auf der konfuzianischen Lehre beruhende chinesische Staats-
wesen aufrechterhalten. Die Masse des gewöhnlichen, ungelehrten
Volkes ist von konfuzianischem Fanatismus frei. Sie liefert die
Opfer und Märtyrer für den blutgetränkten Altar eines intole-
ranten Beamtentums.
31
Aus dem Gesagten geht hervor; warum der chinesische
Staat notwendigerweise auch die christliche Religion und den
Islam, den Buddhismus und dessen zahlreiche Sekten verfolgen
mußte. Gegen die Werbetätigkeit, die Ausübung ihrer religiösen
Gebräuche, die Abhaltung ihrer Andachten seitens dieser Re-
ligionsgemeinschaften ist häufig mit Erdrosselung, Bambusprügeln
und Verbannung eingeschritten worden. Besonders streng war
die religiöse Verfolgung unter der Mantschu-Dynastie. Hunderte
von kaiserlichen Erlässen sind überliefert, die sich auf Sekten-
verfolgung beziehen. Zahlreiche Aufstände von Sekten wurden,
wie aus solchen Erlässen hervorgeht, mit Zustimmung des Throns
durch grausamste Verfolgungen hervorgerufen und dann unter
Strömen von Blut erstickt. Ausführliche Mitteilungen über diesen
Gegenstand bietet mein zweibändiges Buch „Sectarianism and
Religious Persecution in China".
Da alles Gute (San), alle Tugenden und Segnungen
(f^ Te') aus dem Tao des Weltalls hervorgehen, so bedeuten
die viel gebrauchten Ausdrücke ^ ^ te' Tao, Erwerbung von
Tao, und ^^ j iu Tao, Besitz von Tao, Erwerbung und Be-
sitz höchster Tugend, sittlicher Vollendung und höchsten Glücks,
— alles Dinge, die aus dem menschlichen Tao erfolgen, d. h.
aus einer Lebensdisziplin, welche völligen Einklang mit dem
Tao des Weltalls, insbesondere mit dem Tao des Himmels,
erstrebt. Im Tao Te'King, dem „Buch des Tao und seiner
Eigenschaften«, lesen wir: ^MiMM. *^ M ^ A (^ ^9).
das Tao hat niemanden, der ihm besonders nahe steht, sondern ist stets
mit dem guten (san) Menschen. '^ ^^ffU^M^ r^l^RB
<2 ^ jfi) J[^ ^ 1^ (§ 38); geht dem Menschen das Tao verloren,
so verliert er auch dessen Segnungen oder Tugenden (Te'), demnächst die
Menschenliebe (Zön), dann die Lebenspflichten (I) und die Lebensregeln
32
(Li, 8. S. 25); Verlust der Li hat das Schwinden der Treue und Zuver-
lässigkeit zur Folge und ist also der Anfang zur Anarchie.
Wer das Tao gänzlich gewonnen hat, ist demnach ein
vollkommener Mensch^ ein Heiliger. Nun vollzieht sich, wie
uns schon bekannt ist (S. 11), das Wirken des Tao des Weltalls
durch die Sön oder guten Geister, Gottheiten, welche Unter-
teile des Jang, der himmlischen Weltseele, sind. Es ist dann
eine logische Folgerung, daß der Mensch, der das Tao besitzt,
ebenfalls ein Sen, eine Gottheit ist. Daher heißt sein Tao
auch jjitp ^M^ SSn Tao, göttliches Tao oder Tao des Gottseins.
Uns allen ist dieses Wort aus der japanischen Religion bekannt
als Seh int o; tatsächlich besteht der Taoismus seit jeher im
Land der aufgehenden Sonne. Der Ausdruck § e n Tao stammt
aus dem heiligen Ji', und zwar aus der folgenden Stelle des
ersten Anhangs (T'uan, I): ^ ^ :^ JÜI ^ WS H ^ 1^
i^MABW Miß it ra ^ T 5ß ^; <>- «-«g« «J-
Herrscher) betrachtet das Sön Tao des Himmels und die nimmer fehlende
Regelmäßigkeit der vier Jahreszeiten, und ergründet auf diesem Sön Tao
seine Lehre, durch die alles unter dem Himmel sich ihm unterwirft. Dieser
klassische Satz hat das chinesische Regierungssystem für alle
Zeiten durch und durch beeinflußt. Er gab den Staatslenkern
die Gewißheit, daß Gehorsam und Frieden im Lande herrschen
müssen, solange das Volk getreu im Tao erzogen wird, und
sie haben deshalb durch die Pflege der klassischen Schriften
die Lehre des Tao hochgehalten mit all der Ehrfurcht, die man
den heiligen Ahnen der Vorzeit und ihren in den klassischen
Büchern enthaltenen Geboten schuldig ist.
Besitz des Tao erhebt also den Menschen zu einem Zu-
stand von Macht und Glück, der Göttlichkeit oder Heiligkeit
ist. Mit größtem Nachdruck wird diese Lehre ebenso in den
klassischen Büchern wie in den Schriften der Philosophen
Lao Tsö und Tsuang Tsö verkündet; sie ist also Gemein-
besitz des Konfuzianismus ebenso wie des Taoismus, wie im
33
nächsten Kapitel näher klargestellt werden wird. Über die
Macht und Herrlichkeit des Menschen, der seine Lebensführung
dem Tao entsprechend gestaltet, ergeht sich das Ji' in
folgenden schwungvollen Wendungen (WßnJßn): ^~h^ K
iij^ .lld . O der große Mensch ! seine Eigenschaften sind eins mit Himmel
und Erde, seine Klarheit eins mit Sonne und Mond, sein Wandel eins mit
den vier Jahreszeiten, sein Wohl und Wehe eins mit den Kwei und Sön. Er
geht dem Himmel voran (d. h. er paßt sich ihm rechtzeitig an), und darum
ist der Himmel nicht wider ihn; er folgt dem Himmel nach, während er
sich ehrerbietig nach den vier Jahreszeiten richtet, und darum ist abermals
der Himmel nicht wider ihn ; um wieviel weniger die Menschen, um wieviel
weniger die Kwei und Sön.
Konfuzius selbst hat, wie Tsuang Tse (Buch 10, bezw.
Kap. 31) berichtet, seinen Jüngern ausdrücklich erklärt, daß
nur ein Taoist bestehen, glücklich sein und Vollkommenheit er-
langen kann: KM,^'^'^ Zff^ ^ ^o ^M -^Z
^n,nz^^o%^mzm^Mzmj&o
ifeäC S^ ->^ )^ 'S ^ J^ ^- >^' ^^® ^®"^ '^^^ entstehen die zehn-
tausend Wesen. Alle Wesen, die das Tao verlieren, sterben; die es finden,
leben. Wer in seinen Taten wider das Tao handelt, geht zugrunde; wer
das Tao befolgt, hat gänzlichen Erfolg. Deshalb ist das Verharren im Tao
von den Heiligen als das Höchste geschätzt.
Unter den Mitteln, die seit alters als wirksam angesehen
werden, um des Menschen Einssein mit dem Tao und dem-
gemäß sein Gottsein zuwegezubringen, hat Nachahmung des
Tao immer an erster Stelle gestanden. Sich benehmen wie das
Weltall ist Anpassung an das Weltall, und da dieses im
höchsten Grade vortrefflich ist, so ist seine Nachahmung Tu-
gend. Diese Anschauung wird im Ji' mehrfach vertreten. Da
De Groot, Universismus. 3
34
heißt es z. B.: ^«Ä, ^^J^g 51^ J. (^ Siang, IK
"tajMiHj. HH^^ (T'uan, I). Der Lauf des
Himmels ist ein fester Lauf; der Edle läßt daher nie ab, sich selbst zu
festigen. Wenn das Haupt (des Herrschers) über die zehntausend Wesen
herausragt, dann herrscht in den zehntausend Ländern» Ruhe. Das will
sagen, der Herrscher muß, da er den Himmel vertritt, zwecks
Aufrechterhaltung von Ansehen und Würde genau so uner-
schütterlich und ehrfurchtgebietend sein wie der Himmel. Dann
wird er seine Staaten genau so in ruhigem Gleichgewicht halten,
wie der Himmel vermöge seiner Unerschütterlichkeit das Gleich-
gewicht der Erde aufrechterhält.
Die schöpferische Kraft des Weltganzen äußert sich in
den alljährlichen Schöpfungsvorgängen der Natur, die durch die
Wechselwirkungen von J a n g und J i n zuwege gebracht werden.
Dieses Kräftepaar, das Tao, verteilt den Reichtum der Schöpfung
ohne Ansehen des Einzelnen mit völliger Unparteilichkeit über
die Welt. Unparteihchkeit (^ Kung) in der Regierung ist
demnach eine selbstverständliche Pflicht der Herrscher; Partei-
lichkeit (!^ -^ ^ pu'kung Tao) gilt als Verletzung des
Weltgesetzes, stört somit das Tao und muß deshalb unweiger-
Hch im Staate Verwirrung stiften. Kuan Tsö schrieb:
MM^l^^^^i^M^^M (B"''!» 20, bezw. Kap. 64).
Der Himmel ist gerecht und unparteiisch und ohne Selbstsucht; ob schön
oder häßlich, alles überdeckt er. Auch die Erde ist gerecht und unparteiisch
und hat keine Selbstsucht; deshalb trägt sie das Kleinste ebensogut wie
das Größte.
-tÖiO^^IL^T^-tfe (Buch 13, bezw. Kap. 37).
Der Heilige gleicht dem Himmel, der uneigennützig und unparteiisch alles
überdeckt; er gleicht der Erde, die unparteiisch alles trägt. Selbstsucht
ist es, die Verwirrung bringt im Reich, das unter dem Himmel ist.
35
^]^^^ (Buch 10, bezw. Kap. 30). Ein Herscher, der das
Tao besitzt, schafft mit natürlicher Güte (San) und Weisheit Gesetze und
handhabt sie nicht mit Rücksicht auf seine eigenen Interessen; ein Herr-
scher ohne Tao aber gibt die Gesetze, die er eben geschaffen hatte, preis
und handelt mit Selbstsucht. Wenn der Höchste der Menschen seine eigenen
Gesetze preisgibt und zur Förderung seiner eigenen Interessen handelt,
dann wird seinen Ministern Förderung ihrer Selbstsucht als Gerechtig-
keit gelten.
n%^, ÄlJ ^ # * ^ (B^ch 20, bezw. Kap. 64).
Wenn des Himmels Tao befolgt wird und also Gerechtigkeit entsteht,
dann werden Fernstehende zu Verwandten. Wird aber das Tao des Himmels
preisgegeben und eine selbstsüchtige und parteiische Regierung geführt,
dann ist Feindschaft sogar zwischen Mutter und Kindern.
>\ ^ "f ^ ^ (Buch 4, bezw. Kap. 11). Darum sage ich,
damit Ströme befruchtenden Segens gleichmäßig die zehntausend Wesen
netzen : der Heilige (der Herrscher) reiht sich als Dritter dem Himmel und
der Erde an.
Es geht aus diesen Lehrsätzen hervor; daß in der For-
derung der Unparteilichkeit gegenüber den Untertanen inbe-
griffen ist, daß der Herrscher gegen sich selbst unparteiisch
{^), d. h. völlig frei von EigenHebe und Eigennutz (^) sei.
Selbstlosigkeit gilt denn auch ebenso als eine Haupteigenschaft
des Universums, worüber wir im Tao Te' King (§7) lesen:
^m.miAo^mf)i;mmmM.^mm^
Der Himmel ist ewig und die Erde ist ewig. Der Grund für des Himmels
und der Erde Ewigkeit ist, daß sie nicht für sich selbst leben ; deshalb sind
sie auch imstande, ewiglich Leben zu schaffen. Darum stellt der Heilige
sein persönliches Interesse zurück, und dennoch behauptet es den ersten
Platz; er behandelt seine Person als außerhalb seines Interesses liegend,
3*
36
und doch bleibt sie ihm wohlbehalten. Ist nicht seine Selbstlosigkeit die
Ursache, daß er sein eigenes Wohl vervollkommnet?
Der Gang des Weltalls vollzieht sich in völliger Ordnung.
Warum? Weil die Teile des Weltalls nicht zusammenstoßen.
Und warum das? Weil ihre Bewegungen gegenseitig j||§ sun,
willfährig, sind.
Willfährigkeit ist demnach gleichfalls eine wichtige Herr-
schertugend, die zur Aufrechterhaltung der Staatsordnung uner-
läßlich ist. Ihr Vorhandensein ist politisches Dogma und wird
in den konfuzianischen wie taoistischen Schriften mit besonderem
Nachdruck gefordert. Im Ji' lesen wir:
11 A ja li m. m mmmmmm (T'ua„, d.
Himmel und Erde bewegen sich mit Willfährigkeit, deshalb geschehen im
Laufe von Sonne und Mond keine Fehler, noch Abweichungen im Gange der
vier Zeiten. JVenn der Heilige (der Herrscher) sich gleichfalls mit Will-
fährigkeit regt, dann sind seine Strafgesetze lauter, und das Volk unterwirft
sich ihm.
i^Mi^M^^ ^^ \fa 0 fj (W6n J6n).
Ist nicht der Erde Tao ihre Willfährigkeit? Sie empfängt des Himmels
Kraft, und die Jahreszeiten bewegen sich in ihrer Bahn. Augenscheinlich
will es diese Lehre der Willfährigkeit, daß Herrscher in weitem
Maße dem Volkswillen und der Volksstimmung Rechnung tragen
sollen. Sie wendet sich gegen stumpfsinnige Tyrannei und dürfte
den Namen j|§ */p Sun Tai, Regierung durch Willfährigkeit; er-
klärlich machen, der bekanntlich als Bezeichnung für die Re-
gierungsperiode des ersten Mantschukaisers gewählt wurde. Im
Zusammenhange mit neueren Reformbestrebungen, die Chinas
Neugestaltung auf verfassungsrechtlicher Grundlage wünschen,
ist jedenfalls eine bemerkenswerte Tatsache, daß in China bereits
seit uralten Zeiten „Willfährigkeit" als politischer Grundsatz
der Regierung anerkannt ist.
37
In den Schriften des Kuan Tsß wird mit größter Be-
stimmtheit versichert, daß die Regierungsweise der ältesten
heiligen Kaiser sich durch peinliche Befolgung des großen Ge-
setzes der Willfährigkeit hervortat. Da heißt es (Buch 10, bezw.
Kap. 30):
^mmzmmom^m-mzm.m^ni^A
zmommmmmA^\^m'mjfnmM^
'^'Zf)\mo:k.^mmmn-mom^'^-
m ^^ yr ^* ^^^ ^^^ ersten Herrscher unter dem Himmel lebten, richtete
sich das Volk nach ihren göttlich leuchtenden Tugenden ; daß sie vortrefflich
herrschten, lag also am Volke. O, hätten sie volksfremden Rat gehört, dann
würden sie unweise regiert haben; so aber hörten sie auf volksgeistigen
Rat und darum waren sie heilig. Sie hatten die hohen Tugenden eines
T'ang und Wu (alte, berühmte Kaiser), dennoch fügten sie sich dem, was
das Volk in der Straße sprach. Deshalb zeigt sich der weise Herrscher will-
fährig gegen die Stimmung der Menschen ; er unterdrückt seine leidenschaft-
liche Natur und geht aus von dem, was sich in den Gemütern des Volkes
ansammelt. Die ersten Herrscher waren von Natur gut und deshalb mit
ihrem Volke ein Leib und eine Seele. Weil sie ein Leib und eine Seele
mit dem Volke waren, darum konnte sich ihr Haus durch sich selbst, ihr
Volk durch sich selbst erhalten, und in der Tat w^ar das Volk nicht zu
Übeltaten bereit.
Und Lao Tse sprach (Tao Te' King, §49):
mXMn^^'.B'SKi^^'l^^i^' Der Heilige (der
Herrscher) hat keine unveränderliche Gesinnung, sondern macht die Ge-
sinnung der hundert Stämme des Volkes zu seiner eigenen.
Daß jedes Herrschers Pflicht darin bestehen soll, seine
Untertanen mit einer Regierung zu beglücken, die sich ihrem
Wollen und Begehren willfährig erweist, verlangt mit besonderem
Nachdruck auch das Li Jun, das in einer willfährigen Regierung
die Voraussetzung zu dem Staatsideal erblickt, dessen Kennzeichen
38
Eintracht und Friede, Sicherheit und Glück der Bürger sind.
Eine derartige Regierung hat nach Ansicht dieser heiligen kon-
fuzianischen und taoisti sehen Schrift die Folge, daß der Mensch
bei Lebzeiten nicht hungert, beim Tode anständig bestattet
wird und als Geist oder Gottheit gebührende Verehrung genießt.
Mit großartigem Erfolge übten die ältesten Herrscher Willfährig-
keit in der Regierung, und dem war es zu danken, daß die
Bevölkerung nicht durch Hunger, übermäßigen Regenfall, Dürre
und Seuchen litt; denn des Himmels Tao war mit ihnen, und
so hatte die Erde genügend befruchtendes Wasser und verschloß
nicht ihren Reichtum. Wörtlich heißt es in diesem Buche auf
dem letzten Blatt:
^oiik^ i<^Mt^ Z-M^mn m :f B^
mn tfa z- -k, nm m, mm ^ m.mm z-
Die absolute Willfährigkeit ist es, durch die den Lebenden Ernährung, den
Toten Bestattung und den Geistern Opferdienst auf ewig gesichert wird.
Wenn Mühseligkeiten sich überall hoch auftürmen, ohne daß sie Kümmernis
schaffen; wenn sie sich mit einem Male geltend machen, ohne Verwirrung
zu stiften, oder allmählich herantreten und dennoch nichts Übles ausrichten ;
wenn sie schwer zu begreifen sind und dennoch begriffen werden, üppig
emporschießen, aber Lücken lassen; wenn sie nacheinander herantreten
und dennoch ihr Ziel verfehlen, tätig sind, jedoch nicht schaden — dann
kommt es daher, daß das höchste Maß der absoluten Willfährigkeit herrscht.
m. \ii m z^m ^ )\\.r-mm ^ ^ ^ m m ^
m^ooom^^M^moiikm:^¥^^mzpi.
^mmmw^mzmo^^r^'^^Mi.i^r^
m,mm^^m.%m >% m z $\i m w "^ n
39
^ i^ M )lR O itt iß ^ Ä "tÖi • ^^^° besteht, wenn die Weisheit
sich durch Willfährigkeit zeigt, die Möglichkeit, sich gegen Gefahren za
schützen. Deshalb zeigten die heiligen Herrscher ihre Willfährigkeit dadurch,
daß sie Bergvolk nicht in Tälern, Inselbewohner nicht auf dem Festlande
wohnen ließen und somit verhinderten, daß ihnen Übles widerfuhr. Auch
bei der Inanspruchnahme der Kräfte des Volkes übt^n sie unbedingt Will-
fährigkeit. Infolgedessen gab es keine Plagen durch Wasser, Dürre und
Insekten, unter dem Volke mithin keine unheilvollen Mängel und keine
durch böse ^Geister verursachten Krankheiten. Und deshalb versagte ihnen
der Himmel sein Tao nicht, die Erde nicht ihre Schätze, die Menschheit nicht
ihre Liebe; der Himmel sandte also seinen befruchtenden Tau hinab, die
Erde öffnete ihre süßen Quellen, die Berge brachten (Holz und Metall für)
Geräte hervor, der Huang-ho ein Pferd mit Zeichnungen (auf dem
Rücken); Phönixe und Einhörner hielten sich im Gebüsch bei den Vor-
städten auf, Schildkröten und Drachen in den Teichen der Paläste; die
Eier der Vögel und die Jungen der Vierfüßler konnte man zu seinen Füßen
liegen sehen. Das alles hatte keine andere Ursache, als daß die Herrscher
der ersten Zeiten es vermochten, die Lebensregeln (Li) derart zu pflegen,
daß dadurch die Beachtung der Menschheitspflichten (I) allseitig durch-
drang, und daß sie die Anpassung ('jg) derart in sich verkörperten, daß
auch die Willfährigkeit allseitig durchdringen konnte. Das war das Wesen
der Willfährigkeit.
Die Lehre von der Willfährigkeit; die also hohe klassische
Autorität besitzt, hat immer eine große Rolle im politischen
System Chinas gespielt. Es ist tatsächlich ein bemerkenswerter
Zug der chinesischen Regierungsweise, daß man dem Volke in
seinem privaten und sozialen Leben so große Freiheit wie nur
irgend angängig einräumt. Es liegt da eine Politik das Gehen-
lassens vor, die vielen Reibungen und deren verhängnisvollen
Wirkungen aus dem Wege geht. Dieser Politik entsprechend
werden kaiserliche und andere Verordnungen erlassen, ohne daß
man auf ihrer strikten Befolgung besteht. Di^e Erscheinung
könnte in einem so autokratischen Lande wie China befremden,
erklärt sich aber unschwer durch die große Lehre, daß Über-
einstimmung mit der Weltordnung das höchste Gute ist.
40
Willfährigkeit schließt natürlich Nachsicht, Duldsamkeit,
Milde, Selbstlosigkeit, Selbsverleugniing und ähnliche Tugenden
in sich. Besonders großes Gewicht wird auf die zwei letzt-
genannten, die in Selbsterniedrigung, Selbstpreisgabe übergehen,
im alten taoistischen Schrifttum gelegt, wo sie als Haupteigen-
schaften des Universums gelten. Man gibt sie dort mit den
Zeichen j^ (gleich ^) Tsung oder ^ Hü, Leere, wieder.
Dem Tao Te' King zufolge sprach Lao TsS:
l>XmAm^%iK.m'k)&^iK(^ 34). Da» große
Tao durchdringt alles, und die zehntausend Wesen können nur entstehen
und leben infolge seiner Unterstützung; keinen verweigert es diese, und
wenn es ein Segenswerk vollbringt, beansprucht es nicht dessen Eigentum.
Liebend ernährt es die zehntausend Wesen, und doch macht es sich nicht
zu ihrem Herrn. Ewig war es ohne selbstsüchtiges Verlangen, und doch
soll sein Name in den kleinsten Dingen gepriesen sein. Die zehntausend
Wesen nehmen ihre Zuflucht zu ihm, und doch macht es sich nicht zu
ihrem Herrn; preist es also und verherrlicht es! Darum haben sich die
Heiligen niemals selbst groß gemacht und doch gerade dadurch ihre Größe
zustande bringen können.
^m^M,^m^M,mm^^ (§ 10 ^nd § 2).
Das Tao erzeugt die Wesen und erhält sie; es läßt sie entstehen und ent-
sagt dennoch ihrem Besitz; es macht sie, und doch verzichtet es auf sie;
es ist ihnen allen überlegen und übt dennoch keine Herrschaft über sie
aus. Das nenne ich seine geheimnisvolle Tugend, ein Schafl*en unter Ent-
sagen, ein Schaffen unter Verzicht! Desgleichen, wenn Du ein Werk voll-
bracht hast, sei nicht darauf versessen, ja wahrlich sei es nicht, dann wird
es gerade darum ^ie von Dir weichen.
^ H» (^) rfÜ ffi :S ^ ^ M (§ 4). Das Ta« ist leer
(tsung), und daher kommt es wohl vor, daß diejenigen, die es üben, nicht
von ihrem Ich erfüllt sind.
41
^ M;.^ ^, # %^^ZMi(^ ^)- Hast du etwas
Verdienstliches verrichtet und verfolgt dich der Menschen Lob, so ziehe
dich zurück, denn das ist des Himmels Tao. Senken sich nicht Sonne,
Mond und Sterne, nachdem sie geschienen haben, zum Unter-
gang? Nimmt nicht der Mond ab, nachdem er voll gewesen?
Läßt nicht die sommerhche Wärme nach, nachdem sie die
Pflanzenwelt zur Reife gebracht hat?
± # ^ ;?[Co tK # füllt/ ffij ^ ^ E ^ A
^ )^ ^O jlStSC ^ ^ ^ (§ ^)- I^ie hohe natürliche Güte (San)
gleicht dem Wasser. Es ist die gute Natur des Wassers, daß es den zehn-
tausend Wesen Nutzen bringt und sich darauf ohne Widerstreben mit der
(niedrigsten) Stelle zufrieden gibt, die alle Menschen verabscheuen. Es
kommt deshalb dem Tao sehr nahe.
TZ.Wiit^,äi^B^nzommmA^±
Das, wodurch die Ströme und Meere die Könige der hundert Täler (deren
Tribut sie in Gestalt der Bergflüsse empfangen) sein können, ist, daß sie
von Natur einen tieferen Platz als jene einnehmen. Der Heilige (der Herr-
scher), der über dem Volke stehen will, muß sich ihm darum in seinen
Worten unterwerfen, und wenn er dem Volke vorangehen will, seine Person
hinter ihm zurückstellen. Auf diese Art hat der Heilige seinen Platz oben, und
doch fühlt das Volk keine Last; er hat seinen Platz an der Spitze, ohne daß
das Volk Schaden nimmt. Freudig drängt ihn darum alle Welt an die Spitze
und wird seiner nicht überdrüssig. Weil er nicht um den Vorrang streitet,
darum ist für alle Welt keine Möglichkeit, gegen ihn zu streiten.
Die vorstehende Anschauungsweise findet noch ganz be-
sonderen Rückhalt am heiHgen Ji', wo dem von seinem Ich
erfüllten Bestrafung, dem Selbstlosen Belohnung durch das Tao
und dessen Stellvertreter, die guten und bösen Geister, zugesagt
Ä S* W M ffii iü üo A i;^^ M ffii $f Ät iT\ian, I).
42
Des Himmels Tao tut dem Glück des von seinem Ich Erfüllten Abbruch
und vermehrt das Glück des Selbstlosen. Der Erde Tao verwandelt das
Glück der Selbstsüchtigen und überströmt den Selbstlosen mit Segen. Die
bösen Geister fügen dem Selbstsüchtigen Leid zu, die guten Geister spenden
dem Selbstlosen Glück. Des Menschen Tao besteht darin, den von seinem
Ich Erfüllten zu verabscheuen und den Selbstlosen zu lieben (vgl. S. 14).
Und; wie das heilige Su in den „Ratschlägen Jü's des
Großen" (s. S. 30) überliefert, war es im 23. Jahrhundert vor
unserer Zeitrechnung der weise Staatsmann ^^ J i ' , der seinem
kaiserUchen Herrn vorhielt, \^ ^^ ^^M ^^^^7^%
ig j daß der von seinem Ich Erfüllte Leid auf sich beschwört, dem Selbst-
losen dagegen vermehrtes Glück zuteil wird, und daß dies dem Tao des
Himmels entspricht.
Zahlreich sind die Aussprüche, die das TaoTe'King
den Tugenden der Willfährigkeit und Selbstverleugnung als
Quellen so manchen Segens widmet. Wir lesen da z.B.:
ffi MiJ ^.;& MiJ Äooo Ä ja ig A m -. :]i»
■ffi^ ^^ ^^ (§ 22j. Was sich krümmt, erhält sich unversehrt; was sich
bückt, wird aufrecht stehen. Der Grund, weshalb der Heilige das All um-
faßt und dadurch das Vorbild ist für die Menschheit unter dem Himmel, ist
der: er zeigt sich nicht, daher sein Licht; er besteht nicht um seiner selbst
willen, daher sein Glanz; er kämpft nicht für sein Ich, darum seine ver-
dienstvollen Taten; er hat kein Mitgefühl für sein Ich, darum seine Über-
legenheit. Ja, wahrlich, da er nach nichts strebt, strebt niemand in der
Welt gegen ihn.
^.^mm^mo^^^Kit.n^ (§67).
Alle Welt sagt, ich sei groß, und dennoch erscheine ich minderwertig. Ja,
fürwahr, gerade \yeil man wirklich groß ist, hat man den Anschein der
Minderwertigkeit. O, ich besitze drei köstliche Dinge, die ich festhalte und
43
wertschätze; das eine ist Sanftmut, das zweite Sparsamkeit, dag dritte Scheu
vor Vorrang in der Welt. Durch Scheu vor Vorrang in der Welt vermag
man sich die Mittel zu verschaffen, um das Leben zu verlängern; allein
heutzutage gibt man seine Zurückhaltung preis und strebt nach Vorrang,
und die Folge ist, daß man stirbt!
Selbstlosigkeit, Selbstentäußerung, Selbstauslöschung — alle
diese Eigenschaften sind in dem Ausdruck „Leere" (s. S. 40) in-
begriffen, welche Eigenschaft der Untugend des „von sich Er-
flllltseins" ({^ und ^, „Vollheit", s. S. 41, 42) gegenübersteht.
Leere bedeutet in diesem Sinne auch soviel wie Wunschlosigkeit
und Leidenschaftslosigkeit. Um leer wie das Tao des Himmels
zu werden, muß der Mensch dem Beispiel des Himmels folgen
und jede Vorliebe und Abneigung preisgeben; er muß in einem
Zustand völliger Gleichgültigkeit und Unerregbarkeit leben.
Wenn er keinen Wunsch mehr hat, nicht einmal mehr nach
Wissen und Kenntnis, dann erlöst er sich von sich selbst, wird
Nichts. In diesem Zustand völHger Leidenschaftslosigkeit und
Teilnahmlosigkeit wird der Mensch vollkommen rein, so rein
wie der Himmel selbst. Es ist der Philosoph Kuan Tsö, der
diese stoische Weltanschauung mit Vorliebe predigt als den Weg,
der zur Grottwerdung führt, zur Befreiung von allem Irdischen,
zur Verschmelzung mit dem unendlichem Tao des Alls, und
damit, da das Tao ewig ist, zur Verlängerung der Existenz.
Im 13. Buch seiner Schriften, bezw. Kap. 36, lesen wir:
ist nicht fern, und doch ist sein Erreichen schwer. Entleert sich der Mensch
von Begierden, dann wird Göttlichkeit fÖön, s. S. 11) einkehren und in ihm
verweilen; fegt er aus sich das Unreine (die Begierden), dann wird die
Göttlichkeit in ihm bleiben. Leersein und Nichtssein, Unkörperlichkeit
oder Stofflosiffkeit nenne ich Tao. Der Himmel ist leer, die Erde ist still,
44
und sie streben also nicht. Werft euer Ich weg und schweiget, dann wird
göttliche Klarheit dadurch in euch erhalten bleiben. Wer die Schweigsam-
keit und Regungslosigkeit gründlich versteht, der versteht das Grundgewebe
des Tao. Der Edle ist friedlich und zufrieden, ist regungslos, verwirft
Wissen und absichtliche Handlungen.
1* ^o IUI ^ M Ä -IfeoooM B,z-Bwimz-^-
Zwischen Leerheit und dem Menschen liegt nichts, und dennoch erlangt nur
der Heilige das Tao der Leerheit; deshalb sagte ich, daß Leerheit und
Mensch eng nebeneinander liegen und trotzdem einander nur mit Mühe
finden. Was den Menschen bei Lebenszeit bestimmt, ist sein Lebensäther
()p| Tsing). Entäußert er sich seiner Begierden, dann wird die Leerheit
ihn gänzlich durchdringen; ist er ganz von ihr durchdrungen, dann ist er
still und ruhig; ist er still und ruhig, dann hat er Lebensäther; wer Lebens-
äther besitzt, der steht unabhängig (vom irdischen Stoff). Unabhängig wirkt
er lichtspendend, und wer Licht spendet, ist ein Gott (Sen). Göttlichkeit
ist das höchste Gut. Darum sage ich, machen wir uns nicht rein (von
sinnlichem Verlangen), so wird Göttlichkeit nicht in uns wohnen.
mm^m^o m^mmwimM.m a m m
mM.^o^zM,m.^mmo^mr-Momm
Leerheit ist Inhaltslosigkeit. Darum sage ich, wenn du das Wissen aufgibst,
was kann dich dann noch verleiten, nach etwas zu streben! und wenn du
inhaltslos geworden bist, was solltest du noch für Zwecke verfolgen! Bist du
aber ohn« Streben und ohne Zwecke, dann bist du frei von Sorge. Von
Sorge befreit aber, bist du wieder am Ausgangspunkt, beim Leersein. Des
Himmels Tao ist Leere, und zwar weil er unkörperlich ist. Infolge seiner
Leere ist er unerschöpflich. Infolge seiner Unkörperlichkeit treibt ihn
nichts von seiner Stelle. Da ihn nichts von seiner Stelle vertreiben kann,
durchströmt er ewig unveränderlich die zehntausend Wesen.
Fassen wir die hier gepredigte Lehre kurz zusammen.
^ Hü, Leere, gleichbedeutend mit */1^ oder _j^ Tsung (s.S. 40)
45
man
oder ^ 1^ Wu-tsang, Inhaltslosigkeit, ist ein Zustand, den m^
durch Unterdrückung alles sinnlichen Verlangens, aller Begierde
(^ Ju') und I^eidenschaft erlangen kann, und ist dasselbe wie
i^ K^'i-tsi, Entäußerimg vom Wissen, Unbewußtwerdung) sie be-
deutet auch dasselbe wie ^ ^ Wu-wei, Regungslosigkeit, ^
Tsing; Stille und Kühe, ^ ^ Pu'-jöu, Schweigsamkeit, »[^
T ien, Friedlichkeit, sanfte Seelenruhe, ^^ Jü, Genügsamkeit, ^J^
Wu-li, Sorgenfreiheit, und endlich ^ Kie', Reinheit. J^etztere
Eigenschaft veranlaßt naturgemäß die Sön, die guten Geister-
kräfte des schaffenden und segnenden Alls, in die Person des
Reinen einzukehren; dessen eigene Sen- Seele wird dadurch be-
ständig durch die verwandten Kräfte des Alls gestärkt und immer
kraftvoller; das Sön gewinnt in ihm die Oberhand über das
KörperHche, Stoffliche; seine Person tritt schließlich ein in den
Zustand der ^ ^ Wu-hing, Unkörperlichkeit oder Stofflosigkeit,
des ^ Wu, Nichtsseins, und er Verschmilzt mit dem Tao. Sein
y^ Tsing, Lebensäther, entzieht ihn nun dem Bereich aller
schädHchen Einflüsse, macht ihn :j(^ jj^ Tu^'-li', unabhängig;
damit aber wird er zu einem innerlich zugehörigen Unterteil
der lebendigen Weltseele J a n g, und mit ihrer lebenspendenden
Leuchtkraft ausgestattet wird er ein i^ Jl||^ ming S6n, Licht-
spendender Sön oder Gott. Praktisch aufgefaßt, schreibt diese Er-
lösungs- oder Heiligkeits-Askese in erster Linie vor, daß man
Wu-wei oder „Regungslosigkeit" und Wu-jSnoder „Schweig-
samkeit" übe, die durch Leidenschaftslosigkeit, sanfte Seelen-
ruhe, Genügsamkeit und Sorgenfreiheit erzeugt werden und
umgekehrt aus diesen hohen Eigenschaften von selbst hervor-
gehen. Dem Wu-wei und Wu-jön ist in der Tat, wie wir
gleich sehen werden, im System die Hauptrolle zugewiesen.
Lao Tse ist nunmehr leicht zu verstehen, wo er, dem
Tao Te' King zufolge, sprach :
ÜJ^@^^IP^(§ ^^)- Erreicht den allerhöchsten Grad
der Leere; wahret die Unerschütterlichkeit euerer Stille und Ruhe!
46
s ^ ^^. r^M.nm.m ^vr^ ^ iio ä t^ s a
^Ij fltt Jf yj§ (§ 3). Keinen Wert auf Fähigkeiten legen, hält das Volk
von Bestrebungen ab; keinen Wert auf schwer zu bekommende Waren legen,
hält das Volk von Räubereien und Diebstählen ab; nicht auf das Begehrens-
werte das Auge richten, läßt den Sinn nicht in Verwirrung geraten. Der
Heilige regiert deshalb das Volk derart, daß er dessen Sinne leer macht,
aber seine Bäuche füllt, seinen Willen schwächt, jedoch seine Knochen
stärkt. Stets sorgt er dafür, daß das Volk ohne Wissen und ohne Begierden
ist; und die Wissenden läßt er es nicht wagen, ihr Wissen zur Geltung
zu bringen. Wird so die Regungslosigkeit (Wu-wei) gepflegt, dann bleibt
nichts der guten Regierung entzogen.
Dieses universistisch- ethische System, dessen Wesen die
angeführten Textauszüge uns klar vor Augen stellen, ist die
einzige Ethik, über die die alte chinesische Literatur Aufschluß
gibt. Man kann daher nicht umhin, anzunehmen, daß ein anderes
System überhaupt nicht existierte, denn hätte es existiert, würde
sich das zweifellos in der alten Literatur bemerkbar gemacht
haben. Wie wir gesehen, enthüllen uns nicht bloß die Schriften
der drei Philosophen Lao, Tsuang und Kuan, sondern
auch die klassischen Schriften der konfuzianischen Schule die
Grundlagen des Systems. Diese Schule ist es vornehmlich
gewesen, die es bis auf diesen Tag als das einzige wahre
System aufrecht erhalten hat. Allein den Lehrsatz, daß ebenso
wie die Leidenschaften auch das Wissen zu verwerfen und zu
unterdrücken sei, hat der Konfuzianismus sich nicht zu eigen
gemacht. Er hat sogar entschieden Stellung dagegen genommen
und die Pflege des Wissens als eines der Hauptmittel betont,
durch die der Mensch zur Vollkommenheit und Heiligkeit ge-
langen kann. M6ng Tsö, der zweite Altmeister der Schule, setzte
das Wissen (^ oder :^ Tai) mit dem vierten der großen
Grundzüge der menschhchen Natur gleich, welche (s. S. 24)
47
der Himmel selbst allen Menschen mit der Seele (SSn) einge-
pflanzt hat, also mit der „Unerschütterlichkeit", die den Menschen
in den Stand setzt, Gutes, Nützliches und Tüchtiges zu leisten.
Er nennt diese vier Haupttugenden die vier i]§^ Tuan oder
Grundeigenschaften und schreibt:
^Kll^^^a^^^tira^^^ (Das Buch ^
^ -B: Kung-SUn Ts^ou, 1,6). Der Mensch hat diese vier Grund-
eigenschaften wie er seine vier Gliedmaßen besitzt. Da sie alle vier in
uns anwesend sind, soll Wissen sie alle entfalten und zur vollen Ent-
wicklung bringen.
(Buch ^ -^ Kao Ts6, I, 6). Menschenliebe, Pflichterfüllung, Le-
bensregeln und Wissen sind uns nicht von außen eingegossen; wir haben
sie fest zu eigen.
Da somit durch Menzius, den größten Apostel der kon-
fuzianischen Lehre, der Menschheit die gebieterische Pflicht ans
Herz gelegt war, samt den drei andern Hauptvermächtnissen
des Alls auch das Wissen zu pflegen, war Anlaß zu einer
Spaltung in der einen, alten Lehre gegeben; denn der Kon-
fuzianismus war nunmehr gezwungen, den Hauptzweck des
menschlichen Daseins im Studium seiner einzig wahren, klassi-
schen Lehre zu erblicken. Sollte das Problem der Trennung
des Universismus in Taoismus und Konfuzianismus einmal Ge-
genstand einer eingehenden Untersuchung werden, dann wird
man also die Rolle der Kardinaltugend des Wissens dabei nicht
als Hauptfaktor in diesem Prozesse übersehen dürfen. Es ist
jedoch zu beachten, daß in der Wirklichkeit vielleicht nicht
einmal von Preisgabe des Wissens die Rede gewesen ist. In
der Tat bedeutet ^ T s i nicht ledigHch Wissen, sondern auch
Bewußtsein, Gefühl, Empfindung; und es können also die tao-
istischen Philosophen unter K'i-t§i, Preisgabe der Empfindung,
Indifferentismus, verstanden haben, der dem Begrift* der Leiden-
48
schaftslosigkeit und anverwandten Tugenden ziemlich gleich-
kommt. Es läßt sich auch schlechterdings nicht behaupten,
daß sich die alten Philosophen des Tao, so fern wir sie durch
die chinesischen Schriften kennen lernen, durch Unwissenheit
oder Dummheit ausgezeichnet haben.
Hinsichtlich dex Lehre der Regungslosigkeit (Wu-wei),
der Stille und Ruhe (Tsing) und der Schweigsamkeit (Pu'-j en)
bestand für die Konfuzianer auf Grund der klassischen Schriften
überhaupt kein Anlaß zu einer von den Taoisten abweichenden
Anschauung. Dieser Quietismus war stets Gemeingut beider
philosophischer Systeme. Die Betrachtung des Alls führte freilich
unabweisbar zur allgemeinen Anerkennung der Tatsache, daß
die Natur ihr segenspendendes Werk der Erzeugung und Er-
haltung leidenschaftslos verrichtet, daß ihr gewaltiges Wirken
sich gemächlich und ruhig ohne Anstrengung vollzieht, ohne
Reibung, Geräusch und äußere Kundgebung. Das Tao ist
demnach keine treibende Kraft, die alle Bewegungen und Er-
scheinungen des Weltalls veranlaßt, sondern die Gesamtheit
dieser Bewegungen und Erscheinungen selbst, kein Handelndes,
sondern der gesetzmäßige Gang der Natur. Lao Tse sagt
(TaoTe'King, §25): A ^ *&. J* S ^. ^ ^ i!»
^g JT« H WC . Der Lenker der Menschen ist die Erde, der Lenker der
Erde ist der Himmel, der Lenker des Himmels ist das Tao, und der Lenker
des Tao ist die Spontaneität. Und im Ji' (hi Ts6, I) lesen wir:
Wandlung (der Natur, die jährliche Schöpfung, das Tao) vollzieht sich
gedankenlos und regungslos, in stiller Schweigsamkeit und ohne Handlung.
Ist sie rege geworden, dann durchdringt sie alles Wirken unter dem Himmel,
und wie sollte sie das erreichen, wenn sie nicht unter dem Himmel die
höchste Göttlichkeit (Sön) wäre?
Durch Spontaneität soll sich also auch das Tao des
Menschen kennzeichnen, insbesondere das des Herrschers, der
die Verkörperung der Vollkommenheit sein soll. Sein Leben
49
darf nur von unbewußten Triebkräften geleitet sein; keine Vor-
sätzlichkeit und keine Willenskraft soll sein Handeln bestimmen,
also auch keine Unternehmungslust. Er soll keine Triebkraft
ausüben und keineswegs dem natürHchen Gang der Dinge
Zwang antun. Kuan Tsö lehrt:
mmm,iiicmz^r-miSiioooA±m±mm.
m^W^.^B^MWl^^ (Buch 13, bzw. Kap. 36).
Wu-wei, das nenne ich Tao; Preisgabe (der Persönlichkeit), das nenne
ich Tugend (Te*); es besteht also nichts, das Tao und Te* voneinander
trennt, und somit machen diejenigen, die beide lehren, zwischen beiden
keinen Unterschied. Die Herren der Menschheit regieren im Jin (d. h. auf
der Erde); das Jin ist still, und darum sage ich, daß sie, wenn sie rührig
und rege sind, ihren Thron verlieren.
^ ^ ^ ü . ra i^ ^ (iS) T ffi m #J ^ > #
^ll^i^^llTBnll^JlIc (B«ch 10, bezw. Kap. 26).
Weil der Himmel sich nicht rührt und dennoch die vier Jahreszeiten ab-
wechselnd von ihm auf die Erde herabkommen, so daß die zehntausend
Wesen sich entwickeln können, so rührt sich auch der Fürst nicht, und
dennoch kommen seine Regierungsbefehle regelmäßig herab, so daß die
zehntausend Beschäftigungen der Menschheit erfolgreichen Verlauf nehmen.
^ ^ ^ *^ (Buch 1; bezw. Kap. 5). Der, welcher ohne
Regung ist, ist der Kaiser.
In der gleichen Bahn der Anschauung bewegt sich auch
Lao Tsö im Tao Te' King:
TN" H ru (§ ^'*^)* ^^^ "^^^ ^^^ immer ohne Regung, und nichts ist,
was es nicht schuf. Wenn Fürsten und Könige die Regungslosigkeit wahren
können, dann vollzieht sich die Entwicklung der zehntausend Wesen
von selbst.
I^Ml^^^M^ (§ 63). übe die Regungslosigkeit, be-
schäftige dich mit Untätigkeit.
n^B^^.nMi^m.mzxm.mmn
De Groot, Universismus. 4
50
Ä^^,:i^>£j[^J|l^~F(§ 48). Durch Studium vermehrt
sich täglich das Wissen, aber durch Übung des Tao verringert sich alltäglich
die Tätigkeit; sie verringert sich mehr und mehr, und so wird die Regungs-
losigkeit erreicht. Ist man regungslos, dann gibt es nichts, was man nicht
vollbringt. Die Regierung (^ffi( = Vg) der unter dem Himmel liegenden
Welt soll stets mit Untätigkeit geführt werden; kommt es dabei zu Tätigkeit,
dann läßt sie sich nicht in genügendem Maße durchführen.
Hier vernehmen wir also, daß der Besitz von Wu-wei
den Menschen mit der gleichen Allmacht ausstattet, wie sie das
Tao des Weltalls besitzt. Natürlich kommt diese menschliche
Allmacht hauptsächlich den Herrschern des Reiches zu, die
nächst Himmel und Erde die höchste Stelle im Universum
einnehmen. Lao Tsö sagt weiter:
Wer die Welt unter dem Himmel zu beherrschen begehrt und sie mit
Tätigkeit regiert — es wird ihm, meiner Ansicht nach, nicht gelingen. Die
Welt unter dem Himmel ist ein Ding, das mitSßn beseelt ist und soll also
nicht mit Tätigkeit regiert werden; denn wer sie mit Tätigkeit regiert,
richtet sie zugrunde, und wer sie fest angreift, greift fehl.
ein Herrscher den Beistand des Tao gebraucht, dann tut er der Welt keine
Gewalt mit Waffen an.
^y (§ ^*)- Darum spricht der Heilige: „Ich habe die Regungslosigkeit
und mein Volk schafft sich also selbst seine Bildung; ich bevorzuge die
Stille und Ruhe, und das Volk geht von selbst den richtigen Weg; ich bin
ohne Tätigkeit, und das Volk wird von selbst reich; ich bin ohne Be-
gierden, und das Volk gelangt somit von selbst zur Reinheit."
Besonders hoch preist auch Tsuang Ts6 das Wu-wei.
Und was Konfuzius anbetrifft, der selbst wie jeder andere Denker
seiner Zeit ein guter Universist war, so ist er über diese Allmacht
verleihende Naturtugend ebenso sehr des Lobes voll. Dem Lun
Jü zufolge (XV, 4) sprach er:
51
B^ lE^lSflfiiB^- "^''"^^ ®-^ "^^^* ^"" (-3' •^''^^''^'- '^or Chr.),
der mit Wu-Avei regierte? O, wie verfuhr er denn? Er verschaffte sich
selbst Ehrfurcht und schaute (von seinem Thron) genau nach Süden, das
war alles!"
Dagegen legt eine Stelle inTsuang Tse's Schriften die
Vermutung nahe, daß Konfuzius durchaus kein fanatischer An-
hänger des Wu-wei war. Diese Stelle (Buch 1, bezw. Kap. 2)
lautet:
K'ü-ts'io* Tsö fragte den Ti'ang-wu Ts6: „Ich hörte den Meister
(Konfuzius) vom Heiligen sprechen, der bei der Erfüllung seiner Aufgabe
keiner Tätigkeit nachstrebt, noch auf Vorteil aus ist, der sich nicht gegen
Schaden wehrt, noch Freude daran hat, etwas zu erstreben, der unbewußt
nach Tao strebt, schweigsam ist, aber doch spricht und beim Sprechen doch
schweigsam ist, und der auf diese Weise außerhalb des Staubes und Schlammes
wandelt. Der Meister selbst betrachtete das als sinnloses Gerede; ich aber
erachte das als ein Benehmen, das dem herrlichen Tao entspricht.
Wie aus dieser Textstelle hervorzugehen scheint, wurde
die auf gleiche Stufe mit der Regungslosigkeit gestellte Schweig-
samkeit in dem Sinne aufgefaßt, daß der wahre Taoist es auch
verschmäht, wirksam als Lehrer und Prediger aufzutreten.
Tsuang spricht diesen Gedanken auch in den folgenden
Worten aus:
^BZ^^^fSIf^ (B-lch 4' ^ezw. Kap. 11). Der Unter-
rieht des großen Menschen gleicht dem Schatten des Körpers, dem Wieder-
hall des Tons: er erteilt nur auf Befragen Bescheid, gibt dann aber alles
her, was er im Herzen hat.
>S ^i (Buch 7, bezw. Kap. 22). Fürwahr, der Wissende übt die
4*
52
Schweigsamkeit, die Redenden sind die Unwissenden; deshalb erteilt der
Heilige nur Lehren, die mit Schweigsamkeit zusammengehen. Auch im
Tao Te' King (§56) begegnen wir dem Lehrsatz, daß der
Wissende schweigsam, der Redner unwissend ist.
Ferner lesen wir in Tsuang Tse's Schriften:
(Buch 5, bezw. Kap. 12). Die ^yelt mit Regungslosigkeit regieren,
das heißt himmlisch; sie mit Regungslosigkeit belehren, das nenne ich
Tugend.
i<m^-i^MM^^Z$%^ (Bi«!» ''> ^e^^- Kap. 22).
Himmel und Erde besitzen die höchste Vollkommenheit, und doch sprechen
sie nicht davon. Die vier Jahreszeiten haben ihre leuchtenden Gesetze, und
doch reden sie nicht darüber. Die zehntausend Dinge haben ihre voll-
kommenen Charakterzüge, und doch halten sie darüber keine Reden. Darum
übt der Übermensch die Regungslosigkeit und der AUerheiligste die Untätig-
keit, und das bedeutet, daß sie den Blick auf Himmel und Erde (als ihr
Vorbild) richten.
Der großen Tugend der Schweigsamkeit, welche der Mensch
dem Weltall entlehnen kann und entlehnen soll, hat Konfuzius
selbst durch eigenes Wort und Vorbild auf immer in seiner
Schule eine feste Stelle gesichert. Im Lun Jil (XVII, 19) steht
nämlich geschrieben :
T -fsr iiio j-0, ^ i^ w^. PI it ff 1. H i^
£fl ^^ . ^^ 4ffl' ^ ^t. Konfuzius sagte: „Ich begehre zu schweigen."
Als dann aber (sein Schüler) Tsö-kung erwiderte: „Wenn der Meister
nicht redet, was werden seine Jünger dann den Nachkommen zu überliefern
haben?" da sprach der Weise: „Sagt denn der Himmel etwas? und trotz-
dem nehmen die vier Jahreszeiten ihren Lauf, und die hundert lebenden
Wesen entstehen! Sagt der Himmel etwas?"
Man kann sich schwerlich der Überzeugung entziehen,
daß der große Grundsatz des Wu-wei einen geradezu be-
53
herrschenden Einfluß auf die Geister des alten China ausübte,
wenn man sieht, daß Lao Tse sogar so weit geht, alles bewußte
Streben nach Vervollkommnung, Heiligkeit und Kenntnis zu
verurteilen. In diesen Worten ermahnte er die Fürsten (§ 19) :
A/' X-\ ^Ä . Laßt ab vom Heiligsein, gebt das Wissen preis, und das
Volk wird hundertfachen Segen davon haben. Laßt ab von der Menschen-
liebe, gebt die Pflichterfüllung auf, und das Volk wird seinen kindlichen
Gehorsam und seine barmherzige Gesinnung verdoppeln. Laßt ab vom Klug-
tun, gebt es auf, euere Interessen zu fördern, und nirgends wird es mehr
Aufrührer und Räuber geben. Ich meine, diese drei Lehrsätze enthalten so
viel, daß die Schrift nicht ausreicht, um es auszudrücken.
Natürlich können wir solche Lehrsätze wörtlich nehmen
und darin nichts geringeres sehen als einen Angriff gegen drei
der vier höchsten Tugenden, die der Himmel selbst der Mensch-
heit eingepflanzt hat, und damit eine Auflehnung gegen die
Grundpfeiler des ganzen alten, heiligen Sittengebäudes. Indes
wäre diese Auffassung, wonach also die taoistisohe Lehre gegen
ihre eigenen Ideale Sturm laufen würde, ganz verfehlt. Offen-
bar handelt es sich hier lediglich darum, daß die Aufforderung
zur Übung des erhabenen Wu-Avei, mittels dessen das Tao
seinen Segen in die Welt ausströmen läßt, hier auf die Spitze
getrieben wird : sogar bei der Pflege der höchsten Naturtugenden
sollen Mensch und Fürst von bewußtem Streben frei bleiben.
Übereifrigen Schriftgelehrten des Konfuzianertums bieten aber
solche Textstellen eine Handhabe, um Lao Tsö als Urheber
eines Ketzertums schlimmster Art zu brandmarken.
Auch die folgenden Worte des Philosophen Tsuang
(Buch 4, bezw. Kap. 11) wollen in dem schon angedeuteten, nicht
buchstäblich zu nehmenden Sinn verstanden sein:
54
ist zügelloser Hang am Äußerlichen. Die Sucht nach Vernunft — sie führt
zu unzüchtigem Hang am Schall. Die Sucht nach Menschenliebe — sie
schafft Wirrwar in der Tugendübung. Die Sucht nach Pflichterfüllung (I)
— sie bedeutet Auflehnung gegen die natürlichen Gesetze. Die Sucht nach
Erfüllung der Lebensregeln (Li) — sie führt zu Künstlichkeit. Die Sucht
nach Musik — sie führt zu Unsitten. Die Sucht nach Heiligkeit — sie
führt zu künstlicher Fertigkeit. Sucht nach Wissen — sie führt zu Haar-
spalterei. Wenn die Menschen unter dem Himmel diese acht Leidenschaften
ihrer Natur nicht unterdrücken, so wird alles unter dem Himmel in Un-
ordnung geraten, denn die ganze Welt wird beginnen, sie derartig bis aufs
äußerste zu schät&en und zu pflegen, daß alle Welt irre wird. Der Edle
wird darum, wenn möglich, die fünf in ihm verborgenen (Tugenden) nicht
äußerlich entfalten, und seiner Vernunft keinen Vorzug gönnen; er wird
sich regungslos verhalten wie der Vertreter eines Toten (bei Opfern), aber
sein Drache (seine segnende Majestät) wird sich zeigen; er wird in Schweigen
versunken sein, und sein Donner wird dröhnen; seine Götterkraft wird wirken,
und der Himmel wird bei ihm bleiben; während er in Ruhe und Wu-wei
verweilt, werden die zehntausend Wesen wachsen und gedeihen. Was
weiter bliebe ihm zu tun, um die Welt in Muße zu regieren?
Auch hier wird also verkündet; daß Leidenschaftslosigkeit
und Wu-wei, und zwar beides sogar bei der Ausübung mensch-
licher Tugenden, einem Herrscher spontan den Weg zur Macht
bahnen müssen. Das Gute soll gemächlich gepflegt, entfaltet
und gespendet werden, ohne Streben, ebenso wie es in der Natur
geschieht. Wie in ihr, sollen die guten Werke des Menschen
spontan, unwillkürlich erfolgen. Außerdem noch sagt T s u a n g :
55
^^ tfil ^.^ (B^ch 4, bezw. Kap. 11). Der Heilige blickt
auf zum Himmel (als seinem Vorbild), aber versucht nicht, ihm nach-
zuhelfen; er vollendet sich in Tugend, aber ohne sich dabei anzustrengen;
er ragt im Tao hervor, aber unabsichtlich.
^ ^ ^ ^ ^ -^ (Buch 6, bezw. Kap. 16). Die Alten pflegten
das Tao so, daß sie ihre Kenntnis durch Seelenruhe (T'ien, s.S. 45) nährten,
aber doch ihr ganzes Leben lang nichts taten zur Verwendung ihrer Kennt-
nis; ich nenne das: das Wissen gebrauchen zur Erhaltung der Seelen-
ruhe. Wenn Kenntnis und Seelenruhe sich so im Menschen vereinen und
gegenseitig erhalten, so sprießen aus seiner Natur Eintracht und Ordnung.
Wahrlich, seine Tugend ist Harmonie, sein Tao ist Ordnung; seine Tugend
ist allumfassende Menschenliebe; sein Tao ist allordnende Pflichterfüllung.
Drittes Kapitel.
Vollkommenheit, Heiligkeit, Oöttliclikeit.
Das Wesen der alten chinesischen Religion und Philosophie
läßt sich nach allem, was in den beiden ersten Kapiteln über
ihren Ursprung und ihre Entwicklung darzulegen versucht
wurde, kurz dahin bestimmen:
Des Menschen gute Eigenschaften oder Tugenden (^ T e')
und die Art und Weise, diese spontan zu erwerben, bilden das
T a 0 des Menschen. Die menschlichen Tugenden wiederum sind
ein Ausfluß der vortrefflichen Eigenschaften des Weltalls; unter
ihnen stehen die vier Haupttugenden (*^ Sang) voran, die
den vier Haupteigenschaften des Himmels entsprechen, und auf
denen des Menschen natürliche gute Beschaffenheit (^ San),
Sein innerer Trieb und Charakter ('^ Sing) beruhen. Der
Keim zu diesen vier guten Eigenschaften liegt von Anfang an
in des Menschen Seele (fj/Üjl S ö n), die einen Teil des ^ J a n g
bildet; dieses Jang umfaßt alles Warme, Lichte, Lebendige des
Weltalls und ist mit dem Himmel identisch. Entwickelt und
gefördert werden die himmlischen Eigenschaften des Menschen
durch Nachahmung des Weltalls, insbesondere durch Befolgung
dessen ^^ Wu-wei, das heißt, durch ein spontanes, unreg-
sames, ruhevolles Verhalten, zu dem man durch Unterdrückung
oder Beherrschung der Leidenschaften gelangt; man beobachtet ja,
wie das Tao, der Weg des Weltalls, dieser Quell alles Guten,
sein segensreiches Werk der Schöpfung und Erhaltung spontan,
57
ohne bewußte Anstrengung vollbringt, und folgert daraus, daß auch
der Mensch in seinem Handeln spontan, regungslos, ohne Streben
sein soll, um vollkommen, d. h. dem Tao gleich zu werden. Eine
andere philosophische Richtung, die konfuzianische, stellt über-
dies zur Vervollkommnung des Menschen ein weiteres Erforder-
nis, nämlich Wissen (Tsi ^), insoweit dies auf der Kenntnis
der alten heiligen Bücher beruht. Das in den vorstehenden
Sätzen Gesagte vermittelt uns den einzigen wirklichen Schlüssel
zum Verständnis der chinesischen Weltanschauung von der
ältesten Zeit bis auf den heutigen Tag. Einmal im Besitze dieses
Schlüssels, dürfte es abendländischer Forschung auch nicht be-
sonders schwer fallen, sich in Chinas philosophischer, ethischer
und religiöser Literatur zurechtzufinden.
Das ideale Ziel der menschlichen Vervollkommnung ist
also völlige Angleichung an das Tao des Himmels. Erreicht
wird dieses Ziel durch beständige Höherentwicklung der Jang-
seele, des S e n, bis zu dem Ergebnis, daß diese Seele den hundert-
tausenden von S S n oder stofflosen Wesen, von denen das Welt-
all erfüllt ist, vollkommen gleich wird. Der Mensch ist dann
in dem Zustand, den wir Heiligkeit oder Göttlichkeit nennen
dürfen. Die ältere taoistische Literatur bezeichnet diesen mit
dem Ausdruck ^ tsen, echt, und im Tao Te'King (§54)
finden wir diesen Satz: 'fif' ^ ^ :§'^ Ä ^ ^^; wer (das
Tao) an seiner Person pflegt, dessen Tugend ist Echtheit. Anderweitig,
vor allem im Tsung Jung, dem klassischen konfuzianischen
Buche, das sich hauptsächlich mit taoistischer Vervollkommnung
beschäftigt, wird Heiligkeit auch mit dem Zeichen |^ Ts'ing,
das Wirklichkeit bedeutet, wiedergegeben. Außerdem findet sich in
sämtlichen alten Schriften das Zeichen ^ sing für denselben
Begriff. Die genannten drei Ausdrücke sind also gleichbedeutend.
Als weiteres Synonym kommt noch das Zeichen jj^ sön, gött-
lich, hinzu, da nach chinesischer Meinung Heiligkeit und Gött-
Hchkeit ein und dasselbe ist.
58
Was sich die Chinesen unter Heiligkeit vorstellen, dafür
enthält die alte Literatur zahlreiche Angaben. Folgende Zitate
mögen zur Beleuchtung genügen. Bei Tsuang Tse lesen wir:
:^BMM^MZS.A (B^^h lO, bezw. Kap. 33).
Wer sich nicht vom Echtsein entfernt, den nenne ich einen Übermenschen.
m^^mz^^o:^mz-mz-mmA
(Buch 10, bezw. Kap. 31). Echtsein bedeutet das Höchste an Lebens-
äther und Wirklichkeit (Ts'ing). Ohne diesen Lebensäther und ohne
diese Wirklichkeit kann man auf andere Menschen nicht wirken.
Der Philosoph ^\^ Liu Ngan, der im 2. Jahrhundert
vor Chr. lebte, sagt (j^^ ^!| ^ Hung Lie' Kiai, Kap. 7):
J^gg ^y^^ i^^^ ^ ^. Der Mensch, der echt zu nennen
ist, ist der, dessen Natur (Sin^) mit dem Tao im Einklang steht.
Was sind nun, den alten Schriften zufolge, die Merkmale
der HeiHgkeit oder GöttHchk^it?
Wir haben gesehen (S.44), daß, nach Kuan Tse, Heiligkeit
den Besitz der gleichen Klarheit verschafft, die dem J a n g und
dem Himmel eigen ist; ferner (S. 50), daß, Lao Tsö zufolge,
durch Wu-w ei oder Regungslosigkeit erlangte Vollkommenheit
den Menschen unwiderstehlich und allmächtig macht. Natürlich
schließt Heihgkeit auch alle Tugenden in sich, die nur je ein
Mensch auf Erden erlangen kann. Tsuang TsS sagt (Buch 10,
bezw. Kap. 31):
ffl^ ^ . Wenn Echtheit in des Menschen Charakter herrscht, dann dient er
seinen Eltern mit Liebe und kindlicher Unterwerfung und seinem Fürsten
treu und unerschütterlich.
Weiter sagt Tsuang Tsß (Buch 3, bezw. Kap. 6):
4g, pE" |H^. Was ist ein Heiliger? Es ist der, der den Heiligen der Ur-
zeit gleicht; sie erklommen Höhen, ohne schwindlig zu werden; sie schritten
ins Wasser hinein, ohne naß zu werden; sie traten ins Feuer, ohne heiß
59
zu werden. Wir wissen es, daß man so wird, wenn man nur hoch genug
steigt, um die Macht dazu dem Tao zu entlehnen.
Hierin liegt klar ausgesprochen, daß der taoistische Heilige
dem Tao, das er besitzt, übermenschliche, magische Gewalt ent-
lehnt. Die großartigen Fähigkeiten solcher Gottmenschen be-
schreibt Tsuang Tsö folgendermaßen (Buch 1, bezw. Kap. 1):
Miik^i Zlh^ntH AM Mo mM^üim,
nmmmm^mmzith^mmm<i^r^m
mm^mmoooZA^^Mzm.i^mm
^mr>m.A¥^^m.±\iim,m^mom
^ ^ ^. Im fernen Ku-sö -Gebirge wohnen Gott-Menschen. Sie haben
Fleisch und Haut wie Eis und Schnee; sie gleichen Jungfrauen an Fein-
heit und Zartheit. Sie essen keine der fünf Feldfrüchte, sondern schlucken
Wind und trinken Tau. Sie fahren auf Wolken mit fliegenden Drachen als
Gespann jenseits der vier Meere einher. Durch Verdichtung ihrer Gotterkraft
vermögen sie die lebenden Wesen vor Krankheit und Seuche zu bewahren
und alljährlich das Korn reifen zu lassen . . . Kein Wesen kann diese
Menschen verletzen ; eine Flut, die bis an den Himmel steigt, kann sie nicht
ertränken; Gluthitze mag Metall und Felsen schmelzen, den Erdboden und
die Gebirge versengen, aber sie empfinden die Hitze nicht. Ihres Wesens
Staub und Spreu allein reicht aus, um Leute vom Schlage Jao's und Öun's
daraus zu formen und zu gießen. Was wollen sie mit stofflichen Wesen zu
schaffen haben!
An einer anderen Stelle (Buch 1, bezw. Kap. 2) bei
Tsuang Tse findet sich folgende Verherrlichung der Heihgen:
^nmm.m^nmm^mmzii^on^m
%MQi^l(a i^MWZ^^O Der höchste Mensch ist ein
Gott (Sön)! Ein Feuermeer mag ihn umlodern, es kann ihn nicht heiß
machen; die Fluten des Huang-ho und Han mögen vereisen, er kann
nicht frieren; rasende Donnerkeile mögen die Berge spalten, Sturmwinde
60
die Meere erschüttern, ihn können sie nicht schrecken. 80 vermag er auf
Wolken und Luft einherzufahren, auf Sonne und Mond zu reiten jenseits
der vier Weltmeere. Weder Tod noch Leben können irgendeinen Wandel
an «einem Selbst vollziehen, geschweige denn Brutstätten schädlicher
Einflüße.
Ein andermal läßt T s u a n g einen Weisen folgenden Vers
sprechen: JlS* *3t> M^i^tl . )It II fl? "1 (Buch 5,
bezw. Kap. 12). Die, welche höchste Götterkraft besitzen, gleiten auf dem
Licht einher, so daß sie mit ihrer Gestalt darin erlöschen und ver-
schwinden; das nennen wir ihre weithinstrahlende Leuchtkraft.
Andre taoistische Philosophen stimmen gleichfalls in diese
Verherrlichung der Heiligen ein.* Bemerkenswert ist unter an-
derem, was ^ll^*^ Ho' Kuan Tsß, der vermutlich im
4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte, in folgenden
Worten von ihnen sagt:
^^rnzmoMiMZ-iiicm^mz (Kap. ni
Der Heilige entsteht nach Himmel und Erde, und dennoch kennt er ihren
Ursprung; er vergeht vor Himmel und Erde, aber er kennt ihr Ende.
Das Tao umhüllt ihn, darum kann er solche Dinge wissen und ermessen.
mAm:n^^^nim9si^mziiomr-
^mmmmi^zmoi^^n^^'mm'^z
m'Mmm-^zmoZ-^mmmmm.^z
±0 ^ 3g^ Ä im }g ifii mm äMo :r-^^^m m
Des Heiligen Kraft gleicht nicht der des Himmels und der Erde, aber er
kennt ihr Wirken. Sein Atem gleicht nicht Jang und Jin, doch vermag er
ihnen Gesetze vorzuschreiben. Er kommt den zehntausend Wesen an Zahl
nicht gleich, doch kann er ihnen allen ein richtiger Führer sein. Er vereinigt
zv.ar in sich nicht alles Vortreffliche der Menschheit, dennoch vermag er
das Gute emporzuheben, die Fehler nachzuweisen. Er gleicht nicht dem
Tao an reichen Segnungen, und doch vermag er es zu überragen. Er
gleicht nicht den Göttern an strahlendem Glanz, dennoch vermag er über
61
sie Herr zu sein. Er ist nicht unsichtbar wie die Kwei und Sßn, und
doch vermag er ihre Geisterkraft zu entfalten. Er besitzt nicht die Festig-
keit von Metall und Stein, und doch vermag er ihre Härte durch Glut an-
zugreifen. Er besitzt nicht die Regelmäßigkeit eines Vierecks oder eines
Kreises, und doch vermag er diese Formen zu konstruieren.
Es läßt sich jetzt nach allem sagen, daß in der Meinung
der ältesten und wichtigsten Vertreter der universistischen
Weltanschauung ein taoistischer Heiliger übernatürliche Fähig-
keiten und Weisheit besitzt, vermöge derer er übernatür-
liche Wirkungen hervorbringen kann. Er ist allmächtig, all-
wissend, allgegenwärtig, ein Gott über den Göttern. Er ist
auch unverletzlich. Diese Unverletzlichkeit war vermutlich nicht
allzu buchstäblich gemeint. Denn es konnte unmöglich verborgen
bleiben, daß auch hervorragende Taoisten sterben mußten; ihre
Gräber dürften allgemein bekannt und häufig besuchte Wall-
fahrtsstätten gewesen sein. Tsuang selbst (Buch 7, bezw-
Kap. 19) erwähnt einen gewissen ^ ^^ Tan-pa, der in einer
Felsengrotte nur von Wasser lebte und noch im siebzigsten Jahre
die Jugendfrische seiner Wangen besaß, bis ein Tiger kam und
ihn verschlang. Doch fügt er hinzu, ^^ ^ ^ ft ffij j!^ Ä
Ä ^1*, dieser Pa hatte sein inneres Wesen gepflegt, und der Tiger ver-
schlang nur die äußere Hülle. Und der Philosoph ^ ^ Han
Fei, der im 3. Jahrhundert vor Chr. lebte, bemerkt in seinem
Werk (Kap. 1, § 3), gelegentlich der Aufzählung einer Reihe
guter Taoisten, die sämtHch hingerichtet wurden:
M!| ^ ^ S^ oft ife • Wiewohl diese Menschen Vortrefflichkeit und
Heiligkeit besaßen, vermochten sie dennoch weder dem Tode, noch körper-
licher Verstümmelung und Schändung zu entgehen; wie kommt das? Nun,
ich Einfältiger kann es schwerlich erklären.
Sterben müssen also große Taoisten freilich, wohl aber
vermögen sie besser als andere Menschen lebendrohenden Ge-
fahren zu widerstehen. Liu Ngan(Hung Lie'Kiai, Kap. 2)
schrieb :
62
■^ ?y -ffj . Wenn die große Kälte gekommen ist, und Eis und Schnee
sich niederlassen, dann erkennen wir die Unverletzbarkeit des Nadel- und
Blattwerks von Fichten und Zypressen. Und wenn man Schwierigkeiten aus
dem Wege räumen, Gefahren trotzen muß, wenn Schrecken sich vor uns auf-
tun, dann erkennen wir, daß der heilige Mensch sein Tao nicht verliert.
Für die Erforschung der Geschichte alter Religionen dürfte
es von ziemlichem Werte sein, zu wissen, daß man in Asien
zu einer Zeit, die weit vor der christlichen Hegt, bestimmte
Vorstellungen von Heiligkeit und Göttlichkeit, sowie von der
übernatürlichen Zaubermacht, die der Besitz beider verleiht,
gehabt hat. Chinesischen Quellen allein aber ist es zu danken,
daß man diese Vorstellungen mit Gewißheit als Ausfluß einer
uralten universistischen Weltanschauung zu erkennen vermag.
Wie im vorhergehenden Kapitel gezeigt wurde, zählt zu
den vier Urtugenden, die der Himmel jedem Menschen als Ele-
mente seiner natürlichen Veranlagung eingepflanzt hat, und deren
Pflege zur Heiligkeit führt, das Wissen (Tsi), auch als Un-
erschütterlichkeit bezeichnet, weil diese das Wissen gewähr-
leistet. Es ist nun zu beachten, daß die konfuzianische Lehre
auf das Wissen ein ganz besonders hohes Gewicht legt und sich
damit in Gegensatz zu der Lehre der Taoisten stellt, die, von
dem großen universistischen Grundsatz der „Leere" ausgehend,
Kenntnis und deren Verwendung verwerfen.
Dieser Gegensatz zwischen der konfuzianischen und tao-
istischen Lehre erhielt sein entscheidendes Gepräge durch Ts6-s6,
den Enkel des Konfuzius, der, wie wir auf S. 25 gesehen haben,
sein klassisches Werk, das TsungJung, mit dem Satze einleitet,
daß die Pflege des Tao gleichbedeutend sei mit Unterweisung.
Dieser Gedanke einer „Vervollkommnung durch Unterweisung
hat den Konfuzianismus zu dem entwickelt, was die Chinesen
63
mit dem Ausdruck "^^ Zu Kiao, Lehrsystem oder Religion
der Gelehrten, bezeichnen. Diesem System verdankt China seine
gesamte wissenschaftliche Bildung, und diese Bildung wurzelt
also — es kann nicht nachdrücklich genug betont werden —
im Universismus.
Die Hauptmittel zur menschlichen Unterweisung, die einzig
zuverlässigen Führer des Menschen zum Tao, sind nun nach
konfuzianischer Anschauung lediglich die klassischen Schriften
(s. S. 28). Sie sind es, die seit der H an- Zeit, als sich die
konfuzianische Lehre zum herrschenden System entwickelte,
bis auf den heutigen Tag stets und ständig von den führenden
Klassen des Volks als das ausschließliche Evangelium für die
gesamte Menschheit angesehen worden sind, also auch als
einzige politische Grundlage, auf der sich Staat und Gesell-
schaft aufbauen müssen, wenn die Regierung gleich dem All
ewig dauern, und das Volk wahrhafte Beglückung genießen soll.
Mit den klassischen, heiligen Büchern Chinas ist der Name
Konfuzius (551 — 479 v. Chr.) untrennbar verknüpft. Einige
nennen die Chinesen J^^ King, andere ^ Su. Sicher sind
sie nicht sämtlich von Konfuzius geschrieben; sie entstammen
teils einer früheren, teils einer späteren Zeit. Wirklich von ihm
soll nur ein King verfaßt sein, das ^^ Ts'^un Ts^iu, die
Annalen, nämlich in der Hauptsache die des Staates ^ L u, wo
er lebte und lehrte; sie enthalten kurze Notizen über die Jahre
722 — 481. Drei andere King soll Konfuzius, dem allgemeinen
Glauben nach, ledigUch kompiliert haben. Es sind dies das ^
Si, die Lieder, das Mj Ji', die Wandlungen, und das ^f Su, die
Geschichtsbücher; letzteres ist eigentlich eine Sammlung von 30
Büchern verschiedener Art, von denen die zwei ersten über _^
Jao und ^ Sun, die beiden heiligen Herrscher des 24. und
23. Jahrhunderts v. Chr., handeln, und das letzte sich auf einen
Fürsten des 7. Jahrhunderts bezieht. Das besonders umfang-
reiche fünfte King, das nffl §ß Li Ki, Schriften über die Lebens-
64
regeln, besteht aus 46 Büchern; es werden darin Konfuzius und
seine Schüler häufig erwähnt, und es scheint demnach zum großen
Teil aus Überlieferungen und Aussprüchen zu bestehen, die von
ihm herrühren. Klassisch und heilig sind auch drei umfang-
reiche Erweiterungen und Kommentare desTs'un Ts'iu,
nämlich das ^ -^ Tso Ts'uan, Berichte des Tso, das ^
®Ä Ku'-liang Ts'^uan, Berichte des Ku*-liang, und das
^B^-Ä Kung-jang Ts'uan, Berichte des Kung-j an g; ferner
das ^ 1^ Tsou Kuan, Beamtentum von Tsou, dem Fürsten-
hause, dessen Herrschaft vom 12. bis in das 3. Jahrhundert
V. Chr. gedauert hat; endlich das ^ jjj^ I Li, Lebensregeln,
eine Sammlung von Schriften über Zeremonien bei verschie-
denen feierlichen Gelegenheiten.
Was die sogenannten vier Su anbetrifft, so stammen diese
fast gänzlich von Schülern des Konfuzius. Sie enthalten haupt-
sächlich Aussprüche, Gespräche, Lehrsätze und Lebensregeln des
Meisters, vorwiegend ethischen und philosophischen Charakters.
Ihre Titel lauten: g^ ^ Lun Jü, Besprechungen; (^ )^ Tsung
Jung, Methode der Mitte (??); "^ ^ T'ai Hio*, das allerhöchste
Studium, und ;^ -^ Meng Tsö, Menzius. Das Tsung Jung
und das T'^ai Hio' sind eigentlich Bücher des Li Ki. Im
engeren Sinne gibt es also 14 heilige Bücher, im weiteren
aber 86.
Man ist also berechtigt, an Stelle von Konfuzianismus auch
die Ausdrücke Klassizismus, Taoismus oder Universismus zu
setzen. Der Konfuzianismus allein ist orthodox, da es im Weltall
nur ein Tao gibt und also nur eine Reihe wahrer, klassischer
Schriften, die dieses Tao unter der Menschheit predigen und
aufrecht erhalten. Die überherrschende Stellung hat der Konfu-
zianismus bis auf den heutigen Tag in China zu wahren gewußt.
Und somit steht daselbst das ganze Erziehungs- und Unterrichts-
system, von den Elementarschulen angefangen bis zu den höchsten
Staatsprüfungen, die zum Staatsdienst den Zugang eröffnen, sowie
65
das ganze Staatswesen Chinas auf der breiten Basis, die
Taoismus oder Universismus heißt.
Der Kaiser ist naturgemäß der oberste Führer der Nation
auf dem Wege, der „T a o der Menschheit" heißt. Um diesen
hohen Auftrag des Himmels zu erfüllen, muß er die Te' oder
segensreichen Eigenschaften und Tugenden des T a o im höchsten
Grade in seiner eigenen Person vereinigen, auf daß er durch seine
Regierung sie für die Menschenwelt in Segnungen verwandle.
Es ist klar, daß er diese Eigenschaften und Tugenden durch
klassische Studien sich aneignen und zur Entfaltung bringen
muß, und so von selbst der höchste Lehrer des Menschtums und
der gelehrteste Mensch der Welt werden soll. Selbstverständlich
sollen seine Minister und Staatsbeamte, die Mithelfer zur Er-
ledigung dieser höchsten Aufgabe, ^ In, klassische Gelehrte,
sein, Muster und leuchtende Sterne des konfuzianischen Wissens,
die tüchtigsten aller, welche die Staatsprüfungen bestehen und
also durch und durch vertraut sind mit dem Inhalt der klassischen
Schriften, kurz, sie müssen die weisesten und besten unter den
Menschen sein. Nur wenn sie das Tao oder dessen Te' selbst
besitzen, können sie für die Menschheit die richtigen Führer
sein auf dem Wege zur Tugend und zum Glück und somit
dem Volke Frieden, der Regierung Stabilität, der Dynastie den'
ewigen Besitz des Thrones sichern. Diesem Grundgedanken
hat Konfuzius selbst, nach dem L u n J ü (II, 3), in folgenden
Worten Ausdruck verliehen:
Menschen im Tao durch euere Tugenden (Te') und organisiert sie mittels
der Lebensregeln (Li), dann wird es Anspruchslosigkeit (= ^ Bescheiden-
heit, = Leidenschaftslosigkeit, Leerheit) besitzen, und mithin wird Ordnung
herrschen.
Ganz ausschheßlich befaßt sich der kurze Text des T'ai
Hio', des allerhöchsten Studiums, mit der Pflicht der Herrscher, ihre
durch Studium erworbenen universistischen Tugenden zur Ver-
De Groot, Universismus. ^
66
vollkommnung des Volks anzuwenden und so zum beiderseitigen
Wohl zu verwerten. Wir lesen in dieser klassischen Schrift:
m^.^ffnBmM.MMBmn »- ^ao des
allerhöchsten Studiums besteht darin, daß (der Herrscher) glänzende Eigen-
schaften und Tugenden (Te*) klar scheinen läßt; es besteht ferner darin,
daß er dadurch das Volk erneuert, und darin, daß es demzufolge im Zu-
stande der höchsten natürlichen Güte (San) verweilt. Versteht er es, das
Volk (auf diese Weise) in diesen Zustand zu versetzen, dann wird Stabilität
herrschen; herrscht Stabilität, dann kann er sich still und schweigsam (tsing)
verhalten; übt er Stille und Schweigsamkeit, dann kann Friede und Ruhe
herrschen; herrscht Friede und Ruhe, dann kann er sich um (seine und
des Volks) Interessen kümmern und wird dadurch seine Zwecke zu er-
reichen imstande sein.
In diesem etwas mystisch aussehenden Lehrsatz tritt
die quietistische Lebensauffassung des Taoismus klar zutage.
Lesen wir doch ganz deutlich, daß das Gute (San), welches
von Natur dem Menschen eigen ist, sich unter dem segensvollen
Einfluß der hohen sittlichen Vervollkommnung, welche die Staats-
lenker sich durch Studieren aneignen, soweit entwickeln soll,
daß das Volk sich von ihnen mittels Wu-wei und Schweigsam-
keit regieren läßt und der Herrscher also seine Zwecke erreicht,
das heißt, unwiderstehlich und allmächtig ist. Folgen wir jetzt
wieder dem T'ai Hio', das unmittelbar danach die Wichtig-
keit des Studiums für die Herrscher nochmals betont und dabei
erklärt, daß es sie zur Heiligkeit führt:
o ^
^ # Ä t * ^ :iE Ä ;C>o '^ IE Ä ^' ^itm
67
Alle Dinge haben eine Wurzel und einen Gipfel, alle Sachen ein Ende und
einen Anfang; wer richtig versteht, was zuerst kommt und was folgt, der
nähert sich dem Tao.
Die Alten, die da trachteten, die glänzenden Eigenschaften und
Tugenden in der sich unter dem Himmel erstreckenden Welt klar scheinen
zu lassen, beabsichtigten damit vor allen Dingen, für ihr Reich eine gute
Regierung zu schaifen. Aber um ihr Reich gut zu regieren, stellten sie die
Regelung ihres Hauses voran. Der Regelung ihres Hauses ließen sie die
Pflege ihres eigenen Wesens vorangehen. Um ihr eigenes Wesen zu pflegen,
machten sie zuerst ihr Gemüt wahr (tsing, orthodox). Um ihr Gemüt wahr
zu machen, begannen sie zunächst ihre Gesinnung „wirklich" (ts'ing, heilig)
zu gestalten. Und um „wirklich" in der Gesinnung zu werden, ent-
wickelten sie ihr Wissen bis zum'äußersten. Diese Entwicklung des Wissens
bis zum äußersten bestand in der Erforschung der Dinge.
Also erfolgt klipp und klar aus den heiligen Büchern,
daß die Kaiser ihr klassisch -taoistisches Wissen bis zum
äußersten entwickeln müssen (^ ^) und den klassisch-
taoistischen Lehren gemäß ihr Haus einrichten und ihr Reich
regieren sollen. Es ist somit in China stets hohes Staatsprinzip
und unumstößlicher Brauch gewesen, jungen Kaisern und Thron-
erben eine ganz besonders gewissenhafte Ausbildung in der
Lehre der klassischen Schriften angedeihen zu lassen. Nicht
wenige unter den Kaisern haben einen hohen literarischen
Bildungsgrad besessen und auch tatkräftig zur Förderung der
Wissenschaft beigetragen, indem sie große Gelehrten-Kom-
missionen einsetzten, welche die klassischen Bücher, sowie die
geschichtlichen Überlieferungen der Dynastien und andere Haupt-
werke, mit Erläuterungen und Kommentaren versehen heraus-
geben mußten. Zahlreiche Meisterwerke der chinesischen Ge-
lehrsamkeit von oft riesenhaftem Umfange verdanken dieser staat-
lichen Tätigkeit ihre Entstehung;^ im Palast selbst besorgten
^ Viele findet der Leser in meinem Aufsatz „Sinologische Seminare
und Bibliotheken" erwähnt; S.Abhandlungen der Kön. Preuß. Akademie der
Wissenschaften, 1913.
5*
68
kaiserliche Druckereien Prachtausgaben davon. Unter den
Kaisern der letzten Dynastie, deren Regierung in dieser Be-
ziehung besonders fruchtbar war, stehen an der Spitze die
Namen lÜft Sing Tsu (K'ang-hi) und ^ ^ Kao Tsung
(K'iön-lung). Das gewaltigste Zeugnis solchen kaiserlichen
Unternehmungsgeistes ist das "^ ^ ^ ^ ÄJ^ Ku-kin
T'u Su Tsi'-ts'ing, Vollständige Sammlung von Schriften der
Vergangenheit und der Gegenwart; dessen Anfertigung Sing Tsu
anordnete, und das 1725 unter seinem Nachfolger abgeschlossen
wurde. Es ist an Umfang das größte Werk, das in der Welt
existiert. Es enthält in planmäßigei' Anordnung nahezu die ge-
samte Wissenschaft, über die China verfügt, und entspricht somit
in seiner Anlage so vollständig wie möglich der Forderung des
Tai Hio', daß der Herrscher bestrebt sein soll, sein eigenes
Wissen und das seiner Staatsdiener zur äußersten Entfaltung
zu bringen.
Wenn es der höchste Beruf des Herrschers ist, das ganze
Menschtum an T a o oder dem Weltall entlehnter Vollkommenheit
zu überragen, so folgt von selbst, daß das Weltall, oder viel-
mehr der Himmel, der das Weltall umfaßt und beherrscht, den
Thron nur dem Menschen anvertraut, der solche Vollkommenheit
besitzt — anderseits aber der Mangel solcher Vollkommenheit
unweigerlich den Verlust des Thrones nach sich ziehen muß.
In der Tat finden wir diese Lehre in den heiligen Büchern klar
ausgesprochen, und somit ist sie seit alters her ein Axiom und
Dogma gewesen. Im Su wird im ^ Ä, dem Buche von Sun,
von Sun gesagt:
Weil seine verborgenen Tugenden (Te*) droben sich kundgaben, darum
wurde er mit dem Thron beauftragt. Er erfüllte selbst mit Sorgfalt die fünf
Grundpflichten, und darum konnten diese auch von anderen befolgt werden.
Und im Tsung Jung (XVII) sagt Konfuzius von diesem
heihgen Herrscher:
69
^.'jü^n^n.d^^n^^.iii^m^ #000 1^
"i^ Wi ^ ^J^^ ^ ^ ' ^^^^® Tugenden (Te') machten ihn zu einem
Heiligen, und er ward deshalb der Ehre würdig, Sohn des Himmels zu
sein. Wegen seiner höchsten Tugenden mußten ihm Thron, Glück, Ruhm
und lange Lebensdauer zuteil werden. Also muß derjenige, welcher die
höchsten Tugenden besitzt, der Vollmacht des Himmels teilhaftig werden.
Gleichfalls; wie im Su das Buch über „die Ratschläge des
großen Jü" (s. S. 30) uns lehrt, verdankte dieser Stifter der
Hia-Dynastie im 23. Jahrhundert v. Chr. den Thron aus-
schließlich seiner hohen Vollkommenheit. Sein Ratgeber ^^
Ji' sprach zu ihm:
^ # ^. ^ ^ ra 1^. :)i» ^ T # !>-- Tugenden, o
Kaiser, wirkten überall hin; du warst dadurch heilig, du warst göttlich
und also den Militär- und Zivilaufgaben gewachsen. Der kaiserliche Himmel
nahm es wahr und schenkte dir seine Vollmacht; somit ist jetzt alles, was
zwischen den vier Meeren liegt, dein Eigentum, und du bist Herr über alles,
was unter dem Himmel ist.
Und an ^fc^ T'ai-kia', den Nachfolger des ^ T'ang,
des Grründers der j^ Sang -Dynastie, richtete, dem Su zu-
folge, um 1753 V. Chr. sein großer Ratgeber "^ ^ I-jiii
folgende Worte:
^ Jp^ffi (Buch ^^ T'ai Kia, III).
70
Der Thron, den der Himmel verleiht, ist ein Thron der Mühsal! Aber
hast du Tugend, so wird Ordnung sein; bist du jedoch ohne Tugend, so
wird Verwirrung herrschen! Ist deine Regierung mit dem Tao in Einklang,
dann wird fürwahr alles gedeihen,
Ist deine Tugend von Bestand, dann schützt sie deinen Thron; ist
sie ohne Bestand, so werden dir die neun Besitztümer (Provinzen des
Reichs) verloren gehen. Als die Herrscher des Hauses H i a nicht länger
imstande waren Tugend zu üben, die Götter höhnten und das Volk grau-
sam unterdrückten, da entzog ihnen der kaiserliche Himmel seinen Schutz ;
sein Auge wanderte über die zehntausend Gegenden der Welt, um einen
zu finden, dem er als Inhaber seiner Vollmacht seine Weisungen erteilen
könnte; sein Blick suchte nach einem, der Tugend vom ersten Grade be-
saß, um ihn zum Herrn über die Götter (S ö n) zu machen. Nur ich selbst
und (dein Vater) T'ang besaßen zusammen den ersten Grad der Tugend
und konnten deswegen des Himmels Wohlwollen genießen; und so kam es,
daß er die leuchtende Vollmacht des Himmels empfing, mithin Inhaber der
Herrschaft über die neun Besitztümer ward und den Kalender von H i a
änderte. Es war nicht Parteinahme des Himmels für unser Haus Sang;
0 nein, er stand lediglich dem zur Seite, der an Tugend der allererste war.
Auch war es dem Hause Sang nicht um die Gunst des niederen Volkes
zu tun, sondern das Volk suchte Zuflucht bei dem Ersten an Tugend. Wenn
deine Tugend vom ersten Grade ist, dann wird keine deiner Handlungen
unglücklich verlaufen ; ist sie aber vom zweiten oder dritten Grade, so wirst
du in keiner deiner Handlungen glücklich sein. Fürwahr, Glück und Un-
glück kommen nicht zufällig über die Menschen; o nein, der Himmel sendet
ihnen Unheil und Heil herab gemäß ihren Tugenden.
Jetzt .hast du, Thronfolger, in Demut die himmlische Vollmacht über-
nommen; erneuere deine Tugend; ist das von Anfang bis Ende dein erster
Zweck, dann wirst du sie sogar alltäglich erneuern. Die Regierungs-
beamten werden sich dann nur vortreffliche Eigenschaften aneignen, und
deine nächste Umgebung zur Rechten und zur Linken wird ihnen darin
71
gleichkommen ; die Minister werden dann nach oben hin für die Erwerbung
von (deinen) Tugenden, nach unten hin für das Volk leben.
Diesen Sätzen, welche klassisch sind und deshalb für die
Kaiser Chinas immerdar heiliges Evangelium waren, liegt offen-
sichtlich diese Auffassung zugrunde: spontan wie das Tao des
Himmels, verbreitet die Person eines heiligen Kaisers, der die
Eigenschaften oder Tugenden des Tao besitzt, seine Segnungen
über die Menschheit. Auf Grund dieser selben Lehre hob Kon-
fuzius, wie wir auf S. 51 gesehen haben, ausdrücklich hervor,
daß die vortreffliche Regierung des großen Sun aus nichts
anderem bestand, als daß er seine Person zum Gegenstand
höchster Ehrfurcht machte und dann ohne Tätigkeit, ohne Ein-
mischung in praktische Regierungsgeschäfte, also im Zustande
des Wu-wei, auf dem Thron saß. Wu-wei ist demnach un-
trennbar mit persönlicher Vollkommenheit oder Heiligkeit ver-
knüpft, und Einfluß und Macht, sogar Allmacht, sind lediglich
die natürlichen Folgen, die aus Wu-wei hervorgehen (s. S. 50).
Es ist also durchaus verständlich, wenn Konfuzius sagt (Lun
Jü, n, 1):
Wer durch Tugend die Regierung führt, der gleicht dem Polarstern: der
steht unbeweglich an seinem Platze und wird deshalb von der Masse der
(umkreisenden) Sterne geehrt.
Da taoistische Tugend das Ergebnis der Vertiefung in die
Weisheit der heiligen Schriften ist, so ist in chinesischen Augen
jeder, der sich mit dem Studium dieser Schriften befaßt, bereits
auf dem Wege zur Vollkommenheit. Wer sehr weise und tugend-
haft ist, der ist in der Sprache der klassischen und nicht-
klassischen alten Schriften, ^ h i Ö n, und wird ein ^ -^
Kiün Tse genannt, was soviel bedeutet wie fürstliche, edle Person.
Und wer die höchste Stufe der Weisheit und Tugend erreicht,
also Heiligkeit besitzt, ist, wie wir gesehen (S. 57), täßn,
72
tä'ing oder sing, ein Sen oder Gott. Es versteht sich von
selbst, daß solche heilige Personen in erster Linie die Männer
sind, die das Tao des Menschen auf Erden stifteten, also die
ältesten Herrscher der chinesischen Überlieferung, die ^ ^
Fu'-hi, f^^ Sön-nung, ^ Huang, Jao, Sun, wie auch
der große Jü, der die Hia- Dynastie gründete; sie alle, so
glaubten die Chinesen jeder Zeit, verdankten ihren Thron von
Himmels Gnaden lediglich nur ihrer hohen Vollkommenheit im
Tao. Heihg ist natürlich auchT'ang, der Gründer der Sang-
Dynastie, sowie dessen Ratgeber I-jin, denn man weiß es
ganz bestimmt aus des letzteren eigenem Munde durch das §u
(s. S. 70), daß beide die höchste Tugend besassen, und T*^ang
auch gerade auf Grund seiner Vollkommenheit durch den Himmel
zum Kaiser erkoren wurde. Endlich sind auch heihg die beiden
Stifter der ^ Tsou-Dynastie (12. Jahrh. v. Chr.), ^ W6n
und "^ Wu, denn sonst wäre auch ihnen nicht der Thron
vom Himmel anvertraut. Es ist fast unnötig zu sagen, daß
unter allen Heihgen Chinas Konfuzius die erste Stelle einnimmt.
Ist ihm und seiner Schule doch die großartige Schöpfung der
heihgen klassischen Bücher zu danken, durch welche die Mensch-
heit die Lehren und Taten der Heiligen und Ahnen uralter
Zeit kennen lernen kann, und die ihr also der einzige und un-
schätzbare Wegweiser zur Weisheit und Tugend sind. Überdies
sind durch die klassischen Schriften Aussprüche seiner Jünger
überliefert, die ausdrücklich seine Heiligkeit bekunden. Wir lesen
nämlich in Menzius (Buch ^^^ Kung-sun Ts'ou, I, 2),
Ts6-kung sprach: „Du studierst immerzu ohne Überdruß: das ist der Be-
weis, daß du weise bist. Du unterrichtest, ohne müde zu werden; das zeigt,
daß du Menschenliebe hast. Menschenliebe und dazu Weisheit — o Meister,
du bist heilig." Und Jiu-zo* sprach: „Ein Heiliger überragt seinesgleichen
73
wie hohe Halme (? Garben?) niederes Gras (Stoppeln?); aber seit der Ent-
stehung" des Volks hatte noch niemand eine höhere Vollkommenheit als Kon-
fuzius." In der großsprecherischen Hymne, die sein Enkel Tsö-sß
Konfuzius im Tsung Jung widmet, nennt er ihn ^^ Tßi-
sing, den überheiligen; das ist in China der gebräuchhche Ehren-
titel des großen Weltweisen geblieben bis auf den heutigen Tag.
An Heiligkeit kommt nach Konfuzius sofort der Mßng
Ts6; der Verfasser des umfangreichen klassischen Buches, das
als Titel seineA Namen führt und an Weisheit und Lehren der
Alten ganz besonders reichhaltig ist. -Ihn pflegt man daher als
S5 ae .i^ Sing, den zweitgrößten Heiligen, ZU bezeichnen. Heihg
sind auch die drei größten Jünger des Konfuzius: ^[^ Jon
Hui, "^-^ Tseng Tse und K'ung Ki' oder Tsö-sß
(s. S. 25), der angebliche Verfasser des Tsung Jung. Die
übrigen Jünger des Meisters gelten entweder als Kiün TsS
(S. 71) oder bloß als Z u. Gelehrte (S. 65).
Wie im zweiten Kapitel schon aus vielen Textstellen klar
hervorgegangen ist, findet in den alten Schriften der Ausdruck
Sing, Heiliger, SO häufig Anwendung auf Herrscher, daß man
zu der Annahme gelangen muß, daß Sing in der klassischen
Zeit überhaupt als eine allgemeine Bezeichnung für Herrscher
gilt. Diese Annahme entspricht auch durchaus der chinesischen
Aufikssung; denn man. sagt sich, wen der Himmel überhaupt
auf dem Throne duldet und schützt, der muß in sich schon
den allerhöchsten Grad von Weisheit und Tugend vereinigen.
Kuan Tse (Buch 18, bezw. Kap. 57) schreibt: ^^ M A
-{g^; der Sohn des Himmels ist ein heiliger Mensch. Und in den
Schriften von Ho' Kuan Tse (Kap. 10) lesen wir: Jl ^^
M^^^^W^^^'^ derjenige, der der Höchste ist an
Weisheit und Tugend (Hi6n), ist der Sohn des Himmels; die nächstfolgenden
an Weisheit und Tugend sind seine drei ersten Minister.
Bis auf den heutigen Tag läßt der Himmel ständig einen
Heiligen in des Reiches Hauptstadt thronen, dessen himmlischer
74
Auftrag es ist, das Tao des Himmels zu dem Tao der
Menschen umzugestalten, und zwar durch eine Regierung, welche
sich getreu an die Weisheit der alten heihgen Bücher hält,
ferner durch sein persönliches vollkommenes Verhalten und
durch die ständige Kundgebung seines heiligen Willens. Darum
heißen seine Befehle ^^ sing Tsi, heilige Weisungen, seine
Erlasse ^^ sing Jü, heilige Befehle, USW.
Der Heilige, der vollkommene Mensch, besitzt natürlich
eine vollkommene S ö n oder Seele, d. h. seine Seele, sein Geist
gleicht an Art völlig den sonstigen S ö n oder Gottheiten, deren
Gesamtheit das Jang des Weltalls ausmachen; mit anderen
Worten, er ist selbst eine Gottheit. Diese Anschauung findet
sich in den klassischen Schriften ausdrücklich bestätigt. Men-
zius (Buch ^ii^ Tsin Sin, H) sagt: Üffil^'^^:^^
j^gBJjlffl; wessen Heiligkeit man nicht begreifen kann, der ist ein Gott.
Ganz besonders befaßt sich mit dem Wesen der Heiligkeit
und des Heiligen das Tsung Jung. Da steht geschrieben:
z-mmf\i^^mmm.i^m'PM:.mA\ä.om
mMz.mmz.nnzi^^^)-
Heiligkeit ist das Tao des Himmels, heilig werden und heilig machen
das Tao des Menschen. Zur Heiligkeit gelangt man nur ohne Anstrengung;
man erlangt sie nur unbewußt, und wer das Tao ohne Streben erreicht, ist
der heilige Mensch. Man wird dadurch heilig, daß man das Gute erwählt
und dann fest am Guten hält, (zu diesem Zwecke) umfassende Studien
darüber macht, es durchforscht und danach fragt, sorgfältig darüber nach-
denkt, es vernunftgemäß prüft und ernsthaft übt.
m^Tmmi^mitommzM:nmM
75
In dieser Welt kann nur der Überheilige (wie Konfuzius) andere zn
höherer Bildung bringen. Das Tao des Überheiligen ermöglicht es ihm,
die Zukunft zu kennen. Wenn das Herrscherhaus seiner Blütezeit entgegen-
geht, so erscheinen bestimmt gute Vorzeichen, böse dagegen, wenn ihm
der Untergang bevorsteht. Solche Vorzeichen lassen sich durch Schafgarbe
oder durch die Schildkröte erkennen, oder durch außerordentliche Zuckungen
an den vier Gliedmaßen; aber wenn Schlimmes oder Gutes kommen wird,
so weiß solch ein Heiliger das eine sowohl als das andere im voraus. Aus
diesem Grunde ist der Überheilige den Göttern gleich.
tw m, # :s ii ifco -^ ^1» ft ^ i: m (§ 2ö).
Der Heilige ist der, welcher sich von selbst vollkommen macht; sein
Tao ist das Tao der Spotaneität. Aber nicht bloß vervollkommnet der
Heilige sich selbst spontan, sondern er vervollkommnet auch die lebenden
Wesen dadurch. Sich' selbst vervollkommnet er aus Liebe zur Menschheit,
und andere Wesen durch seine Weisheit, denn diese Menschenliebe und
diese Weisheit sind die Tugenden (Te*) seiner Natur (Sing). Sein Tao
ist also ein Tao, das sowohl nach innen (auf ihn selbst) wirkt als nach
außen (auf andere).
Wer so ist, der kann unwahrnehmbar bleiben und doch seinen Ein-
fluß offenbaren; er kann, ohne sich zu rühren, Umwälzungen hervorrufen,
und ohne sich zu regen Werke vollbringen.
Gewaltig ist des Heiligen Tao! Ist es nicht ein Meer der Meere?
Den Zehntausenden von Wesen und Dingen verleiht es Werden und Er-
halten. Bergesgleich gipfelt seine Erhabenheit im Himmel. Unermeß-
lich ist seine Größe! Die dreihundert Hauptzeremonien für das mensch-
liche Zusammenleben, die dreitausend Regeln für das Benehmen warten,
bis der Mensch erscheint (der dieses Tao besitzt), um dann in Wirkung
76
zu treten. Und deshalb sage ich: ohne die (Pflege der) höchsten Tugend
(Te') wird das Tao nicht Wirklichkeit ! Und darum ist für den KiünTse
das höchste Ziel, daß seine Natur sich Tugenden aneignet und sein Tao also
im Studium besteht; er dehnt dieses Studium möglichst weit und er-
schöpfend sogar bis in die feinsten Kleinigkeiten aus; dadurch führt er
seine Intelligenz zum höchsten Höhepunkt hinauf und bewegt sich dann
auf dem Wege zum Tsung Jung.
Die Bedeutung dieses Ausdrucks pfl ^ Tsung Jung,
der auch dem ganzen heiligen Buche als Titel beigelegt wurde,
ist unsicher und Gegenstand vielen Streits im Gelehrtentum
gewesen. Zumeist wird er in seiner buchstäblichen Bedeutung
„Anwendung der Mitte" aufgefaßt, ohne daß es den Ge-
lehrten gelungen ist, die Bedeutung dieser „Mitte" in befrie-
digender Weise klarzustellen; nach dem allgemeinen Glauben
soll sie eine Art seelischen Gleichgewichts vorstellen. Jedoch
obenstehender Auszug zeigt klar, daß sie die Vervollkommnung
andeutet, zu welcher die Entwicklung der Tugend und der In-
telhgenz den Menschen bringt, also den Zustand, der zur Heilig-
keit führt oder schon die Heihgkeit selbst, das Tao, ist; des-
halb ist gewiß die Frage berechtigt, ob diese „Mitte" oder pjl
Tsung nicht das auf S. 40 erwähnte */1^ oder ^ Tsung,
also schlechthin die Naturtugend der „Leere" oder Leiden-
schaftslosigkeit von L a o T s 6 und Tsuang Tsö vorstellt, die
ebenfalls zur Heiligkeit führt oder diese selbst ist. In der Tat
steht es deutlich und klar im Tsung Jung (§1) geschrieben:
TzmM:i^om^m.^i«i^M.n<^'^M
Der Zustand, in dem Freude und Zorn, Leid und Vergnügen noch nicht er-
weckt sind, heißt pQ Tsung; sind sie erweckt, und wird trotzdem ihre
Bezwingung erzielt, dann heißt das Harmonie. Tsung ist das große Prin-
zip dieser Welt, und Harmonie ist das alles durchdringende Tao der Welt.
Führt man das Tsung und die Harmonie bis zum höchsten Grade hinauf,
dann werden Himmel und Erde fest an ihrer Stelle bleiben, und da-
77
durch werden die zehntausend Wesen uni Dinge geschaffen und erhalten!
Wenn also, wie wir hier lesen, Täung das Ruhen der Lei-
denschaften bezeichnet und so hohe sittliche Kraft verleiht,
daß sie das Universum in seiner schöpferischen Bahn zu halten
vermag, dann können wir fürwahr nicht umhin, darin die
T s u n g oder Leerheit zu erkennen, die große taoistische Natur-
tugend, die den Menschen zur Heihgkeit und Allmacht führt.
Und angesichts der Tatsache, daß die Bücher für das Studium
und die Pflege des Tao der Heiligkeit die klassischen Bibeln
des Konfuzianismus sind, und unter diesen das Tsung Jung
kräftiger als alle anderen die taoistische Lehre der Vervoll-
kommnung und Göttlichkeit, der Allwissenheit und übernatür-
lichen Macht vertritt, welche durch die taoistischen Tugenden
der Spontaneität, Leidenschaftslosigkeit und Regungslosigkeit
erreicht werden, — da kann es uns keineswegs verwundern,
daß gerade dieses Tsung Jung unter den klassischen Büchern
sehr hoch angeschrieben ist, und daß seinem Verfasser eine
Stelle unter den vier Heiligen der konfuzianischen Schule zu-
erkannt ist.
Also erkennt die Lehre des Konfuzius, ebensowohl wie
der Taoismus oder Universismus, die Einschränkung und Ruhe
der Leidenschaften als das große Hauptmittel zur Erreichung
des Tao der Tugend, Weisheit und Macht. Das Tsung Jung
verbreitet sich jedoch nicht über die Art und Weise, wie diese
Einschränkung geschehen soll. Aber in einem anderen klassi-
schen Buch, dem uns bekannten Li J u n, ist ein System darüber
aufgestellt, das von Konfuzius selbst herrühren soll. Wie wir
schon auf S. 26 gesehen haben, erklärte dieser Weise, daß die
Herrscher in alter Zeit vom Himmel selbst das Tao in der
Gestalt von Lebensregeln oder Li empfingen und mittels der-
selben die Leidenschaften der Menschen beherrschten und re-
gelten. Damit ist eine strenge Durchführung dieser heiligen,
klassischen L i im sittUchen, religiösen, häuslichen und sozialen
78
Leben der chinesischen Regierung als hohe Pflicht für alle
Zeit auferlegt. Und so war immer das Ministerium der L i, das
seit verschiedenen Jahrhunderten den Namen jj^ ^ L i P u
führt, von selbst eines der allerwichtigsten Staatsinstitute und
unter den zwei letzten Dynastien das vornehmste der sechs
Pu. Ebenso wie die Li selbst, ist es eine Institution des Uni-
versismus.
Aber nicht bloß durch die Li und die Tugenden, welche
sie erzeugen, soll, dem Li Jun zufolge, die Zügelung der
Leidenschaften erreicht werden. Noch eine Reihe anderer Tu-
genden muß man zu diesem Zwecke pflegen und üben. Im
2. Kapitel lesen wir:
zAmoooMAzmm^ä'tm.i^-^m.m
Welches sind die menschlichen Leidenschaften? Es sind Freude, Zorn, Leid,
Angst, Liebe, Abscheu, Begierde. Da bedarf es erst keines Studiums, daß
diese Sieben ihre Macht ausüben. Welches sind nun die menschlichen
Pflichten? Es sind Vaterliebe, Unterwürfigkeit und die anderen Pflichten
des Kindes gegenüber den Eltern; Sanftmut des älteren Bruders gegenüber
den jüngeren, Folgsamkeit des jüngeren Bruders gegenüber den älteren;
Pflichtgefühl des Mannes gegenüber der Ehefrau, Gehorsamkeit seitens der
Frau ihrem Manne gegenüber; Wohlwollen der Älteren gegenüber den
Jüngeren, Willfährigkeit der Jüngeren gegenüber den Älteren; Menschen-
liebe des Fürsten, Treue des Untertans; — das sind die zehn Pflichten der
Menschen. Der Heilige (der Herrscher) regelt die sieben Leidenschaften,
indem er die zehn Pflichten fördert, indem er Treue und Folgsamkeit pre-
digt, Eintracht pflegt, Sanftmut und Nachgiebigkeit hochhält, dagegen Zwist
und Raub aus der Welt schaff't. Wie soll er jedoch diese Aufgabe voll-
bringen, wenn er die Li außer Acht läßt?
SchließHch spricht eins der Bücher des Li Ki, das ^
gß Jo Ki, Schriften über Musik, im 1. Kapitel die Forderung aus,
die Leidenschaften mit Hilfe der Musik zu bändigen:
79
^^^ffiiÄ>^^>SjE'tfc' ^^® früheren Herrscher re-
gelten die Li und die Musik, und die Menschen bezwangen infolgedessen
ihre Leidenschaften. Sie lehrten mittels der Li und der Musik das Volk,
seine Vorlieben und Abneigungen im Gleichgewicht zu halten und in die
wahre Richtung des menschlichen Tao zurückzukehren.
Da der Kaiser heilig ist, ist er ein Gott, und seine Re-
gierung ist daher eine göttliche. Er ist aber viel mehr als ein
gewöhnlicher Gott, denn wir haben im Su gelesen (S. 70), daß
der Himmel, als er T ' a n g für den Kaiserthron erkor, ihn zum
W$i §ön Tsu, zum Herrn der Götter, machte. Also hat der
Kaiser, infolge eines unumstößlichen klassischen Dogmas, eine
Stelle über den Göttern inne, und kein anderer Gott steht über
ihm außer dem Himmel, seinem Vater und der Erde, seiner
Mutter, deren Zusammenwirkung er, wie jedes lebende Wesen,
seine Entstehung verdankt.
Dieser Lehre entsprechend, trifft der Kaiser die Ent-
scheidung darüber, welche Götter Verehrung genießen sollen.
Er ernennt neue, erteilt ihnen Ehrennamen, erhöht ihren Rang,
oder setzt sie ab und verbietet ihre Verehrung. Die Rache der
betroffenen Götter braucht er hierbei nicht zu fürchten, denn
auch des mächtigsten Gottes Macht ist nichts im Vergleich zu
der des Himmels, nach dessen allerhöchstem Willen der Sohn
des Himmels die Herrschaft über alles, was unter dem Himmel
ist, ausübt, es sei denn, daß er sich infolge Vernachlässigung
der kaiserlichen Pflichten oder Verlust seiner Tugenden den
Schutz des Himmels verscherzt. Die chinesischen Geschichts-
bücher aller Zeiten enthalten viele Beispiele, daß Mandarine als
Vertreter der kaiserlichen Macht sogenannte '^ JJiß Jin So,
ketzerische Opferstätten, zerstört haben, wobei die Götterbilder zer-
trümmert, die Tempel niedergerissen und sogar die Priester ge-
prügelt wurden. Man liest auch von Fällen, wo diese Maß-
80
nahüien auf direkten kaiserlichen Befehl in der Hauptstadt des
Reichs vollzogen wurden. Häufig genug werden solche Fälle
erwähnt, um die Annahme zu rechtfertigen, daß sie im Laufe
der Jahrhunderte an der Tag^ordnung gestanden haben.
Genau wie ein ältester Sohn im gewöhnlichen Leben Ver-
körperung und Fortsetzer der Seele, des Geistes und des Willens
seines Vaters ist, so ist jeder Kaiser die Verkörperung des
himmHschen Ta o. Der Titel ^-^ T'iönTse, Sohn des Himmels,
den die Kaiser bereits seit den ältesten uns bekannten Zeiten
tragen, besagt daher, daß der Kaiser nicht nur von Himmels
Gnaden, sondern auch als Verkörperung der Seele des Himmels
das ganze Weltall regiert.
Wohin dieses rehgiöse und politische Dogma notwendiger-
weise weiter führen muß, läßt sich leicht verstehen. Wenn der
Kaiser seine taoistischen Obliegenheiten gründlich erfüllt, indem
er sich dem T a o des Himmels anpaßt und ihm nachahmt, und
vermöge seiner hierdurch erlangten Tugenden so gut und er-
folgreich regiert, daß das Volk glücklich lebt, dann ist er all-
mächtig wie das himmlische Tao selbst und thront himmel-
hoch über seinen Ministern und der Menschenwelt als Mittler,
durch den das Tao des Himmels seinen Segen auf die Welt
überströmen läßt. Kuan Tsö schrieb:
ffii ^ W iS il ^ "^^ (Buch 10, bezw. Kap. 30). Das Tao
ist dasjenige, wodurch der Höchste das Volk leitet. Somit entstrahlen die
segenspendenden Wirkungen (Te*) des Tao der Person des Fürsten; seine
Befehle und Anordnungen übertragen dieselben auf den Reichs Verwalter;
von diesem werden sie als Amtspflichten dem Beamtentum auferlegt; die
Aufgabe des Volkes besteht wiederum darin, im Einklang mit den An-
ordnungen der Beamten, seine Arbeit zu verrichten. Ein Herrscher, der
im Besitze des Tao ist, weiß seine Tugenden (T e') in der wahren
81
Richtung wirken zu lassen und durch sie das Volk zu regieren, ohne daß
dabei von Weisheit, Macht, Verstand oder Vernunft die Rede zu sein
braucht.
^ S ^ T ffo^ ^ ^ i;, ^ T ^W# rfij3E
-tfco#^:Si:. Ä*^g^ (B^ch 1, bezw. Kap. 2).
Wer die ganze Welt als Fürst regieren will, aber das T a o des Himmels
verliert, dem wird das Regieren der Welt nicht gelingen. Hat er sich aber
das T a o des Himmels angeeignet, dann wird dieses Werk ganz wie von
selbst vonstatten gehen.
z.mmmm^ZoiikB.Mi^^^AM
^>l:5R^ÄA^# (B-ioli 20, bezw. Kap. 64).
Das Volk folgt demjenigen, der das Tao besitzt, gleichwie der Hungrige
vor allen Dingen Speise, der Frierende Kleidung, der unter Hitze Leidende
Schatten sucht. Wer das Tao besitzt, zu dem nimmt das Volk seine Zu-
flucht; wer aber ohne Tao ist, den läßt das Volk im Stich. Deshalb
sage ich: wen das Tao verläßt, zu dem kommt niemand; zu wem aber das
Tao gekommen ist, den verläßt niemand.
Die gleiche Lehre ist im Tao T e ' King in dem folgen-
den Vers ausgesprochen :
Wer am höchsten Vorbild (am Tao) festhält, zu dem geht alle Welt; geht
sie zu ihm, dann ist sie außer dem Bereich des Bösen und genießt größte
Ruhe und Frieden.
^3E^il^^.|l#I#i«(§ 32). wenn
ein Fürst es (sein Tao) zu wahren vermag, dann werden die zehntausend
Wesen von selbst sich zu ihm begeben.
Das S u überhefert verschiedene Ermahnungen, die an re-
gierende Kaiser gerichtet wurden und die sich nur aus der ge-
schilderten Anschauung heraus verstehen lassen. So sprach im
23. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zum großen J ü sein
Ratgeber Ji' (Ratschläge des Jü): g M ^> i^ "T* W itt
^ ^ ; handle niemals wider das Tao und erwirb dir dadurch den
De Groot, Universismus. 6
82
Schutz, den das Lob des Volks gewährt. Fünf Jahrhunderte später,
nach dem Sturz der Hia-Dynastie, empfing T 'ang, der Gründer
des neuen Herrscherhauses, von einem Minister eine Reihe Er-
mahnungen, die mit dem folgenden Rat schloß (Buch ^PJJ J^
;^f^, Ansprache des Tsung-hui): ^M^^^W^"^^^
Achte und ehre das T a o des Himmels, und für alle Zeiten wirst du (deinem
Hause) die Vollmacht des Himmels sichern. Um 1323 v. Chr. sprach
zum Kaiser ^~J^ Wu-ting einer seiner Minister (Buch g^
^ JuS'-ming, II): 59 J^ $ ^ ^ ^, der weise Herrscher
nimmt ehrfurchtsvoll das T a o des Himmels in Empfang und handelt in
Einklang mit demselben. Schließlich seien noch die Worte erwähnt,
die ein Minister an den Kaiser Wu, den ersten Herrscher des
Hauses Tsou, richtete (Buch Jß^ LüNgao): ^> ]?X ^
^^ ^^ IM ^";fö>, laß deinen Willen in friedlichem Einklang mit dem
T a o, deine Worte in Übereinstimmung mit dem T a o sein.
Eine vortreffliche und feste Regierung bedeutet also nach
chinesischer Auffassung die Herrschaft des Tao des Himmels
auf Erden; . daher gebrauchen die klassischen und, anderen
Schriften, wenn von guter Regierung die Rede ist, den Ausdruck
H '^ S' ®^ herrscht T a o im Staate, und umgekehrt |^ fß^ ^,
es mangelt an Tao im Staate. Das T a 0 konzentriert sich also zu-
nächst in der Person des Herrschers, dessen Thron sich nur infolge
dessen durch die Unterstützung des Himmels aufrecht erhalten
kann ; vom Herrscher soll es auf die Beamtenschaft übergehen, das
heißt, er soll ihr Weisungen und Befehle erteilen, die bloß dem
Tao der heihgen Bücher entsprechen, und die Beamten sollen
mittels dieser Weisungen eine segensreiche Verwaltung über das
Volk führen. Auf diese Weise richtet sich alles nach dem "^ ^,
dem großen Vorbilde der Natur, die auch durch die Mittlertätigkeit
der Erde die Segnungen des Himmels den lebenden Wesen
spendet, und somit sagt Kuan Tsö (Buch 15, bezw. Kap. 45):
O ! der Herrscher vertritt den Himmel, die Beamtenschaft die Erde, und das
83
Volk stellt die ganze lebendige Welt dar. Wenn die Regierung genau
so dem Weltall gleicht, dann wird alles, was lebt und atmet,
sich ebenso schweigsam dem Kaiser und seinen Mandarinen
unterwerfen wie der schöpferischen und alles ernährenden
Wirkung des Himmels und der Erde — das ist das unerschiltter-
liche Gesetz des Tao des Menschen, so unerschütterlich wie
die Tatsache, daß das Weltall aus Himmel, Erde und lebenden
Wesen besteht.
Weiter folgt aus dieser universistischen Staatsauffassung,
daß dem hohen Träger des himmlischen Tao der unbedingte
Gehorsam der gesamten Erde gebührt. Es spielen also nach
chinesischer Auffassung andere Herrscher außer dein cliiiiesischen
Kaiser nur die Rolle von Vasallenfürsten oder Siiittl *...L^i.n; sogar
die mächtigsten Herrscher des Abendlandes sind dem Kaiser
von China Gehorsam und Untertänigkeit schuldig, und wenn sie
das nicht einsehen, liegt es wohl daran, daß sie weder das Tao
des Weltalls, noch das Tao der Menschheit kennen. Nichts-
destoweniger ist die absolute Oberhoheit des Sohnes des Himmels
über die ganze Welt das höchste Grundprinzip der chi-
nesischen Staatsphilosophie, und sie ist eine Oberhoheit, genau
so absolut wie die Oberhoheit des Himmels im Weltall, der sich
die Erde und alles, was sie trägt und gebärt, bedingungslos
unterwirft.
Dem Staatsprinzip der unbeschränkten kaiserlichen Ge-
walt gab Kuan Tsö in den folgenden Worten Ausdruck
(Buch 15, bezw. Kap. 45):
#i: Ä ^;f Ht i^i ##^> » E Wo ^ #
±nmum.it7^ZM:^
6»
84
Jeder ist in seine amtliche Stelle eingesetzt, um auf die Befehle
des Fürsten zu warten; wie könnte es da Staatsdienern oder Männern aus
dem Volke einfallen, daß jeder nach eigenem Belieben seine private Will-
kür herrschen ließe! Darum bleibt von Schuld und Strafe jedermann frei,
der nach dem Willen des Herrschers handelt, auch wenn er diesem dadurch
Unheil zufügt oder ihn gar zugrunde richtet; wer aber nicht nach den Be-
fehlen des Herrschers handelt, der verdient Todesstrafe, sogar wenn er Er-
folge erzielt hat, die im Interesse des Herrschers sind. Daher müssen die
Untertanen ihren Vorgesetzten dienen, wie das Echo der Stimme entspricht;
daher müssen die Staatsdiener dem Gebieter dienen, wie der Schatten dem
Körper folgt; wenn so die Vorgesetzten befehlen und die Untertanen ihren
Befehlen nachkommen, und die Staatsdiener sich nach dem Benehmen des
Herrschers richten, so ist das das Tao der Regierung.
Diese dem Himmel entlehnte kaiserliche Autokratie ist
tatsächlich ohne Grenzen und Einschränkung. Besonders klar
kommt sie im Grundsatz zum Ausdruck: ^ ^ 7^ ^ ^,
der Sohn des Himmels ist Eigentümer von allem, was unter dem Himmel ist.
Seine Beamten und Untertanen sind tatsächlich seine Sklaven;
ihr Leben, Hab und Gut sind sein Eigentum, und er darf dem-
gemäß nach Belieben jederzeit ihre Besitzungen sich aneignen.
Hunderttausende von Menschen mußten in allen Epochen der
chinesischen Geschichte auf kaiserlichen Befehl Frohndienste
leisten — auf diese Weise entstanden Chinas Paläste, Festungen,
Mauern und Wälle, Tempel und Altäre der Staatsreligion und
Grabdenkmäler. Bis zum jetzigen Augenblick herrscht in China
ein System der Besteuerung, das unseren Ansichten nach, mehr
oder weniger auf Erpressung und Konfiszierung hinauskommt.
„Squeeze" nennen die Ausländer in China dieses System, ohne
indes den durchaus berechtigten universistischen Gedanken zu
begreifen, der ihm zugrunde liegt.
Aus den universistischen Voraussetzungen ergibt sich
auch, daß für den Chinesen zwischen der himmlischen Person
des Kaisers und allen übrigen Menschen, selbst den höchsten
und ersten Ministern, ein gerade so ungeheurer Abstand liegt
wie zwischen Himmel und Erde. Wenn immer Minister, und
85
seien es die höchsten, in Gegenwart des Kaisers erscheinen,
Befehle von ihm in Empfang zu nehmen oder ihm Glückwünsche
darzubringen haben, so sind sie genau wie der gemeinste Un-
tertan des Reiches verpflichtet, die höchste Huldigung darzu-
bringen, die China kennt, und die gleichzeitig auch die Form
der Götterverehrung ist, nämlich den dreifachen Fußfall, ver-
bunden mit dem neunfachen Stirnaufschlag, dem K'o-tVo. Diesen
ungeheuren Abstand kann der Kaiser durch seine Gnade über-
brücken, grundsätzlich soll er aber gewahrt bleiben, denn so
will es das T a o der Welt.
So stellt sich die kaiserliche Regierung Chinas dar als
höchstes Institut des Tao der Menschheit, als eine Schöpfung
der Weltordnung, als eine Maschine, die dazu bestimmt ist, die
Menschheit mittels weiser Maßnahmen und Gesetze im Tao zu
leiten, in der allein richtigen Bahn, in der sich das Universum
selbst bewegt. Die Bibeln dieses Regierungssystems sind die
klassischen konfuzianischen Bücher, die als das Erzeugnis der
universistischen Weltanschauung gelten; und auch aus dieser
Tatsache ergibt sich, daß die konfuzianische Regierung Chinas,
wie sie seit der Han-Zeit existiert hat, eine universistische Re-
gierung ist.
Viertes Kapitel,
Heiligkeit durch Askese und Absonderung ron der Welt.
LebensYerlängerung, Exorzismus, Heilkunde.
Aus den klassischen Büchern des Konfuzianismus und
den Schriften der Erzväter des Taoismus haben wir in den
beiden vorhergehenden Kapiteln eine Reihe von Textauszügen
angeführt, die in voller Klarheit zeigen, daß in dem langen
Zeitraum, welcher diese Dokumente hervorgebracht hat, eine
starke Neigung zur Askese vorherrschte. In der Tat war der
Zustand der Vollkommenheit, Heiligkeit oder Göttlichkeit nur
zu erreichen durch Loslösung von Leidenschaften, Begierden
und Wünschen, durch Gleichgültigkeit gegenüber der Lust und
Last des Daseins, durch Quietismus und Regungslosigkeit;
notwendig mußte das zur Absonderung von der menschlichen
Welt führen.
Auf einem der vielen Blätter, wo T s u a n g T s 6 die hohe
Bedeutung der Leerheit, der Stille, des Wu Wei usw. bespricht,
durch die auch J a o und Sun allervortrefflichst regierten, lesen
wir (Buch 5, bezw. Kap. 13): ÜJijit ^ M M ^ M U M
j 1 1 i)K J^ -^ HB ; aus diesem Grunde ergaben sich (der Pflege des
Tao) die Si, welche zurückgezogen lebten und müßig an Flüssen und
Seen, auf Bergen und in Wäldern herumirrten. Also gab CS im alten
China Einsiedler und Klausner; jedoch Tsuang erklärt nach-
drücklich, daß auch ohne Absonderung von der Welt Heiligkeit
87
zu erlangen sei, wenn nur der Mensch, in getreulicher Befol-
gung des T a 0 des Weltalls, , davon Abstand nimmt, seine Tu-
genden und Vortrefflichkeiten, seine Person und seine Weisheit
wissentlich und wohlbewußt zu zeigen. Wir lesen nämlich in
Buch 6, bezw. Kap. 16, des Nan-hua täön King:
ffij ^bJ-lfc.^ Ü Ä ^ tfij^H-tfc- Das Tao hat gar keinen
Anlaß zur Erstrebung eines hohen Platzes bei der Menschheit, und somit
liat auch die Menschheit keine Ursache, sich (durch tätige Anstrengung)
zum Tao emporzuarbeiten. Also verbirgt der heilige Mensch, auch wenn
er nicht in Bergwäldern wohnt, seine Tugenden, und weil seine Tugenden
verborgen bleiben, braucht er nicht seinePerson zu verstecken. Die Menschen,
welche die Alten „S i der Verborgenheit" nannten, die haben keineswegs
ihre Person in der Verborgenheit gehalten, aber sie haben sich auch nicht
hervorgedrängt; ihren Mund haben sie zwar nicht geschlossen, aber sie haben
sich auch nicht geäußert; ihre Weisheit haben sie nicht versteckt gehalten,
jedoch sie haben sie auch nicht zur Schau gestellt.
Tsuang Tse selbst führte das zurückgezogene Leben,
das er in seinen Schriften erwähnt. Der große Geschichts-
schreiber ^ il| ^ Se-ma Ts'iön des 2. Jahrh. v. Chr.
schreibt im ^ gß Si Ki (Kap. 63) folgendes von ihm:
mm^m^mw.mmmm.mz.mi>i
zm'¥^omi^zmm.^B^mi>xAis:
m.nmz^M'^nMm.M'^n^o'f-M
^.mnn.n^mmnmz^^^.Mi^
^ ffl * ^Jf ^o ^ ^ :?i ti: . « '^ ^ ^^ 1 '^«"■^ ^'«'
von Ts'u hatte von der großen Weisheit und Tugend Tsuang Tsou's
gehört und sandte einen Boten zu ihm mit reichen Gescheuken, um ihn
zu holen und ihm die Anstellung als Reichsverweser zu versprechen. Aber
Tsuang Tsou lachte und sprach zum Boten: „Hast du allein nie den
88
Ochsen gresehen, der für das Opfer im Vorstadtgelände bestimmt war? Jahre-
lang wird er gefüttert, dann mit seidengestickten Decken behängt und in den
großen Ahnentempel geführt; — doch wenn die Zeit des Opfers gekommen
ist, dann mag er wohl wünschen, lieber ein vereinsamtes Schwein zu sein;
aber kann dieser Wunsch in Erfüllung gehen? Gehe rasch fort von mir,
damit nichts (Stoffliches) mich besudle ; wohl will ich mich (wie ein Schwein)
im schlammigen Graben gemütlich ergehen, aber keineswegs mir vom In-
haber eines Reiches Zügel anlegen lassen. Bis an mein Lebensende werde
ich jedes Amt von der Hand weisen und so gemächlich meinem eigenen
Willen folgen."
Die Schriften des TsuangTse bieten uns auch wissens-
werte Einzelheiten über die Art und Weise, wie die Heiligkeits-
sucher die Erlösungsaskese übten. Wir lesen da im Buch 3,
bezw. Kap. 6:
AZM:mmmAZ:^,^mmmz.}»:m
M^nmA^oZ-m.iiimAZMi^mA
Z^i'^S^o
Nan-po'-tsö-kwei sprach zu Nu -jü: „Herr, du bist so alt an Jahren,
und doch ist deine Hautfarbe wie die eines kleinen Kindes, wie kommt
das?" Die Antwort lautete: „Ich habe das Tao gelernt!" Da fragte Nan-
po'-tsö-kwei: „Kann man das Tao erlernen?" Da erwiderte jener: „Ja,
ja, das kann man, jedoch du bist nicht die dazu geeignete Person. Der
Po'-liang-k'i, der hatte die Begabung der Heiligen, allein nicht ihr Tao;
ich dagegen besitze das Tao der Heiligen, jedoch nicht ihre Begabung, und
ich hatte Lust daran, ihn das Tao zu lehren, denn wäre dies nicht eine schöne
Gelegenheit, ihn wirklich zu einem Heiligen zu machen? Aber dem war nicht
so, so leicht es auch ist, vermittelst des Tao der Heiligen einen, der die
Begabung der Heiligen besitzt, zu belehren.
^m'^m^z^^B^m^mn^^ToB
89
„Also überwachte ich ihn und ich belehrte ihn, und in drei Tagen
war er imstande, sich der Welt, die unter dem Himmel liegt, zu entäußern.
Nachdem er sich dieser Welt entäußert hatte, überwachte ich ihn abermals,
und nach sieben Tagen hatte er sich des Stofflichen entäußert. Außerhalb
des Stoffs angelangt, überwachte ich ihn von neuem neun Tage, und da
konnte er aus seinem lebenden Dasein heraustreten. In diesem Zustande
vermochte er alles mit der Klarheit des Morgenlichts zu durchschauen. Im
Besitze dieser morgenhellen Sehkraft konnte er sich unabhängig von allen
Dingen sehen; so selbständig geworden, gab es für ihn keine Vergangenheit
und keine Gegenwart mehr; über Vergangenheit und Gegenwart erhaben,
vermochte er in einen Zustand einzutreten, in dem er nicht tot war und
auch nicht lebte. Er hatte also das Leben getötet, und war dennoch nicht
tot; er lebte das Leben und lebte dennoch nicht; er war ein stoffliches
Wesen, das alles tat und mit jedermann in Verkehr war, und doch war
alles für ihn zunichte geworden, und doch brachte er alles zustande. Dieser
Zustand heißt Ml ^^ ,von der Ruhe umschlungen', eine Umschlungen-
heit, der die Vollkommenheit folgt".
mz —
Darauf sprach Nan-po'-tsö-kwei: „Hast du selbständig das Tao
gelernt?" Die Antwort war: „Ich lernte es vom Sohne des Fu-mo*; dieser
lernte es vom Enkel des Lo'-sung, und dieser lernte es von ... es
folgen hier acht weitere Namen von Personen, die einander das
Tao übertrugen.
Diese Zeilen sind äußerst lehrreich. Sie besagen, daß
vöUige Loslösung vom stofflichen Dasein sich durch die Be-
arbeitung und Belehrung eines Meisters zustande bringen ließ,
90
d. h. durch Unterwerfung des eigenen Geistes unter den des
Meisters, also durch Hypnose. Der Taoist, der diese Kunstbe-
arbeitung durchgemacht, verlor am Ende jedes Bewußtsein vom
Dasein einer stofflichen Welt, jeden Begriff von Zeit; in Selbst-
vergessenheit versunken, der Sinneswelt entrückt, unempfindlich
gegen äußere Eindrücke, weder tot, noch lebendig, befand er
sich in einer höheren Sphäre leidenschaftsloser Ruhe, im Zu-
stande eines Sehers, mit allmächtiger Zauberkraft begabt. Die
Geheimkunst war das Eigentum von Eingeweihten, die sie
einander übertrugen. Den stoischen Charakter dieser Erlösungs-
askese zeigt uns auch noch der folgende Lehrsatz, den wir
gleichfalls bei Tsuang Tsö finden (Buch 4, bezw. Kap. 11:
^Wc ^^ zM- Schüler, bleibt doch regungslos, die stoffliche Welt wird schon
von selbst sich entwickeln. Werft euren Leib ab, speit eure Vernunft aus,
vergeßt eure Beziehungen zu der Materie, macht euch g<änzlich dem unbe-
grenzten Äther gleich, macht euch frei von euren Gefühlen und löst eure
Seele (Sön) auf; seid nichts und habt keine zeitliche Lebensseele!
Diese Erlösungs- und Heiligkeitsaskese mit einem so
transzendentalen, außer- und überweltlichen Ideal spielte gewiß
nicht bloß im Hirn einer kleinen Anzahl Träumer und Denker
eine theoretische Rolle. Hätte sie nur beschränkte Kreise um-
faßt, gewiß würden wir dann nicht in den klassischen und
anderen alten Schriften vergebhch nach Überresten anderer
Theorien und Denkweisen über Vervollkommnung und Seligkeit
suchen. Nun sind wir zu der Annahme gezwungen, daß über-
haupt nur ein einziges katholisches System dieser Art bestand,
welches das ganze denkende Element des alten China umfaßte
und auch sicherlich eine Anzahl von Zeloten erzeugte, welche
die Disziplin des Systems in Einsamkeit praktisch befolgten.
Tsuang hat uns zweimal diese Asketen als 3t ^ ^ vorgeführt
(S. 86 u. 87), ein Wort, das den Begrifi" eines „Weisen" entspricht,
91
und bis zum heutigen Tag ist ^ ;j:; Tao §i, Weise des Tao,
zur Andeutung der taoistischen Geistlichkeit der gebräuchlichste
Ausdruck geblieben. Auch imTao Te' King werden sie er-
wähnt, wo wir lesen:
lassen sich Weise der besten Sorte im Tao unterrichten, dann übep sie
es eifrig. Mittelmäßige Weise, die das Tao lernen, behalten es oder
lassen es verloren gehen. Aber werden Weise der niederen Sorte im
Tao unterrichtet, dann verlachen sie es laut; würden aber diese Leute
es nicht verlachen, dann wäre es nicht wert, als Tao betrachtet zu
werden.
Wimm.mmzi^mo9hm^,m^mzm
■^W^ wC ^^ ■^' -Diejenigen der Urzeit, welche die Fähigkeit besaßen,
Weise zu werden, hatten bis in die allerkleinsten Feinheiten eine Einsicht
in das Mysteriöse, die so tief ging, daß wir es zu begreifen nicht imstande
sind. Ja wahrlich, das geht über unseren Begrifif, und deshalb bin ich ge-
zwungen, nur ihr Aussehen zu schildern. Sie glichen einem, der im Winter
einen Strom durchwatet, einem, der vor seinen vier Nachbarn bangt, als
ein Fremdling unter ihnen weilt, verschwommen wie hinwegschmelzendes
Eis und doch fest wie solides Holz, breit und geräumig wie ein Flußtal, wie
trübes Wasser, dessen Schlamm sich absetzt. Wer vermag es, seinen Schlamm
abzusetzen? derjenige, der sich vermittelst Ruhe und Stille langsam reinigt.
Und wer* vermag es, Ruhe zu haben? der seine Handlungen über einen
laugen Zeitraum verteilt und hierdurch sein Leben verlangsamt. Wer sich
diese Lebensdisziplin (Tao) sichert, der hat das Verlangen nicht, von sich
selbst erfüllt zu sein (s. S. 43); und fürwahr, ist man nicht von sich selbst
erfüllt, dann vermag man, sich zu verdecken und weiter nichts Tätiges
mehr zu leisten.
92
Eine solche Beschreibung des leidenschaftslosen Asketen,
der, der Welt entfremdet und von ihr losgelöst, scheu, ver-
einsamt, empfindungslos, ohne Beschäftigung oder Beruf, ver-
lassen dasteht, gibt Lac Tse von sich selbst im Tao Te'
King (§20):
m.nmf^mo^^^^m.m^^Mito^A
w^m.mnmm.i^monmMMAt^n
^^^"Sr. Alle Menschen gehen ihrem Vergnügen nach, , ziehen dahin, wo
ein großer Ochse (dem Himmel, der Erde oder den Ahnen) geopfert wird,
und besteigen Aussichtsterrassen im Frühling, während ich allein dastehe,
ohne mich durch irgend etwas zu äußern — einem Kinde gleich, das noch
nicht einmal lächeln kann (^^ = 0^)' ^^^ lehe, wie es die Umstände
wollen, wie einer ohne Heim. Alle andern haben mehr als sie brauchen,
ich aber stehe vereinsamt da, wie ein verlorenes Wesen. Mein Herz ist das
eines dummen Menschen! alles ist mir so vage und verschwommen. Die
Menschen aus dem Volke haben einen klaren Geist, während in mir allein
Dunkelheit herrscht; sie sind scharfsinnig, während in mir allein alles
Trübsal ist. Ich werde umhergeschleudert wie auf hoher See; ich treibe hin
und her, ohne Ruhestätte. Alle Menschen haben ihre Beschäftigungen, nur
ich allein bin dazu nicht geschaffen und bin dem Paria gleich. Ganz abseits
stehe ich von den anderen Menschen, aber mir ist fes das höchste Gut, mich
von meiner Mutter (dem Weltall, dem Tao) zu nähren.
Auch von Se-ma Ts'ien erfahren wir, daß Lao Tsö
von der Welt abgeschieden lebte. Dieser schreibt (Si Ki;
Kap. 63):
93
^
Konfuzius war nach Tsou gereist, um Lao Tsö über die Lebens-
regeln (Li) zu befragen. Dieser sprach: „Ihrer Lehre nach wird, wenn der
Mensch mit seinen Gebeinen verwest ist, nur seine Lehre übrig bleiben;
ferner soll der Kiün Tsö (wie ein Großer) im Wagen fahren, wenn er dazu
Gelegenheit hat, dagegen, wenn er die Gelegenheit nicht findet, wie eine
verwehte Wüstenpflanze umherirren. Ich aber habe gelernt, daß der gute
Kaufmann seine Habe tief versteckt, und sich so den Anschein gibt, als
besitze er nichts, und daß ebenso der Kiün Tsö, der voller Tugend ist,
sich den Anschein der Dummheit gibt. Wirf deinen Hochmut und deine
vielen Bestrebungen fort, und deine Prahlsucht und dein ungezügeltes
Wollen — solche Dinge sind für deine Person ohne Vorteil. Das ist alles,
was ich dich zu lehren habe."
Konfuzius ging und sprach zu seinen Schülern: „Wir wissen es, daß
Vögel fliegen, Fische schwimmen, Vierfüßler laufen; laufenden Tieren kann
man Netze stellen, schwimmenden Schlingen legen, für fliegende Tiere mit
Zwirn versehene Pfeile machen. Aber was den Drachen anbetrifi't, so
können wir es nicht fassen, wie er auf Wind und Wolken zum Himmel auf-
steigt. Heute haben wir Lao Tsö gesehen; ist der nicht wie ein Drache?"
Lao Tsö übte das Tao und dessen Tugenden (Te*); für seine
Schule war das Hauptbestreben, sich selbst verborgen zu halten und keinen
Ruf oder Namen zu haben. Lao Tsö war ein Kiün Tsö, der in der Ver-
borgenheit lebte.
Bekanntlicli war Konfuzius ein Staatsdiener seines Heimat-
landes ^ Lu, und also, wie auch aus den harten Worten
hervorgeht, welche Lao ihm sagte, gewiß kein Eiferer für
94
eine strenge asketische Lebensführung; am allerwenigsten ein
Einsiedler. Dennoch gibt die bloße Tatsache, daß er eine lange
Reise machte, um Lao Tsö ehrfurchtsvoll zu besuchen, uns
zu denken, zumal wir noch dazu durch das Tsung Jung,
das sein eigener Enkel, der heilige Tsö-sö, schrieb, erfahren,
daß er selbst das Prinzip der Zurückgezogenheit als besonders
verdienstKch lobte. Wir lesen da:
^ il :2 . # ^ :S S: ^. tfii 1 (§§ 11 «nd 12). di« v«.
borgenheit zu suchen und da Wunderwerke zu verrichten, so daß die Nach-
kommen davon zu erzählen haben, solche Dinge tue ich nicht! Der Kiün
Tsö wandelt im Tao, und auf halbem Wege ihn zu verlassen, das kann
ich nicht! Der Kiün Ts6 hat seinen Halt am Tsung Jung (s. S. 76); sich
aus der Welt zurückziehen und sein Wissen verborgen halten, ohne darüber
Bedauern zu empfinden, o, das kann nur der Heilige. Das Tao des Kiün
Tsö spendet, aber er hält sich verborgen.
H"Ü0#^:S^:^tffii;fP(§ 33). Das Tao des Kiün
Tsö ist verborgen, dennoch glänzt es alltäglich; das Tao des geringen
Menschen aber ist sichtbar, vergeht jedoch von Tag zu Tag. Das Tao des
Kiün Tse ist die Gleichgültigkeit, und deshalb wird er desselben nie
überdrüssig.
Folgender, im Lun Jü (Kap. 8, § 13) erwähnter Aus-
spruch von Konfuzius weist auch darauf hin, daß Sucher des
Tao sich menschlicher Gesellschaft fern zu halten pflegten:
sagte: „Wer mit Ernst und Folgsamkeit das Tao der natürlichen Güte (San),
das vor Sterben schützt, zu erlernen wünscht, begibt sich nicht in einen
Staat, der gefährdet ist, und wohnt nicht in einem Staat, wo Wirren herr-
schen. Wenn Tao in der Welt herrscht, dann tritt er zum Vorschein; ist
aber kein Tao da, dann hält er sich verborgen.
I
95
Wo die heiligen Bücher selbst uns solche Aussagen von
Konfuzius vorlegen, da betrachten wir gewiß mit minder
mißtrauischem Auge ein Blatt inTsuang's Schriften (Buch 3,
bezw. Kap. 6), das uns schildert, wie ermutigend Konfuzius
seinem Jünger, dem heiligen Jon Hui, entgegenkam, der sich
durch Abtötung der Sinne und des stofflichen Daseins, ja sogar
durch Abwerfung der vier ewigen universistischen Grund-
tugenden der eigenen Schule (s. S. 24) zur Heiligkeit ausbildete:
mBmM.B,m^A^,mis.mm^oB,
m 9 « Ä 0 . 0 ^ ^ . 0 ^ :g ^ o # Ä
Jon Hui sagte: „Ich mache Fortschritte" 5 und als Tsung-ni (Konfuzius)
fragte: „Was meinst du damit?" sprach er: „Die Menschenliebe und das
Pflichtgefühl sind mir schon aus dem Gedächtnis geschwunden". „Das ist
gut", erwiderte Konfuzius, „aber du bist noch immer nicht am Ziel".
Eines anderen Tags besuchte er wieder den Meister, und sprach:
„Ich habe wieder Fortgang genommen und denke nicht mehr an die Le-
bensregeln und Musik". „Das ist ja gut", war die Antwort, „aber das Ziel
ist noch nicht erreicht".
An einem anderen Tag besuchte er nochmals den Meister, mit der
Mitteilung: „Ich hinwieder weiter vorgeschritten, und sitze und vergesse".
Jetzt ging Tsung-ni einen Schritt auf ihn zu und fragte: „Was soll da«
heißen, sitzen und vergessen?" Und nun sprach Jon Hui: „Meine Gliedei
lasse ich herabhängen, meinen Verstand stoße ich von mir, ich verlasse
mein stoffliches Wesen, werfe mein Wissen fort, und gleiche mich so der
großen Vernunft (des Weltalls) an; das nenne ich sitzen und vergessen".
Hierauf sagte Konfuzius: „Der großen Vernunft bist du angeglichen und
also hast du keine Begierden mehr; umgewandelt, hast du nicht mehr die
96
ewigen Tugenden; dann aber übertrifft deine Weisheit und Tugend (Hien)
wirklich die des K'iu (Konfuzius); ich bitte also, (als Schüler) dir folgen
zu dürfen".
Die alte universistische Heiligkeitsaskese ist also durch
die klassischen Bücher in das konfuzianische System hinein-
getragen worden. Sie gibt sich in diesen Schriften häufig kund;
es sei hier nur auf eine besonders lehrreiche Stelle hingewiesen.
Eins der" vielen klassischen Bücher, die im Li Ki enthalten
sind, trägt den Titel ^ ^ Ju6^ Ling, Weisungen für die
Monate. Angeblich ist es vom Staatsmanne § ^ J^ Lü Pu'-
wei, einem Minister des Kaisers Si Huang, verfaßt, trägt
aber an vielen Stellen deutliche Zeichen, daß es aus viel älterer
Zeit stammen muß. Es enthält Vorschriften und Regeln gemäß
dem Monat, welche der Sohn des Himmels, seine Gemahlin,
seine Beamten und sein Volk befolgen sollen, und ist also ein
Wegweiser für das T a o der Menschheit, welches dem schöpfe-
rischen Tao des Weltalls, das heißt dißm jährlichen Umlauf der
Jahreszeiten, angepaßt sein soll. In diesem merkwürdigen Buch
finden wir auch Folgendes:
^^ ■rar^J. Im Mittsommermonat endet das Länger werden der Tage; Jin
und Jang ringen dann miteinander, da liegt die Grenze zwischen Vergehen
und Entstehen.^ Dann fastet der Kiün Tse; in seiner Wohnung muß er
sich verstecken, sich nicht regen, Gesang und Geschlechtsverkehr aufgeben,
und niemand darf zu ihm eintreten. Den Genuß von schmackhaften Speisen
soll er einschränken; würzende Zutaten darf er sich nicht bringen lassen;
seine Begierden soll er zügeln und sein Gemüt und seinen Atem beruhigen.
^ Jin ist das Prinzip der Dunkelheit, der Kälte und des Absterbens;
Jang ist Licht, Wärme, Entstehung. Jin fängt also bei der Sonnenwende,
die in den zweiten Monat des Sommers fällt, Jang zu bekämpfen an
und setzt den Streit fort, bis Jang bei der Wintersonnenwende gänzlich
unterworfen ist.
97
Die Beamtenschaft soll ihr Werk in der Stille verrichten und keine Straf-
urteile vollstrecken.^
^C ?^ t^\ 9^ hA pi?* ^™ Mittwinterraonat endet das KUrzerwerden
der Tage, Jin und Jang ringen dann miteinander, und das Leben beginnt
dadurch zu keimen. Nun fastet der Kiün Tse; in seiner Wohnung soll er
sich verbergen, die Begierden des Fleisches ruhen lassen, Gesang und Ge-
schlechtsverkehr abweisen, seine Begierden bezwingen, seinem Körper und
seiner Natur Ruhe geben; sein Werk verlangt er in Stille zu verrichten.'
Tsuang Tsö stellte sich die universistische Askese als
uralt vor, denn, wie wir auf S. 103 ausführlich lesen werden,
schildert er uns den mythischen Kaiser Huang, wie er sich
drei Monate lang in die Einsamkeit zurückzog und sich da von
einem weisen Einsiedler, der auf dem Gipfel eines Berges Auf-
lösung im Weltall suchte, unterrichten ließ. In den heihgen
und anderen alten Schriften ist von Absonderung von der Welt
unter den Bezeichnungen ^,8? Tun, ^^ T^un, ^ Ji' und
^ Jin öfters die Rede, und wenngleich sich dabei nicht
immer klar ergibt, daß das universistische Prinzip im Spiele
ist, so läßt sich, wenn wir dessen Einfluß in Abrede stellen,
diese Erscheinung schwer erklären. In großer Anzahl werden
taoistische Asketen und Einsiedler in der Literatur der Han
Zeit und der ersten darauf folgenden Jahrhunderte erwähnt
und beschrieben. Viele sollen im klassischen Zeitalter, ja sogar
in der frühesten, mythischen Periode gelebt haben. Gewiß ist
vieles hieran Fabel und Erfindung; nichtsdestoweniger erscheint
es im großen und ganzen allzu klar als Überlieferung aus
einer wirklichen goldenen Zeit der taoistischen Askese. Und
so stellt uns die chinesische Literatur die Beschreibung eines
ganzen Parnaß von heiligen und halbheiligen Übermenschen
1 Man sehe auch das § ß^ ^ ^ Lü-Si Ts'un TsMu, „Lü
(Pu*-wei)'s Jahresbuch", Kap. 5, § 1.
» Ebenda, Kap. 11, § 1.
De Groot, üniversismus. •
98
zur Verfügung, von denen viele alle Zeiten hindurch bis auf
diesen Tag überall im großen Reiche ihre Tempel besessen
haben, wo ihnen Verehrung, Anbetung und Opfer dargebracht
wurden. Diese Hagiographie bietet für das Studium alter Reli-
gionen viel nützliches Material, das ganz besonders ermöglicht,
tiefer die Charakterzüge des asketischen Lebens zu erforschen,
durch welches fromme Taoisten das T a o zu gewinnen trachteten.
In dieser Heiligenliteratur werden die Einsiedler und As-
keten durchweg mit den auf S. 57 vorgebrachten Ausdrücken
bezeichnet, zumeist aber durch das Zeichen f[|j Si6n, oft auch
'^ geschrieben. Es ist aus ^, Mensch, und pj? Berg, zusammen-
gesetzt und mag vielleicht also das Leben an abgeschiedenen,
unbewohnten Orten bedeuten; ebensowohl aber kann der Be-
standteil |_L( , der San ausgesprochen wird, bloß die phonetische
Rolle im Zeichen spielen. Weder beiLao und Tsuang, noch
bei Lü Pu'-wei und in den Klassikern ist mir das Zeichen je
begegnet, und es ist demnach wahrscheinlich erst seit dem 3.
oder 2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch.
Von diesen SiSn, auch vielfach Sön, Götter, oder f\^ f[l4
§en Sien, göttliche Sien, genannt, wird erzählt, daß sie in
Höhlen und Grotten lebten, oder auch in Hütten auf den
Feldern, an Seegestaden und Flußufern, sogar in Baumwipfeln;
daß sie an der umgebenden Natur, an Wald und Feld ihre
Freude hatten und in vertrautem Verhältnis zu wilden Tieren, zu
Vögeln und Fischen standen. Wiederholt heißt es, daß sie sich
in der Lehre der Reinheit des Lao Tsö übten, woraus sich
schließen läßt, daß dieser Heilige vermutlich schon sehr früh
als Erzvater der Taoisten galt. Oft soll der Ruf von der Voll-
kommenheit solcher Einsiedler ans Ohr eines Fürsten, mitunter
sogar des Kaisers gedrungen sein, die sie daraufhin an ihren
Hof eingeladen und ihnen die höchsten Beamtenstellen an-
geboten hätten, um durch den gewaltigen Einfluß ihres Tao
das Volk zu vervollkommnen. Natürlich hätten sie diese An-
99
geböte fast immer ablehnend beantwortet und vorgezogen, ihr
ruhiges Leben bis zu einem außergewöhnlich hochbetagten
Ende zu führen. Bemerkenswert ist, daß in vielen Fällen be-
richtet wird, wie sich um einen solchen Einsiedler zahlreiche
Jünger scharten, und ftwar mitunter so viele, daß aus der Ein-
öde seiner Klause ein belebtes Dorf wurde. Man hat demnach
in diesen Einsiedlerklausen, welchen der Name 7^ ^ T s i n g
S ö, Hütten zur Verfeinerung, nämlich der Seele durch T a 0 oder
Tugend, beigelegt ist, die Urform für die in späterer Zeit,
besonders während der T'^ang-Dynastie, so häufig erwähnten
taoistischen Klöster oder ^ Kuan zu erblicken, welche Ge-
legenheit zur vollen Ausübung der Erlösungsaskese boten. Die
rechte Entfaltung eines eigentlichen taoistischen Klosterwesens
wurde jedoch durch das Eindringen des Buddhismus verhindert.
Bekanntlich fand der Buddhismus seinen Weg nach China
während der Han-Zeit, vielleicht sogar etwas früher. Vor
allem war es das Mahayäna des Buddhismus, d. h. „der große
oder breite Weg" zur Erlösung, das in China eindrang und
alle lebenden Wesen, selbst Tiere und böse Geister, durch
mehrere Stufen der Besserung leitet, bis sie den höchsten Grad
der Heiligkeit erreichen, den Zustand der Buddhas oder Licht-
götter, die Auflösung im allgemeinen Nichts (Nirwana).
Dieser breite Weg konnte beschritten werden, indem man sich
einem gewissen religiösen Leben unterwarf, das zum großen
Teil in Fleischabtötung bestand. Demnach herrschte zwischen
dem buddhistischen Mahayäna und der Lehre vom Tao des
Menschen, die ja gleichfalls die Unterdrückung der Leiden-
schaften und Sinne, das völHge Einswerden mit dem All pre-
digt, eine auffallende innere Übereinstimmung. Man kann ge-
radezu sagen, daß der Buddhismus bei seinem Eintritt in China
den Weg bereits durch den Taoismus geebnet vorfand. Er
übernahm sogar das Wort Tao, Weg, um damit seinen eigenen
Weg zum Heil zu bezeichnen. Anderseits griff der Taoismus
100
zu der naheliegenden Erklärung, daß der Buddhismus in Indien
von niemand anders als Lao Tsö selbst verkündet worden
sei, der zu diesem Zwecke eine Reise nach dem Westen unter-
nommen hätte, von der er aber niemals zurückgekehrt.^ Die
Verschmelzung beider Systeme wurd« wesentlich gefördert
durch den universellen und synkretistischen Charakter des
Mahayäna, der um des großen Zieles willen, alle Wesen zu
erlösen, von dem Gesichtspunkte ausging, daß eine Vermehrung
der Mittel zu diesem Ziel nur erwünscht sein könne, und daher
mit vollendeter Toleranz dem Tao der Taoisten innerhalb
seiner eigenen Lehre bereitwillig Raum gönnte.
Als sich dieser Verquickungsprozeß vollzog, hatte die
fremde Religion das Klosterleben im heiligen Lande ihres Be-
gründers schon zu hoher Blüte entwickelt. Da sie die Regeln
und Gebräuche dieses Lebens bereits fix und fertig mit sich
einführte, so wurde eine weitere Ausgestaltung des taoistischen
Klosterwesens überflüssig; der Weg zur Heiligkeit und Erlösung,
der durch die buddhistischen Klöster führte, erwies sich in der
Tat als breit genug für alle Menschen. Allerdings hat sich
nebenher unter dem Einfluß des buddhistischen Vorbildes noch
ein spezifisch taoistisches Klosterleben entwickelt, und so sind
in China friedlich Seite an Seite buddhistische und taoistische
Klöster zu finden, die letzteren allerdings in erheblich geringerer
Zahl. Bei dem großen Wettbewerb um das Werk der Erlösung
ist mithin allezeit bei weitem der größte Ertrag an Erlösten
durch die Kirche des Sakiamuni abgeliefert.
Das Bestreben, auf dem Weg oder Tao des Alls und
der Menschheit, mit oder ohne Loslösung von Welt und Stoff
^ Meines Wissens erscheint diese Erzählung zum ersten Male in dem
auf S. 92 f. zitierten Lebensbericht des Lao Tsö im 63. Kapitel des Si Ki.
Sie mag- vermutlich in der H an -Zeit als Mittel zur Verbreitung des Buddhis-
mus erdacht worden sein.
101
die Göttlichkeit zu erreichen, wurde stets besonders gefördert
durch die Überzeugung, daß es auch zur Verlängerung des
Lebens führt, und das irdische Dasein sich somit von selbst
zu einem langsamen und gelinden Übergang in die Ewigkeit
des Universums gestaltet. In der Tat ist das Tao der Weg
der Tugend, Tugend ist Verfeinerung (5^ T s i n g) oder Ver-
vollkommnung der Seele (Sön), und die Seele ist die Lebens-
kraft; die Schlußfolgerung muß also lauten: Tugend verbessert
und vermehrt, erhöht und erstärkt die Lebenskraft, verlängert
deshalb das Leben, bis es endgültig in die Göttlichkeit und
Allmacht übergeht.
Diese Anschauung ist natürlich alt und wird im Tao
Te' King (§ 30) in diesen Worten ausgesprochen: ^ ^ ^ij
^\ Ä Bm -^ S^^ -7* ^i ^ ^' ^^®^" ^^® Wesen nach den
Lebensjahren voller Kraft altern, so kommt es daher, daß sie kein Tao
haben , denn alles, was ohne Tao ist, nimmt ein frühzeitiges Ende.
Wir lesen auch im ^Ar^/jJaiE ^^ Tai Li Ki, den Schriften
des älteren Tai über die Lebensregeln, einem Buche, welches etwa
ein halbes Jahrhundert v. Chr. von ^^ Tai Te' verfaßt
wurde: ^^ W) fU'' BM:. ^ MM, W! Z^ mM.
P^ ^ ja Ü, MÜ S ^ Wn :y; # (§ 81); -ä«' Herrscher muß
beim Handeln sich ans Tao halten und auch im Ruhezustand sich nach
dessen Grundzügen richten; tut er das nicht, dann ist er selbst die Ursache
seines vorzeitigen Todes und daß er kein hohes Alter erreicht. Die
Lehre, ein langes Leben ist der Tugend Lohn, hat sich auch
im Konfuzianismus völlig als heiliges Dogma eingebürgert;
denn, wie wir auf S. 69 gesehen haben, steht es im Tsung
Jung geschrieben, daß nach der eigenen Erklärung des Kon-
fuzius der heilige Sun seiner Tugend nicht bloß Thron, Reich-
tum und Ruhm, sondern auch ein langes Leben verdankte.
Gewiß wird das Dogma immerhin zur Aufrechterhaltung und
Förderung des sittlichen Lebens in China Nützliches geleistet
haben, zumal ein langes Leben daselbst allezeit zu den aller-
102
größten Segnungen gerechnet wurde, welche in den Bereich
der menscfhlichen Hoffnungen fallen.
Die Überlieferung von Menschen, die durch die Pflege
des Tao eine Verlängerung ihres Lebens erzielten und am
Ende sich auflösten in der Ewigkeit des Alls, reicht ohne
Zweifel in sehr frühe Zeiten zurück. Tsuang schildert uns
einen solchen, an den der heilige Kaiser Huang aus der my-
thischen Vorzeit sich um Belehrung wandte, und ersann dazu
die folgenden Zeilen, die uns in die Theorie der Heiligkeits-
askese seiner Zeit einen interessanten Einblick gewähren (Buch 4,
bezw. Kap. 11):
mm^o'^z^'i^o-
Neunzehn Jahre lang war Kaiser Huang Sohn des Himmels gewesen,
und seine Befehle hatten den Gang der Welt, welche unter dem Himmel
liegt, bestimmt, als er von Kuang-ts'ing vernahm, der oben auf dem
K'ung-tung wohnte. Da machte er sich auf, ihn zu besuchen, und
sprach zu ihm: „Ich habe gehört, daß du, mein Weiser, das höchste Tao er-
gründest, und möchte mich unterfangen, dich über die Verfeinerung (^Fm
Tsing) zu befragen, die der Besitz des höchsten Tao verleiht; ich wünsche
nämlich mir die Verfeinerung des Weltalls anzueignen, auf daß ich im-
stande sei, das Wachstum der fünf Feldfrüchte zu fördern und so mein Volk
zu ernähren. Auch möchte ich Macht über Jin und Jang ausüben und
so mir alles Lebende folgsam machen. Was soll ich beginnen, um diese
Ziele zu erreichen?"
Mm'f'B,mmw:m^!i^ZM^.m^)i
'^'^^mzm^.^mi^^r-.mmi^mm
mm.M^z^mmmm.BMZit^^mM^o
103
ts'ing- erwiderte: „Die Belehrung-, welche du verlangst, bezieht sich also
auf rein stoffliche Angelegenheiten, und die Macht, welche du dir wünschest,
richtet sich gegen stofflichen Verfall und Tod, und zwar weil, während du
die Welt regierst, die Wolken bereits, bevor sie sich noch genügend ver-
dichtet haben. Regen herniedersenden, und also die Gewächse und Bäume
ihre Blätter fallen lassen, bevor sie gelb geworden sind, so daß das Licht
von Sonne und Mond mehr und mehr ödes Land bescheint. Du bist also
ein berechnender Mensch mit dem Herzen eines Schlaukopfs — bist du es
also wert, daß ich dich über das höchste Tao belehre?"
Und Kaiser H u a n g zog ab. Er warf die Regierung der Welt von
sich, baute sich eine alleinstehende Hütte, schlief da auf nacktem Stroh
und verweilte in ihr drei Monate lang. Dann machte er sich abermals auf,
um den Weisen zu besuchen. Kuang-ts'ing lag darnieder, mit dem
Haupt nach Süden gewandt. Gehorsam und unterwürfig kroch der Kaiser
Huang auf den Knien zu ihm hin, beugte sich mehrmals und machte
Stirnaufschläge; dann sagteer: „Ich habe vernommen, daß du, mein Weiser,
das höchste Tao durch und durch erforscht hast; ich unterfange mich,
dich zu fragen, wie ich über meinen Leib herrschen soll, auf daß er ewig
bestehe." Da regte sich Kuang-ts'ing, erhob sich und sprach: „Fürwahr
eine gute Frage! Komm her, ich will vom höchsten T a o zu dir reden."
mM.zm^mm^.^uzm^^m
iKAnm^zf^^.m.mmmzM^^^i^
104
Die Verfeinerung, welche der Besitz des höchsten T a o verleiht, ist
einsamste Einsamkeit und dunkelste Finsternis; das höchste des höchsten
T a o ist dunkelstes Dunkel und stillste Stille. Nichts ist da zu sehen, nichts
zu hören; sie hüllt die Seele in Schweigen, und der stoffliche Körper wird
dadurch von selbst in den richtigen Zustand versetzt. Sei also still und
schweigsam und werde dadurch rein; strenge deinen Körper nicht an und
bewege also deine Verfeinerung nicht — denn das ist das Mittel, wodurch
sich dein Leben verlängern kann. Wenn dann deine Augen nichts mehr
sehen, deine Ohren nichts mehr hören, dein Herz nichts mehr fühlt, dann
wird deine Seele (S e n) deinen Körper bewahren und dein Körper wird
dann ewig leben. Hüte also ja, was in dir ist, und laß nichts herein, was
draußen ist, denn Vielheit der Empfindungen gereicht zum Verderben. Dann
will ich dich hinter mir hinaufführen über das große Licht (der Sonne), wo
wir die Urquellen des höchsten Jang erreichen; dann will ich dich ge-
leiten zur Pforte der Einsamkeit und der Finsternis bis an den Ursprung
des höchsten Jin; dort herrschen Himmel und Erde, dort wird alles im
Jin und vom Jang aufgenommen. Überwache aber mit Sorgfalt deinen
Körper, damit dein Stoff von selbst kräftig und dauerhaft werde. Ich selbst
habe diese Disziplin in vollem Umfange geübt und ihre harmoniöse Wir-
kung in mir festgelegt ; demzufolge habe ich zwölf hundert Jahre lang meine
Person pflegen können, und noch immer nicht fängt mein stofflicher Körper
zu verfallen an."
mnm. m^ ^m Bum A^ i>x%mo n^
mi±.Ammz?^,i>immmzmo^m
"^^oA^^nmnn^^o
Kaiser Huang verneigte sich und machte Stirnaufschläge und er
sprach: „Kuang-ts'ing der Weise, der ist ein himmlisches Wesen!" Der
andre versetzte: „Komm, ich habe dir noch mehr zu sagen. Dieser Stoff
105
besitzt eine endlose Dauer, und doch glaubt jedermann, daß er enden
müsse; unergründlich ist er, dennoch meint jedermann, er müsse ein letztes
Ende haben. Wer mein T a o erlangt, der vermag hoch oben Kaiser und
hier unten Herrscher zu sein; aber wem es nicht gelingt, mein Tao zu er-
langen, der wird das Licht nur über sich sehen und hier unten Erde
werden. Alle Wesen, die von der Sonne beschienen werden, sind aus Erde
entstanden und kehren zur Erde zurück; — ich aber werde, sobald ich
dich verlasse, durch das Tor zur Unendlichkeit eingehen und in den Re-
gionen des Grenzenlosen wandern. Dort werde ich mit dem Glanz von
Sonne und Mond verschmelzen ; dort werde ich so ewig bestehen wie
Himmel und Erde; was mir dort nahe ist, wird mir verschollen, was mir
fern ist, auch geschwunden sein. Das Menschtum wird einmal vernichtet
uud tot sein, allein ich werde dann leben."
Langlebigkeit; die schließlich in völlige Verschmelzung
mit der unendlichen Leere des Weltalls übergeht und ein Be-
stehen gewährt so ewig wie die des Weltalls selbst, das war
also das Ideal, der transzendentale Traum der Schwärmer der
Erlösungsaskese. Eine eigentümliche Verkörperung dieses Ideals
bildet in Chinas Literatur und Kunst die sagenhafte Gestalt des
.^ ÜB. P^Sng-tsu. Sein Bild fehlt bei uns in fast keiner
Sammlung chinesischer Seltsamkeiten und ist erkennbar an der
übertrieben hohen Stirn, die ein Zeichen ungewöhnlich hohen
Alters ist, da im Alter der Haarausfall die Stirn zu erhöhen
pflegt. Dieser berühmte chinesische Methusalem soll angeblich
vom 23. bis 6. Jahrh. v. Chr. gelebt haben. Auch Lao Tsö
soll ein Alter von vielen Jahrhunderten erreicht haben.
Ziehen wir nun in Betracht, daß nach der konfuzianischen
Lehre Tao oder Tugend durch Studium der klassischen Bücher
erworben wird, und daß nach derselben Lehre die Tugend das
Leben verlängert, so folgt von selbst, daß klassische Studien
zu Langlebigkeit führen. Und so erklärt es sich, warum jeder
gebildete Chinese es für ausgemachte Wahrheit hält, daß das
Sön des studierenden Mannes, d. h. seine dem Jang des Welt-
alls entlehnte Seele, sich so sehr verfeinert, daß sie ihn vor den
lebenzerstörenden Einflüssen schützt, welche die Kwei, die
106
Geister des dem Jang gegenüberstehenden Jin, ausüben. Es
tritt nun auch klar zutage^ daß diese Auffassung sich voll-
kommen mit dem so kräftig durch TsuangTsö ausgesprochenen
alten Glauben deckt; daß Besitz des Tao unverletzbar macht
(s. S. 58 f.). Sie führt in China zu mancherlei merkwürdigen
Dingen, Anschauungen und Gebräuchen, von denen hier einige
erwähnt sein mögen.
Der gute Taoist oder Tao §i vermag böse Geister zu
verjagen einfach dadurch, daß er gegen sie bläst. In Räumen,
in denen es spukt, kann er sich ungestört aufhalten, ohne daß
ihm ein Leid geschieht. Im Gegenteil, die Gespenster legen
sich ihm sklavisch zu Füßen und flehen ihn demütig um Gnade
an. Besonders häufig werden in chinesischen Büchern die Tao
Si als Teufelsaustreiber erwähnt und ihre besonderen Kennt-
nisse der Gespensterwelt hervorgehoben. Tatsächlich hat sich
unter der priesterlichen Führung dieser Männer die taoistische
Religion in der Hauptsache zu einer Kunst der Teufelsbannung
entwickelt, die mittels der Hilfe der Sön oder Götter, welche
im Weltall naturgemäß den Kwei feindlich gegenüberstehen,
getrieben wird; denn die Priester des Tao vermögen es auch,
durch Zauberzeichnungen und Zauberworte, durch Opfer und
zeremonielle Handlungen vieler Art die Sön zur Hilfeleistung
zu bewegen, ja sogar zu zwingen. Der Besitz dieser magischen
Macht treibt natürlich die Angst und Ehrfurcht, welche die
Kwei diesen Männern gegenüber hegen, auf die Spitze. Und
so bildet in den Händen dieser Priester der Exorzismus einen
Hauptbestandteil der weißen Magie, welche der Universismus
im Laufe der Jahrhunderte zum Nutzen des Menschtums er-
funden und in das vielumfassende Religionssystem hineingebaut
hat, welches man das taoistische zu nennen pflegt.
Nicht bloß die Tao Si, auch das konfuzianische Ge-
lehrtentum verfügt über exorzistische Kraft. Jeder Gelehrte,
der sich mit den heiligen Schriften abgibt, jeder Student, ja
107
jeder Schulknabe, erlangt je nach seinen Kenntnissen einen
gewissen Grad dieser Zauberkraft, für den wiederum die auf
den staatlichen Prüfungen erworbenen literarischen Titel der
Maßstab sind. Natürliche Exorzisten von noch höherer Qualität
sind die Mandarine, und zwar weil diese theoretisch nicht nur
Auserlesene des Gelehrtentums, sondern auch Stellvertreter des
Kaisers und Träger seiner Heiligkeit und Allmacht sind und
Teile einer Regierungsmaschine bilden, die aus dem Tao und
den Tugenden des Klassizismus zusammengestellt ist. Daß
schließiich der Sohn des Himmels der mächtigste Exorzist der
Erdkugel ist, versteht sich von selbst. Geschichtsbücher be-
richten mannigfach über kaiserliche Maßregeln zur Befreiung
des Volkes vom unheilvollen Werk der bösen Geister, auch
über kaiserliche Befehle, daß die Behörden in den heimgesuchten
Gegenden den Kwei Opfer darbringen und sie dabei in des
Kaisers Namen auffordern sollen, ihr unseliges Werk zu unter-
lassen. Es liegt auf der Hand, daß von einer verhältnismäßig
viel größeren Zahl solcher Vorkommnisse keine Erwähnung zu
finden ist.
Als äußerst wirksames Mittel, zur Vertreibung böser Geister
gelten sogenannte^ Fu, Zauberzeichen, die mit eines Man-
darinen Pinsel geschrieben sind. Solche Pinsel an sich üben
schon diese Zauberkraft, weshalb sie vielfach bei Krankheits-
fällen dem Patienten aufgelegt, oder an seinem Bett oder über
der Tür seines Zimmers angebracht werden. Diener und Tra-
banten der Mandarine machen aus dem Verkauf solcher wir-
kungskräftigen Pinsel ein einbringendes Geschäft und verkaufen
sie teils direkt ans Volk, teils mittelbar an Zwischenhändler.
Namenskarten von Mandarinen, Abdrücke von ihren Amts-
siegeln, gebrauchte Briefumschläge, die solche Abdrücke tragen,
stehen als Abwehrmittel hoch im Preise, besonders wenn sie
von Unterkönigen, Provinzialoberrichtern und anderen Beamten
sehr hohen Ranges herstammen. Auch pflegt man die genannten
108
Gegenstände zu verbrennen und ihre Asche mit Wasser ver-
mengt dem Patienten zu trinken zu geben. Viele Leute halten
bei Hochzeiten den Abdruck eines Mandarinensiegels als durch-
aus unentbehrlich; um dem neuen vermählten Paar dauerndes
Glück zu sichern, und zwar soll die Braut den Abdruck während
ihrer Überführung ins Haus des Bräutigams am Gewände oder
in der Tasche tragen. Das ärmere Volk, das die teuren Schrift-
amulette hoher Mandarine nicht bezahlen kann, begnügt sich
mit solchen, die von Lehrern oder anderen geringeren Ver-
tretern des Schriftgelehrtentums herrühren. Gewöhnliche Schul-
meister werden von der Bevölkerung häufig gebeten, teuflische
Geschwüre und Beulen, die im unsauberen China unter dem
Volke, vor allem den Kindern weit verbreitet sind, mit Kreisen
zinnoberroter Tusche zu. umpinseln. In ähnlicher Weise und für
ähnliche Zwecke verwendet man sogar alte Schreibpinsel und
Fetzen aus den Schreibheften von kleinen Schuljungen, in dem
naiven Glauben, daß auch schon angehende und künftige Man-
darine und Gelehrte ebenso wie fertige Große imstande seien,
böse Geister in Furcht zu jagen und zu bannen.
Wenn der Besitz von Tao, der durch das Studium der
klassischen Schriften erlangt wird, sich al& so vortreffliches
Schutzmittel gegen böse Geister und darum als so wunder-
kräftiges Mittel für die Verlängerung des Lebens erweist, so
ist es klar, daß die klassischen Schriften selbst erst recht teufel-
austreibend wirken müssen. Und in der Tat übt nach chi-
nesischem Glauben schon die bloße Gegenwart eines Exem-
plars, eines Bruchstückes, ja eines losen Blattes eines heihgen
Buches einen gewaltigen Einfluß auf die Erhaltung von Glück
und Gesundheit aus und bildet ein ausgezeichnetes Heilmittel
gegen teuflische Krankheiten. Schon zur Han-Zeit wird er-
wähnt, daß man sich durch lautes Hersagen von Sätzen der
klassischen Schriften gegen Gefahr und Unheil zu schützen ver-
suchte. Aber auch andere geschriebene und gesprochene Worte,
109
vorausgesetzt, daß sie klassisches Gepräge tragen, vermögen
die bösen Geister zu bannen. Ist man in der Dunkelheit und
konfuzianisch gebildet, so sucht man Schutz durch lautes Her-
sagen von Stellen aus den heiligen Schriften. Vortreffliche
Dienste leistet das Hersagen solcher heilsamen Sätze auch,
um junge Kinder in Schlaf zu lullen, wenn sie schreien, weil
böse Geister sie quälen. Kein Wunder also, daß, wie Liu Ngan
mitteilt (Hung LiS'Kiai, Kap. 8), die Kwei im nächtlichen
Dunkel jämmerlich wehklagten, als der heihge ^ ^ Ts*ang-
h i S' in der grauen Urzeit die für sie so gefährliche Art des Schrei-
bens erfand, durch die die heiligen klassischen Schriften verfaßt
und alle Zeiten hindurch überliefert sind. Wohlbegreiflich sind
also die chinesischen Schriftzeichen genau so heilig und zauber-
kräftig, unheilvertreibend und segenspendend wie die klassischen
Bücher, und hieraus erklärt sich das Rätsel, weshalb es dem chine-
sischen Gelehrtentum nie hat einfallen können, die Schrift durch
eine einfachere zu ersetzen. Solch eine Tat wäre im wesent-
hchen der Abschaffung der klassischen Bücher und damit des
T a 0 des Menschen, welches sie vorschreiben, gleichgekommen,
und hätte zudem einen völligen Bruch mit dem heiligen Ahnen-
tum und ihrem für die Nachkominenschaft gestifteten Werk
bedeutet.
Daß der Kampf gegen die bösen Geister in China zu
einem vielseitigen System ausgebaut ist, welches das ganze
Volk und sein Priestertum alltäglich beschäftigt und einen der
großen Unterteile der ReHgion bildet, zeigt die ausführliche
Erörterung dieses Systems in meinem „The Religious System
of China", Bd. VI.
Das Tao des Weltalls ist Jang und Jin; der feine ()^
t s i n g), unstoffliche Teil von Jang und Jin ist der Odem des
Weltalls, der Äther, die Atmosphäre. Deshalb gestaltete sich
110
die Auflösung des Menschen im T a o des Weltalls durch Weg-
werfung des Stoffs in der Wirklichkeit als eine Auflösung in
der Luft. Die Beobachtung, daß der Mensch zu atmen aufhört,
sobald sein Leben erlöscht, führte zur Folgerung, daß der Atem
(K'i) das Leben darstellt, also tatsächlich die S6n oder Lebens-
seele ist, welche, den alten Lehren nach, der Mensch dem
Jang entlehnt, und neben welcher auch das Jin ihm eine
Seele schenkt, die Kwei heißt (s. S. 10). Und so war von
selbst auch die Lehre gegeben, daß der Mensch durch Ein-
atmen der Luft fortwährend Seelensubstanz in sich aufnimmt,
mithin durch wohlüberlegte Regelung des Atmens sein Leben
zu verlängern in der Lage ist und sogar seine endgültige
Verschmelzung mit dem T a o des Weltalls bewirken kann.
Daß so eine Regelung des Atmens gleichzeitig mit der
Seelenlehre selbst entstand und aufwuchs, läßt sich leicht ein-
sehen. Sie wird im T a o T e ' King (§6) erwähnt, und zwar
in diesen Worten:
daß man nicht stirbt, das ist das Schwarze (das Himmlische, also das Jang)
und das Weibliche (das J i n). Die Pforte für das Schwarze und das "Weib-
liche (die Nase), das ist die Wurzel des Himmlischen und des Irdischen
(im Menschen). In langen, langen Zügen (soll man atmen), als ob man den
Atem bewahren wolle, und beim Gebrauch des Atems soll man sich nicht
bewegen.
Dieser Satz ist besonders düster und hat begreiflicherweise
vielerlei Übersetzungen erzeugt. Es ist aber anzunehmen, daß
das K'ang-hi-Lexikon, welches :^ durch ^, nähren, erklärt,
recht hat und daß dieses Zeichen, weil es ku' ausgesprochen
wird, schlechtweg für eine Schreibung des gleichlautenden ^
anzusehen ist, welches Getreide bedeutet, jedoch im Si (^(jjjj?
Ode "^ ^ ) mit der Bedeutung nähren vorkommt. Das Zeichen
^, schwarz, erscheint in der Terminologie der Taoisten durch-
111
weg als ein Synonym von Himmel, und zwar weil, dem Ji'
zufolge, der Himmel schwarz ist. Und der Vergleich der mensch-
lichen Nase mit einem zweiflügligen Tor (f^) ist nicht so ge-
sucht, wie beim ersten AnbHck scheint. Die Richtigkeit unserer
Übersetzung des betreffenden Passus des Tao Te' King ge-
währleistet eine große Sammlung Notizen über taoistische Heihge,
die im 2. Jahrhundert v. Chr. durch den großen Staatsmann und
Gelehrten ^j[£i) LiuHiang geschrieben sein soll, und deren
Titel ^liflll"^ Liö' Siön Ts'uan, Berichte über die Reihen
der Sien, lautet. Da liest man von einem ^ J|J(J Jung-ts'ing,
der etwa tausend Jahre v. Chr. lebte und durch Übung der
Atemkunst i^tÜ :J^ ^ 4b> Ä ^ ;gl||jj ^ ^,^ ^^
y^ ^^, das heißt: dem Schwarzen und dem Weiblichen feinen Äther
entnahm, weil er seine Seele (Sen) nähren und unsterblich werden wollte
und somit zur Wahrung seines Lebens seineu feinen Atem sorgsam
pflegte.
Somit lehrt uns das Tao Te' King, daß die Atem-
kunst in erster Linie bezweckte, den Atem im Körper aufzu-
bewahren und festzuhalten, und daß, damit er nicht durch
körperliche Anstrengung wieder verloren gehe, die Kunst mit
der großen Naturtugend der Regungslosigkeit, des Wu-wei,
verbunden wurde. Hiernach überrascht es uns keineswegs, wenn
wir bei Tsuang Tsö lesen (Buch 3, bezw. Kap. 6): ^ ^
mittels ihrer Fersen statt, das der Menge aber mittels des Halses; d. h.
sogar bis zu den Fersen herab zieht der Heihge den Atem ein,
und er tränkt somit seinen Körper bis in die entferntesten
Stellen mit Ewigkeit und Unzerstörbarkeit verleihendem Äther.
Auch gibt Tsuang uns in den folgenden Worten einige Ein-
zelheiten über die Technik der Atemgymnastik (Buch 6, bezw.
Kap. 15):
112
-^ Öf'ffF'Hj- I^lasen und schnappen, ausatmen und einatmen, und so
den alten Atem ausstoßen und den neuen in sich aufnehmen, die Zeit hin-
bringen wie ein Bär (im Winterschlaf), (den Hals) strecken und recken wie
ein Vogel — all das bezweckt nur die Erreichung eines hohen Alters; und
das war es, was die T a o S i, welche Luft einzogen, und auch die Menschen,
welche ihren Körper nährten und die so lange wie P'eng-tsu lebten,
mit Vorliebe taten.
Dieses systematische Atmen war gewiß eine ziemlich an-
strengende Arbeit. Der Körper wurde dadurch träge, denn tiefes
Atmen macht müde und schläfrig ; aber gerade das bewies, daß
die Verschmelzung mit dem T a o eingetreten war, denn sind
nicht Stille und Schweigsamkeit, Regungslosigkeit, Unbewußt-
heit usw. die Merkmale des Heiligen?
Diese eigenartige Methode zur Erlangung des Tao wird
in der chinesischen Literatur der klassischen und nachklassischen
Zeit sehr häufig erwähnt. Daß sie tatsächlich auch in großem
Maßstabe praktisch geübt wurde, kann man aus der reichen
Anzahl technischer Ausdrücke, die zu ihrer Bezeichnung in
Gebrauch sind, herleiten. Von diesen Ausdrücken seien hier
nur die folgenden erwähnt: ^ (^) ^| tao jin, (Luft) ein-
ziehen-, ^^ se' K'i, den Atem aufsparen; j)^^ liön K*i, den
Atem läutern ; ^^ ^^ t S U K i, den Atem aufspeichern ; ^^ ^
kin K*^i, den Atem zurückhalten; ^^ t*^un K'i und [^ ^
jgn K'i, Atem schlucken; ^f^ j^ng Sön oder :^f^ ku'
Sön, die Seele nähren; ^J ä^ j^^g Seng, das Leben nähren oder
erhalten; ^^ ^jgE jang Sing, seine natürliche Anlage pflegen; ^^
^J jang S 0 U, Langlebigkeit pflegen U. a.
Schon früh wurde ein neuer Satz in die Lehre der Le-
bensverlängerung und Unsterblichkeit eingeschaltet, nämlich
der, daß die Zirkulation des Atems oder der Lebensseele durch
gesunde körperliche Gymnastik gefördert werden müsse. Der
taoistische Staatsmann Lü Pu'-wei schrieb darüber in seinem
Jahrbuch (Lü-si Ts'un Ts'iu, Kap. 3, § 2 und 3):
113
Zur Ansammlung des feinen Äthers muß der Körper eine Öffnung
haben, durch die jener eintreten kann. In gefiederten Vögeln angesammelt,
befähigt er sie, zu fliegen und zu schweben. In schnellen Vierfüßlern an-
gehäuft, läßt er sie nach allen Richtungen hin sich bewegen. In Perlen
und Jaspis verdichtet, legt er ihnen feinen Glanz bei. In Pflanzen und
Bäumen aufgespeichert, bringt er das Wachstum ihres Blätterwerks hervor.
In einem heiligen Menschen angesammelt, gibt er ihm weitsichtigen Ver-
stand . . . Bewegung ist es, die fließendes Wasser vor Fäulnis, Türangeln
vor zerfressenden Angriffen von Insekten bewahrt. Genau so ist es mit dem
Körper und mit dem Atem. Wenn der Körper ohne Bewegung ist, so durch-
strömt ihn kein Lebenshauch, und wenn das der Fall ist, wird der Atem
bedrückt. Dieser Druck kann sich im Kopf niederlassen und verursacht
dann Kopfweh und Geschwüre; oder in den Ohren, und verursacht dann
Schwerhörigkeit und Taubheit; oder in den Augen, und verursacht da Ent-
zündung oder Blindheit; oder in der Nase, und verursacht dann Schnupfen
und Verstopfung; im Leib führt der Druck zu Leibschneiden und Hartleibig-
keit; in den Füßen zu Lahmheit und Gehschwäche . . . Wenn täglich der
feine Lebensäther sich erneuert und der schlechte Atem den Körper gänz-
lich verläßt, dann kann ein Mensch so lange leben wie der Himmel selbst.
Solch ein Mensch ist ein Heiliger.
Es ist den alten chinesisclien Naturbeobachtern schwerlich
entgangen, daß die Atemtätigkeit ebenso durch zu heftige wie
durch zu geringe Anstrengung des Körpers beeinflußt wird, oder
mit anderen Worten, ebenso durch Vernachlässigung wie durch
Übertreibung des Wu-wei. Auch haben sie sicherHch be-
De Gi'oot, Universismus. 8
114
merkt, daß eine ähnliche Beeinflussung des Atems auch seitens
der Leidenschaften vorliegt, deren Regulierung, wie wir wissen
(S. 76 ff.), zum Tao führt, und sie sind so zu der Folgerung
gelangt, daß die Leidenschaftslosigkeit oder „Leere" des Welt-
alls eingeatmet und so im Körper festgelegt werden kann. Be-
greiflich ist also der folgende Lehrsatz im ^ ^ ^ ^
Ts'un Ts'iu Fan-lu, einem Werke, das im 2. Jahrhundert
v.Chr. der ^^4^^ Tung Tsung-su, ein großer Staats-
mann und Gelehrter, geschrieben haben soll (Kap. 16, bezw. § 77) :
Ist ein Mensch zu sehr erfüllt (von Leidenschaften), so kann der
Atem den Körper nicht durchdringen; ist er aber zu leer, so ist sein Atem
unzureichend. Ist er zu erhitzt, so ist sein Atem zu kalt; arbeitet er zu
eifrig, so kann er nicht einatmen; ist er zu untätig, so ist sein Atem miß-
vergnügt; gerät er zu sehr in Wut, so steigt sein Atem in ihm empor; ge-
rät er in Freude, so löst sich sein Atem auf; hat er Sorgen, so wird sein Atem
närrisch ; packt ihn Furcht, so wird der Atem aufgeregt. Das sind also zehn
Fälle, in denen der Atem ungünstig beeinflußt wird, jedesmal mangels der
Mitte (Tsung Leidenschaftslosigkeit?) und Harmonie (s. S. 76).
Also hat sich in China die Atemgymnastik zu einem förm-
lichen System entwickelt, das alle Jahrhunderte hindurch bis
auf den heutigen Tag praktisch betätigt wurde. Schon früh er-
schienen in diesem System Theorien über die Nabelgegend, die
sogenannte ^ Kuan oder wichtige Stelle, wo sich der Atem
hauptsächlich ansammeln sollte, um von da aus den Weg zu
den entferntesten Teilen bis in die Fersen zu finden. Um die
Kuan zu füllen, bedurfte es langsamen und tiefen Atmens,
das als sehr gesundheitsfördernd galt. Durch Einatmung von
viel und Ausatmung von wenig Luft ließe sich der Atem ver-
dichten (^ ^) und ein kondensierter Vorrat im Körper auf-
115
speichern; der für längere Zeit eine Atemtätigkeit überhaupt
unnötig machte, so daß* der Körper Monate, selbst Jahre hin-
durch regungslos bleiben konnte wie eine Leiche, ohne jedoch
tot zu sein. In dieser Verfassung bestand und lebte er, ohne
abgenutzt zu werden und zu altern, und benötigte auch keinerlei
stoffliche Nahrung, woraus schon zur Genüge die Göttlichkeit
des Zustandes hervorging. Erwähnt doch Tsuang, wie wir
bereits sahen (S. 59), in seiner lebhaften Schilderung der Gott-
menschen ausdrücklich, daß sie keine der fünf Feldfrüchte zu
sich nahmen, sondern nur die Luft einsogen und Tau tranken.
Und im Ta Tai Li Ki (§ 81) berichtet Tai Te' von niemand
Geringerem als Konfuzius selbst den bemerkenswerten Ausspruch:
Ä ^^f* Wffij #, ^ Ä^^ ?E ffiJ I*; -" »'»h -'
Luft ernährt, leuchtet wie ein Gott und lebt lange; wer gar nicht ißt, stirbt
nicht und ist ein Gott.
Eine allmähliche Vernichtung des stofflichen Körpers durch
systematisches Fasten und Hungern, das man Jg^ ^ pi Ku',
Enthaltung von Speisen, nannte, und ein schrittweiser Übergang
in den unstofflichen Zustand durch Einsaugung des himmlischen
Jang, aus dem alle Sön oder Götter gebildet sind — das
war also das ideale Bestreben der höchsten Geister der tao-
istischen Welt. Die Heiligenliteratur erzählt von vielen, die
durch Verbindung der Atemgymnastik mit der Hungerkur den
Körper so leicht machten, daß er in der Luft umherschweben
konnte; auch von vielen, denen es praktisch gelang, ganz ohne
irgendwelche Nahrung zu leben (^ ^^ ^ ^^ ^ >|äl^ Slf
^). Auch lesen wir da, wie man die Hungerkur dadurch
unterstützte, daß man gewisse Fruchtkerne, also verdichtetes
Pflanzenleben, im Munde hielt; ferner, daß es auch für die
Verlängerung des Lebens als sehr förderlich galt, stets mit
Sorgfalt den Speichel zu verschlucken, da dieser für eine Ver-
dichtung des Atems gehalten wurde; ja sogar, daß viele aus
demselben Grund ihren eigenen Urin tranken.
8*
116
Auch in der H an -Zeit muß das künstliche Atmen zur Ver-
längerung des Lebens sehr in Schwung gewesen sein, denn die
!^ ^J Han SU; die Geschichtsbücher der Han- Dynastie, erwähnen
viele Personen, sogar Staatsmänner und Gelehrte, die sich damit
eifrig befaßten. Voran in der Liste steht §5 jßc T s a n g L i a n g,
der heldenhafte Ratgeber des Stifters der Han-Dynastie, der
Ahnherr des 5M ^ 1^ Tsang Tao-ling, der, wie wir
im 5. Kap. sehen werden, etwa zwei Jahrhunderte später die
taoistische Kirche gründete. Auch sind von vielen Schriftstellern
der Han- Zeit, darunter Konfuzianisten allerreinsten Wassers,
Abhandlungen über die Atmungskunst erhalten geblieben. Eine
große Autorität auf dem Gebiete war ^ |^ H u a T ' o , der
um die Wende des 2. Jahrhunderts n. Chr. lebte. Wie seine
Biographie in Kap. 112b der ^*^^ Hou Han Su oder
Geschichtsbücher der späteren Han-Dynastie uns lehrt, SoU er als Arzt
und Chirurg geradezu Wunderbares geleistet haben. Er konnte
den Magen und die Eingeweide aus dem Leib schneiden, sie
rein waschen und dann wieder an ihren früheren Platz setzen,
ohne dem Patienten mit dieser Operation mehr als ein kleines
Unwohlsein zu verursachen.
n,=iBm.=Bm.mBm.s.BM.if^m
^z$k,^mn'\nMmm^.^^mmm'i^
Er war mit mehreren heiligen Büchern (des Konfuzianismus) durch und
117
durch vertraut und verstand die Kunst der Pflege seiner Natur (die At-
mungskunst, s. S. 112) so gut, daß er, schon fast 100 Jahre alt, noch das
Aussehen eines Jünglings hatte. Er sprach einmal zu Wu P'u: „Der mensch-
liche Körper will Arbeit und Bewegung haben, nur sollen dieselben nicht
bis an die Grenze des Könnens getrieben werden. Wenn der Körper in
Tätigkeit ist, verdaut er die Nahrungsstoffe, und das Blut durchströmt ihn,
so daß keine Krankheit entstehen kann, genau so wie eine Türangel, die
nie verfault (s. S. 113). Darum übten die Sien (Ylh) der Urzeit die
Kunst des Atemholens (tao-jin, s.S. 112), verbrachten die Zeit wie Bären,
indem sie gleich Eulen um sich herumblickten, ihre Lenden und Glied-
maßen streckten und einzogen und die Muskeln ihres Kuan (s. S. Il4) be-
wegten ; auf diese Weise suchten sie das Altern aufzuhalten. Ich besitze
eine Kunst, welche die Gymnastik von fünf Tieren heißt, nämlich des
Tigers, des Hirsches, des Bären, Affen und Vogels; ich wehre damit alle
Krankheit ab und außerdem fördert sie die Bewegungen der Füße, was
auf die Einatmung günstig einwirkt. Sobald ich mich unbehaglich fühle,
stehe ich auf und mache die Gymnastik eines der fünf Tiere; dann fühle
ich mich wieder wohl und schwitze; und wenn ich mich dann mit Reisstaub
bestreue, wird mein Körper leicht und wohl und ich bekomme Appetit."
Darauf übte auch Wu P'u diese Kunst, und als er mehr als 90 Jahre
zählte, war sein Auge noch klar, sein Gehör noch scharf, sein Gebiß voll-
ständig und fest.
Allezeit sind erhabene Auffassungen, wann immer der
Mensch sie zu selbstsüchtigen Zwecken hat ausbeuten wollen,
zu Albernheiten herabgesunken. So ist es auch der Lehre
der Heiligkeit und Unsterblichkeit durch Pflege der erhabenen
Tugenden des Weltalls ergangen: am Ende wurde sie zu einer
lächerlichen Lungengymnastik herabgewürdigt, womit man
einige Zimmergymnastik verband, offenbar weil dadurch die
Gedrücktheit, welche das Nichtstun notwendig hervorrief, sich
einigermaßen aufheben ließ. Die Tiergymnastik des Hua T o
ist in allerhand Gestaltungen ausgearbeitet worden, weil sie
sich urkundlich als die älteste nachweisen ließ und also durch-
weg als die allerbeste galt. Sie wird noch immer in China
geübt und gelehrt, obwohl sich im Laufe der Zeit nebenher
verschiedene andere Turnereien herausgebildet haben. Die Atem-
118
gymnastik wurde schließlich auch eine Gymnastik der Lippen
und Nasenlöcher, welche man mit oder ohne Hilfe der Finger
methodisch öffnete oder zudrückte, um das Zu- und Ausströmen
der Luft nach der Größe der Öffnung zu regeln. Man bUes
sich auch die Backen auf, ließ nach jeder langen Einatmung
die Luft durch möglichst viel kleine Ausatmungen wieder aus,
oder umgekehrt, und so wurde jeder Körperteil auf bestimmte
Art und Weise ernährt und gekräftigt. Man schloß sich dabei
auch die Ohren ab, knirschte mit den Zähnen (PP "0), hing
sich ab und zu ein wenig an den Füßen auf, usw.
Oft ist seit der H an- Zeit die Frage erörtert worden,
welches höchste Lebensalter bei richtiger Anwendung solcher
Künste erreichbar sei. Ein volles Jahrtausend hielt man wohl für
möghch, und dem Einspruch, daß die Menschen so selten ein
hohes Alter erreichten, begegnete man damit, daß sie eben nicht
imstande seien, ihre Leidenschaften zu bezwingen. Auch über
die Macht, welche die Atemkunst verleiht, ist viel geschrieben
worden. Diese Kunst sollte auch eine besonders günstige Wir-
kung auf die Kindergeburt ausüben, weil sie die Geschlechts-
kraft vor Abspannung und Erschöpfung bewahrt. Beispiele
werden berichtet, daß Taoisten noch im Alter von 200 Jahren
eine ungeschwächte Zeugungskraft und ein blühendes Aussehen
besessen haben.
Die Atemgymnastik finden wir in China auch stets den
Kranken und Schwachen empfohlen, und sie spielt mithin eine
hervorragende Rolle in der Heilkunde. Das ist allerdings voll-
kommen begreiflich; denn das Sßn, welches dem Menschen
als Seele und Lebenskraft innewohnt, ist aus dem Jang ent-
standen, und jede Vermehrung oder Verstärkung dieses Sen
durch richtiges Einatmen von Luft oder Jang des Weltalls
kann also nur zur Erhaltung und Förderung seines Lebens
und seiner Gesundheit beitragen; — außerdem sind Krank-
heiten wie alle möglichen Übel das Werk der K w e i , welches
119
naturgemäß durch das der Sön beeinträchtigt oder vernichtet
wird.
Die Autorität, welche die Atmungskunst als Mittel zur
Genesung von Kranken allezeit besessen hat, beruht nicht allein
auf ihrem ehrwürdigen Alter, sondern auch auf dem sehr ge-
lehrten Gewand, das sie sich, wie uns das allerälteste medi-
zinische Buch Chinas beweist, schon früh hat umzuhängen ge-
wußt. Dieses Buch führt den Titel ^ ^ Su Wön und
stammt angeblich vom mythischen Kaiser Huang und seinen
Ratgebern her; zwar zeigt uns der Stil, daß es wohl nicht in
der vorchristlichen Zeit abgefaßt sein kann, aber nichtsdesto-
weniger überliefert es ganz gewiß viel chinesische Wissenschaft
sehr alter Zeiten. Dort wird im 67. Kapitel ausgeführt, daß
J a n g und J i n , das T a o des Weltalls, hauptsächHch sich in
fünf 3j^ K i, Odem oder Einflüssen, äußern, nämlich Hitze oder
Wärme, Trockenheit,' Kälte, Wind und Nässe. Diese Einflüsse
walten, wie Huang von seinem weisen Ratgeber ll|^ ^Q
K'^i-po' belehrt wurde, natürlich auch in allen lebenden Wesen
und wirken auf ihr Leben bestimmend ein, je nach dem Ver-
hältnis der Mischung, in der sie auftreten. Der Osten, so führte
dieser Weise weiter aus, bringt den Wind hervor, und weil der
Osten dem Element Holz entspricht, ist es der Wind, der das
Holz erzeugt, ebenso wie das Saure, weil dies der Geschmack
des Ostens ist. Die genannten Faktoren beherrschen die mensch-
Uche Leber, da diese dem Osten entspricht; die Leber bringt
die Muskeln |hervor und diese das Herz. Ferner entspricht
auch der Frühling dem Osten und bringt alljährlich durch die
schöpferische Kraft den Pflanzen wuchs oder das Holz hervor;
im Menschen erzeugt diese Jahreszeit Weisheit und Verstand,
aber auch J^ Zorn, weil diese Leidenschaft dem Wind ent-
spricht. Und so wird es ganz klar, daß Zorn die Leber be-
schwert, und daß der Wind und das Saure auch von nach-
teihgem Einfluß auf die Leber sind. In gleich scholastischer
120
Art gab der große Weise seinem kaiserlichem Herrn auch für
die übrigen Gegenden und die Mitte des Weltalls ebenso scharf-
sinnige Kombinationen an, die sich übersichtlich in der unten-
stehenden Tabelle veranschaulichen lassen; diese Tabelle bildet
ungefähr die ganze Grundlage der universistischen Krankheits-
lehre und Heilkunde der Chinesen.
M ^ Ä, >K ^ fff Muskeln ^^
Ost Frühling Wind Holz sauer Leber """^ ^"'^ Zorn
'X "^ '^'
Blut
Süd Sommer Wärme Feuer bitter Herz "^^ ^^^^^ Freude
4» M ± -W W ^^^^'''^^ 'S
Mitte Nässe Erde süß Milz undLunge Gedanke
Haut,
Haare und
BS « m ^ ^ m
West Herbst Trockenheit Metall scharf Lungen Nieren Sorge
4t ^ Ü :^ m W 1^°-"«" ^
Nord Winter Kälte W^asser salzig Nieren ^^^ ^^^^^ Furcht
Die hier skizzierte Einwirkung der fünf Odem des Tao
der Welt auf den Menschen nennen die Chinesen 3l )M ^^
Jun, den fünffältigen Umlauf, oder 3i|| ^ jun K*^i, den Odem-
umlauf; und zwar weil die Jahreszeiten, denen sie entsprechen,
der alljährliche Umlauf von Jang und Jin sind. Man hat in
dieser Einwirkung allezeit das Urprinzip der Heilkunde er-
kannt, das vom heiligen Huang herrührt und somit von un-
anzweifelbarer Richtigkeit und Wahrheit ist. Durch das künst-
liche Atemholen werden diese Einflüsse in den menschlichen
Körper hineingeführt, und diese sichern dann, je nach den
Jahreszeiten, wie es die Tabelle angibt, die Gesundheit der
entsprechenden Körperteile und Lebensorgane, verlängern somit
121
das Leben und führen sogar zur Unsterblichkeit. Diese dem
Kreislauf der Zeit angepaßte Heilmethode eignete sich vortreff-
Hch zu einer weiten Ausarbeitung und ist in der Tat allmählich
zu einer reichen Schatzkammer von Weisheit ausgebaut worden,
die es jedem einsichtigen Menschen ermöglicht, die Geheimnisse
des menschlichen Körperbefindens im Zusammenhang mit den
wechselnden Natureinflüssen des Jahrkreises gründlich zu er-
kennen. Es wurde bei dieser Ausarbeitung noch mehr univer-
sistische Weisheit des Altertums an den Haaren herangeschleppt,
in erster Linie die Lehre, daß die fünf Elemente gegenseitig
teils zerstörend, teils erzeugend aufeinander wirken; Holz z. B.
erzeugt Feuer und besiegt Erde; Feuer erzeugt Erde (Asche)
und besiegt Metall; Erde erzeugt Metall und besiegt Wasser;
Metall erzeugt Wasser und besiegt Holz; Wasser erzeugt Holz
und zerstört Feuer, usw. In entsprechender Weise beeinflussen
mithin die anderen Faktoren, welche die Tabelle enthält^ einander.
Wenn man nun alle die Faktoren des Makrokosmos mit denen
des menschlichen Mikrokosmos vernünftig zu verbinden und ihre
Kombinationen einsichtsvoll zu verwerten versteht, dann fällt
es gewiß nicht schwer, in jedem Krankheitsfall die richtige
Diagnose zu treffen und den genauen Sitz des Leidens zu er-
mitteln, das heißt, nach chinesischer Ausdrucksweise, das Or-
gan zu entdecken, das durch ^|5 Sie oder Einflüsse, welche
dem Tao zuwider sind (s. S. 29), angegriffen ist. Die dafür
benötigten Arzneien geben Handbücher aller Art zur Genüge
an; auch die Diät des Patienten läßt sich nach den fünf Ge-
schmacksarten regeln. Einer solchen dem Tao des Universums
angepaßten Genesungs- und Nahrungsmethode muß unbedingt
Besserung und Heilung folgen, weil das Tao die Quelle des
Lebens und alles Guten ist.
Es stellt sich also klipp und klar heraus, daß die Krank-
heitslehre und die Heilkunde in China unmittelbar aus dem
universistischen Boden emporgewachsen sind. Zwar hat, wie
122
gesagt, Weisheit aller Jahrhunderte das System weit und breit
ausgebaut, jedoch dabei hat es sich nie von der uralten, heiligen
Basis losgelöst; und ebensowenig ist daneben ein anderes und
besseres System aufgekommen. Es hat geblüht, sogar üppig
geblüht, allein Frucht hat es nie getragen; und für unsere
Heilkunde ist von der chinesischen absolut nichts zu lernen.
Eins wird uns aber durchaus klar, und zwar die Tatsache, daß die
berühmten Arzte und Theoretiker, deren Werke bis zum heutigen
Tage in der medizinischen Literatur den höchsten Platz ein-
nehmen, fast ausnahmslos Tao Si waren, und daß es immer
die Tao Si gewesen sind, die in China die Heilkunde Hand
in Hand mit der Teufelsaustreiberei (s. S. 106) ausübten.
Auch die körperliche Gymnastik, welche, wie erwähnt,
schon früh zur Förderung der Gesundheit mit der Atemgym-
nastik eng verbunden wurde, ist eben aus diesem Grunde
durch den Universismus hervorgebracht worden. Sie wird meist
^'^ tso Kung, nützliche Tätigkeit beim Sitzen, genannt. Die
Lehre dieser Gymnastik regelt mit peinlicher Genauigkeit die
Bewegungen der Hände, Finger, Arme und Beine zu jedem
Atemzug und schreibt umständlich vor, wie der Leib gedreht,
der Hals gestreckt und dabei zur Förderung des Speichelflusses
die Zunge bewegt werden soll. An Körperhaltungen unter-
scheidet das System die aufrechte, sitzende, liegende, krie-
chende Haltung und unzählige Zwischenstufen. Zur Förderung
der gesunden Wirkung der Leber, des Herzens, der Milz, der
Lungen und Nieren und zur Schärfung des Gehörs, Gesichts
und Verstands gibt es besondere Übungen, die wiederum je
nach der Jahreszeit verschiedentlich ausgeführt werden. Auf
die strenge Unterscheidung aller dieser Übungen muß sorg-
fältig geachtet werden, denn was für das eine Glied oder Lebens-
organ gut ist, kann für das andere sehr schädlich sein, und
was in der einen Jahreszeit zuträghch ist, kann in einer anderen
sehr nachteihg wirken. Gewöhnlich sind die Bücher, welche
123
über die Heilgymnastik handeln, mit Abbildungen versehen,
welche die einzelnen Bewegungen und Stellungen veranschau-
lichen, und dadurch sind sie auch für alle brauchbar, die nicht
lesen können. Die Bewegungen und Stellungen tragen allerhand
Bezeichnungen, die entweder ganz phantastisch oder der Ter-
minologie des universistischen Systems entlehnt sind.
Auch die Arzneilehre ist in China aus dem Universismus
erwachsen. Sie ist sogar mit dem künstlichen Atmen verwandt,
weil man, wie die alten Schriften lehren, nicht bloß die Luft
zur Verstärkung der Seele, Verlängerung des Lebens und Er-
langung der Unsterblichkeit systematisch in den Körper ein-
führte, sondern auch allerlei andere Dinge, von denen man an-
nahm, daß sie ebenfalls besonders mit Jang behaftet seien.
Die Auffindung solcher spezifisch leben shaltiger Stoffe wird all-
gemein den Sien und Heiligen zugeschrieben, welche die
Wunderkraft derselben an sich selbst erprobten und durch ihr
langes Leben erwiesen. Viele Bäume erreichten ein enormes
Alter, scheinbar sogar die Unsterblichkeit, und zwar weil sie
spontan, regungslos, schweigsam und frei von Leidenschaften,
also vollkommen wie das T a o des Weltalls selbst, dahinlebten.
Folglich waren solche Bäume von einem ungemein starken
Sen beseelt, das sich jahrein, jahraus darin verdichtet und als
Harzstoff abgelagert hatte, und das sich besonders in dem Samen
so dicht ansammelte, daß dieser ganze neue Bäume hervorzu-
bringen imstande war. Die Lebenskraft vieler war so gewaltig
stark, daß ihre Blätter oder Nadeln sogar der kältesten Jahres-
zeit des Tods vollkommen unversehrt Trotz zu bieten ver-
mochten. Harz, Samen und andere Bestandteile solcher Baum-
arten wurden also mit besonderer Vorliebe verschluckt. Täglich
bewies die Erfahrung, daß Pflanzen aller Art Kranke zu heileu
vermochten, und daß mithin besonders viel Sön oder Jang
darin aufgespeichert lag. Und so durchsuchten Si6n und Tao
§i Jahrhunderte lang die Berge und Wälder nach solchen
124
Pflanzen; daraus Arzneien und Lebenselixiere verfertigend^ und
so wurde die Pharmakopoe Chinas unaufhaltsam bereichert^ bis
sie schließHch ihren heutigen erstaunlichen Umfang erreichte
und etwa alles umfaßte, was innerhalb des menschlichen Beob-
achtungskreises fiel. Die Art der Verlängerung des Lebens und
die Arzneikunde bildeten also von Anfang an nur eine einzige
Art; und sie ist eine einheitHch universistische oder taoistische
Art geblieben bis auf diesen Tag.
Und so kommt es, daß die vortrefflichsten Medikamente
in China durchweg )|i^ ^ S5n Jo', Sen- Arzneien, heißen, oder
^^ Ling Jo', Heilstoffe mit Götterkraft, oder f [1| ^ Siön
Jo', Arzneien der Sien. Am höchsten angeschrieben in der Arznei-
lehre standen die ewig grünen Fichten, Tannen und Zypressen,
auch der Pflaumen-, Birnen- und Pfirsichbaum, weiter der
Kassia (;j$); dem P*öng-tsu seine Unsterblichkeit verdankt
haben soll, allerhand Pilzarten, Kalmus, Chrysanthemum u. a.
Danebon kamen Gold, Jaspis, Perlen, Perlmutter und Zinnober
in Betracht. Ich verweise hier auf meinen ausführlichen Bei-
trag über diesen Gegenstand, „On amorphous Plant-spirits" in
„The Religious System of China", Bk. IV, S. 294 ff. Nicht alle
Vertreter der genannten Baumarten spendeten in gleichem
Maße Lebenskraft. Nur von wenigen Bäumen sammelten sich
die S i 6 n Samen und andere Bestandteile, welche sie selbst zur
Erlangung der Unsterblichkeit verspeisten oder wenigen Be-
vorzugten weiter verschenkten. Auch sollen derartige höchst-
klassige Wunderbäume von solchen Gottmenschen wohlwollend
gepflanzt worden sein, um der Menschheit die Unsterblichkeit
zu sichern; schade nur, daß sie so äußerst selten und über-
dies so schwer aufzufinden waren, weil sie zumeist in ein-
samen Schluchten und auf unzugänglichen Berggipfeln wuchsen,
dort, wo die Gottmenschen in Einsamkeit das Jang des
reinen Himmels atmeten. Nichtsdestoweniger ist es manchem
Liebling des Glücks gelungen, sie zu entdecken und sich
125
unsterblich zu machen. Die Früchte solcher Unsterblichkeits-
bäume pflegten sich durch außerordentliche Größe auszu-
zeichnen. Am herrlichsten gediehen sie in den Waldungen
und Hainen der j|5 3E "^ Si-wang-mu, einer geheimnis-
vollen Königin der SiÖn, die ihr Reich fern im unbekannten
Westen in einer zauberhaft paradiesischen Gegend hatte; von
dort sind bisweilen Pfirsichsteine und andere Samen nach China
gelangt und haben sich dort zu Bäumen der Unsterblichkeit
entwickelt, welche die Fabeln vielfach erwähnen und verherr-
lichen.
Der Glaube an dieses Paradies der Unsterblichen wurzelt
vermutlich im tiefen Dunkel der Vergangenheit. UrkundHch
läßt er sich nur auf das [Ij y$ ^^ San Hai King, das Buch
von Land und Meer, zurückführen, das wahrscheinlich früh in
der Han-Zeit aus allerlei alten geographischen Mitteilungen
fabelhaften Anstrichs zusammengestellt wurde. Dort lesen wir
an verschiedenen Stellen von einem im Kun-lun- Gebirge
wohnenden Wang-mu oder Si-wang-mu, der eine Krone
trug und dessen Land an schönen und kostbaren Sachen reich
war. Auch Tsuang Tsö (Buch 3, bezw. Kap. 6) erwähnt
einen gewissen Si- wang-mu, der das Tao erlangt hatte,
sagt aber weiter über diese Person gar nichts. In den sämt-
Hchen klassischen Büchern ist von diesem Namen keine Spur
zu finden. Die Auffassung, daß er eine Königin bezeichne,
beruht offenbar nur auf dem Umstand, daß Si- wang-mu
königliche Mutter des Westens bedeutet; jedoch liegt die Vermutung
ganz nahe, daß wir es hier lediglich mit der Transkription
eines Fremdwortes zu tun haben. Liu Ngan gab dem
Glauben an das Paradies des Westens festere Gestalt, indem
er im 4. Kap. seines Hung LiS' Kiai eine schwungvolle
Beschreibung von den Wundern des Kun-lun- Gebirges gab
und dabei versicherte, daß dort hoch oben die Regionen lägen,
wo nur unsterbliche und göttHche Wesen wohnten, über deren
126
Häuptern der ^1^ T ' a i T i oder Höchste Kaiser des Himmels
thronte.
Überdies findet sich in der Literatur der H an -Zeit auch
der Glaube, daß gleichartige Paradiese der unsterblichen Gott-
menschen im Osten beständen, auf Inseln weit draußen im
Ozean. Dort führte ein ^ 3E -Ä" Tung Wang Kung,
Königlicher Herr des Ostens, die Herrschaft. Offenbar ist diese Gott-
heit schlechthin als Gegenstück zur Königlichen Mutter des Westens
erfunden worden. Eine Schrift, welche den Titel -J^ ^>|'| gß
Si' Tsou Ki, Beschreibung der zehn Inseln, führt und eine Reihe
dieser Wunderinseln bespricht, hat sich bis auf diesen Tag er-
halten. Okne auf diese oder noch andere Beschreibungen näher
einzugehen, heben wir hier mit Nachdruck die Tatsache her-
vor, daß der alte Universismus auch imstande gewesen ist,
einen Glauben an selige Gefilde zu schaffen, wo die Menschen,
welche sich heihg machten, im Jan g des Weltalls ewig lebten.
Eine unabhängige Fortentwicklung dieses Glaubens wurde aber
durch die Einführung des Buddhismus beeinträchtigt, der neben
dem taoistischen Paradies des Westens sein eigenes westliches
in den Vordergrund rückte, wo Amita, der Buddha der unter-
gehenden Sonne, herrscht.
Fünftes Kapitel.
Die taoistische Kirche und ihr Oötterkult.
Der Charakter jeder Religion wird hauptsächlich durch
den Charakter ihrer Götter bestimmt. Indem wir die Grund-
züge des universistischen Systems kennen lernten, ist uns von
selbst das Wesen seiner Gottheiten klar geworden. Diese waren
von alters her (s. S. 12) die lj0 Sen oder Unterteile des Jang,
welche als Kräfte und Erscheinungen im Weltall wirken oder
die verschiedenen Unterteile des Weltalls beseelen; im wesent-
lichen sind also die Weltteile selbst Gottheiten, weil sie sich
nur in solch einem beseelten Zustand denken lassen. Mit dem
vollsten Rechte kann man deshalb die chinesische Religion einen
polytheistischen Naturismus heißen. Als aber die
menschliche Heiligwerdung und Vergöttlichung, welche wir
kennen gelernt haben, erfunden war, wuchs die Zahl der chi-
nesischen Gottheiten ins Ungeheure. Jedes Jahr führte den
Sphären der Göttlichkeit neue Scharen von f[Ij SiSn und
Heiligen zu, die zwar zum größten Teil bald wieder in Ver-
gessenheit gerieten, allein auch zum Teil Gegenstände mensch-
Hcher Verehrung bheben, sogar bis auf diesen Tag. Die S i ö n
werden, wie wir auf S. 98 betonten, in den klassischen Büchern
gar nicht erwähnt, wahrscheinlich weil sie erst kurz vor der
Han-Dynastie hervortraten oder erfunden wurden. Ihnen ist
also im Pantheon des Konfuzianismus kein Platz gewährt; aber
128
im übrigen ist die universistische Götterwelt Gemeingut des
taoistischen wie des konfuzianischen Systems.
Anthropotheismus und Anthropolatrie : Vergöttlichung und
Verehrung des Menschen, sind mithin wesentliche Merkmale von
Chinas universistischer Religion. Verehrung der Verstorbenen
durch ihre Nachkommen mag wohl eine der ältesten Religions-
formen der* Menschheit sein. Sie wird in den klassischen Büchern
so häufig und so umständlich erwähnt, daß es sich nicht in
Zweifel ziehen läßt, daß sie im alten China die Hauptinstitution,
der Kern des religiösen Lebens war. Sie war eine logische
und natürliche Fortsetzung der Verehrung, welche die Eltern
bereits zu ihren Lebzeiten zu beanspruchen berechtigt waren,
weil die Natur oder Weltordnung selbst sie zu den ersten
Häuptern der Menschen machte. In China war zu allen Zeiten
das Familien- und Stammleben patriarchalisch organisiert. Dem-
nach ist jedes Kind der völligen Gewalt seines Vaters unter-
worfen und schuldet ihm das Höchstmaß von Unterwürfigkeit,
Gehorsam und Ehrfurcht, das der Chinese mit dem Ausdruck
^i H i a 0 bezeichnet. Diese Verpflichtung verbietet den Kindern
ohne Rücksicht auf ihr Alter, sich der väterlichen Macht zu
entziehen, und hat zur Folge, daß ein Verlassen der Familie
seitens der Kinder nur ausnahmsweise stattfindet. Durch die
Ehe der Söhne und Enkel entstehen immer wieder neue Ge-
nerationen, und die Familie entwickelt sich zu einem ^^ Tsu'
oder Stamm, dessen Häuptling der älteste Famihenvater ist, dem
gegenüber die sämtlichen Mitglieder des Stammes ebenfalls das
Hiao schuldig sind. Während der Stamm durch Kinder-
geburt immer neuen Zuwuchs bekommt, stirbt er oben all-
mählich ab. Jedoch die Toten trennen sich nicht von ihm.
Auch im Jenseits fahren sie damit fort, ihre Herrschaft aus-
zuüben und ihren segnenden Willen walten zu lassen, und die
Nachkommen wagen es nicht, ihnen gegenüber die Pflichten
des Hiao zu vernachlässigen. Ihre Seelen, durch Holztafeln
129
mit ihren Namen darauf vergegenwärtigt, finden auf dem Haus-
altar und im Ahnentempel ihren Platz und werden daselbst
getreu verehrt, zu Rate gezogen und durch Speisenopfer ehr-
furchtsvoll ernährt. Und so bilden Lebende und Tote zusammen
einen größeren Stamm, der ^ Tsung heißt. Gleichwie zu
ihren Lebzeiten sind die Ahnen die natürlichen Schutzherren
ihrer Nachkommen, von denen sie die schädlichen Einflüsse
böser Geister fernhalten, und denen sie dadurch Glück, Wohl-
fahrt und Kinderreichtum sichern.
Ahnenkult geht also aus dem natürlichen Lauf (Tao) des
menschlichen Zusammenlebens von selbst hervor und stimmt
sonach vollkommen zum universistischen System, dessen Alpha
und Omega freilich des Menschen völlige Anpassung an die
Natur ist. Somit tritt klar zutage, daß er im Leben der Völker
des fernen Ostens eine hervorragende Rolle spielt und sich mit
der Lehre der Heiligkeit und Göttlichkeit des Menschen völlig
deckt. Und da die klassischen Schriften ihn an zahlreichen
Stellen erwähnen, vorschreiben und preisen, so bildet er gleich-
zeitig einen integrierenden Bestandteil der konfuzianischen
Staatsreligion — was wiederum die enge Verwandtschaft dieser
Religion mit dem Taoismus stark zum Ausdruck bringt.
Da die Gottwerdung des Menschen in seiner Einswerdung
mit dem Jang des Himmels besteht, so werden die Götter
natürlicherweise als Bewohner der himmlischen Sphären ge-
dacht, wo sie sich um den Thron des höchsten Gottes scharen,
nämlich des Himmels selbst, den die Schriften der alten Zeit
^Is Jt*^ Sang Ti, Oberster Kaiser, bezeichnen. Sein Thron
ist der Polarstern, um den sich das ganze Himmelsgewölbe
dreht. Daherum gruppieren sich die Götter der Sonne, des
Mondes, der Sterne und der Sternbilder, des Windes, der Wolken,
des Donners und Regens. Sie werden alle abgebildet in mensch-
hcher Gestalt, in stattlicher Haltung, in höchster Ruhe; denn
„Regungslosigkeit" und „Stille" sind die großen Eigenschaften
De Groot, Uuiversismas. 9
130
des T a 0 und mithin auch die der Wesen^ welche die spontan
wirkenden Kräfte der Weltordnung sind. Dasselbe gilt natür-
lich für die unzähligen Menschen, die sich durch Aneignung
der Eigenschaften des Tao die Göttlichkeit und damit einen
Platz auf dem himmlischen Parnaß erworben haben. Ruhelosig-
keit und Hast, Streben und Streiten gibt es dort nicht; allein
tief unten, in der von Menschen bewohnten Welt, führt eine
^^ T^iÖnPing oder himmlische Kriegsmacht, von 36 ^ ^
Tsiang Kiün, Heerführern, oder ^ j|^ T'^ien Tsiang, himm-
lischen Anführern, befehligt, dauernd die Waffen gegen die bösen
Geister, die Kwei, zum Schutz und Heil der Menschheit. In
der taoistischen Religion spielen diese Heerscharen eine besonders
hervorragende Rolle. Wie bereits hervorgehoben (S. 106), nimmt
der Exorzismus in dieser Religion einen Hauptplatz ein und
wird vornehmlich durch Zauberei ausgeübt, welche die Götter
zur Hilfeleistung gegen die Kwei treibt. Diese Götter nun
sind stets in erster Linie die himmlischen Heerführer. Mit
den von ihnen befehligten Heerscharen sind sie deshalb in der
Hand der Tao §i das allerwichtigste Zauberwerkzeug zur
Förderung menschlichen Wohlseins, das besonders bei Epi-
demien kräftig in Anwendung tritt.
Der höchste Gott der taoistischen Religion ist ^ j^ ^ ^,
die feine, ätherische Seele von Himmel und Erde, tt* "bh ^ ^. der
himmlische König des Uranfangs, der den unerklärten Namen ^ "^
P'an-ku trägt. Als das Chaos noch die Gestalt eines Hühner-
eies besaß, schwebte diese Gottheit darin bereits umher; Jang
und Jih hatten sich damals noch nicht voneinander getrennt
und Himmel und Erde, Sonne und Mond waren mithin noch
nicht entstanden. Den Besitz dieses kostbaren Dogmas ver-
dankt die taoistische Welt ihrem großen und weisen Meister
^^^ Ko' Hung, der es im 4. Jahrhundert n. Chr. nieder-
schrieb in einer kleinen Schrift, welche als ^ 4^ ^ T s e n
tsung §u, das Buch im Kopfkissen, bekannt ist, das stets als
131
Autorität ersten Ranges auf dem Gebiete der Theogonie und
Kosmogonie gegolten und immer einen hohen Platz in der
heiligen Schrift der Kirche eingenommen hat. Sie belehrt uns
auch hinsichtlich des Entstehens weiterer Hauptgottheiten der
taoistischen Kirche. Nachdem Jang und Jin sich endgültig
voneinander losgetrennt hatten, Heßen die Felsen Blut hervor-
quellen, und dadurch entstanden die Gewässer, worin die Ur-
tierweit ihren Ursprung nahm. Hoch über dem Zentrum des
Himmels thronte damals der P'^an-ku auf dem 3£ Ä l-U
Ju King San, Berg der Hauptstadt von Jaspis. Da erzeugte er die
"JStjÜ^jk T'^ai Juan ju' Nu, Jaspisfrau der Allschöpfung,
die alles gebärende Erde; er erhob sie zur Gemahlin und
schenkte ihr den Titel ^fc 7C Me "^ T'ai Juan sing Mu,
Heilige Mutter der Allschöpfung. Damit war die harmonische "Wir-
kung von Jang und Jin, also von Wärme und Kälte, Licht
und Finsternis, dargestellt; ^ # — JL^ ;^ ^ ilfe # — 0 ^,
der Himmel erlangte seine Einheit und dadurch seine Reinheit, die Erde
erlangte ihre Einheit und dadurch ihre Ruhe; dieses Begebnis be-
deutete also die y^ ^^ ^ J^, Entstehung des großen Tao, das
Walten der Weltordnung, die alljährliche Schöpfung.
Aus dem kosmischen Ehepaar wurden dreizehn ^ ^
T'iSn Huang, himmlische Kaiser geboren, die 36.000 Jahre
lang regierten, und außerdem noch der auf S. 126 erwähnte
Tung Wang Kung, der Königliche Herr des Ostens, der auch
7Ij »W ^ Juan Jang Fu, Vater des schöpferischen Jang, heißt,
sowie die ebenda genannte Si Wang Mu, die Königliche Mutter
des Westens. Die himmlischen Kaiser erzeugten dann elf j^ ^
Ti Huang, irdische Kaiser, von denen jeder 36.000 Jahre herrschte;
sie sind es, die das „Tao der Menschheit" gründeten. Ihre
Nachkommen sind die ältesten Kaiser Fu'-hi, Sön Nung,
Huang (S. 72), j|{l g^ Tsu'-jung und ^^ äao Hao,
die bezw. den Osten, den Süden, die Mitte, den Westen und
den Norden des Weltalls vertreten und die Vorgänger von J a o
9*
132
und Sun waren. Durch sie wurde das Tao der Menschheit
den Stiftern der Dynastien Hia, Sang und Tsou vermacht,
von denen jeder es seinen kaiserlichen Nachkommen übertrug;
und so wurde sein Besitz durch die klassischen Schriften auf
ewig der Menschheit gesichert.
Vom Anfang der Schöpfung an haben somit P*^an-ku
und seine Gemahlin als höchste schöpferische Gottheiten oben
in den __tl*^^ Sang Ts'ing Kung, den höchsten Palästen
der Reinheit; gethront. Das ^ ^ K i n K *^ u e ' oder goldene Turm-
paar, welches den Eingang zum zentralen Palaste bildet, wird
von Lao Ts6 verwaltet; in der Tat hat dieser Heilige zum
ersten Male der Menschheit die Mittel zur Erlangung der Un-
sterblichkeit und Göttlichkeit durch das Tao Te' King ver-
kündet und ihr somit die Pforte zum Eljsium erschlossen. Ein-
undachtzigmal zehntausend Wege entstrahlen von der „Hauptstadt
von Jaspis" und führen nach ebensovielen Bergen, Hügeln
und Grotten hin, welche den Legionen von Heiligen, die das
Tao erreicht haben, als Wohnstätten dienen. Die höchsten
dieser Siön bekleiden himmlische Amter und erscheinen all-
täglich dreimal vor dem Königlichen Herrn des Ostens, der
Königlichen Mutter des Westens und Lao T s 6 zur Audienz,
losgelöst von allen Distanzbegriffen, denn ihnen sind Myriaden
von Meilen nur ein einziger Schritt. Und dreimal monatlich
machen sie sich zu einer Audienz bei P'^an-ku auf. Dieser
hat überall seine Könige, Vasallen und Minister. Auch der aller-
heiligste Konfuzius bewohnt dieses Elysium, und zwar als
^^ifcSJtÄ'Ä' T'ai Ki' sang tsSn Kung, Allerheiligster
Herr des T'ai Ki* (s. S. 7).
Es ist klar, daß diese Theogonie schlechthin eine Aus-
arbeitung der ältesten Begriffe über das Weltall ist, welche
wir schon kennen gelernt haben, und nur bezweckt, derselben
festere Gestalt zu verleihen. Deshalb ist es nicht unwahrschein-
Hch, daß sie bereits in der Han-Zeit dem taoistischen Ge-
133
dankenkreis angehörte, denn, wie wir gesehen, hatte sich in
dieser Periode der Taoismus zu einer vollständigen Religion
entwickelt, die ihre Lehren über Heiligkeit und Göttlichkeit
besaß, Askese, Sittenlehre, Paradiese, Lehrer und Jünger, welche
kleinere oder größere Gemeinden bildeten. Es steht sogar ur-
kundlich fest, daß bereits im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung
diese Religion die Gestalt einer organisierten Kirche mit hierar-
chischer Gewalt besaß.
Mit dieser Kirche ist der Name ihres Stifters TsangLing
5S (^ oder 5ß^[^ Tsang Tao-ling untrennbar ver-
bunden. Dieser wird im 4. Kapitel der Hagiographie, welche
den Titel jjj^ fll| f^ Sön Sien Ts'uan, Berichte über Götter
und Sien, trägt und von Ko' Hung verfaßt sein soll, aufge-
führt als ein mit großer Zauberkraft begabter Taoist, der in
der Teufelsbannung und Krankenheilung äußerst bewandert
war und sich sehr darauf verstand, sich die Götter dienstbar
zu machen und Lebenselixiere zu brauen. Lao TsS selbst soll
ihm den Auftrag erteilt haben, die alte universistische Lehre und
Disziplin zu einer Kirche zu gestalten; somit ist die Leitung
dieser Kirche heiliges Vermächtnis seiner Nachkommenschaft
geblieben, die bis auf den heutigen Tag das jeweilige Ober-
haupt der Kirche, den sogenannten ^ ^j^ T ' i S n S i oder himm-
lischen Lehrmeister, gestellt hat. Der Sitz dieses Apostolats befindet
sich in der Provinz Kiang-si, im Kreise ^]^ Kwei-k'i,
an derselben Stelle, wo dermaleinst Tsang Ling seine Lebens-
elixiere bereitete und ins Azurblau des Himmels emporstieg.
Aus den Geschichtsbüchern der Han-Zeit erfahren wir,
daß Tsang Ling in der jetzigen Provinz S6-t§ uan über
seine zahlreichen Anhänger eine halb weltliche, halb geistliche
Verwaltung führte, mit eigenem Steuerwesen und einer reli-
giösen Disziphn, welche hauptsächHch auf Selbsterniedrigung
vor den hohen Mächten des Weltalls und auf Sündenbeichte
beruhten. Weiter lesen wir da, daß er die Verwaltung dieses
•
134
religiösen Staats seinem Soline 5B^ Tsang HSng ver-
machte; von dem uns nichts Weiteres gemeldet wird; als daß
er die Verwaltung seinem Sohne SB'© Tsang Lu hinterUeß.
Dieser dehnte seine Herrschaft bis in die Provinz S6n-si aus.
In seinem Staatswesen spielten die bösen Geister als Vollstrecker
des himmlischen Strafgerichts eine wichtige KoUe; man pflegte
die Wohltätigkeit, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, die freiwillige
Sündenbeichte; man strafte nur diejenigen; welche sich zum
vierten Male eines Verbrechens schuldig machten. Ausschließ-
lich weltliche Obrigkeiten gab es nicht; nur geistliche.
Außer Täang Lu beschäftigten sich noch zwei Apostel
mit der Bekehrung und geistlichen Organisation des VolkeS; näm-
lich 5gf^ Tsang Siu und gg ^ Täang Kio'. Das reli-
giöse Reich des erstgenannten verschmolz sich bald mit dem
des Tsang Lu; dem des T§ang Kio'; welches sich ^fc ^
^j5^ T*^ai P'ing KiaO; die Religion des höchsten Friedens, nannte,
wurde ein tragisches Ende zuteil. Im Jahre 184 klagte ein
Abtrünniger ihn und seine Kirche wegen Empörungsplänen
gegen die regierende Dynastie an. Eine blutige Verfolgung
brach loS; gegen die sich die Anhänger der Kirche selbstredend
zur Wehr setzten — und bald war das große Reich fast in
seiner ganzen Ausdehnung ein Schauplatz des Hinschlachtens
und der Verheerung. Nach vielen Jahren war dieser Aufstand,
den die Geschichtsschreiber den Aufstand der ^ fjj H u a n g
Kin oder Gelben Kopftücher nenneU; in Strömen von Blut er-
stickt, jedoch auch die Han-Dynastie selbst dem Untergang
nahe geführt. Sogar noch im Jahre 207 finden wir in den Ge-
schichtsbüchern die Gelben Kopftücher erwähnt; was wohl be-
weist; wie groß der Anhang und die Kraft der taoistischen
Kirche damals waren. Soweit sich urkundlich nachweisen läßt,
ist dieser lange Krieg der erste; den in China die Reichs-
regierung zur Vertilgung einer Religionsgenossenschaft geführt
hat. Viele andere sollten ihm im Laufe der Jahrhunderte folgen.
135
wie ich in meinem „Sectarianism and Religious Persecution in
China" ausführlich beschrieben habe.
Es scheint, daß die Gelben Kopftücher die Kriegsmacht
der H an- Dynastie so völlig beschäftigten, daß sie sich nicht
gegen Tsang Lu und seine in Sö-ts'uan und Öön-si ge-
festigte Kirche zu kehren vermochte. Dennoch machte er nicht
mit ihnen gemeinsame Sache, wahrscheinlich weil er dadurch
wenigstens seine eigene Kirche vor Vernichtung zu bewahren
hoffte. Der Dynastie kam das sehr gelegen; sie erkannte ihn
als Herrscher seines Religionsgebiets an, verlieh ihm dazu hohe
Titel und legte ihm nur die Verpflichtung auf, sich durch
Zahlung von Tribut zu ihrem Lehnsmann zu machen. Im
Jahre 215 unterwarf er sich dem Feldherrn Wfö Ts'ao
Ts'ao, dem es gelang, die Han-Dynastie zu stürzen und sich
als Kaiser auf den Thron zu setzen. Dieser Stifter 'der ^
Wei- Dynastie schenkte ihm und seinen Söhnen hohe Ehrentitel,
und so wurde er neben seinem Großvater Tsang Ling der ruhm-
volle Patriarch der Tsang -Familie, in der, wie schon gesagt, das
Pontifikat der taoistischen Kirche sich bis heute erhalten hat.^
Die Klöster dieser Kirche bezweckten begreiflicherweise
stets in erster Linie, den Tao Si, welche sie bewohnten, die
Gelegenheit zu bieten, durch die asketische Lebensweise und
andere Mittel, die uns ^bekannt geworden sind, sich zur Gött-
hchkeit und Unsterblichkeit emporzuarbeiten. Sie bildeten also
den Vorhof des himmlischen Paradieses und gestalteten sich
deshalb wie dieses Paradies selbst, insofern hier die Bilder der
hohen Gottheiten des Weltalls in größeren und kleineren Sälen
und Kapellen thronten. Dadurch war diesen Gottheiten die Ge-
legenheit geboten, ihre Seele von sich selbst darin hinabzusenden,
vornehmlich wenn die Mönche sie durch Opfer und andere
^ Die Quellenberichte über die Stiftung der taoistischen Kirche wurden
Von mir in Übersetzung veröffentlicht in den „Transactions of the 3rd Inter-
^national Congress for the History of Religious" at Oxford, 1907, Bd. I, S. 138.
136
Feierlichkeiten, Zauberzeichnungen und Zauberworte dazu ein-
luden und zwangen. Durch die Anwesenheit so vieler Götter-
kraft waren die Klöster Brennpunkte himmlischer Reinheit, von
denen fortwährend Segen und Glück ausstrahlten. Um diese
für die umwohnende Menschheit so heilsame Wirkung sicher-
zustellen, dienten jährlich zu festen Zeiten wiederkehrende und
auch außergewöhnliche Opferfeste, vereint mit Zauber- und
anderem Ritual, das im Laufe der Zeit in verschiedenen Formen
erfunden und in der Liturgik der Kirche niedergelegt wurde.
Es hat sich aber dieses Klosterwesen nie besonders aus-
dehnen können, weil es dem Wettbewerb mit dem Buddhismus
nicht gewachsen war (s. S. 100) und ihm eine feindlich gesinnte
konfuzianische Staatsregierung gegenüberstand. Somit existieren
heutzutage in China nur noch wenige Kuan von ansehnlicher
Größe und Bedeutung. Alle Zeiten hindurch lebten die Tao
Si wie heute, hauptsächlich in der menschlichen Gesellschaft,
in gewöhnlichen Häusern, verheiratet wie jedermann und Kinder
erzeugend. Sie leisteten der Laienwelt gegen Bezahlung Priester-
dienst beim Darbringen von Opfern, beschwörten für sie die
Götter herab, bannten die Teufel aus und verhalfen dadurch
den Kranken zur Genesung. Sie beschwörten Seuchen und
Pestilenz, Dürre und Hungersnot, erstickten Feuersbrünste,
hemmten rasende Flüsse, dämmten Überschwemmungen ein,
zauberten Wolken und Regen hervor. Der alten Lehre ent-
sprechend, daß der Besitz des Tao Zauberkraft verleiht, war
die Magie allezeit das Rückgrat der taoistischen Religion und
bedingte immer die Berufstätigkeit ihres Priestertums. Sie
durchläuft wie eine Schlagader den Körper des kirchlichen Ri-
tuals, welches im großen und ganzen die Vernichtung von bösen
Geistern und die Sicherung der Hilfe der Gottheiten bezweckt.
Diese Magie wird hauptsächlich mittels Zauberzeichnungen oder
^ Fu und Zauberworten oder 5l Tsou getrieben, deren
Kraft angenommenermaßen keine Grenzen hat; sie drücken
137
vielfach Befehle von Lao Tsß und anderen hohen Göttern
auS; denen nichts widerstehen kann. Mittels solcher Zeichnungen
und Worte werden die Götter gezwungen, den priesterlichen
Wünschen nachzukommen, böse Geister und ihr Werk zu ver-
nichten. Wo immer Unheil abgewendet oder Glück herbei-
beschworen werden soll, läßt man von den T a o Ö i einen Altar
errichten, mit gemalten Bildern der Götter umhängen, mit vier-
eckigen Kartons, welche Namen und Titel von Göttern tragen,
schmücken, mit Blumen, Kerzen und Weihrauchgefäßen aus-
statten; dann werden Opferspeise, Tee und Wein darauf ge-
setzt. Der Wohlgeruch des Weihrauchs und der Speise lockt die
unsichtbaren Götter herbei;' iFiguren, z. B. von Sänften, Trägern,
Reitpferden, Gefolge usw., welche auf Papier gedruckt sind
und verbrannt werden, so daß sie in Flammen und Rauch
hinaufsteigen, holen ihre Seele in die Bilder und Kartons her-
nieder; daraufhin werden sie durch Anwendung gleichartiger
magischer Mittel, Gebete und Beschwörungen genötigt, ihre
Kraft in der verlangten Richtung zu entfalten. Dann müssen
die Götter von Donner, Wind, Wolken und Regen die dürsten-
den Felder befruchten oder umgekehrt die Regenwolken ver-
treiben, wenn die Erde von allzu großer Nässe heimgesucht
wird; die Fluß gotter müssen den geschwollenen Wassern Einhalt
gebieten, die Feuergötter verheerende Brände ersticken; und wenn
Teufel wüten, welche Dürren und Seuchen verursachen, müssen
die herbeibeschworenen Götter sie mittels der 36 Befehlshaber
der himmlischen Heerscharen (S. 130) verjagen oder vertilgen.
Für die Ausübung ihrer durchaus magischen, exorzistischen
und ritualistischen Religion haben gewisse Taoisten im Laufe
der Zeit mancherlei Systeme erdacht, die zusammen eine aus-
führHche Liturgik bilden, jedoch wahrscheinlich nur in geringer
Zahl tatsäcUich in Gebrauch sind. Sie unterscheiden sich in
erster Linie dadurch voneinander,- daß die Götter, welche man
nützlich verwendet, verschieden sind, ausgenommen die des
138
Donners und BlitzeS; den Hauptwerkzeugen des Himmels zur
Bekämpfung des Bösen, und die Anführer der himmlischen
Kriegsmacht; da diese in fast allen Systemen in der exor-
zistischen Hauptrolle auftreten. Für das Wohl der andauernd
vom Übel bedrohten Menschheit und als Anleitung für die
Geistlichkeit ist diese Liturgik durch den Druck ver-
mannigfaltigt und nimmt im riesenhaften Sammelwerk der
taoistischen Schriften, dem ^PÜ Tao Tsang oder Pitaka
des Tao, einen sehr umfangreichen Platz ein. Diese einheitliche
Sammlung kam unter kaiserlichem Schutz im 16. Jahrhundert
zustande.^ Von einer kaiserlichen Ausgabe, welche die Jahres-
zaljl 1598 trägt und aus 491 Bündeln besteht, befinden sich
215 Bündel in der Biblioth^que Nationale zu Paris. Auch die
königliche Bibliothek in Berlin hat neuerdings eine Anzahl
Bände erworben. Bisher weiß man nur von einem Exemplar
in dem Q ^ ^§^ Pe' Jün Kuan, dem Kloster der Weißen
Wolken, bei Peking, und von einem in der kaiserlichen reser-
vierten Bibliothek in Tokio, ohne daß Sicherheit besteht, ob
sie vollständig sind.^ Aussicht auf vollständige Erhaltung dieses
wertvollen Materials zum Studium einer der interessantesten
Religionen der Menschheit ist also kaum da, wenn nicht Japan
bald einen Neudruck davon macht. Könnte und sollte eine An-
regung hierzu von der deutschen Wissenschaft ausgehen?
Der Kult der Götter, welche Teile der schaffenden und
gestaltenden Naturkraft oder Weltseele sind, wird allgemein in
größeren und kleineren Tempeln ausgeübt,- von denen das Volk
sich überall im Reiche Zehntausende errichtet hat. Zumeist ist
jedes einzelne dieser Heiligtümer nur einer einzelnen Haupt-
gottheit geweiht, jedoch fast immer mit anderen Götzenbildern
ausgestattet, die der Hauptgottheit untergeordnet sind oder als
^ Ein Katalog dieser Sammlung wurde von Dr. Wieger S. J. unter dorn
Titel: „Le Canon taoiste" veröffentlicht.
* Wieger, dem beide Exemplare zur Anfertigung seines Katalogs zur
Verfügung standen, stellt das (S. 6) merkwürdigerweise gar nicht klar.
139
seine Diener betrachtet und verehrt werden; und somit ist
China mit Hunderttausenden von Götzenbildern übersäet, die
es als ein Land der Idolatrie und des Fetischkults kennzeichnen,
wie es in dieser Welt kein zweites gibt. Man findet darunter
Schutzgötter und Schutzgöttinnen für fast alle einzelne Gewerbe
und Berufe, für glückliche und zahlreiche Kindergeburten, für
Reichtum und Segen aller Art. Von vielen dieser Gottheiten
läßt sich der Ursprung und die Geschichte nur schwierig er-
örtern, von vielen auch gar nicht, weil sie schlechthin von le-
gendarischer Herkunft sind. Tagtäglich werden die Tempel und
Tempelchen von zahlreichen Anbetern aufgesucht, sogar von
Pilgerscharen aus weitentlegenen Gegenden. Erhebliche Geld-
summen werden ab und zu gesammelt, um diese Heiligtümer
instand zu halten, zu schmücken und auszubauen, oder um dort
Opfer und Festlichkeiten zu feiern und Prozessionen mit den
Götzenbildern abzuhalten. Der Ruf einer Gottheit kann Jahr-
hunderte überdauern, aber auch sehr rasch schwinden. Einige
unerhörte Gebete können schon genügen, um dem umwohnenden
Volke die Überzeugung beizubringen, daß ihrem Bilde die S e n
oder Seele, die ^ Ling oder Seelenkraft verloren gegangen
und es also nicht mehr sing oder heilig, göttlich ist — und
bald ist es um ihren Ruf geschehen. Ihr Altar bleibt unbesucht,
man läßt das Heiligtum verfallen, das Bildnis vermodern.
Auch für Berge, Felsen, Ströme und Bäche werden Bilder
voji Menschengestalt angefertigt und in Tempeln und Tempelchen
angebetet. Die steinernen Bilder von Pferden, Kamelen, Ziegen
und anderen Tieren, welche man häufig bei alten Gräbern sieht,
werden vom Volke verehrt, und falls sie sich durch Erhörung
von Gebeten als beseelt und gotteskräftig erweisen, so baut
man ihnen dicht dabei eine Kapelle oder ein Tempelchen, mit
oder ohne Götzenbild. So verbindet sich Bilder- und Fetisch-
kult mit Tierverehrung. Heiligtümer, wo Bilder von Tigern,
Schlangen, Fischen, Schildkröten usw. verehrt werden, sind
140
gar nicht selten. Natürlich geht diese Zoolatrie auf den uni-
versistischen Glauben an eine allgemeine Beseelung des Weltalls
und seiner Teile zurück, weil danach Tiere und Menschen
seelisch verwandt sind, und Tiere sich somit leicht in Menschen,
Menschen in Tiere verwandeln können. Auch Bäume, Pflanzen
und Gegenstände aller Art entleihen dem großen Weltgeist ihre
Seelen und nehmen deshalb unter den Gottheiten der taoistischen
Religion einen breiten Platz ein.
Idolatrie wird auch allgemein in den Wohnhäusern aus-
geübt, auf Altären, an denen an festen Jahrestagen geopfert
wird. Auch da werden, ebenso wie in den Tempeln, bei be-
sonderen Anlässen Tao Si hinzugezogen, die mit mehr oder
weniger Feierlichkeit ihr magisches Werk verrichten, worüber
oben gesprochen ist.
Ein aufmerksames Studium des Taoismus führt mithin
zu dem Ergebnis, daß diese Religion, trotz ihrer erhabenen
universistischen Grundlage, nicht dem Polytheismus, Dämonis-
mus, Anthropotheismus, der Idolatrie und dem Fetischismus
hat entwachsen können, sondern im Gegenteil diese Unterteile
aller heidnischen Religionen weiterhin gepflegt und sogar zu
großer Entwicklung gebracht hat. Als Hauptbeschafi'enheit tritt
seine materialistische Selbstsucht hervor: die Förderung des
Wohls des Menschen ist ja sein höchstes und letztes Ziel; ein
idealerer Zweck läßt sich nicht entdecken. Eine ähnliche Be-
urteilung muß notwendigerweise auch der konfuzianischen J^e-
ligion zuteil werden, und zwar schon aus der einfachen Ur-
sache, weil sie von der taoistischen nicht grundverschieden sein
kann, da sie ebenfalls aus dem Boden des alten Universismus
erwuchs und sich stets das Anrecht versagte, von den An-
schauungen und Lehren des Altertums auch nur im geringsten
abzuweichen. Auch ihre Gottheiten können deshalb nur Unter-
teile und Kräfte des Weltalls, einschließlich menscliHche Seelen
sein. Das sollen die nächsten Kapitel klarlegen.
Sechstes Kapitel.
Der Grötterkult des Konfuzianisnius (I).
1. Der Himmel.
Ganz oben im Pantheon der konfuzianischen StaatsreHgion
steht der Himmel, der Vater des regierenden Kaisers, seines
Hauses und Thrones Schirmherr, welche unvermeidlich zugrunde
gehen, wenn die Regierung des Reiches nicht mit dem T a o des
Himmels übereinstimmt (S. 68 ff.). Der Kaiser ist des Himmels
Statthalter, der durch seine Regierung die Segnungen des
Himmels der Menschheit zuerteilt; er steht also an der höchsten
Spitze des Staatswesens und ist mithin von selbst auch das
Oberhaupt der Staetsreligion, vor allem der höchste Verehrer,
der Hohepriester des Himmels.
In der Staatsreligion trug der Himmel immer seinen ar-
chaischen, klassischen Namen ^ T^iön, Himmel, und *|^ Ti,
Kaiser, zumeist aber J^ ^ Sang T i, Oberster Kaiser. Es ver-
steht sich, daß das universistische System in dem kaiserlichen
Kult dieses allerhöchsten Gottes gipfelt und immer, seitdem die
Staatsreligion entstand, darin- gegipfelt hat. Nichts bringt die
dominierende Stellung des Universismus im chinesischen Kultur-
leben aller Zeiten so scharf zum Ausdruck wie dieser Kult
und die Opferstätte, welche er erzeugt hat, die größte und
großartigste, welche das Menschtum je der Natur erbaute. In
diesem dem Universismus gewidmeten Werke beanspruchen
142
beide somit eine eingehendere Beschreibung, zumal wir dann
von selbst auch zum Verständnis des Kults der anderen Götter
der Staatsreligion gelangen; denn in der Tat kennzeichnet sich
das Ritual der verschiedenen Unterteile dieser Religion durch
eine ausgeprägte Einheitlichkeit, weil alles auf einer und der-
selben gemeinschaftlichen Basis, auf den in den klassischen
Büchern enthaltenen Angaben, erbaut ist.
Die große Opferstätte heißt ^^ T'ien T'an, Opfer-
gelände (^ ^) des Himmels. Sie liegt in dem ^5^ NanKiao,
dem südlichen Vorstadtgelände von Peking, ein wenig nach Osten
hin, und zwar weil der Süden und der Osten besonders dem
Jang, der schöpferischen Himmelskraft, der Wärme und dem
Licht, entsprechen. Sie ist von einer aus großen Backsteinen
erbauten Umfassungsmauer umgeben, deren vier Fronten genau
nach den vier Hauptpunkten des Kompasses gekehrt sind; die
schnurgerade Südseite wird als die vornehmste betrachtet, da
der Süden als vornehmste Himmelsgegend gilt; die Ost- und
Westfront, ebenfalls schnurgerade, sind vollkommen gleich lang;
die Nordseite ist zu einem Kreisbogen ausgebuchtet, dessen
Mittelpunkt im Zentrum des unten zu besprechenden Runden
Hügels zu liegen scheint. Die ganze Länge dieser ^[» ^ Wa i
Juan oder Außenmauer beträgt 1987,5 ^ Tsang des T^
Kung Pu oder Ministeriums der We7ke, also etwa 6,7 Kilometer;
sie ist sechs f^ Ts'i' dick und 1,15 klassische Tsang oder
ungefähr 3,15 Meter hoch. Hier ist zu bemerken, daß ein
Tsang zehn Ts'i', ein Ts^^i' zehn TJ" Ts*^un enthält, die
Länge des Tsang auf 3,35 — 3,40 Meter zu veranschlagen ist,
und das klassische Maß 0,81 mal dem des Ministeriums der
Werke ist. Diese Mauer ruht überall auf einer hohen Grund-
lage (j^^ Tsi) von behauenen marmornen Quadersteinen, die
acht Tä'i' dick ist, und sie trägt über ihrer ganzen Länge
ein nach beiden Seiten sanft abfallendes Dach (|Q J8n) von
schweren blauglasierten Ziegeln.
H3
Zwei große überdachte Tore, jedes mit drei Durchgängen,
sind in die Westseite dieser Mauer eingebaut. Das nördliche
heißt :^[» H ^ P^ Wai si T'iön M6n, Äußeres Tor des west-
liehen Himmels oder des Westens; das südliche trägt den Namen
HÄPI Jiian K'iu Mön, Tor des Runden Hügels. Hinter dem
zuletzt genannten steht ein viereckiger ^ ^M Tsung Lou
oder Glockenturm.
Parallel mit der Außenmauer läuft eine ^ j^ Nei Juan
oder Innenmauer, deren Länge 1286,15 Tsang, also etwa
4,34 Kilometer beträgt, und deren Nordseite, wie die der
Außenmauer, zu einem Kreisbogen ausgebuchtet ist. Sie ist
sieben Ts i' dick, das beträchtlich hohe marmorne Fundament
neun Ts'i', und die Höhe beträgt 1,1 klassische Tsang. Sie
umschließt das eigentliche Opfergelände. Eine Mauer, die in
der Mitte eine halbkreisartige, nach Norden gerichtete Aus-
buchtung hat, durchquert west- östlich dieses Opfergelände wahr-
scheinlich gerade in der Mitte und teilt es in zwei Opferstätten,
von denen die nördliche jßfi* ^ JJ Ki Ku' T'^an, Opfergelände,
wo um Getreide gebeten wird, die südliche H _fii !§ Juan K'^iu
Tan, Opfergelände des Runden Hügels, heißt. Die südliche gilt als
die vornehmere, und ihre wesentliche Bedeutung konzentriert
sich in dem Kunden Hügel, der gerade in seiner Mitte liegt
und sich wie das Herz, wie der Kern der universistischen Re-
ligion kennzeichnen läßt, weil darauf durch den. Kaiser die
allervornehmsten Opfer dargebracht werden, die wir weiter in
diesem Kapitel beschreiben werden.
Den alten klassischen Begriffen zufolge entsprechen die
ungeraden Zahlen, und insbesondere 1 und 3, die voran in
ihrer Reihe stehen, dem J a n g des Weltalls und dem Himmel.
Sonach spielen diese im Bau der verschiedenen Teile der ganzen
Opferstätte durchweg eine Hauptrolle. Der Runde Hügel ist
aus drei gleichachsig übereinander gelagerten zylindrischen Erd-
schichten (^) verschiedener Größe konstruiert, deren runde
144
Form der des Himmels entspricht. Sie sind mit weißen Mar-
morblöcken bekleidet und der Farbe des Himmels entsprechend
mit blauem Stein (^5 Granit?) gepflastert. An vier genau
nach den Hauptpunkten des Kompasses gekehrten Stellen wird
jede Schicht durch eine mit schönen Brüstungen (|^) ver-
sehene Treppe (|^) bestiegen, die neun (3 X 3) Stufen (^)
hat. Gleichartige Brüstungen; deren sorgsam gemeißelte Pfeiler-
köpfe beträchtlich emporragen, umschließen die Terrassen der
Schichten; die der oberen oder ersten Terrasse enthält 72 (9X8)
sogenannte j^ Pan, Paneele, d. h. zwischen den Pfeilern be-
findhche Fächer, die der mittleren 108 (27 X 4), die der unteren
180 (9 X 20). Der Durchmesser der höchsten Schicht ist neun
(3X3) klassische Tsang, der zweiten 15 (3X5), der dritten
21 (3X7), also etwa 24,40 und 57 Meter entsprechend; ihre
Höhe beträgt bezw. 5,7, bezw. 5,2 und 5 klassische Ts i', so
daß der Hügel im ganzen ungefähr 4,35 Meter hoch ist.
Der wichtigste Teil des Runden Hügels ist die obere
Terrasse, auf der die großen kaiserlichen Opfer dem Himmel
dargeboten werden. Deshalb hat man sich bei ihrem Bau erst
recht an die ungeraden Zahlen des Jang und des Himmels
gebunden. Eine kreisrunde Steinplatte im blauen Pflaster bildet
den Mittelpunkt. Rings herum liegen in einem Zirkel neun
gleichgroße Steinplatten; dann folgt ein zweiter Kreis, in dem
je zwei Platten an einer des ersten Kreises liegen; an diese
zwei sind wiederum drei im dritten Kreise gelegt und so weiter,
bis in dem neunten oder äußersten Kreis die Zahl 9 erreicht
wird; dieser enthält also' 9X9 oder 81 Platten. Die ganze
Oberfläche besteht sonach aus neun Sektoren mit je 45 Platten.
Das Pflaster der zwei anderen Terrassen oder vielmehr Rund-
gänge des Hügels besteht aus Fhesen, die auf gleichartige
Weise neun konzentrische Kreise und neun Sektoren bilden. Auf
der zweiten Terrasse liegen in jedem Sektor als Fortsetzung
des vorigen im inneren Kreise 10, im äußeren 18 Stück; auf
145
der dritten Terrasse sind diese Quoten 19 und 27. Es muß
die Aufmerksamkeit der Chinesen erregt haben, daß auf der
zweiten oder geraden Terrasse die geraden Zahlen im Pflaster
naturgemäß eine größere Rolle spielen müssen.
Es liegt also der Mittelpunkt der Oberfläche dieses merk-
würdigen Himmelsaltars und die Mittellinie der nördlichen und
der südlichen Treppen in einem und demselben Meridian, der
die ganze Opferstätte in zwei gleichgroße Hälften, eine östliche
und eine westliche, teilt. Dieser Meridian, welcher der Haupt-
linie des Weltalls entspricht, ist die große Achse der Opferstätte,
und wir werden sehen, daß auch die übrigen Hauptbauten der-
selben genau darin gelegen sind.
Ungefähr 22 Meter vom Fuß des Runden Hügels läuft
eine kreisrunde, rote Umfassungsmauer, der sogenannte ^ £^
Nei Wei, Innenwall. Er hat eine Länge von 106,4 Ts an g und
eine Höhe von 5,9 klassischen Ts'i', also von etwa 1,6 Meter,
und jeder Altartreppe gegenüber drei nebeneinander liegende
Durchgänge, die 7^ f^ Ling Men, Sturztore, heißen; jedes
ist aus zwei viereckigen Marmorpfeilern gebildet, die oben
durch zwei Marmorstürze mit zwischenliegender Marmorplatte
verbunden sind. Grerade vor diesen Durchgängen stehen an-
nähernd dreißig Meter weiter ganz gleichartige Sturztore, die
in eine viereckige Umfassungsmauer eingebaut sind, welche
^1* ^M ^^^ Wei, Außenwall, heißt. Dieser hat insgesamt eine
Länge von 210,1 Tsang und eine Höhe von 8^6 klassischen
Ts'i'; es versteht sich, daß seine vier Fronten von gleicher
Länge und genau gegen die vier Gegenden der Welt gekehrt
sind. Zwischen den beiden Wällen und dem Hügel ist der Boden
überall mit Marmor gepflastert. Die nächstfolgende Umfassung
bildet die schon erwähnte „Innenmauer" (s. S. 143).
Diese Innenmauer hat in jeder Front ein überdachtes
Tor mit drei Durchgängen, deren rote hölzerne Flügeltüren
mit neun Reihen von neun großköpfigen Nägeln beschlagen sind.
De Groot, TJniversismus. 1^
146
Das vornehmste Tor steht genau in der Mitte der Südseite,
und das nördliche in der Mitte der Quermauer; beider mittlere
Durchgänge liegen also mit denen der nördlichen und südlichen
Sturztore der beiden Wälle in der großen Achse des Altar-
grundes. Das östliche und das westliche Tor der Innenmauer
liegen einander gerade gegenüber nahe bei der Südfront. Die vier
Tore sind nach den vier Eigenschaften des Himmels genannt,
die wir auf-S. 23 f. kennen gelernt haben. Das östliche heißt
^76 P^ T'^ai Juan M6n, das Tor der AUschöpfung ; das süd-
liche flS ^ P^ Tsao Höng MSu, das Tor des leuchtenden All-
durchdringenden; das westhche ^^ ^Ij P^ Kuang Li MSn, das
Tor der weitwirkenden Freigebigkeit; das nördliche J|J(J^ P^ Ts'^ing
Tsing MSU; das Tor der vollkommenen Unerschütterlichkeit. Diese
Namen, von denen jeder auf einer Tafel über dem mittleren
Durchgang angebracht ist, werden noch bedeutungsvoller, wenn
wir in Betracht ziehen, daß der Osten dem schöpferischen
Frühling entspricht, der Süden dem sonnigen Sommer, und
der Westen dem Herbst, der der Menschheit reichen Ernte-
segen bringt.
Süd-südöstlich vom Mittelpunkt des Runden Hügels liegt
außerhalb des runden Innenwalles ein Ofen aus grünglasierten
Kacheln, der 'Jt§ ig Fan T'an, Brandaltar, oder ^ ^ J^
Fan Ts'ai T'an, Scheiterhaufen- Altar, auch '^^^^ Fan
Ts ai Lu, Scheiterhaufen-Ofen, heißt. Er hat die Gestalt eines
großen runden Topfes, ist neun Ts'i"* oder etwa drei Meter
hoch und sieben Ts'i' im Durchmesser; er hat einen Marmor-
rand und in der Vorderseite ein großes viereckiges, mit Mar-
morblöcken umsäumtes Luftloch, und links und rechts ist
eine neunstufige Treppe von grünglasierten Kacheln angebaut.
Während eines jeden großen Opfers ist dieser Ofen mit bren-
nendem Holz gefüllt, auf dem ein ganzes Rind geopfert wird,
denn im heiligen Buche ^ ^ Tsi Fa', Opferregeln, des Li
Ki steht geschrieben: '^^j^ ^^^ ^^, äev Scheiter-
147
häufen auf dein vornehmsten Altar hildet das Himmelsopfer. Weiter
steht an diesem Platz in einer gebogenen Linie eine Reihe von
ebensoviel eisernen j0:^ L i a o L u, Verbrennungsöfen, wie die
Zahl der Tafeln des Himmels und der kaiserlichen Ahnen be-
trägt, denen, wie wir sehen werden, auf dem Runden Hügel
Opfer dargebracht werden. Solch ein Ofen steht auch auf jeder
Seite der östlichen und der westlichen Sturztore des runden
„Innen Walles".
Zum Runden Hügel gehört ein kreisrunder Tempel, der
^^ ^ Huang K'iung Jü, Kaiserliches Gewölbe, heißt. Er
liegt nördlich des Runden Hügels, genau in der Hauptachse
des Altargeländes, in dem auf S. 143 erwähnten Halbkreis der
Quermauer. Sein kreisrundes Dach ruht auf acht den Himmels-
gegenden entsprechenden, mit Schnitz werk verzierten Holzpfeilern,
welche die runde Tempelwand in große Paneele zerlegen. Es
trägt himmelblaue, glasierte Ziegeln und einen vergoldeten
Gipfel und überdacht eine kreisrunde Kuppel, eine reich und
prächtig mit geschnitzten und gemalten Paneelen geschmückte
Holzkonstruktion, welche auf acht schweren, mit Schnitzwerk
geschmückten Holzpfeilern ruht, die innerhalb des Gebäudes
einen zweiten konzentrischen Kreis bilden. Dieser Tempel erhebt
sich auf einer runden Terrasse, die neun Ts'i' hoch ist und
einen Durchmesser von 5,99 T s a n g hat. Das Pflaster der
Terrasse ist aus blauem Stein (^^); sie hat eine Marmor-
brüstung von 49 Fächern, die 3,6 Ts^'i' hoch ist, und auf der
Süd-, Ost- und Westseite liegen Marmortreppen von vierzehn
Stufen. Der Haupteingang dieses Heiligtums liegt genau gegen
Süden, also nach dem Runden Hügel gekehrt. Davor erstreckt
sich ein Vorhof, wo sich sowohl zur linken wie zur rechten
Seite auf einer Marmorterrasse, einem sogenannten ^ ^,
Erhöhungsfundament, welches eine Treppe von sieben Stufen hat,
«in viereckiges Nebengebäude (jSi| Wu) erhebt; diese zwei
Bauten haben ihre Front gegen Westen, bezw. Osten, sind
10*
148
von vollkommen gleichem Bau und mit Ziegeln aus blau-
glasiertem Porzellan bedeckt. Die drei Gebäude umgibt eine
Ringmauer von großen Backsteinen, die 56,68 Tsang lang
und 1,08 Tsang hoch ist und auf der Süd seite, genau in der
Achse des Altargrundes, drei überdachte Pforten auf einer
Marmorterrasse hat, die auf dem Mittelteil mit Brüstungen und
auf jeder Seite mit drei fünfstufigen Treppen versehen ist.
Das kaiserliche Kuppelgewölbe ist ein Heiligtum zur Auf-
bewahrung der |[i J '^ SönWei oder Seelensitze des Himmels-
kaisers und der verstorbenen Kaiser der herrschenden Dynastie,
welche zum Empfang der kaiserlichen Opfer nach dem Runden
Hügel gebracht werden. Ein Seelensitz, auch ]0 j{l^ Sön P*^ai,
Seelentafel, genannt, ist eine in einem viereckigen Sockel von
Holz stehende hölzerne Tafel, die den eingeschnitzten Namen
oder Titel der betreffenden Gottheit trägt und demzufolge ihre
Seele enthält; sie spielt also genau dieselbe Rolle wie ein
Götzenbild. Im „Gewölbe" steht die Seelentafel des Himmels
natürlich auf dem vornehmsten Platz, nämlich in einem drachen-
geschnitzten Schrein auf der Nordseite, genau in der Zentral-
achse des Altargrundes, mit der Front gegen Süden. Sie trägt
die Inschrift ^ ^ J^^ ♦^, Kaiserlicher Himmel, Oberster Kaiser.
Quer dazu befinden sich auf beiden Seiten, also gegen Westen
und Osten gekehrt, Schreine mit den Tafeln der Kaiser. Die
des zuerst verstorbenen ^ ijf§^ T*^ai Tsu steht der des Himmels
am nächsten, an ihrer östlichen oder linken Seite, also auf dem
ersten Platz; sein Nachfolger ];jj^ ^ T'^ai Tsung steht gerade
gegenüber auf der Westseite, also auf dem zweiten Platz ; der
dritte Kaiser "(W^ jj|§. Si Tsu (§un-tsi) folgt neben T'^ai
Tsu auf dessen linker Seite usw., so daß die ungeraden
Kaiser sich alle auf der Ostseite, die geraden sich auf der West-
seite befinden. Diese Anordnung entspricht der Natur, denn
der Osten, wo die Sonne aufgeht, steht über dem Westen, wo
sie niedergeht; jede andere Ordnung wäre dem Tao des Welt-
149
alls, dem alles Menschliche sich anpassen soll, zuwider und
sonach auf heiligem universistischen Opferboden erst recht un-
zulässig, ja sogar sündhaft und eigentHch undenkbar.
Diese Seelentafeln der kaiserlichen Ahnherren werden of-
fiziell @ß "(k^ P ei Wei, in gleicher Rangstufe nebengeordnete Sitze,
genannt. Dieser Ausdruck setzt voraus, daß der regierende
Kaiser seine Ahnen mit dem Himmel auf die gleiche Rang-
stufe stellt und sich den Himmel bloß als ihren primus inter
pares denkt. Daß dieses Verfahren sich vollkommen deckt mit
der Lehre, wonach jeder Kaiser ein Sohn des Himmels ist, so
daß der Himmelgott nicht grundsätzlich von den kaiserlichen
Ahnherren verschieden sein kann, ist ganz klar. Es ent-
spricht mithin der Logik, daß die Seelentafeln der letzteren
direkt neben der des Himmelkaisers im Kuppelgewölbe stehen
und nicht in den Nebengebäuden. Im östlichen dieser Neben-
tempel sind die Tafeln der Sonne oder des ^ B^, Großen Lichts,
des HJ^ 3^, Nördlichen Scheffels oder Großen Bären, der 3l M^
fünf Planeten, der 28 ^ S i U, Hauptsternbilder, Und der ^ ^
Ä J^, Sterne und Sternbilder des ganzen Himmels, in Tabernakeln
untergebracht. Im westlichen Nebentempel wird die Tafel des
^ B^ , Nächtlichen Lichtes, des Mondes, aufbewahrt, samt denen
der vier sogenannten ^ ijjft T'iSn Sön oder Himmlischen Götter,
nämlich des ^^jjj, Verwalters der Wolken, des j^ ^j]$; Verwalters
des Regens, des ^ ^^, Verwalters des Windes, und des ^ gfj;
Verwalters des Donners. Natürlich befinden sich die Sonne und
der Mond in den höchsten, d. h. den nördlichsten Tabernakeln ;
die übrigen Tafeln stehen in der erwähnten Reihenfolge in den
südlicheren. Hiermit ist auf einen Schlag klargestellt, daß die
kaiserUchen Ahnherren in dem universistischen Pantheon des
Konfuzianismus über Sonne, Mond, Sternen und den himmlischen
Naturerscheinungen stehen, folglich den höchsten Platz nächst
dem Himmel einnehmen. Und nun erübrigt sich jede Erklärung,
wenn wir alsbald sehen, daß der Kaiser, wenn er auf dem
150
Runden Hügel dem Himmel opfert, gleichzeitig auf derselben
höchsten Terrasse dieses Altars den Tafeln seiner Ahnen mit
genau demselben Zeremoniell genau dieselben Opfergaben bietet,
den Tafeln aus den Nebentempeln dagegen nur auf der zweiten
Terrasse durch seine stellvertretenden Beamten ein zweit-
klassiges Opfer darbringen läßt. Diesen Tafeln wird auch keines-
wegs der Titel P*^ei Wei verliehen, sondern sie werden offi-
ziell ^"^ TsungWei genannt, d. h. Sitze für die Gefolgschaft
des Himmels.
Sowohl im Kuppelgewölbe wie in seinen Beitempeln steht
vor jedem Tabernakel ein ^^ ^, Weihrauchtisch, mit einem
Weihrauchgefäß und Kerzenträgern.
An der Ostseite des „Außenwalles" liegt nordöstlich ein
besonderer viereckig ummauerter Raum, den zwei nord-süd-
lich laufende Mauern in drei Abteilungen trennen, jede mit
einer überdachten Pforte in der Südfront. In der westlichen
Abteilung steht ein nach Süden gekehrtes JJJJ!^, Aufbewahrungs-
haus für die Götter, und eine dem Westen zugewandte jjj^ J^,
Küche für die Götter; in der Küche werden die Opferspeisen zu-
bereitet und dann bis zur Opferstunde im Aufbewahrungshaus
aufbewahrt. Hier befindet sich auch ein ^ ^, Pavillon mit
Wasserbrunnen. Im angrenzenden Raum findet man nebeneinander
gebaut und dem Westen zugewandt ein ^ ^ j^, Auf bewahrungs-
haus für die Opfergeräte, ein ^^ ^^ jy., Aufbewahrungshaus für die
Musikinstrumente, und ein j^| ^S Jfm. , Aufbewahrungshaus für die
Matten von Palmfasern. Der dritte Raum enthält einen ^^^;
Kiosk ;5um Schlachten der Opfertiere, und einen Brunnen.
Nachdem wir hiermit die südliche Hälfte des von der
„Innenmauer" umschlossenen Opfergeländes des Himmels in
Augenschau genommen haben, müssen wir nunmehr seinen
nördlichen Teil, „wo um Getreide gebeten wird" (s. S. 143), der
Betrachtung unterziehen. Die Quermauer (S. 143) bildet seine
Südseite, und das „Tor der vollkommenen Unerschütterlichkeit"
151
(S. 146) somit seinen südlichen Zugang. Außer diesem Tor be-
sitzt dieses Opfergelände, gleichwie das des Runden Hügels,
drei überdachte Zugangstore, jedes mit drei Durchgängen.
Gerade in der Mitte der gebuchteten Nordmauer erhebt sich
nämlich das ^\j ^ P^ Pe' T'iSn M6n, Tor des nördlichen
Himmels oder des Nordens, auf der Ostseite das ^ ^ P^ T U n g
T'iön MSn, Tor des Ostens, und auf der Westseite das |S ^ P^
Si T^iön Mön, Tor des Westens. Die beiden letzteren liegen genau
östlich vom „Äußeren Tor des Westens" (S. 143) und sind mit
demselben durch eine schnurgerade marmorne Straße verbunden,
welche längs der Südseite eines ummauerten, gegen die vier
Kardinalpunkte gekehrten Viereckes läuft, das genau von der
Meridianachse in der Mitte durchschnitten wird. Ein kreisrunder
Tempel mit drei kreisrunden, übereinander getürmten Dächern
(tfi ^ S) niit großer vergoldeter Spitze ragt darin stolz gen
Himmel. Eine schön geschnitzte Holztafel, unter dem höchsten
Dach gerade über dem nach Süden gekehrten Eingang dieses
Gebäudes angebracht, trägt die Zeichen ff^ ^ ^ K i N i 6 n
Tiön, Tempelhalle, wo für die Jahresernte gebetet wird, und daneben
die Mantschurische Version.
Hier befinden wir uns vor dem Hauptgebäude des nörd-
hchen Opfergeländes, mithin vor dem zweitwichtigsten des
kaiserlichen Himmelkultes. Genau im Meridian des Runden
Hügels, mit dem Haupteingang nach Süden, erhebt er sich
auf einem Erdhügel von drei Schichten, der fast genau so wie
der Runde Hügel konstruiert und mit Marmorbrüstungen aus-
gestattet ist. Der Durchmesser der Schichten beträgt 21,5 und
23,26 und 25 T sang, so daß die höchste Terrasse viel größer
als die des Runden Hügels ist, während die zwei Rundgänge viel
schmaler, nämHch weniger als 3 Meter breit sind. Auch hat
dieser Hügel nicht nur vier, genau gegen die vier Kardinal-
punkte gerichtete neunstufige Treppen, sondern außerdem zu
beiden Seiten der südlichen und der nördUchen, unweit der-
152
selben, noch je eine, so daß die Treppen im ganzen acht an
der Zahl sind. Die Gesamtzahl der Fächer in den Brüstungen
beträgt 420.
Das dreifache Dach des Rundtempels trägt himmelblaue
Ziegeln und ruht auf einem Kreis von zwölf schweren Pfeilern,
die aus der Wandung, welche zwischen ihnen angebracht ist,
außer- und innerhalb des Tempels wie Pilaster scharf hervor-
treten. Es deckt eine aus Holz konstruierte und von vier ge-
waltigen hölzernen Pilaren getragene Kuppel, die dem des
„Kaiserlichen Gewölbes" ähnlich, aber entsprechend größer
ist (vgl. S. 147). Der Umkreis des Tempels mag wohl etwa ein
Drittel von dem der Terrasse sein, in deren Mitte er empor-
ragt; es bleibt also ringsherum ein breiter Rundgang übrig, der
nach allen Seiten hin interessante Ausblicke gewährt. Ein breiter
Vorhof erstreckt sich auf der Südseite. Da liegt links und
rechts in genau der gleichen Entfernung ein viereckiges Neben-
gebäude (JS^ Wu) mit neun Abteilungen und einem himmel-
blauen Dach, die lange Frontseite mit drei neunstufigen Treppen
nach Osten, bezw. Westen gekehrt. Auf der Südseite zeigt
sich eine hohe Marmorterrasse mit Brüstungen und drei elf-
stufigen Treppen vorne und hinten, auf der sich das Jfljf ^ P^
K i N i e n M e n oder Tor zum Beten für die Ernte erhebt. Dieser
Bau hat drei Durchgänge und ein blaues Dach und ist durch
überdachte Mauern mit der Südseite der beiden Nebengebäude
verbunden; der mittlere Durchgang liegt genau in der Haupt-
achse des Altargrundes. Auf der Südostseite dieses Tors stehen,
wie beim Runden Hügel (s. S. 146), ein grüner Brandopferaltar
und eine Reihe von eisernen Verbrennungsöfen, neben einer
Grube zum Hineinwerfen von Opfergaben.
Alle diese Bauten umgibt eine rote, viereckige Umfassungs-
mauer, der N ei We i oder Innen wall (vgl.S. 145), im ganzen 190,72
Tsang oder etwa 590 Meter lang. Auf der Süd-, West- und
Ostseite hat sie genau in der Mitte ein überdachtes Backstein-
153
tor mit drei Zugängen, und auf der Nordseite stehen gerade in
der Mitte der Mauer drei Tore, jedes mit einem Durchgang,
nebeneinander auf einer gemeinschaftlichen Marmorterrasse.
Gleich dahinter liegt ein kleinerer Raum, ebenfalls rechteckig
und ummauert, und darin steht, mit der langen Frontseite genau
den drei Toren gegenüber, also in der Hauptachse des Altar-
grundes, ein viereckiger Tempel, dessen Bestimmung dieselbe
als die des „Kaiserlichen Gewölbes" des Runden Hügels ist,
worin sich also Seelentafeln des Himmels und der Kaiser be-
finden. Er trägt den Namen _^^^ Huang k'iönTiön,
Kaiserlicher lümmlischer Tempel. Er enthält fünf Abteilungen und
steht auf einer rechteckigen Marmorterrasse, die auf der nach
Süden gekehrten Seite drei neunstufige Treppen, auf der kürzeren
Ost- und Westseite aber nur eine hat und von einer Marmor-
brüstung mit 59 Fächern umgeben ist.
Auf der Süd-, Südost- und Südwestseite ist der Innenwall
wieder umschlossen von einer Parallelmauer, die auf den drei
Fronten eine überdachte Pforte mit nur einem Durchgang
besitzt, eine sogenannte -^ f^, Eckpforte. Und außerhalb des
östlichen Tores des Innenwalles liegen, nach Norden hin, zwei
rechteckige ummauerte Räume, in denen sich ein Aufbewahrungs-
haus und eine Küche für die Götter und ein Schlachtpavillon mit
Brunnen befinden (vgl. S. 150). Vor diesen Räumen liegt eine
JIH Lang, eine Reihe von 72 unter einem gemeinschaftUchen
Dach vereinigten Wohnräumen für das mit der Versorgung
des Schlachtens und der Zubereitung der Opfertiere beauf-
tragte Personal.
Hiermit ist die größte und großartigste Opferstätte des
Universismus in den Hauptsachen beschrieben und erklärt.
Große Fichten, Zypressen und andere Baumarten, stellenweise
Wäldchen bildend, mit dazwischenliegenden Weidegründen für
das Opfervieh, verleihen ihr einen eigenartigen druidischen
Charakter und vertiefen den überwältigenden Eindruck, welchen
154
die zahlreichen Gebäude, Tore und Mauern mit ihren sonder-
bar gestalteten, im Sonnenschein leuchtenden Dächern auf den
Besucher ausüben. Fast alle Dächer tragen blaue Ziegeln von
glasiertem Porzellan (^ J^) ; nur auf einigen kleinen Mauern
und auf sieben Pforten sind sie grün. Die überdachten Tore
ruhen auf Fundamenten von behauenen Marmorblöcken, und
ihre tunnelartigen Eingänge sind gänzlich umwölbt von einem
breiten Saum aus Marmorblöcken, mit eingemeißelten Figuren.
Die Wege ( S ^), welche sie miteinander und mit den ver-
schiedenen Bauten verbinden, sind mit Marmorquadern und
Marmorplatten gepflastert. Sie laufen alle entweder gerade nord-
südlich oder ost-westlich und bilden mithin nur rechte Winkel.
Von besonderer Bedeutung sind die, welche, mit der Haupt-
achse zusammenfallend, auf die südliche Treppe des Runden
Hügels, des Kaiserlichen GcAvölbes, des großen Rundtempels
und des kaiserlichen himmlischen Tempels zulaufen. Ihnen ist
der Name )|j^ ji§- Ssn Lu, Göttlicher oder Heiliger Weg, beigelegt;
sie sind erheblich breiter als die übrigen Straßen.
In der Urzeit war in China Götterkult untrennbar mit
]\Iusik verbunden. Deshalb ist das erst recht allezeit mit der
Staatsreligion der Fall gewesen, die stets alles Alte mit der
größten Sorgfalt als heilig bewahrte und zur höchsten Ent-
wicklung brachte. Dementsprechend gibt es in der Reichs-
hauptstadt ein 1^ iap Jo' Pu oder Musikministerium, das einen
Anhang des Ministeriums der L i bildet, und dessen erster und
vornehmster Unterteil das ]0 ^ ^ SSn Jo' §u ist, das Amt
für die Göttermusik^ welche ausschließlich bei Opferfeiern gespielt
wird. Selbstverständlich ist diese heilige oder geweihte Musik
streng klassisch; sie darf also nur über fünf Töne (^ ]^ -^
Wi ^) verfügen, weil die zwei übrigen (^ ^ und ^ ^)
in keinen Schriften der Vor-Han-Zeit Erwähnung finden; auch
ihre Instrumente sind ausschließlich Nachahmungen von denen
der Alten. Das Amt für die Göttermusik hat seine Gebäude im
155
Altargrund des Himmels, nordöstlich am Tore des Runden
Hügels. Sie liegen da in einem rechteckigen, ummauerten
Raum, der genau nach den vier Kardinalpunkten gewendet
ist und eine überdachte Pforte mit drei Durchgängen in der
Mitte der Ostfront hat. Hinter dieser Pforte liegen hinter-
einander zwei rechteckige Hauptgebäude, nämlich die ^ jjS
^ King Hi Tiön, Halle des verdichteten Glückes, und die ^
-f^ ^ Hiön Jiu Ti6n, Halle des glänzenden Beistandes, beide
gleichfalls mit der langen Frontseite nach Osten gekehrt. Sie
sind von einer viereckigen Innenmauer umschlossen, mit der
sie durch Quermauern verbunden sind, und zwischen allen
diesen Mauern liegt eine Anzahl kleinerer Bauten für das Per-
sonal des Musikamts, das sich wahrscheinlich nur, wenn Opfer
begangen werden sollen, nennenswert beschäftigt.
Das Hauptopfer, welches auf dem Runden Hügel dem
Himmel durch den Kaiser dargebracht wird, also das alier-
vornehmste Opfer der Staatsreligion, findet, nach klassischer
Präzedenz, alljährlich in der Nacht der Wintersonnenwende
(^ ^) statt, sonach am wichtigsten Zeitpunkt in dem T a o
oder Gang der Weltordnung, wenn das Jang, die schöpferische
Himmelskraft, das Licht und die Wärme, seinen größten Tief-
stand erreicht hat und sogleich seine Wiedergeburt erlebt.
Am fünften Tage vor dem Opfer begibt sich ein ^ ^E
Ts*^inWang, Prinz des nächsten Verwandtschaftsgrades, also ein Sohn
des regierenden oder eines vorigen Kaisers, auf allerhöchsten
Befehl nach dem !^ ^ ^, Platz der Opfertiere, wo diese für
die Opfer in Bereitschaft gehalten werden. So heißt ein inner-
halb des „Tores des Runden Hügels" (S. 143) nach Südosten hin
gelegener Raum, den eine überdachte, genau gegen die vier
Himmelsgegenden gekehrte Mauer umgibt. Auf jeder Front
ist dieses Viereck 52 Tsang lang. In der Mitte der Südseite
hat es drei nebeneinander liegende überdachte Pforten und
156
gerade dahinter, etwa im Zentrum des Viereckes, stellt ein recht-
eckiges, mit der langen Vorderseite nach Süden gewendetes
Gebäude mit elf Abteilungen, von denen die drei mittleren zur
Aufbewahrung und Verehrung der Schutzgötter der Opfertiere
(^jM ^ jjift) dienen. Weiter befinden sich in diesem Raum eine
Anzahl Wohnungen für Aufseher, Hirten und Versorger der
Tiere, nebst Futterscheunen und Ställen für Rinder, Schafe,
Hirsche, Schweine und Hasen.
Sobald der Prinz zur Stelle ist, geleiten ihn zwei Zere-
monienmeister (^ ;|^ ^) des Opferamtes (^ *^ ^), die ihm
alles, was er tun soll, befehlend zurufen, hinter einen gegen
Süden gekehrten Tisch, auf dem Weihrauch brennt. Dann führen
die Hirten die Ochsen und Schafe an dem Tisch vorbei, knien
nieder und sagen, daß es ^ Ts*uan, Opfertiere ohne Makel,
sind. Sodann stellt sich der Prinz hinter einen Weihrauchtisch
auf der Ostseite und läßt da die Hirsche an sich vorübergehen,
endlich hinter einen Tisch auf der Westseite, wo ihm die
Schweine vorübergeführt werden, und beide Male wiederholen
da die niederknienden Hirten denselben Ausruf. Die J]J§^ ^j
Besichtigung der Opfertiere, ist hiermit erledigt, und der Prinz ent-
fernt sich. Diese Schau ist eine Sache höchster Wichtigkeit,
weil dem Himmel nur ganz makellose Opfertiere annehmbar
sind und also von ihrer Beschaffenheit die guten Erfolge
des Opfers abhängen. Eigentlich soll der Kaiser selbst die
Schau vornehmen und darf deshalb nur einem der allerhöchsten
Mitglieder seines Hauses die stellvertretende Inspektion über-
tragen.
Am dritten Tage vor dem Opfer wird noch vor Tages-
anbruch aus dem Opferamt von einem seiner Präsidenten (^^)
mit Gefolge eine ^^ 4j& ffi oder Tafel der Enthaltsamkeit, nebst
einem ^1^ A oder kupfernen Menschen nach dem Haupttor des
inneren Palastes des Kaisers getragen, das ^il *^ P^ K'iön
Ts^ing Mön, Tor der Himmelsreinheit, heißt, und vor demselben
157
auf einen gelben Tisch gesetzt. Diese Tafel der Enthaltsam-
keit ist ein Holzbrett, mit gelbem Papier bekleidet, worauf in
Chinesisch und Mantschurisch die Tage geschrieben stehen,
an denen der Kaiser fasten soll; der kupferne Mensch ist in
stehender Haltung und trägt eine kupferne Enthaltsamkeitstafel
in der Hand. Nunmehr reinigt der Kaiser im inneren Palaste
durch Fasten und Enthaltsamkeit seinen Körper und Geist,
damit er dem Himmel, der die allerhöchste Reinheit ist, näher
zu treten fähig und würdig werde. Zu gleicher Zeit ergeht
von ihm eine Warnung (Jjj^ ^) an die Minister und Beamten,
die jeder im großen Saal seines Amtsgebäudes auf einer Tafel
anzuschlagen verpflichtet ist, und die in folgenden Schriftzeichen
abgefaßt ist:
Wi^^^^m^'^Mom^^^M- A- T»S« Soundso
des Mondes Soundso des Jahres Soundso werden Wir bei der Wintersonnen-
wende ehrerbietig dem kaiserlichen Himmel, dem Obersten Kaiser, auf dem
Runden Hügel ein Opfer darbringen. O, ihr sämtlichen Minister, beachtet
diesen Befehl: reinigt euere Herzen, säubert euere Neigungen, damit ein
jeder (beim Opfer) seine amtlichen Obliegenheiten in jeder Richtung roll-
bringe. Sollte es vorkommen, daß irgendeiner sich untersteht, seine Schuldig-
keit dabei nicht zu tun, für den hat die Dynastie unveränderliche Strafen.
Ehrfurchtsvoll beachtet diesen Befehl! Seid nicht fahrlässig!
Nunmehr fangen auch alle, die beim Opfer beschäftigt
sein werden, sofort in ihren Amtswohnungen die Enthaltsam-
keit zu üben an. Sie erfüllen ihre amtlichen Pflichten nur in-
sofern, als es unumgänglich nötig ist, hören keine Musik, meiden
die Frauengemächer, statten keine Trauerbesuche ab, trinken
nichts Berauschendes, essen keinen Knoblauch, keine Zwiebeln
oder derartige Pflanzenkost; auch verrichten sie keine Gebete,
opfern keinen Göttern, reinigen keine Grabstätten. Am Tage
vor dem Opfer waschen sie sich den Körper. Diejenigen, welche
158
nach brennendem Artemisia (^) riechen, gebrechlich sind
oder mit einer bösen Krankheit behaftet, oder die Trauerzeit
für verstorbene Verwandte durchzumachen haben, fasten nicht
mit. Wer über sechzig Jahre alt ist, braucht nicht zu fasten,
und auch wenn er das tut, darf er dem Opfer nicht beiwohnen.
Jeder muß eine rote Tafel mit den Zeichen ^^ ^]^, Enthaltsam-
keit, in seinem Amtsgebäude aufstellen und ein kleines Täfel-
chen mit derselben Inschrift auf der Brust tragen.
Am frühen Morgen des darauffolgenden Tages findet
abermals eine -^ ^, Schau der Opfertiere, statt seitens des Prä-
sidenten des Ministeriums der L i (jrM ^ f^ ^), und zwar
in derselben Weise, wie der kaiserliche Prinz sie vornahm, und
an derselben Stelle. Auch wird zur gleichen Zeit in der kaiser-
lichen Kanzlei (pj ^) mit großer Sorgfalt und Ehrfurcht das
beim Opfer zu verlesende )g{J Tau' oder Gebet mit roter Tusche
auf himmelblaues Papier geschrieben, das auf einem viereckigen
Holzbrett befestigt ist; und mit doppelter Ehrfurcht wird der
f^^ jü Ming, des Kaisers persönlicher Name, darin eingetragen.
Bekanntlich muß das Schreiben oder Erwähnen dieses heiligen
Namens immer von hoch und niedrig im ganzen Reiche pein-
lichst vermieden werden; nur für das Opfergebet gilt, seit
kaiserlicher Verfügung des 24. Jahres der K*^ an g-hi- Periode
(1685), dieses strenge Gebot nicht.
Am Tage, der dem Opfer unmittelbar vorangeht, findet
kurz nach Mitternacht im Schlachthause des Runden Hügels
(s. S, 150) das Schlachten der Opfertiere statt, und zwar unter
der Aufsicht eines Präsidenten (^^ö) des Bewirtungsamtes
(3fe If^ ^)^ zweier Zensoren (|^ ^) und vier weiterer hoher
Beamten, die hinter einem Tisch, auf dem Weihrauch brennt,
aufmerksam zuschauen. Das Blut und die Haare werden neben
der Mauer des Schlachthauses in eine Grube geworfen, welche
die Metzger zu diesem Zwecke am selben Morgen gegraben
haben. Im Laufe des Vormittags werden in der „Küche für die
159
Götter" (s. S. 150) die Opferspeisen zubereitet und vorläufig in
dem „Aufbewahrungshaus für die Götter" (S.150) untergebracht.
Sie bestehen aus:
Brühe ( jj) von Rindfleisch in sogenannten ^^ runden,
römerförmigen Vasen aus blauem Porzellan, auf breitem Fuß
mit Deckel.
Reis (^) und Sorghum (^) in ^, viereckigen, trog-
ähnlichen Gefäßen aus blauem Porzellan mit Fuß und Deckel,
die wie umgekehrte Tröge aussehen.
Hirse (^) und rispige Hirse (^), jede Sorte in einer
^, ovalen Terrine aus blauem Porzellan, mit ovalem Fuß und
Deckel.
Kristallisiertes Salz (^^); getrockneter Fisch (Ji^^)y
Früchte des ^^, Ziziphus jujuba; Kastanien (9^); Haselnüsse
(;^); Wasserkastanien (^); Euryale ferox? (^); trockenes
Hirschfleisch (J^ H^); weiße Pasteten (Q '^); schwarze Pa-
steten (H^); Hirsekuchen (t^H); Mehlkuchen (^^);
jede Ware in ^, becherähnlichen, runden Körben von Bambus,
auf breitem Fuß und mit Deckel, innen mit Seide gefüttert,
außen teilweise blau lackiert.
Eingemachte Rüben (^ ^), eingemachter Rettich (^
^), eingemachter Sellerie ("ff ^) und eingemachte Bambus-
rohrknospen (j^ ^) ; Pökelfleisch (^ g^), gepökeltes Hirsch-
fleisch (J^ ^), gepökeltes Hasenfleisch (^ g§), gepökelter
Fisch (^ |g); Schnitzel von Magen (^^ ;^), Schweins-
koteletten (^^), wässerige Speise von Reis oder Hirse
(Qtj ^), Ragout von Rind-, Hammel- und Schweinefleisch
(fS Ä)- ^^^^ Ware in einem g oder Behälter aus blauem
Porzellan, dessen Form der der oben erwähnten Bambuskörbe
(^) sehr ähnelt.
Die meisten Speisen und Behälter, wenn nicht gar alle,
sind in den klassischen Büchern erwähnt und eben deswegen
alle Jahrhunderte hindurch für die Staatsopfer in Gebrauch
160
gewesen. Das Geschirr ist mit Figuren verziert, welche auf
den befruchtenden Segen, den der Himmel spendet, anspielen:
Spiralen, die Donner vorstellen, Drachen, welche Regen her-
vorbringen, Wolken, Wasserwellen usw.
Gegen 9 Uhr wird unter Führung eines Präsidenten
des Opferamtes der Runde Hügel von oben bis unten gefegt
und gereinigt und an den erforderlichen Stellen mit Matten
von Palmfasern (vgl. S. 150) belegt. Dann werden ^ 1^, blaue
Zelte, errichtet und darin J0 ^ , Thronsitze für die Götter, auf-
gestellt, das heißt, schön bearbeitete dreifüßige Sockel aus
Marmor, welche während des Opfers die Seelentafeln der Götter
tragen. Das runde Zelt des Himmelsgottes wird auf der höchsten
Terrasse aufgeschlagen, genau in der Hauptachse bei der
nördlichen Treppe, mit der Vorderseite gegen Süden. Links
und rechts, nach der östlichen und westlichen Treppe hin, er-
richtet man eine nord-südgerichtete Reihe viereckiger Zelte, in
gleicher Anzahl wie die kaiserlichen Ahnen, deren Seelentafeln
darin in derselben Anordnung wie im Kuppelgewölbe (vgl.
S. 148) Platz finden. Ein viereckiges Zelt für die Sonne und
eins für die vier Tafeln der Sterne und Planeten werden bei
der Brüstung der zweiten Terrasse, etwas nördlich der öst-
lichen Treppe aufgestellt, mit der Vorderseite gegen Westen;
und schließlich kommen ein viereckiges Zelt für den Mond
und eines für die himmlischen Götter der Wolken, des Regens,
Windes und Donners bei der Brüstung nördlich von der west-
lichen Treppe, mit der Vorderseite nach Osten.
In der frühen Morgenstunde dieses Tages wurde durch
das Personal des Opferamtes ein gelber Tisch vor den kaiser-
lichen Thron gesetzt, der sich in der "J^"^^ T'ai Ho
Tiön oder Halle der höchsten Harmonie befindet, welche ganz
vorn im Palaste liegt. Zur selben Zeit scharte sich vor dem
großen gleichnamigen Tor dieser Halle eine Gruppe von
Beamten zusammen. Einer trägt einen Korb mit einem ^ ^
161
oder blauem Pi', d. h. einer kreisrunden Scheibe von Jaspis,
womit nach klassischen Urkunden in alten Zeiten der Himmel
verehrt wurde; es steht nämlich im Tsou Kuan (Abschnitt
:A- ^ f6) geschrieben: « 1= ü (Ü ^ , J^ ^ ^ Ü ilfe,
mit einem blauen Pi* verehrt man den Himmel, mit einem gelben Tsung
die Erde. Der Durchmesser des Pi' beträgt 6,1 Ts*un, also
etwa zwei Dezimeter; es ist 0,7 Ts^un dick und hat im Zen-
trum ein kreisrundes Loch von 0,4 Ts'^un. Andere Beamte
tragen ähnliche Körbe, worin Seidenstücke liegen. Die Körbe
(ffi) sind von blaulackiertem Bambus, rechteckig und mit
Deckeln versehen. Wieder andere Beamte tragen Schüsseln
(^) mit dem zu opfernden Weihrauch. Allen diesen Opfer-
gaben wird hohe, klassische Bedeutung beigemessen. Ein
Beamter mit dem von der kaiserlichen Kanzlei herangebrachten
Opfergebet (S. 158) gesellt sich zu der Gruppe. Inzwischen
läi3t sich der Kaiser in seiner Sänfte aus dem inneren Teil des
Palastes nach der Halle tragen. Sobald er darin auf der öst-
lichen Seite Stellung genommen, tragen die Beamten das Gebet,
die Scheibe, die Seide und den Weihrauch durch das Tor in
die Halle, legen sie auf den gelben Tisch, machen dreimal den
Stirnaufschlag und ziehen sich zurück. Voll Ehrfurcht läßt
nun der Kaiser über alles seinen Blick schweifen, kniet nieder
und macht dreimal den Stirnaufschlag. Und nach dieser aller-
höchsten Besichtigung treten die Beamten wieder vor, machen
dreimal den Stirnaufschlag, nehmen die Dinge in der oben
erwähnten Reihenfolge wieder weg und setzen sie vor dem
Tor in pavillonartige Tragbahren (i^). Diese werden unter
dem Geleit eines Präsidenten des Opferamtes nach dem Altar-
grund gebracht, und die Gegenstände in dem „Aufbewahrungs-
haus für die Götter" auf dazu bestimmten Tischen niedergelegt.
Auch die „Tafel der Enthaltsamkeit" und das kupferne
Bild (S. 156) werden jetzt vom „Tore der Himmelsreinheit"
feierlich nach dem Opfergrund getragen und da im ^ ^
De Groot, XJniversismtis. 11
162
Ts'ai Kung oder Fastengebäude aufgestellt. Dieses liegt süd-
östlich des inneren Tores des Westens^ also nördlich vom west-
lichen Ende der Quermauer, die deshalb an dieser Stelle drei
nebeneinander liegende Pforten hat. Es besteht aus zwei recht-
eckigen Hauptgebäuden, die, hintereinander liegend, mit der
langen Frontseite nach Osten gekehrt sind. Das vordere, die
-fr ^ oder große Halle, erhebt sich stattlich auf einer vier-
eckigen, mit Marmorbrüstungen versehenen Marmorterrasse,
deren drei Vortreppen dreizehn Stufen hoch sind. Vor dieser
Halle steht ein kleiner Kiosk aus Marmor für das kupferne
Bild. Hinter der „großen Halle" folgt die jH^ oder Hauptlialle
auf einer Terrasse, welche nur eine Treppe hat. Beide Bauten
haben grüne Dachziegeln. Auf den vier nach den Kardinal-
punkten gerichteten Seiten sind sie von einer Mauer um-
schlossen, die 123,99 T§ang lang ist und die ein gemauerter
Kanal umfaßt. Pforten und Steinbrücken befinden sich auf der
Ost-, Süd- und Nordseite. Im Nordosten erhebt sich ein vier-
eckiger Glockenturm. Neben den beiden Hallen liegen zwischen
Mauern und Pforten zahlreiche kleinere Gebäude für die kaiser-
liche Dienerschaft. Schließlich ist alles von einer zweiten,
198,2 Tsang langen Mauer mit einem Kanal umschlossen,
mit entsprechenden Pforten und Brücken auf der Ost-, Süd-
und Nordseite.
Wenn es nun an dem betreffenden Tag ganz hell ge-
worden ist, verläßt der Kaiser seinen Palast mit einer besonders
großen Eskorte, mit Musik, zahlreichen Fahnen und Symbolen
aller Art, Prunkwaffen, Garde- und anderen Truppen zu Fuß
und zu Pferde, etwa einem Dutzend Elefanten, einer Anzahl
Beamten in Staatsgewändern usw. Seine Sänfte (^) wird von
36 Mann (^ j;;) getragen. Außerhalb des ^ f^ Wu M6n
oder Südtors, also auf dem weiten inneren Vorhof des Palastes,
geben ihm zahlreiche, auf beiden Seiten Spalier bildende
Prinzen, Minister und Beamte ehrerbietigst auf den Knien das
163
Geleit. Oben im Tor ertönt die große Glocke. Eine Abteilung
Soldaten säuberte bereits die Straßen gründlich vom Volk und
sperrte sie zu beiden Seiten ab, damit nur Ruhe und Stille
dem Sohne des Himmels auf dem Wege zum Altar der höchsten
Reinheit entgegentrete, kein weltliches Gewtihl ihn besudle.
Durch das „Tor des Westens" und an der Außenmauer
entlang wird der Kaiser nach dem Göttlichen Weg (S. 154)
getragen, der vor dem „Tor des leuchtenden Alldurch-
dringenden" (S. 146) liegt. Auf der Westseite dieses Weges wirft
sich ein hoher Beamter der Verwaltung der kaiserlichen Equi-
pagen (^ ^^ ^) vor der Sänfte auf die Knie und ladet den
Kaiser zum Aussteigen ein. Die beiden Präsidenten des Opfer-
amtes führen nun den Kaiser auf dem Göttlichen Weg durch
den östlichen Durchgang des Tores und den des „ Außen walls"
östlich um den Altar herum nach dem Kaiserlichen Gewölbe.
Da wirft er sich vor der Seelentafel des Himmelsgottes auf
die Knie, hebt Weihrauchstäbchen, welche ein kniender Unter-
präsident (-^ ^äj) des Opferamtes ihm reicht, ehrerbietig zur
Tafel empor und gibt die Stäbchen wieder weiter; noch zweimal
wird sodann dasselbe Rauchopfer wiederholt und darauf ein
einziges Mal vor jeder Tafel der kaiserlichen Ahnen verrichtet.
Zum Schluß kniet der Kaiser in der Meridianachse vor allen
Tafeln zusammen dreimal nieder und macht jedesmal dreimal
den Stirnaufschlag. Währenddessen wird von speziell dazu an-
gewiesenen Beamten ganz ähnlich den Tafeln in den zwei
Nebengebäuden dasselbe Rauchopfer dargebracht.
Nun läßt sich der Kaiser auf demselben Wege wieder
nach der südlichen Treppe des Runden Hügels geleiten. Er
besteigt dieselbe, wirft auf der höchsten Terrasse den Blick
nordwärts nach dem Zelt des Himmels hin (S. 160), während
der Präsident des Opferamtes niederkniet und mit lauter Stimme
ihm zuruft: Sang Ti T^an, der Opferplatz des Obersten Kaisers!
Alsdann stellt sich der Kaiser auf der Westseite der Terrasse
11»
164
auf und wirft den Blick nach Osten, indem der Präsident aus-
ruft: P*^ei Wei T'an, der Opferplatz der nebengeordneten Tafeln!
(S. 149); schließlich schreitet der Kaiser nach der Westseite und
schaut ostwärts, wobei derselbe Ausruf ertönt. Hiermit ist die
kaiserliche B^ JJ ^; Besichtigung des Altars mit den Tafeln, er-
ledigt. Der Kaiser steigt nun auf der östlichen Treppe hinab
und begibt sich nach dem „Aufbewahrungshaus für die Götter".
Dort stellt er sich vor die bereits fertigen Opferspeisen, welche
für den Himmel bestimmt sind, und genau nach der Rang-
ordnung vor die der verschiedenen Ahnen, während der Prä-
sident des Opferamtes jedesmal die zu berichtigenden Gegen-
stände mit lauter Stimme erwähnt. Zum Schluß wird in der
Küche auf genau dieselbe Weise die Schau über die ver-
schiedenen Opfertiere abgehalten.
Sodann nach den südlichen Sturztoren geführt, steigt der
Kaiser da in seine Sänfte ein und wird nach dem ,, Fasten-
gebäude" getragen. Außerhalb des großen Tores der östlichen
Front desselben erwarten ihn in ihren offiziellen Gewändern
ehrfurchtsvoll sämtliche Prinzen und Beamte, welche an der
Opferfeier teilnehmen werden, um sich wieder zu zerstreuen,
sobald der Kaiser in eine andere Sänfte umgestiegen und in
dem Gebäude verschwunden ist. Selbstredend wird von dem
Augenblick an das Fastengebäude von der kaiserlichen Garde
streng bewacht und allen Unbefugten der Zutritt abgesperrt.
Abends nach 6 Uhr werden auf dem Runden Hügel die
letzten großen Vorbereitungen getroffen. Große metallene Be-
hälter, korbartig geformt mit offenen Maschen, werden mit
Brennholz gefüllt und zur Beleuchtung des Altars angesteckt.
Gleichzeitig wirft man in den Brandaltar (S. 146) das Holz und
legt das i^ «4^, Brandrind, obenauf. Die Körbe und Gefäße mit
Speisen werden aus dem „Aufbewahrungshaus" herbeigetragen
und in peinlich vorgeschriebener Ordnung in jedem Zelt der
höchsten Terrasse auf einem Tisch 28 an Zahl aufgestellt.
165
der Reis, das Sorghum und die Hirse genau in der Mitte vor
dem „Thronsitz" (S. 160), die Körbe auf ihrer linken, die
übrigen Sachen auf der rechten Seite. Ganz hinten, außerhalb
jedes Zeltes, gerade in der Mitte, wird ein hölzernes, tisch-
ähnliches Gestell, das ^ Tsu heißt, niedergesetzt, das einen
ganzen jungen Stier (i^) trägt, geschlachtet und gereinigt, die
höchste und vornehmste Opfergabe, welche das alte, klassische
China kannte. Auf den vier Seiten der Opfergaben stehen
Kandelaber und ganz hinten zwei Weihrauchgefäße. Was die
vier Zelte der zweiten Terrasse betrifft, so kommen auf jedes
24 Körbe und Gefäße; die Sonne und der Mond empfangen
außerdem je ein ganzes Rind, die Götter in jedem der zwei
anderen Zelte zusammen ein Rind, ein Schaf und ein Schwein.
Die Anordnung der Opfergaben ist hier genau so wie auf der
höchsten Terrasse.
Inzwischen wird ganz unten am Runden Hügel auf der
südöstlichen und der südwestlichen Seite das vollständige
Orchester der heiligen Musik in der vorgeschriebener An-
ordnung aufgestellt. Wenn alles fertig ist, besteigt ein Unter-
präsident ('f^ ^) des Ministeriums der Li die westliche
Treppe des Hügels und inspiziert unter Führung eines hohen
Beamten des Opferamtes die aufgestellten Opfergaben, wobei
er natürlich beim Himmel anfängt und sich dann genau
nach der Rangordnung der Ahnen und der Götter der zweiten
Terrasse richtet. Dieser Akt heißt ^ ^, die Schau der Opfer-
schüsseln.
In der siebenten Viertelstunde vor dem Aufgang der
Sonne begibt sich der u\ jj^? Beamte für das Opfergebet, nach
dem „Aufbewahrungshaus für die Götter", macht vor dem Tisch,
auf dem am vorigen Tage das Gebet niedergelegt worden war
(s. S. 161), einen Fußfall mit drei Stirnaufschlägen und trägt
das Gebet auf die höchste Terrasse des Hügels. Dort legt er es
auf einen Tisch, der ein wenig westlich vom runden zentralen
166
Stein des Pflasters steht, und verabschiedet sich mit einem
Kniefall und drei Stirnaufschlägen. Währenddessen haben sich
an der Vordertreppe des Kaiserlichen Gewölbes die Präsidenten
des Ministeriums der Li und ein Präsident des Opferamtes
mit ihrem Gefolge sowie Beamte der kaiserlichen Equipagen
versammelt. Daselbst steht eine Anzahl von ^|| ^, Drachen-
pavillons, pavillonartig gebauten Traggestellen, welche mit
Drachen, dem Symbol der Kaiserwürde, verziert sind, eines für
die Seelentafel des Himmels in der Mitte vor der Treppe und
beiderseits ebensoviele, als es im Gewölbe Seelentafeln der
kaiserlichen Ahnen gibt, genau so angeordnet wie diese in den
Tabernakeln; etwas weiter noch nach Süden hin stehen zwei
auf jeder Seite für die Tafeln der Nebentempel. Beamte des
Opferamtes öffnen die verschiedenen Tabernakel; ein Präsident
des Ministeriums der Li tritt heran, hebt, die Rangordnung
befolgend, zu jedem Tabernakel dreimal ein Weihraucli-
stäbchen empor und begibt sich dann in den Vorhof, um da-
selbst für alle die Tafeln zusammen einen Kniefall mit drei
Stirnaufschlägen zu machen. Nun holen Beamte des Opfer-
amtes unter Führung des Präsidenten die Tafeln aus den vier
Tabernakeln der Nebentempel, nachdem sie vor jedem einen
Kniefall mit drei Stirnaufschlägen gemacht haben, und stellen
sich mit diesen heiligen Gegenständen in den Händen im Vor-
liof beiderseits des Göttlichen Weges auf. Sodann tun andere
Beamte genau dasselbe hinsichtlich der Tafeln der Ahnen und
stellen sich im Gewölbe in zwei Reihen auf; sobald dann die
Tafel des Himmels aus dem Tabernakel herausgenommen
ist und zwischen den beiden Reihen hindurch nach ihrem
„ Drachenpavillon ^^ getragen wird, folgen sie hinterher, dabei
unablässig die Rangordnung der Ahnen peinlichst beobachtend.
Ihnen schließen sich die im Vorhof wartenden Träger der
Tafeln der Nebentempel an. So werden die Tafeln in die Pa-
villons gesetzt, ohne daß dabei eine Abweichung von der Rang-
167
Ordnung stattfindet, und jede wird wiederum von ihrem Träger
mit drei Stirnaufsclilägen begrüßt. Sofort bewegt sich nun
der Zug, mit dem Präsidenten des Opferamtes und seinen
Beamten an der Spitze und dem Präsidenten des Ministeriums
der L i hintenan, auf dem Göttlichen Wege durch die nörd-
lichen Sturztore nach der südlichen Treppe des Runden Hügels.
Da nimmt jeder Beamte nach drei Stirnaufschlägen seine
Tafel wieder aus dem Pavillon; alle besteigen in derselben
Reihenfolge den Hügel, und zwar die mit den Tafeln des
Himmels und der Ahnen auf der südlichen Treppe, die übrigen
auf der östlichen und der westlichen, und jeder setzt seine
Tafel in dem betreffenden Zelt auf ihren Thronsitz (S. 160),
sich von ihr mit drei Stirnaufschlägen verabschiedend.
Diese feierliche Überbringung der Tafeln heii3t ^ |i^ j^
ts*ing SSnWei, die Seelentafeln (zum Opfer) einladen. Indessen
überbringt einer der Präsidenten des Opferamtes dem Kaiser
im Fastenpalast die Kunde, daß die Opferzeit angebrochen ist,
und der Kaiser begibt sich nun in Opferkleidung in einer seiner
Prunksänften mit großem Gefolge nach dem südlichen Sturz-
tor des viereckigen Außenwalles. In einer daselbst auf der Ost-
seite des Göttlichen Weges errichteten -^ ^, Großen Hütte,
wartet er eine kleine Weile, bis einer der Präsidenten des
Opferamtes ihm feierlich bekundet, daß die Seelentafeln an
ihren Stellen stehen, und an ihn die Bitte richtet, die Zere-
monien zu verrichten. Daraufhin verläßt der Kaiser die Hütte,
wäscht sich die Hände, wozu ein kniender Beamter ihm das
Becken (^) hält, und trocknet sie mit einem Tuch ab, das
ihm ein anderer kniender Beamter reicht. Sodann geleiten ihn
die beiden Präsidenten des Opferamtes die südliche Treppe
hinauf bis auf die zweite Terrasse, wo mitten vor der höchsten
Treppe, also in der Hauptachse des Altargrundes, sein ^-'^,
Verneigungsplatz, ist, der von einer gelben 1^ ^ oder Zelthütte
gegen Wind und Wetter geschützt ist.
168
Hohe Beamte führen jetzt die kaiserlichen Prinzen der
vier höchsten Grade zu ihren „Verneigungsplätzen" auf der
dritten Terrasse vor der Treppe und die übrigen Prinzen zu
den ihrigen am Fuß der untersten Treppe, während den ver-
schiedenen Beamten Plätze angewiesen werden außerhalb der
Sturztore des viereckigen Walles, den Zivilbeamten auf der
Ost-, den Militärbeamten auf der Westseite. Alle wenden sich,
gleichwie der Kaiser, dem Norden zu. Übrigens stehen zahl-
reiche Beamte, die beim Opfern Dienst zu leisten haben (Sil
Ä1&); gruppenweise auf dem südlichen Quadranten des Hügels,
beiderseits der Hauptachse, sich derselben zuwendend. Die
Musikanten (^ IC oder ^ ^) stehen bei ihren Instru-
menten (s. S. 165), die Sänger (^ 31 o<ier ^ ^) ^i^tl die
Tänzer (^ jC oder ^ /^) nahe bei derselben Stelle. Jedes-
mal, wenn das Orchester einfallen oder abbrechen soll, wird der
Befehl dazu von einem j^ ^ ^[J, Stimmer der Tonarten, erteilt,
der dazu einen B Hui hochhebt oder sinken läßt, das
heißt, einen von der Spitze eines roten Stabes herabhängenden
Streifen von gelbem Seidentuch, auf den ein Drache gestickt
ist, der über Land und Meer inmitten von Wolken zu dem
blauen Himmel, der Sonne und den Sternen emporsteigt. Zur
Ausübung einer strengen und gefürchteten Kontrolle über alle,
die bei der Opferfeier Dienst leisten, ja, wie es heißt, sogar
über den Kaiser selbst, stehen auf der südlichen Seite der
höchsten Terrasse ein Präsident und ein Vizepräsident des Zen-
sorats (yfefPfäP^ und ^ij f|5 #P ^) ^nd auf der dritten
Terrasse, auf jeder Seite der südlichen Treppe, zwei J^"^
'f^P ^, Zensoren zur Kontrolle der Zeremonien.
Nunmehr ist der Zeitpunkt da, wo das Opfern seinen
Anfang nimmt. Feierlich durchdringt eine Stimme die nächt-
liche Stille; der ÄÄ Ti6n I, der höchste Leiter der Zeremonien,
der seinen Platz auf der zweiten Terrasse, östlich vom Kaiser
hat, ruft: ^ 1^ ^ ^ fC |)t * 1^ # ^ M J|t> "- "-
169
sikanten und Tänzer, und ihr, die ihr Gesänge emporsendet, und ihr, dienst-
leistende Beamte, tuet alle euere Pflicht! Das Opfer zerfällt in
neun Akte, welche also dreimal der himmlischen Zahl drei
entsprechen. Unablässig halten sich die beiden Präsidenten des
Opferamtes an des Kaisers Seiten und rufen ihm mit lauter
Stimme jede Handlung, jeden Kniefall, jeden Stirnaufschlag
zu, die er zu verrichten hat; auf die Weise ermöglichen es
diese Zeremonienmeister dem Kaiser, das unerschütterlich fest-
stehende Staatszeremoniell strikt zu beobachten, ohne im ge-
ringsten davon abzuweichen. Der Präsident auf der linken
Seite, der höhere, heißt ^^1? ^^r helfende Führer oder der Führer,
der Befehle ausruft; der andere wird ^ ^| genannt, der gegen-
überstehende Führer. Bei jedem Kniefall, den der Kaiser zu
machen hat, ist ein Beamter zur Stelle, der vor ihm einen
^^^^Sj Verbeugungsteppich, ausbreitet.
Zur Einleitung des ersten Aktes ertönt wieder von der
zvreiten Terrasse der Ruf des „Leiters der Zeremonien": »^
^^ Ml *W* )Iift? Steckt den Scheiterhaufen in Brand und empfanget die
Seelen der Kaiser! Rauch und Flammen steigen vom Brandaltar
empor, und die ^ Ä, Weihrauchbeamten, die ihre Plätze auf der
südöstlichen und südwestlichen Seite der höchsten Terrasse
haben, schreiten vor und stellen sich in den verschiedenen
Zelten auf, jeder eine Schüssel mit Weihrauchstäbchen auf den
Händen tragend. Der ^ |^, Leiter der Musik, der auf der süd-
westlichen Seite der höchsten Terrasse steht, ruft: J^^*^^^?
hebt an zum Empfang der Seelen der Kaiser! und die Sänger setzen
unter Begleitung einiger Musikinstrumente mit dem ^^ ^
^ Sy Lied des anfangenden Friedens, ein. Es ist aus zwölf ge-
reimten Strophen zusammengesetzt, aus je neun Worten oder
Schriftzeichen, und wie alle Opferhymnen der Staatsreligion
in hochklassischem Stil abgefaßt. Kaum ist das Lied beendet,
da erhebt der „Stimmer der Tonarten" das Hui (s. S. 168), und
sofort fällt das Orchester ein. Auf Befehl des „helfenden
170
Führers" besteigt nun der Kaiser die höchste Terrasse; der
„gegenüberstehende Führer" bleibt beim Mittelpunkte des
Pflasters stehen, während der „helfende Führer" den Kaiser
in das Zelt des Himmels geleitet. Hier kniet der Kaiser nieder,
hebt ein Weihrauchstäbchen, das ihm der „Weihrauchbeamte"
reicht, zu der Seelentafel empor und wiederholt dieselbe
Handlung dreimal; dann macht er den Rundgang durch die
Zelte seiner Ahnen. und bringt jedem auf genau dieselbe Weise
das Rauchopfer dar. Nun ruft ihm der „helfende Führer" zu:
^8 "&? ^®^® auf Deinen Platz zurück! der Kaiser begibt sich mit
den beiden Präsidenten des Opferamtes auf seinen „Vernei-
gungsplatz" (S. 167) und macht da auf ihren Befehl hin drei
Kniefälle mit neun Stirnaufschlägen. Beamte am Fuße des
Hügels wiederholen die Befehle der Präsidenten, und unmittel-
bar bezeugen alle Prinzen und Beamten hinter dem Kaiser wie
ein Mann dem Himmel und den Ahnen dieselbe höchste Ehrung,
welche China kennt. Gleich darauf läßt der „Stimmer der Ton-
arten" das Hui sinken und bringt dadurch das Orchester sofort
zum Schweigen.
Hiermit endet der erste Akt, der offiziell |5l *^ W$^
Empfang der Seelen der Kaiser, heißt. Der Duft des brennenden
Opfertieres, des Weihrauchs und der Opferspeisen, der Zauber
des Liedes und der heiligen Musik haben den Abstieg der
Seelen des Himmelskaisers und der kaiserlichen Ahnen in ihre
Tafeln bewirkt, und somit kann der zweite Akt, das tt 3£ ^ '
Niedersetzen des Jaspis und der Seidenstücke, seinen Anfang nehmen.
Sobald der höchste Leiter der Zerem^onien denselben durch
den Ausruf: „Setzet den Jaspis und die Seidenstücke nieder!"
eingeleitet hat, spielt sich ein ganz gleichartiger Vorgang wie
beim Weihrauchopfer ab; es treten aber dabei ein besonderer
W) 35? Beamter für den Jaspis, und eine Anzahl \^n ^ ^,
Beamten für die Seidenstücke, auf, die ihre Standplätze auf der
südöstlichen und der südwestlichen Seite der höchsten Terrasse
171
haben und die Körbe mit Jaspis und Seide von einem Tisch
abnehmen, der auf dem südöstlichen Teil der Terrasse steht.
-Wenn der Kaiser vor dem Himmelsgott den Korb mit Jaspis
und den mit Seide und vor jedem seiner Ahnen den mit Seide
aus den Händen des betreffenden Beamten entgegennimmt, hebt
er ihn empor und setzt ihn auf den Tisch, der die Opferspeisen
trägt. Dann kehrt er auf seinen „Verneigungsplatz" zurück,
ohne diesmal Stirnaufschläge zu machen. Die Kantate, die
diesen Akt begleitet, heißt M* 2p ^ ^^ das Lied des glanz-
reichen Friedens, und enthält sechs gereimte Strophen von acht
Schriftzeichen.
Hierbei werden dem Himmel zwölf Stück azurblaue Seide
geopfert, jedemKaiser vier Stück weiße. Die Sonne empfängt ein
rotes, der Mond ein weißes; die Sterne und Planeten zusammen
(vgl. S. 174), außer sechs weißen Stücken, ein blaues, ein gelbes,
rotes, schwarzes und weißes Stück, und zwar weil diese Farben
die der fünf Hauptgegenden des Weltalls sind und sonach den
fünf Elementen entsprechen (s. Tabelle, S. 120), deren Namen
von den fünf Planeten getragen werden. Die Götter der Wolken,
des Windes, Regens und Donners bekommen zusammen ein
blaues, ein gelbes, ein schwarzes und ein weißes Stück. In die
Seide des Himmels sind in archaischer Schriftform die Zeichen
5^ JpE ^d ^7 ^^^ ^^^ Opfer des Vorstadtgeländes verfertigte Seide,
eingewebt und daneben dasselbe in mantschurischer Schrift.
Die Seide der Ahnen trägt in ähnlicher Weise die Zeichen ^
■^ -^Ij ^, zur Anbietung an die Ahnen verfertigte Seide; die für die
zweite Terrasse ;ij® f J ^Ij ^, Seide, verfertigt zur Verehrung der
Götter.
Der dritte Akt heißt ^ ^, die Anbietung der Opfertier-
gestolle. Nach dem einleitenden Ausruf des Leiters der Zere-
monien stellt sich der Kaiser mit den beiden Präsidenten des
Opferamtes östlich neben seinen „Verneigungsplatz" und die
Prinzen weichen nach den beiden Seiten der Treppe aus; und
172
nachdem sie auf diese Weise es einer Reihe von Beamten er-
möglicht haben, silberne Töpfe (^) mit Brühe von Rind-
fleisch (36) die Treppen hinaufzutragen, nehmen sie ihre Plätze
wieder ein. Jeder Beamte trägt seinen Topf nach einem Zelt
auf der höchsten Terrasse, wirft sich da vor der Seelentafel
auf die Knie und hebt den Topf empor; dann gießt er etwas
von der Brühe über den Opferstier (s. S. 165) aus und steigt
die westliche Treppe wieder hinab. Nun ertönt das j^ 2pl ^
^^, Lied des alle Menschen umfassenden Friedens, sechs gereimte
Strophen, aus je acht Worten bestehend, und wenn dann das
Orchester wieder spielt, begibt sich der Kaiser der Reihe nach
in jedes Zelt, um dort auf den Knien durch Hochheben der
Hände den Opferstier der Seelentafel anzubieten. Dann kehrt
er auf seinen Verneigungsplatz zurück, und das Orchester wird
mittels des Hui zum Schweigen gebracht.
Der vierte Akt heißt ^<JJ ^, die erste Darbietung, nämlich
des Opferweines. Nachdem der Leiter der Zeremonien gerufen:
ipr '^nj ftjj äfflj Verrichtet den Ritus der ersten Darbietung! werden
von einigen runden, becherähnlichen Töpfen (^) aus blauem
Porzellan, welche bereits vor Anfang des Opfers auf dem süd-
östlichen und südwestlichen Teil der höchsten Terrasse auf
Tischen niedergesetzt worden waren, die roten Seidendecken
(^) entfernt, und dann wird von dem Wein (v@), den sie ent-
halten, etwas mittelst Löffel in die Opferbecher ('^) gefüllt.
Die "^ "^ , Beamten für die Opferbecher, schreiten darauf, jeder
mit einem Becher in beiden Händen, zu den Zelten; und
während da vor jedem Opfertisch einer von ihnen wartet, bis
der Kaiser kommt, wird das aus sechs gereimten Strophen zu-
sammengesetzte ^i ^ ^ ^^, Lied des Friedens, der lange Lebens-
dauer schafft, gesungen. Danach fällt das Orchester ein und acht
Gruppen (f^) von militärischen Tänzern mit Schilden (-^)
und Hellebarden (^) treten vor zur Aufführung ihrer -^ ^
^ Ä, Tanzbewegungen für Kriegsileistungen. Der Kaiser begibt
173
sich nach dem Zelt des Himmels und bringt dort einen Becher
Wein dar, genau auf dieselbe Weise, wie er den Jaspis und
die Seide darbot, und der betreffende Beamte des Bechers setzt
diesen auf einen tischartigen Gegenstand aus Holz (^), der
hinter dem Opfertisch, also der Seelentafel am nächsten steht.
Nun schreitet der Kaiser nach dem Mittelpunkt der
Terrasse, neben dem (s. S. 165) der Tisch mit dem Opfergebet
steht. Der Beamte für dieses Gebet berührt vor demselben
dreimal den Boden mit der Stirn, steht auf und kniet mit dem
Gebet in beiden Händen auf der Ostseite des Tisches nieder.
Plötzhch schweigt das Orchester; der Kaiser wirft sich auf
Befehl des Präsidenten des Opferamtes auf die Knie, und alle
Prinzen und Beamten folgen, auf Befehl der Ausrufer, seinem
Beispiel. Der Präsident ruft: ^ jg{J, Verlies das Gebet! und der
Vorleser hebt an:
äJE 1^ ± i^> ^ OOOO BEo 1p^ ^- Im Jähre .... im so und so-
vielten Monate, am so und sovielten Tag wagt es der erbliche Thronfolger,
der Sohn des Himmels, der Untertan . . . dem Kaiserlichen Himmel, dem
Obersten Kaiser, folgendes kundzugeben: Die Zeit ist jetzt im Wintersol-
stitium, im Anbeginn der Segensspenden der sechs Einflüsse. Ehrerbietig
den L i der heiligen Schriften gehorchend, habe ich mich sorgfältig an die
Spitze meiner Minister und Beamten gestellt und aus Jaspis, Seidenstücken,
Opfertieren, Gefäßen und Schüsseln aller Art die hier liegenden Opfer und
Brandopfer bereitet, Dir Oberstem Kaiser ehrfurchtsvoll zum Opfer und
Euch Nebengeordneten Kaisern ... als ehrerbietige Darbietung. Mögen
die Opfer angenommen werden !
In diesem Gebet folgt auf die Worte „der Untertan" der
Name des Kaisers (s. S. 158). Die Namen seiner Ahnen werden
nicht erwähnt, wohl aber alle ihre Ehrentitel (^ ^ Miao
Hao und ^^ Tsun Si), für jeden 23 bis 27 Schriftzeichen,
174
oder sogar noch raelir. Die sechs Einflüsse sind die des Himmels,
denn Kap. 21a des Han Su (Blatt 21) sagt es klipp und klar:
^ # -^ ^, der Himmel hat sechs Einflüsse. Angeblich sind das,
Jang und Jin, Licht und Dunkel, Wind und Regen; wir
denken hier aber auch an die fünf Einflüsse, die wir auf S. 119
kennen lernten, nämlich Wärme und Kälte, Trockenheit, Nässe
und Wind.
Nun trägt der Vorleser das Gebet nach der Seelentafel
des Himmels, legt es davor in einen Korb (^fl); drückt die
Stirn dreimal auf die Erde und kehrt nach seinem Standplatz
auf der südwestlichen Seite der Terrasse zurück. Gleich fällt
das Orchester wieder ein, und dreimal macht der Kaiser zu-
sammen mit allen Prinzen und Beamten ehrfurchtsvoll je drei
Stirnaufschläge. Jetzt wendet sich der Kaiser seinen Ahnen zu
und opfert ihnen allen der Reihe nach mit Hilfe der in den
Zelten auf ihn wartenden Becherbeamten einen Becher, genau
so wie er vor der Gebetslesung dem Himmel einen dargeboten
hatte. Und von Zeremonienmeistern geleitet, besteigen die ^
jÄ 1^? ^^® Beamten für die Nebenopfer, die am Fuß der süd-
lichen Treppe ihren Standplatz haben, teils die östliche, teils
die westliche Treppe und begeben sich zu den vier Zelten auf
der zweiten Terrasse. Dort opfern sie vor jeder Tafel Weihrauch,
Seide (s. S. 171) und einen Becher Wein, genau so wie es der
Kaiser auf der höchsten Terrasse tat, und gehen auf ihren
Standplatz zurück, während auch der Kaiser sich auf seinen
Verneigungsplatz begibt. Das Orchester hört zu spielen auf,
die militärischen Tänzer treten ab, und acht Gruppen ziviler
Tänzer treten mit langen Federn (^) und Flöten (^) ^^
ihre Stelle zur Auff'ührung der "^ ^ ^, Tänze für die Segnungen
der Zivilverwaltung.
Danach folgen zwei Akte, welche §5 jj)j, die zweite Dar-
bietung, und J^ ifi, die letzte Darbietung, heißen; sie spielen sich
genau nach dem Programm der ersten Darbietung ab, werden
175
aber nicht von einer Grebets Vorlesung unterbrochen. Die hier-
mit verbundenen Opferh^^mnen von sechs gereimten Strophen
heißen ^ 2pl ^ -^^ das Lied des herrlichen Friedens, und ^
2p ^ ^^j das Lied des ewigen Friedens. Die „Beamten für die
Nebenopfer" verrichten auch ein zweites und ein drittes Wein-
opfer vor den Tafeln der zweiten Terrasse, genau nach dem
Programm des ersten. Sobald das Orchester schweigt, treten
die „Tänzer für die Segnungen der Zivilverwaltung" ab.
Die Becher, welche dem Himmel und den Ahnen dar-
geboten werden, heißen ^ '^, Kürbisbecher, und zwar, weil in
einem klassischen Buche des Li Ki, das den Titel 533^0?
die Opferrinder für die Vorstadtgelände, trägt, geschrieben steht
(Kap. 2), daß beim Opfer des Wintersolstitiums ^ ^ [^ fS ^
i^ ^ ^ ^ ^ tt ifc^ ^^^ Gefäße Tongeschirr und Kürbisse ge-
braucht werden, und zwar als Abbild der Natur des (runden) Himmels und
der Erde. In Wirklichkeit gebraucht man jetzt leere Kokos-
nüsse (J^ jj) ohne Schnitzwerk oder Verzierung, aber innen
mit Gold überzogen. Daß diese Becher ein religiöses Über-
bleibsel aus der Urzeit darstellen, in der Tongeschirr und Metall
noch unbekannt waren, ist gewiß nicht unwahrscheinlich. Sie
haben einen Durchmesser von 3,7 Ts*un und sind 1,3 Ts*^un
tief; jeder steht auf einem dreifüßigen Sockel (■^) von wohl-
riechendem Holz. Die Becher für die Götter der zweiten
Terrasse bestehen aus Tonerde (l^), das heißt aus Porzellan
(^), sind himmelblau und mit Spirallinien verziert, die Donner
vorstellen.
Der siebente Akt wird von einer Zeremonie eigenartiger
Bedeutung eingeleitet. Ein Zeremonienmeister tritt aus der
Gruppe von Beamten hervor, welche sich auf der Südwestseite
der höchsten Terrasse befindet, begibt sich nach dem Tisch,
an dem das Opfergebet verlesen wurde, und ruft aus : ^ jjjg ^,
spendet den Glückswein und das Glücksfleisch! Hierauf verlassen die
beiden Präsidenten des Bewirtungsamtes (s. S. 158) ihren Stand-
176
platz auf der südöstlichen Seite der liöchsten Terrasse und
schreiten auf den Tisch zu^ der daselbst neben dem mit den
Weintöpfen steht (s. S. 172); der eine Präsident nimmt von
diesem Tisch einen Becher Wein, der andere eine mit Drachen
verzierte Schüssel (^|| ^) nait Rindfleisch; sie tragen diese
Gegenstände vor die Seelentafel des Himmels und heben sie
mit beiden Händen zu dieser empor. Nun besteigt der Kaiser
die höchste Terrasse, und die Präsidenten stellen sich an seiner
rechten Seite auf; er kniet zusammen mit allen Umstehenden
nieder, und nachdem der Präsident des Opferamtes ihm zu-
gerufen hat: '^ ijjg ^, trinke den Wein des Glücks! übernimmt
er den Becher, hebt ihn mit beiden Händen empor, trinkt und
überreicht ihn einem Beamten, der auf seiner linken Seite
kniet. Wenn ihm dann zugerufen wird : ^ ^, empfange das
Glücksfleisch! so vollzieht er mit der Drachenschüssel dieselbe
Zeremonie. Sodann berührt er den Boden dreimal mit der
Stirn, kehrt auf seinen Verneigungsplatz zurück und macht
drei Kniefälle und neun Stirnaufschläge, wobei alle Prinzen und
Beamten genau dasselbe tun.
Der Gedanke, der diesem Unterteil des Opfers zugrunde
liegt, läßt sich unschwer ermitteln. Die heiligen Schriften
lehren uns, daß von altersher die Opferer das den Göttern und
Ahnen dargebotene Fleisch selbst verspeisten und ihre Ver-
wandten damit beschenkten, in der Überzeugung, ihnen würden
dadurch um so sicherer die Segnungen zuteil, welche das Opfer
bringt. Offenbar legte man dieser Sitte große Bedeutung bei,
denn das betreffende Fleisch wird in den klassischen Schriften
durch ein besonderes Zeichen ^ wiedergegeben. Verwundern
kann es mithin nicht, daß sie sich zu einer festen Zeremonie
der großen Opfer der Staatsreligion gestaltet hat, die bei den
jetzigen Himmelsopfern mit nicht geringerer Feierlichkeit als
die übrigen Akte begangen wird. Es ist, wie wir sahen, der
Himmel selbst, der dabei durch die Vermittlung der beiden
177
Präsidenten des Bewirtungsamtes dem Kaiser den Wein und
das Fleisch reicht, und wohlbegreiflich bringt ihm dafür der
Kaiser durch neun Stirnaufschläge ehrerbietigst seinen Dank.
Da es sich hier nicht um einen Akt zur Verherrlichung des
Himmels handelt, versteht es sich von selbst, daß er nicht
von einem Hymnus begleitet wird, und daß die heilige Musik
der Götter dabei schweigt. Auch bildet diese Zeremonie keines-
wegs einen der neun Opferakte, sondern sie wird lediglich als
ein Vorspiel zur unmittelbar darauffolgenden Opferhandlung
betrachtet, die eigentlich den siebenten Akt darstellt und ^
'^S, die Wegräumung der Opfergaben, heißt.
Das Glücksfleisch der jetzigen kaiserlichen Opfer stammt
von einem Rind, das besonders für diesen Zweck auserkoren
und geschlachtet wird. Noch vor der Opferfeier werden durch
das Bewirtungsamt an die verschiedenen Ministerien und Amter
in Peking Scheine ausgeteilt, die zum Empfang eines Teiles des
Fleisches an der Opferstätte ermächtigen. Diese Verteilung des
Fleisches nach dem Opfer heißt ^ ^, die Verteilung des Glücks-
fleisches.
Was nun den eigentlichen siebenten Akt betrifft, so werden,
sobald aus dem Munde des Leiters der Zeremonien der Befehl
zur Ausführung ertönt, die sechs Strophen des [ÖE ^ ^ ^,
Liedes des weiten Friedens, gesungen; wenn dann das Orchester
einsetzt, begibt sich der Beamte für den Jaspis und die Seide
in das Zelt des Himmelsgottes, macht dort drei Stirnaufschläge
und entfernt sich mit der Jaspisscheibe. Darauf verstummt das
Orchester.
Wurden durch den ersten Akt der Himmelskaiser, die
Ahnen und die übrigen Götter zum Altar geladen, so bezweckt
der achte Akt, sie zu verabschieden. Er heißt deshalb 5^ ^
Jl^, die Verabschiedung der Kaiser und Götter. Sobald dazu der
Leiter der Zeremonien den Befehl ausgerufen hat, wird die
»^ 2p ^ -S^ Kantate des reinen Friedens, gesungen; dann föUt
De Groot, Universismus. 12
178
das Orchester ein, und der Kaiser macht mit den Prinzen und
Beamten dreimal den Kniefall und neunmal den Stirnaufschlag.
Dieser Hymnus des reinen Friedens lautet:
Es steigt zur Mitte (des Himmels) die Botschaft empor, daß das Opfer
vollbracht ist, die Altarstätte sich nun in Dunkel hüllt;
Still gedenke unser und wende Deine Blicke auf uns; mögen die
Wolken als Fahrzeuge (Deiner Segnungen) so zahllos sein wie die Wellen
des Ozeans.
Dein Diener bittet Dich um Deine Gunst zu jeder Jahreszeit; lebhaft
gedenke der Düfte seines Weihrauchs;
Er erhofft ein Wachstum allüberall und eine Vermehrung der Vor-
trefflichkeiten der Beamtenwelt.
Himmel! spende (Deinen Segen), so daß die Erde gebäre und alle
Feldfrüchte reich und üppig gedeihen;
Hilf meinem guten Volke, damit ihm wahrer Friede und wirkliche
Euhe zuteil werde.
Sobald die Götter verabschiedet sind, vollzieht sich der
neunte und letzte Akt. Der Leiter der Zeremonien ruft: ^
MS* ^ Sl ^ ^ yi^ fö ? '^^*^* ^^^ ^®^®* ^^^ ^'® Seidenopfer auf
den beiden Händen ehrfurchtsvoll zu den Verbrennungsstätten! Der
Beamte für das Opfergebet und die Beamten für die Seiden-
stücke begeben sich in die Opferzelte, machen dreimal den
Stirnaufschlag und tragen das Gebet und die verschiedenen
Körbe mit Seiden die südliche Treppe hinab an dem Kaiser
und den Prinzen vorbei, die von ihren Verneigungsplätzen
seitwärts rücken. Dann nehmen auch die Beamten für den
179
Weihrauch und die für die Becher Weihrauch und Becher
von den Opfertischen, und diese Opfergaben werden, unter
Beobachtung der Rangordnung, langsam und feierlich in die
eisernen Verbrennungsöfen getragen, welche (S. 147) östlich
vom Brandaltar stehen und von denen jeder in derselben Reihen-
folge für eine der Seelentafeln bestimmt ist. Der Weihrauch
und die Seide der vier Zelte auf der zweiten Terrasse werden
die östliche und westliche Treppe hinabgetragen zu den gegen-
überliegenden vier Ofen bei den Sturztoren des runden Innen-
walles. Nun ruft der Leiter der Zeremonien aus: ^ j^, siehe
die Verbrennung an! die sechs Strophen der H[j^ 2pl ^ -g^
Hymne des allgemeinen Friedens, werden gesungen, und sobald dann
das Orchester einsetzt, ruft der Leiter der Zeremonien: g&
^^^ v^kuL^ gehe hin zur Stätte und schaue die Verbrennung an! Die
Stätte liegt westlich vom Brandaltar. Während der Kaiser sich
dahin begibt, schreiten die Beamten für die Nebenopfer zu den
Ofen bei den östlichen und westlichen Sturztoren und sehen
sich da die Verbrennung an. Nach einer Weile ruft der Direktor
des Opferamtes dem Kaiser zu: jrM j^, die Zeremonien sind voll-
bracht! und führt ihn nach der Großen Hütte (s. S. 167), worauf
das Orchester verstummt.
Und hiermit ist die Opferfeier zu Ende. Die „Drachen-
pavillons", in denen die Seelentafeln nach der südlichen Treppe
des Hügels getragen wurden (s. S. 166), werden wieder her-
beigebracht, und derselbe Zug führt die Tafeln in die Schreine
des Kaiserlichen Gewölbes und dessen Nebentempel zurück, in
jeder Hinsicht so, wie sie nach dem Hügel gebracht wurden.
Während dieses Vorganges kleidet sich der Kaiser in der Großen
Hütte um und besteigt seine Sänfte. Sobald er durch das „Tor
des leuchtenden Alldurchdringenden" getragen ist und also die
eigentliche Opferstätte verlassen hat, wird ihm das ungeweihte
JfjJ^ ^ ^ S.: ^^ö^ ^ö^ beglückenden Friedens, zugesungen, und
unter Begleitung profaner Musik bewegt sich der Zug nach
12*
180
dem Palast. Nach ihm verlassen auch die Prinzen und Beamten
in ihrer Kangordnung die Altarstätte. Oben im Turm des Wu-
Men läutet die Glocke; die Prinzen und Staatsdiener, welche
sich an der Opferfeier nicht beteiligten, haben sich dort in
Hofgewändern ebenfalls ihrer Rangordnung gemäß aufgestellt
und werfen sich zum Empfang des Sohnes des Himmels auf die
Knie. Und nachdem dieser durch ihre Reihen getragen ist, folgen
sie dem Zug bis zur Marmorbrücke, welche hinter demT'^ai Ho-
Tor (s. S. 160) über den ^ jf^]*, dem Goldfluß, führt, um dort
ehrerbietigst zu warten, bis der Kaiser ihren Blicken ent-
schwindet.
Das beschriebene kaiserliche Opfer mag wohl die impo-
santeste Feier sein, die je auf Erden die Menschheit zur Ver-
ehrung des Himmels veranstaltet hat. Auch sein hohes Alter
kennzeichnet es als einen Ritus höchster Eigenartigkeit. Kurze
Zeit danach folgt ein großes Opfer in dem auf S. 151 be-
schriebenen Rundtempel, „wo für die Jahresernte gebetet wird^',
und zwar am frühen Morgen des durch das Zykluszeichen ^
sin bestimmten Tages nach jJl ^j dem Frühlingsanfang, der
dem 4., 5. oder 6. Februar entspricht. Weil die Zykluszeichen
zehn an der Zahl sind, kehrt der Tag s i n jeden zehnten Tag
zurück, und somit fällt das Opfer immer zwischen den 14.
und 26. Februar. Es beruht auf einer Stelle im heiligen Buche
der „Weisungen für die Monate" (S. 96), welche lautet: ^ ^
ifc^'T'^J^TtHfflST'i^^i" diesem (ersten) Monat
gebraucht der Sohn des Himmels den ersten (s i n) Tag dazu, um zum
Obersten Kaiser für die Feldfrüchte zu beten.
Die Vorbereitungen zum Opfer, die Opfergaben und das
Ritual sind denen des Winteropfers auf dem Runden Hügel
vollkommen gleich, nur daß im Tempel keine Zelte für die
Tafeln des Himmels und der kaiserlichen Ahnen aufgeschlagen
werden und es keine Gefolgschaftsgötter (S. 150) gibt. Der
181
Kaiser hat seinen „Verneigungsplatz" in der Meridianachse
innerhalb des Tempels^ während die Prinzen hinter ihm auf
der Terrasse, der Leiter der Zeremonien daselbst auf der
Ostseite, die Musik auf der Ost- und Westseite ihren Platz
haben und die Beamten am Fuße der Terrasse stehen. Der
Zweck des Opfers kommt mit besonderer Klarheit im Opfer-
gebet zum Ausdruck, das wie folgt lautet:
^B^.m jifE± #oft mm m.m^mm.w
^ mm ^.^mitkm 0^0000 in n^of^m- ""
Jahre . . ., im soundso vielteu Monde, am soundso vielten Taj^ wagt es
der erbliche Thronfolger, der Sohn des Himmels, der Untertan . . . Dir
Kaiserlichem Himmel, Oberstem Kaiser, folgendes kundzugeben: Dein
Untertan hat, ehrfurchtsvoll hinaufschauend, von Dir den besorgten Befehl
empfangen, die zehntausend Gegenden beruhigend zu verw^alten und zu
ernähren, des Lebensunterhaltes der Völker zu gedenken und ihn durchaus
zu beherzigen und somit eine ruhesichernde Regierung energisch anzu-
streben. Aus diesem Grunde hat er gewartet, bis dieser erste sin-Tag ge-
kommen, wo das Pflügen des Frühlings beginnen wird, um sodann seine
Avahrhaftige Frömmigkeit zu entfalten, damit man dazu von oben allum-
fassenden Schutz empfange. Er hat sich sorgsam an die Spitze seiner
Minister gestellt und bietet Dir, Oberstem Kaiser, ehrfurchtsvoll Jaspis, Seiden-
gewebe, Opfertiere, süßen Wein, Hirse und Schüsseln aller Art als Opfer-
gaben dar. Mit der Stirn auf dem Boden betet er, daß Du leuchtend
herunterblicken mögest, damit die Jahreszeiten Regen, Licht und Wärme
in entsprechender Menge empfangen, die hundert Feldfrüchte sich dadurch
völlig entwickeln, die drei Landbaubetriebe (auf bergigem, sumpfigem und
flachem Boden) sich auf Deinen Beistand verlassen können. Auch opfert
er den beistehenden Seelen der Kaiser (es folgen hier ihre langen Titel
wie im Gebet auf dem Runden Hügel). Mögen die Opfergaben angenommen
werden!
182
Um rechtzeitig und in genügender Menge Regen zu er-
langen, wird im ersten Monat des Sommers, sobald sich Ge-
witterwolken (sogenannte ^ Limg, Drachen) am Himmel ge-
zeigt haben, auf dem Runden Hügel ein gleiches Opfer wie
am Wintersolstitium dargebracht, welches 'j^^ Sang Jü, das
feste Regenopfer, heißt. Die Hymnen tragen Namen, die sich
auf das Himmelswasser beziehen: ^ 2p^ Frieden durch Be-
wölkung, flf ^, Frieden durch erforderlichen Regen; ^^;
Frieden durch Dauerregen; ^ 2pl^ Frieden durch Regenguß
usw. Bringt dieses Opfer keinen Regenfall herbei, dann werden
den T'iön Sön oder Himmlischen Göttern von Wolken, Regen,
Wind und Donner (s. S. 149), und den J^fe jfiR; Ti K'i oder
Irdischen Göttern, nämHch den vornehmsten Bergen, Flüssen und
Meeren, Opfer dargebracht, sowie auch dem ^ ^ T'ai Sui,
dem größten Jahrkreis, dem Planeten Jupiter, und schließlich den
JÜ ^ ^ ^ T S i ', Göttern des Bodens und der Hirse, und dabei um
Regen gebeten. Aber wenn das alles zweimal vergeblich wieder-
holt worden ist, zelebriert der Kaiser auf dem Runden Hügel
ein "Ar ^P Ta Jü, Großes Regenopfer. Ein glückverheißender
Tag wird dazu durch das Astrologische Amt, das ^ ^ ^
K'^in T'iön Kien, auserwählt. Während der Kaiser fastet,
ist das Schlachten verboten. Am Tage vor dem Opfer läßt er
sich nicht in seiner Sänfte nach der Opferstätte hintragen,
sondern sitzt zu Pferd ohne großes Geleit und trägt alltägliche
Kleidung, ebenso wie sein ganzes Gefolge und die Prinzen und
Beamten, die ihm am Palasttor das Geleit geben (vgl. S. 162).
Keine Musik begleitet ihn. Zur selben Zeit begibt sich ein
Prinz des höchsten Ranges nach dem ^^ T^ai Miao, dem
Vornehmsten Ahnentempel, der an der südlichen Front des Palastes
steht, um dort den Seelentafeln der verstorbenen Kaiser und
Kaiserinnen der Dynastie mit einem großen Opfer die Notlage
des Volkes bekanntzugeben und um Beseitigung derselben
zu beten. Ein anderer Prinz, gleichfalls vom Kaiser dazu be-
183
auftragt, bietet ein ähnliches Opfer der Erde dar, und zwar
auf ihrem großen Altar im nördlichen Vorstadtgelände, auf
den wir, sowie auf die Altäre und Tempel der anderen soeben
genannten Gottheiten, weiterhin zu sprechen kommen.
Während des Regenopfers tragen der Kaiser, die Prinzen
und die diensttuenden Minister und Beamten ^ ^B , einfache,
schmucklose Gewänder^ und ^ ^j^, Regenmützen. Da, wie gesagt,
den Ahnen in ihrem besonderen Tempel geopfert wird, sind
ihre Tafeln nicht aus dem Kaiserlichen Gewölbe auf den Hügel
hinübergebracht worden, wohl aber die der Sonne, der Sterne
und Planeten, des Mondes und der vier „Himmlischen Götter".
Tiere zu schlachten ist verboten; es werden also keine dar-
geboten, und kein Rind wird im Ofen verbrannt. Kein Glücks-
wein wird getrunken und kein Glücksfleisch dem Kaiser ver-
abreicht. Nach dem dreimaligen Weinopfer werden Tänze einer
ganz besonderen Art aufgeführt und dabei acht von einem
Kaiser der Dynastie selbst verfaßte Lieder von je vierzig
Buchstaben gesungen, die Si *^ ^, Verse der Milchstraße von
Wolken, heißen.^ In diesen Zahlen vierzig und acht spielen
gerade Ziffern die Hauptrolle, weil sie dem Jin entsprechen
und dasselbe mit Wasser, dem Gegensatz von Feuer, der
Fall ist.
Wenn dann endlich der ersehnte Regen fällt, wird ein
glücklicher Tag auserwählt und an diesem durch einen voin
Kaiser angewiesenen Prinzen höchsten Ranges auf dem Runden
Hügel und durch einen andern auf dem Altar der Erde ein
$ß jjtE? Daukgabenopfer, dargebracht, unter Befolgung des großen
Rituals des Winteropfers.
^) Zweimal kommt der Ausdruck ^ *^ zur Andeutung der Milch-
straße im heiligen S i (s. S. 63) vor. Da die Milchstraße gewöhnlich ^
1^, „der himmlische Fluß", heißt, haben wir den Titel der kaiserlichen
Gedichte, welche Regen zu erzeugen bezwecken, gewiß im Sinne von „Fluß
von Wolken am Firmament" aufzufassen.
184
Ein großes Opfer findet auch auf dem Runden Hügel
statt, wenn die Seelentafel eines kürzlich dahingeschiedenen
Kaisers durch seinen Nachfolger eigenhändig den Tafeln der
Ahnen angereiht wird. Dieser feierliche Akt heißt ^Hß sing
P*ei, die nebengeordnete Tafel hinauftragen^ (^g^- S. 149) und findet
an einem durch das Astrologische Amt dazu angewiesenen
glücklichen Tage statt.
Nachdem die Tafel mit Sorgfalt und frommer Ehrfurcht
durch die Zusammenwirkung der Ministerien der Li und der
Werke mit der kaiserlichen Kanzlei (ß] ^) ^nd dem Han-
lin verfertigt und mit der Inschrift versehen ist, wird sie
außerhalb des Tores des leuchtenden Alldurchdringenden (s.
S. 146) in einem gelben Zelt auf einen gelben Tisch mit Weih-
rauchgefäß und Kerzenträgern gesetzt. Da verehrt sie der Kaiser
mit drei Kniefällen und neun Stirnaufschlägen, sobald er das
Kaiserliche Gewölbe besucht und auf dem Hügel die Zelte
des Himmels und der Ahnen inspiziert hat, um sich danach in
dem Fastengebäude des Altars zurückzuziehen (vgl. S. 163f.).
Wenn er dann bei Tagesanbruch dieses Gebäude verläßt, um
sich zur Darbringung des Opfers auf den Runden Hügel zu
begeben, tritt er in das gelbe Zelt ein, berührt vor dem gelben
Tisch dreimal den Boden mit der Stirn, trägt die Tafel eigen-
händig in einen „Drachenpavillon" und macht davor abermals
drei Stirnaufschläge. Dann folgt er zu Fuß dem Pavillon, mit
den Prinzen, Ministern und dem ganzen weiteren Gefolge hinter
sich, und der lange Zug bewegt sich feierlich durch den öst-
lichen Durchgang des Tores des Alldurchdringenden nach
den südlichen Sturzpforten des Außenwalles. Da macht der
Kaiser wiederum dreimal den Stirnaufschlag vor dem Pavillon^
nimmt die Tafel heraus und trägt sie mit den beiden Händen
durch die östliche der drei Sturzpforten nach der südlichen
Altartreppe. Da verläßt ihn sein Gefolge; unter der Führung
der beiden Präsidenten des Opferamtes besteigt er die Treppen
185
und stellt sich vor die runde zentrale Steinplatte der höchsten
Terrasse. Dann ruft der höchste der beiden Präsidenten feier-
lich aus: ^ ^ M 1^' JUS Ä M ^ ± *$*' Kaiser Soundso
(hier erwähnt er den posthumen Ehrennamen des Verstorbenen),
besuche ehrfurchtsvoll den Kaiserlichen Himmel, den Obersten Kaiser!
Sofort kniet der Kaiser nieder, setzt die Tafel auf einen Teppich,
der auf der runden Platte liegt, und macht dreimal einen Fuß-
fall mit je drei Stirnaufschlägen; und auf den weiteren Befehl
des Präsidenten trägt er die Tafel in das neue Zelt, das am
Ende der Zeltreihe der Ahnen steht, deren Tafeln bereits zu-
sammen mit der des Himmelskaisers aus dem Kaiserlichen
Gewölbe dorthin gebracht worden waren. Wiederum berührt des
Kaisers Stirn dreimal den Boden; sodann begibt er sich nach
seinem Verneigungsplatz auf der zweiten Terrasse, und das
Opfer nimmt seinen Anfang. Es spielt sich gänzlich nach dem
Programm des Opfers des Wintersolstitiums ab, nur daß die
Götter der zweiten Terrasse nicht herbeigebracht werden und
ihre Opfer also in Wegfall kommen.
Auch im großen Rundtempel findet die Anreihung der
neuen Seelentafel, die beim westlichen Tore desselben in einem
Zelt angefertigt wurde, in ganz ähnlicher Weise statt, jedoch
nur als Einleitung zum ersten Ernteopfer, das nach dem Tode
des betreffenden Kaisers gefeiert wird.
Ereignisse, welchen der Kaiser große Bedeutung beilegt,
werden auf dem Runden Hügel dem Himmel feierlich kund-
gegeben. So eine jjj^ '^, ehrerbietige Bekanntgebung, wird mit
der Gebetsvorlesung eines Opfers verbunden, das in der frühen
Morgenstunde ein Prinz des höchsten Ranges als Stellvertreter
des Kaisers mit dem Ritual der kaiserlichen Opfer darbringt.
Nur die Seelentafel des Himmels wird dazu in das auf der
höchsten Terrasse errichtete Zelt hinübergebracht. Der Prinz
186
besteigt den Altar auf der westlichen Treppe und hat seinen
Verneigungsplatz an der Südtreppe auf der dritten Terrasse.
Nur gepökeltes Hirsch- und Hasenfleisch, getrocknetes Hirsch-
fleisch, Zizyphus, Haselnüsse, Trauben, Lotuskerne (^ Jf)
und Mandeln (:j^^ ^) werden angeboten, keine Opfertiere,
keine Jaspisscheibe, und der Ritus des Glücksweines und des
Glücksfleisches bleibt fort.
Siebentes Kapitel.
Der Gfötterkult des Eonfuzianismus (II),
2. Die Erde.
Die zweite Gottheit der konfuzianischen Staatsreligion ist
die Erde, offiziell ^ijbJJlR; Huang Ti K'i, Kaiserliche Erd-
gottheit, und |0 Jl H^^^ T^u, Kaiserin Erde, genannt. Wie der
Himmel dem leuchtenden und Avärmenden Jang des Weltalls
entspricht, so ist die Erde die höchste Verkörperung des dunklen
und kalten Jin (vgl. S. 7), und deshalb liegt das J^ i§ Ti
T*^an, das Opfergelände der Erde, in dem ;((j ^ Pe' Kiao, dem
nördlichen Vorstadtgelände von Peking, da von allen Himmels-
gegenden der Norden am meisten dem Jin entspricht. Es
befindet sich dort nordöstlich vom ^ ^ P^ Ngan Ting
Mön, dem Tor der Ruhe und Festigkeit, das gewiß SO heißt, weil
Unbewegiichkeit die Haupteigenschaft der Erde ist.
Die Anlage dieses Opfergeländes sowie der Bauplan und
der Stil seiner Mauern, Tore und weiteren Baulichkeiten stimmen
in fast jeder Hinsicht mit denen des Opfergeländes des Himmels
überein; auch dasselbe Baumaterial, darunter viel weißer Kalk-
und Magnesiummarmor (3 Ca CO 3 2 Mg CO 3), ist hier ver-
wertet worden, dasselbe Material übrigens, aus dem die vielen
noch zu beschreibenden Altäre und Tempel Pekings und der
kaiserliche Palast errichtet sind. Die Unterschiede zwischen
den zwei Opfergeländen sind im wesentlichen nur die, welche
188
aus der Notwendigkeit entstanden, sie den alten Begriffen über
Himmel und Erde anzupassen und daneben gewisse in klassi-
schen Schriften enthaltene Angaben genau zu befolgen. Weil
nach alter Auffassung die Erde quadratisch (~^) ist, hat das
ganze Opfergelände der Erde die Form eines gleichseitigen
Rechteckes und ist auch die quadratische Form im Bauplan
der Unterteile strengstens durchgeführt.
Die quadratische „Außenmauer" (vgl. S. 142) hat einen
Umkreis von 765 T§ang oder etwa 2,58 Kilometern und ist
gegen die vier Hauptpunkte des Kompasses gekehrt. Sie hat
genau in der Mitte der Westfront ein überdachtes Tor mit drei
Durchgängen, das gg ^ P^ Si-T'iön MSn, Tor des Westens.
Zu diesem Haupteingang führt von außen eine schnurgerade
ost-westlich laufende Straße, die ^ j^ f ^ Kuang Hao
Kiai, Straße der weithin wirkenden Bereicherung-, deren Name auf
die Freigebigkeit anspielt, mit der die Erde im Herbst, der
dem Westen entspricht, der Menschheit allüberall ihre reichen
Erntegaben spendet (vgl. Kuang Li Mön, S. 146). Die
Straße geht von einer Marmortreppe aus, führt dann durch
eine rote Holzpalissade und eine j}^ ^ P'^ai Fang, Pforte mit
einer Inschrifttafel, mit drei Durchgängen, das heißt durch ein
freistehendes Bauwerk wie ein dreifaches Sturztor (vgl. S. 145),
dessen Stürze Dächer mit glasierten Ziegeln tragen, und über
dessen mittlerem Durchgang eine Tafel mit einer Inschrift an-
gebracht ist. Parallel miteinander zu beiden Seiten der Straße
laufen Mauern, 71,2 Täang lang, die rechtwinklig auf die
„Außenmauer" des Opfergeländes stoßen; somit liegt die Straße
genau in der Mitte eines 26 T§ang breiten Ganges, der den
einzigen Zugang zu dem Opfergelände bildet.
Genau in der Mitte des von der Außenmauer umschlossenen
Quadrates liegt in der gleichen Lage ein kleineres, das eine
549,4 Tsang lange „Innenmauer" umgibt, welche in der Mitte
jeder Front ein überdachtes Tor hat; nur das nördliche Tor
189
hat drei Durchgänge und kennzeichnet sich so als Hauptein-
gang zu der eigentlichen Opferstätte, da ja der Norden ins-
besondere die Weltgegend ist, welche dem J i n und somit der
Erde entspricht. Dieses Tor ist mit dem „Tor des Westens"
durch eine gepflasterte Straße verbunden, welche also zwischen
den zwei Mauern läuft. Es versteht sich auch jetzt von selbst,
daß der §6n Lu, der Heilige Weg (s. S. 154), vom Nordtor
aus gerade südwärts nach dem Akar läuft und mit der Meri-
dianachse des Opfergeländes zusammenfällt, in der auch na-
türlich der Mittelpunkt des Altars liegt.
Der Altar befindet sich in der südlichen Hälfte des von
der Innenmauer umschlossenen Raumes. Er trägt den Namen
~j^ j^ Fang Tse', Quadratisches Gewässer. Seine Gestalt itst
nämlich nicht bloß durch die der quadratischen Erde bedingt,
sondern auch durch das heilige Buch Täou Kuan, in dessen
Abschnitt über den -^ "^ ^, Hauptverwalter der Musik, von
einer gewissen Musikart berichtet wird: W Q ^ ^ y^ pfa
^^~/j J^ ^^>^? ^^ ^^^ Sonnenwende des Sommers führt man sie
aus auf dem quadratischen Hügel, der im Tse' liegt. Es besteht der
heutige Altar in der Tat aus zwei über demselben Mittelpunkt
liegenden quadratischen Schichten, deren Seiten genau gegen
die vier Himmelsrichtungen gewendet sind und alle in der Mitte
eine Treppe von acht Stufen haben. Die geraden Zahlen ent-
sprechen, wie wir uns erinnern, dem Jin. Die untere Schicht
iat auf jeder Seite 10,6 Tsang lang, die obere 6 Tsang, und
jede Schicht ist 6 T§*i' hoch. Das Pflaster der oberen Schicht
besteht aus neun gleichgroßen Quadraten, welche die alt-
klassische, theoretische Einteilung des Erdbodens vorstellen,
nämlich einen zentralen Teil mit acht darumliegenden, welche
den Hauptpunkten des Kompasses entsprechen. Das zentrale
Quadrat, welches also das Reich der Mitte im engeren Sinne
Teranschaulicht, ist mit sechs Reihen von je sechs gelben qua-
dratischen Fliesen gepflastert, und gewiß soll das die Mischung
190
und Zusammenwirkung von J a n g und J i n, welche den Zahlen
drei und zwei entsprechen, vorstellen, durch die auf dieser
Erde alljährlich die Ernte hervorgebracht wird. Die acht
übrigen Quadrate enthalten je acht Reihen von acht gelben
Fliesen, also die Jin-Zahl zwei in der dritten Potenz. Gelb
ist die Farbe des Zentrums des Weltalls und der Erde. Auf der
unteren Terrasse spielen wiederum die selben Zahlen eine Rolle,
da auf jeder Seite des Rundganges sechs Quadrate liegen, jedes
mit achtmal acht Fliesen.
Die senkrechten Wände dieses Erdhügels sind mit Back-
steinen großen Formats bemauert. Brüstungen und Geländer hat
er gar nicht. Er ist von einem senkrecht gemauerten Wasser-
graben, dem oben erwähnten T s e ', umgeben, der 8,6 T s ^ i *
tief und 8 TäM' breit ist und der alten Form des Altars, wie
das Töou Kuan sie bekanntgibt, gerecht wird. Die Treppen
der unteren Terrasse überbrücken ihn. Wahrscheinlich steht
er das Wasser vor, das nach alten Begriffen die Erde auf
allen Seiten umgibt. Auf der südwestlichen Seite befindet
sich in der Mauer des Grabens ein Drachenkopf, der, wenn
ein Opfer stattfinden soll, Wasser speit, welches durch ein unter-
irdisches Rohr von dem Brunnen des „Aufbewahrungshauses
für die Götter" hingeleitet wird und den Graben bis zur Höhe des
Kopfes füllt. Sowohl auf dem östlichen wie auf dem westhchen
Rundgang steht südlich der Treppe ein marmornes Postament,
das während der Opferfeier die Seelentafeln von fünf vor-
nehmen Bergen trägt, und nördlich jeder Treppe noch eines
für. die vier Weltmeere und die vier großen Flüsse. Die
beiden Postamente für die Berge sind bergähnlich, die für die
Gewässer mit Abbildungen von Wasser bemeißelt, und die
letzteren umgibt eine viereckige Aushöhlung {^j^) im Pflaster,
in die vor dem Opfer Wasser gegossen wird.
Dieser Altar ist, wie der Runde Hügel, von einem „Innen-
wall" und einem „Außenwall" umgeben. Beide sind quadratisch,
191
auf jeder Seite 27,2, bezw. 42 Täang lang. Jeder hat in
der Mitte der Nordseite drei nebeneinanderstehende Sturztore,
aber in der Mitte der drei anderen Fronten nur ein einziges.
Auf der Südseite des Außenwalles steht ein viereckiger Tempel,
das ^ jjj(^ ^ Huang K'i &i\ Haus der Kaiserlichen Erdgottheit,
für die Seelentafeln der Erde und der kaiserlichen Ahnen, die
darin auf dieselbe Weise wie im „Gewölbe" des Runden Hügels
angeordnet sind (vgl. S. 148). Seine Front ist gegen Norden
gewendet, somit auch die Tafel der Erde, welche in einem Ta-
bernakel genau in der Meridianachse des Altars steht, die das
Gebäude sowie den ummauerten quadratischen Raum, in dem
es sich erhebt, direkt in der Mitte durchschneidet. Dieser
Raum ist auf jeder Seite 10,2 Tsang lang. Seine Mauer ist
gegen die Hauptpunkte des Kompasses gekehrt und hat in der
Mitte der Nordfront ein überdachtes Tor. Der Tempel hat auf
beiden Seiten je einen rechteckigen Nebentempel für die oben
erwähnten Götter der Berge, Meere und Flüsse, deren Seelen-
tafeln darin in derselben Anordnung aufbewahrt werden, in der
sie, wie wir auf S. 192 f. sehen werden, während der Opfer auf
dem x41tar stehen. Die Dachsteine der drei Gebäude, der Mauer
und des Tores sind gelb glasiert.
Westlich von diesem Tempelhof liegt ein ummauerter vier-
eckiger Hof mit einem Aufbewahrungshaus und einer Küche
für die Götter, nebst einem Aufbewahrungsplatz für die Opfer-
geräte und einem für die Musikinstrumente; daneben liegt west-
lich ein kleiner viereckiger Hof mit dem Schlachthaus. Auch
ist noch das kaiserliche Fastengebäude zu erwähnen, das im nord-
westlichen Teil des von der Innenmauer umschlossenen Raumes
gelegen ist. Es besteht aus einer gegen Osten gekehrten j£ ^,
Haupthalle, auf einer Terrasse mit marmornen Brüstungen, und
zwei gg^ ^^ Nebenhallen, und wird von einer viereckigen Mauer
umschlossen; diese liegt wiederum in einer viereckigen Aui3en-
mauer, die im ganzen 110,2 T§ang lang ist. Außerhalb der-
192
selben erhebt sich bei der nordöstlichen Ecke ein Glockenturm.
Alle diese Baulichkeiten sowie die Mauern der Opferstätte
tragen grüne Dachziegeln.
Zum Schluß sei noch erwähnt, daß der Altar der Erde,
zugleich mit den Altären des Himmels, der Sonne und des
Mondes, unter der Ming-Dynastie im Jahre 1531 erbaut wurde
(s. 59 ^ Ming Si, Geschichte der Ming, Kap. 47).
Wie dem Himmel am frühen Morgen des Tages des
Wintersolstitiums, wenn das .lang seine jährliche Wiedergeburt
erlebt, sein großes Jahresopfer dargebracht wird, empfängt die
Erde das ihrige in der frühen Stunde des Tages der Sonnen-
wende im Sommer, wenn das J i n sich von neuem belebt.^ Die
Seelentafel der Erde steht dabei auf einem „Thronsitz" (s.S. 160)
auf der Südseite der höchsten Terrasse des Altars in der Me-
ridianachse und ist also gegen den Norden, die Gegend des
J i n, gekehrt. Vor ihr stehen die Tafeln der kaiserlichen Ahnen
genau so wie auf dem Runden Hügel, die der ungeraden Kaiser
also auf der Ost-, die der geraden auf der Westseite, eine An-
ordnung, welche natürlich der der Schreine entspricht, in denen
die Tafeln im „Hause der Kaiserlichen Erdgottheit" (S. 191)
aufbewahrt werden.
Die Postamente für die Tafeln der zweiten Terrasse
haben wir schon erwähnt. Auf dem bergförmigen der öst-
lichen Seite stehen, zusammen in einem Zelt mit der Front
gegen Westen, die Tafeln der fünf .^ (^) Jo', der vor-
nehmsten Berge des Reiches, welche, wie das Su uns lehrt,
schon für den heiligen Kaiser Sun Gegenstände der Verehrung
waren. Ihre Anordnung auf dem Altar entspricht vollkommen
den universistischen Anschauungen und ist, vom Norden an-
gefangen, folgende:
pjl -^7 ^^^ '^ ^' ^^^ Mitte, der ^^ Sung, im Kreise ^^ ^
Töng-fung, Provinz Ho-nan.
193
^ -fe? der Jo* des Ostens, der 'ßj Tai oder ^ T'ai, im
Kreise ^ ^ T'ai-ngan, Provinz San-tung.
j^ ^, der Jo* des Südens, der ^ Höng, im Kreise ^gg
||[ Höng-öan, Provinz Hu-nan.
S "S'? ^®' '^^' des Westens, der ^ Hua, im Kreise Ä
1^ Hua-jin, Provinz Sön-si.
^(j -S"^ der Jo* des Nordens, der ^ Hgng, im Kreise ^
^ K'ü'-jang, Provinz Pe'-tsi -li.
Darauf folgen in derselben Reihe:
WC )S Ui? ^*^ K'i-jun- Gebirge bei Jenden in der Man-
dschurei, bei dem die vier ältesten Vorahnen der Dynastie im
^ 1^, Jung -Grabhügel, ruhen.
(^ ^ iJj? das Lung-je'- Gebirge bei Mukden, an dem der
flg (^, Tsao- Grabhügel, des Ahnherrn ^ ^ T'ai Tsung ge-
legen ist.
^ 1^ |Jj, das Jung-ning-Gebirge im Bezirke Mf Ji' in
Pe'-tsi'-li, wo die g§ 1^, westlichen Grabhügel, der Dynastie
hegen.
Diesen acht Tafeln gegenüber stehen auf dem Postamente
der westlichen Seite des Altars in einem gemeinschaftlichen
Zelt, mit der Front nach Osten, die Seelentafeln der sogenannten
^ T§en, fünf Aveiteren, auch in klassischen Schriften er-
wähnten vornehmen Berge. Sie sind gleichfalls in der univer-
sistischen Reihenfolge angeordnet, also vom Norden angefangen,
in folgender:
Fb ^, der Tsön der Mitte, der J| H 0 ', im Kreise Ho\
Provinz San-si.
^^, der Tsön des Ostens, der ^ I, im Kreise ^ |35
Ji'-tu, Provinz San-tung.
^ ^, derTsen des Südens, der ^^ Kwei-ki, im
Kreise Kwei-ki, Provinz Tsö'-kiang.
g ^, der Tsen des Westens, der ^ Wu, im Bezirk |^
Lung, Provinz Sgn-si.
De Groot, Universismus. 13
194
ira
^(j ^7 ^ö' "^^^^ ^®^ Nordens, der g ^^ ^ I-WU-lü,
Kreise ^ ^ Kuang-ning, Provinz Sing-king.
Und daneben schließen sich an:
^ tt LÜ? ^^^ T'ien-tsu-Gebirge bei Mukden, an dem
der j0g 1^; Fu -Grabhügel, des Ahnherrn 3;^^ jj(|^ T*ai Tsu ge-
legen ist.
M^iälJj; ^^^ Ts'ang-sui-Gebirge im Bezirk ^^ Tsun-
hua in Pe'-t§i^-li, an dem die ^ (^j östlichen Grabhügel, der
Dynastie liegen.
Es erregt die Aufmerksamkeit, daß auch die fünf Ge-
birge, welche die Lage der Mausoleen des regierenden Kaiser-
hauses beherrschen,* der Erde als „Gßfolgschaftsgötter" hinzu-
gefügt werden, obwohl von ihnen in den heihgen Schriften nirgend
die Rede ist. Sie beeinflussen aber ebensogut wie die heihgen
alten Hauptberge des Reiches das Glück des Kaisers und seiner
Regierung. Es war freilich in China immer unerschütterHche
Lehre, daß die Gräber der Toten das Glück und das Fort-
bestehen ihrer Nachkommenschaft bestimmen, und daß von der
Gestaltung des Bodens, in und bei dem sie liegen, ihre Be-
seelung und daraus erfolgende segenspendende Kraft abhängig
sind. Näheres hierüber wird das letzte Kapitel dieses Werkes
bringen.
Was die Postamente für die Gewässer betrifft, so stehen
auf dem östlichen, zusammen in einem Zelt, die vier Tafeln
der jQ: Hai, Meere, nämlich des Ostens, Südens, Westens und
Nordens, und auf dem westlichen die der vier ^^ Tu' oder
Wasserströme. Diese Flüsse sind: der östliche, der Jang-tsÖ;
der südliche, der ^ Huai, in Ho-nan und Ngan-hui; der
westliche, der Huang-ho; der nördliche, der ^ Tsi, in S an-
tun g. In den Nebengebäuden des „Hauses der kaiserUchen
Erdgottheit" ist die Anordnung dieser Berg- und Wassergötter
^ über die Gebirge der kaiserlichen Grabstätten findet man Nähere«
in meinem „The Religious System of China", Bd. III, S. 1282ff., 1297, 1367f.
195
natürlich genau so wie auf dem Altar. Sie werden zusammen-
gefaßt unter dem Namen i||j jjfj^ Ti K'i, Irdische Götter.
Wie die Hauptgestirne und Planeten mit den vier Himm-
lischen Göttern auf dem Runden Hügel die „Gefolgschaftsgötter"
sind; so sind es auf dem Altar der Erde die Hauptberge und
Gewässer. Die klassische Grundlage für diese Einrichtung des
Opfers befindet sich im heihgen Buche 3E "SO Wang Tai^
Fürstenregeln, des Li Ki (Kap. HI). Da steht geschrieben:
^^ 4Bc, der Sohn des Himmels opfert den namhaften Bergen und den
großen Strömen der ganzen Welt; er betrachtet dabei die fünf Jo* als seine
drei Reichsverwalter, die vier Tu' als seine höchsten Lehnsfürsten. Das
heißt also, daß in der Rangordnung der Götter den Bergen
und Strömen ein Platz unter und nach dem Kaiser gebührt;
da aber die Weltmeere größer als die Flüsse sind, so haben auf
dem Altar ihre Tafeln vor denen der Flüsse den Vorrang. Hier
tritt also wiederum die Stellung des regierenden Kaisers über
allen Göttern außer Himmel und Erde klar zutage.
Eine Beschreibung des großen kaiserlichen Opfers der
Sommersonnenwende erübrigt sich. Die Vorbereitungen, die
Opfergaben, das Ritual usw. sind in jeglicher Hinsicht denen
des Opfers des Wintersolstitiums gleich. Nur ist zu bemerken,
daß die Zelte der Tafeln gelb und quadratisch sind und daß,
klassischer Vorschrift entsprechend (s. S. 161), der Erde ein
gelbes f^ Tsung angeboten wird, nämlich eine quadratische
Scheibe von Jaspis, etwa vier TsSm lang und breit, die eine
flache Seite hat und auf der andern von zwei gegenüber-
liegenden Kanten nach der Mitte hin leicht gewölbt ist. Anstatt
eines Scheiterhaufen- Altars (S. 146) hat der Altar der Erde an
der entsprechenden Stelle eine ^^ Tsang K'u, Grube, in
die beim ersten Opferakt Haare und Blut der Opfertiere, beim
letzten das Gebet, die Seide, der Weihrauch und der Wein ge-
worfen werden, welche man der Erdgöttin angeboten hatte.
13*
196
Diese den Ahnen dargebotenen Opfergaben aber wirft man
alsdann in daneben stehende Verbrennungsöfen, und die der
zweiten Terrasse in vier „Gruben" innerhalb des Außenwalles,
beiderseits des östlichen und des westlichen Sturztores.
Das Gebet lautet wie folgt:
Im Jahre ... im so und sovielten Monde, am so und sovielten Tag wagt
es der erbliche Thronfolger, der Sohn des Himmels, Dein Untertan . . .
der Kaiserin Erde, der Kaiserlichen Erdgöttin, folgendes bekanntzugeben:
Die Zeit beherrscht das Somraersolstitium ; alle Wesen sind (von der Himmels-
kraft) gänzlich durchdrungen; Leben und Wachstum haben sich entwickelt
und lassen alles, was lebt, gedeihen. Alles verläßt sich jetzt auf die höchste
Freigebigkeit Deines segensreichen Werkes, das sich mit dem des Kaiser-
lichen Himmels oben paart. Sorgfaltig habe ich Jaspis, Seide, Opfertiere,
Wein, Gefäße und Schüsseln aller Art und Nutzen zubereitet. Dir ehrfurchts-
voll zum Opfer und Euch nebengeordneten Kaisern (Titel wie im Gebet
des Himmelsopfers, S. 173) als ehrerbietige Darbietung. Mögen die Opfer
angenommen werden !
Die Hinzufügung der Tafel eines neuverstorbenen Kaisers
zu denen seiner Ahnen, sowie die Bekanntgabe wichtiger Er-
eignisse findet auf dem Altar der Erde genau nach dem Pro-
gramm statt, das für den Altar des Himmels festgestellt ist
(vgl. S. 184fF.).
3. Die kaiserlichen Ahnen.
Der Kaiser und sein Haus sind vom Staatswesen der aller-
vornehmste Teil. Folglich lassen sich auch die Opfer, welche
er, auf Grund des Vorbildes und der Lehre der heiligen Ver-
gangenheit, seinen Ahnen, den Mitgliedern und Schutzgöttern
197
•
seines Hauses, darbieten muß, unmöglicli von der Staatsreligion
abgetrennt denken. Diese Heiligen nehmen darin, wie wir
wissen, nach Himmel und Erde den Platz über allen Göttern
ein, und diese hohe Stellung hat der Opferritus auf den
Altären des Himmels und der Erde bereits klar erwiesen.
Zur Aufbewahrung und Verehrung ihrer Seelentafeln be-
sitzt der Kaiser auf der Ostseite der zwei großen Höfe, die
zwischen dem ^ ^ T^iön Ngan-Tor und dem ^ Wu-
Tor vor der Stidfront des Palastes liegen, eine große, im Jahre
1420 von der Ming-Dynastie erbaute Opfer statte. Ihre Lage
ebenda beruht auf einem Satz im heiligen Buche T§ou
Kuan, welcher lautet: ^h ^ ^^ Z U M M M Z niß
"fö V >R /luL ^§ V ^^ ^ ^^7 ^^^ Unterverwalter des fürstlichen Ahnen-
stammes, der damit beauftragt ist, die Plätze der Götter des Staates fest-
zusetzen, gibt den So und den Tsi' den Platz zur rechten, dem Ahnen-
tempel den Platz zur linken (östlichen) Seite. Dieselbe Vorschrift für
die Lage dieser zwei Opferstätten befindet sich am Schluß des
heiligen Buches T s i I, das einen Teil des L i K i bildet.
Mitten im Opfergelände der Ahnen erhebt sich in einem
rechteckigen ummauerten Raum der Hjj^ J^ T'ai Miao, der
Größte, Vornehmste Ahnentempel, auf einer rechteckigen Marmor-
terrasse von drei Stufen, die auf allen Seiten mit marmornen
Brüstungen versehen sind. An der genau gegen Süden ge-
wendeten Vorderseite ist dieser Terrasse ein etwas schmalerer
viereckiger Perron mit gleichartigen Brüstungen vorgebaut, der,
für jede Stufe, vorn drei nebeneinander liegende Treppen, zu
beiden Seiten nur eine Treppe hat. Der Tempel hat ein zwei-
faches Dach von gelben glasierten Ziegeln. Das obere ruht auf
dreißig Säulen von kostbarem Holz, von denen jede ein ein-
ziger gewaltiger Baumstamm ist; sie bilden in der Tempel-
halle drei Reihen. Parallel zu ihnen steht auf jeder Seite noch
eine Reihe von zwölf Säulen, die das untere Dach tragen;
zwischen diesen Säulen ist die Tempelwandung angebracht, so
198-
'daß sie nach außen und innen wie Pilaster heraustreten. Der Bau-
stil dieses Tempels ist dem des größten Opfertempels, der noch
heute in den kaiserlichen Grabstätten der Ming- Dynastie steht,
ganz ähnlich, und es ist also kaum daran zu zweifeln, daß wir
ihn in der ursprünglichen Gestalt vor uns haben, in der dieses
Kaiserhaus ihn 1545 erbauen ließ. Für Näheres über seinen
Stil und sein Vorkommen dürfen wir mithin auf die illustrierte
Beschreibung des gesagten Tempels der Ming- Gräber in
Band III meines ,,The Religious System of China", S. 1214 ff.,
hinweisen.
Auf dem Hof, der sich vor dem T'ai Miao ausdehnt,
liegt auf jeder Seite ein rechteckiger Nebentempel (Wu), mit
der langen Frontseite nach Westen, bezw. nach Osten ge-
kehrt. Jedes dieser Gebäude hat nur ein einziges Dach und
steht auf einem marmornen ^ ^, Erhöhungsfundament, ohne
Brüstungen. Das östliche enthält Schreine mit Seelentafeln der
"jd] ^p, verdienstvollen Prinzen höchsten Ranges, von denen zu einigen
sich die Tafel der Gemahlin (jjjg ^) gesellt. Im westlichen
Nebentempel stehen auch solche Tafeln und überdies nocli
viele von '^ K, verdienstvollen Ministern, denen der höchste
Adelstitel ^ Kung verliehen worden ist. Hier nach dem
Tode in der Gestalt einer Seelentafel ewig wohnen zu dürfen
und somit Anteil an den Opfern zu haben, welche der Sohn
des Himmels seinen Ahnen bringt, gilt für die allerhöchste
Ehrung, welche in China einem Menschen zuteil werden kann.
Sie erhebt ihn, den kaiserlichen Ahnen gegenüber, auf die holie
Stufe der Nebenordnung, welche durch das Zeichen gg, p'ei
ausgedrückt wird (vgl. S. 149).
Zur Unterscheidung von zwei anderen Tempeln, die hinten
liegen, heißt der T'ai Miao auch ^ ^, die Vorderhalle. Die
Meridianachse der Opferstätte durchschneidet ihn gerade in der
Mitte, sowie auch den dahinterstehenden kleineren, der ein
einziges Dach hat, ebenfalls nach Süden gekehrt ist und pp
199
^, Mittelhalle, heißt. Diese steht auf einem rechteckigen „Er-
höhungsfunclament" mit Brüstungen, dem vorn in der Mitte eine
rechteckige schmalere Plattform {^) vorgebaut ist, welche auf
jeder Seite eine Treppe hat und mit der Terrasse des Vorder-
tempels verbunden ist. In der Mittelhalle werden die Tafeln
der Kaiser, von ^jJC )(§, T'ai Tsu an, in Schreinen aufbewahrt.
Dieser nimmt den Hauptplatz in der Meridianachse ein; zu
seiner Linken steht sein Nachfolger ^^ T'ai Tsung,
rechts von ihm der dritte Kaiser, der vierte weiter links und
so weiter. Neben der Tafel jedes Kaisers befinden sich in dem-
selben Schrein auf der rechten Seite als p*ei Wei oder neben-
geordnete Sitze die Tafeln seiner Hauptgemahlinnen, also der
Kaiserinnen; neben ^ jjjg^ Sing Tsu (K'ang-hi) z. B. vier.
Die Tafeln der jüngst verstorbenen Kaiser und Kaiserinnen
stehen seitwärts, gegen Westen und Osten gekehrt. Für jeden
Kaiser mit seinen Gemahlinnen gibt es eine besondere „Kammer",
welcher die alte Benennung ^ Si' oder ^ ^ Ts*in-§i*
beigelegt ist. Darin steht, außer dem Schrein oder Tabernakel
(^ K*^an), ein Bett mit Decken und Kopfkissen, Kleider-
rechen und Gardinen, wie die Lebenden sie im Schlafzimmer
zu haben pflegen; endlich auch Kistchen mit ihren ^S W?
Siegeln aus Jaspis, und mit ^^ j^, Platten von Jaspis, worin alle
die ihnen verliehenen Ehrennamen eingraviert sind (s. S. 209).
Hinter der Mittelhalle läuft ost- westlich eine Quermauer
mit überdachten Toren im mittleren Teil. Dahinter erstreckt
sich ein Hof, der in gleichem Stande wie die Vor- und Mittel-
halle die ^ ^, Hinterhalle, enthält. Ihr klassischer Name ist
fjfe T'iao. Sie ist der Mittelhalle ähnlich, hat aber an der
Vorderseite drei nebeneinander liegende Treppen. Sie enthält die
„Kammern" und Seelentafeln der vier Vorahnen der Dynastie,
nämlich: ^^ Tsao Tsu, ^ 1^ Hing Tsu, ^ jfg King
Tsu und ^jJT§^ Hi6n Tsu, alle gegen Süden gekehrt, der
älteste in der Mitte; auch hier ist jeder Tafel die der Gemahlin
200
zugesellt. Diese Ahnherren und Ahnfrauen wurden 1648 von
iftÜfl ^^ '^^^ (Sun-t§i), dem ersten Mandschu-Kaiser^ der
in Peking den Thron bestieg, zur kaiserlichen Würde erhoben
und mit kaiserlichen Ehrennamen ausgestattet.^
Auch bei der Mittel- und der Hinterhalle befinden sich
in gleicher Lage wie bei der Vorderhalle zw^ei Nebengebäude.
Sie werden zur Aufbewahrung von Opfergeräten verwendet.
Außen und innen sind die drei Hallen reichlich verziert und
besonders zwischen den mittleren Pfeilern bunt bemalt und ver-
goldet. Sie und ihre sechs Nebengebäude umschließt eine vier-
eckige Mauer, die in der Mitte der Südfront, also in der Me-
ridianachse, ein überdachtes Tor mit fünf Durchgängen hat,
das sich auf einer marmornen Terrasse mit Brüstungen und drei
Treppen vorne und hinten erhebt. Es heißt J^ f^ Ki' Mön,
das Lanzentor, weil SO Wohl innen wie außen zur Linken und zur
Rechten Ständer jnit Lanzen stehen. Quer vor dem Tor fließt
ein mit Marmorquadern gemauerter Bach, über den nicht we-
niger als sieben Marmorbrücken führen; davor steht auf der
Ostseite das Aufbewahrungshaus, auf der Westseite die Küche
für die Götter. Nun folgt eine Quermauer mit fünf überdachten
Toren in der Mitte, jedes mit nur einem Durchgang; sie ist die
Südfront einer Mauer, welche die soeben erwähnte auf den vier
Seiten umfaßt und auch selbst wiederum auf allen Seiten von
einer dritten Mauer umgeben ist, deren Gesamtlänge 291,6 Täang
beträgt. Die Westfront dieser Mauer hat drei überdachte Tore,
welche auf die zwei groi3en Vorhöfe des Palastes (s. S. 197)
gehen. Das südlichste hat drei Durchgänge und ist der kaiser-
liche Haupteingang. Es heißt [^ ^ f^ P^ T'ai Miao Kiai
M6n, Tor der T*ai Miao-Straße.
Die Dachsteine der Tempel, der Tore und der Mauern
sind gelbglasiert und entsprechen somit der kaiserlichen Farbe
der Erde, des Weltalls Mitte.
1 Näheres in „The Religious Syst em of China", Bd. III, S. 1353 f.
201
Die Opfer, welche der Kaiser in dem beschriebenen Opfer-
gelände alljährlich seinen Ahnen darbietet, beruhen hauptsäch-
hch auf diesem Satz im Tsou Kuan: ]^ j^ ^ ^ ^
^ ^ -^ ^ (Abschnitt über den -^ ^ >fg^ den Ober-
verwalter des fürstlichen Ahnenstammes). Mittels des ÄTfij S ö opfert man
im Frühling den früheren Herrschern; mit dem Iffi^ Jo* opfert man ihnen
im Sommer, mit dem J^ T§ ang im Herbst und mit dem 2&, Tsing
im Winter. Die Darbringung dieser vier Opfer ist hier durch
das Zeichen ^ hiang ausgedrückt, das durchweg als nicht
verschieden vom gleichlautenden ^M gedacht wird und somit
auch dessen Bedeutung von „Bewirtung mit Speisen und Ge-
tränken" hat. Daß die vier klassischen Namen der Opfer diesen
immer offiziell beigelegt worden sind, versteht sich von selbst.
Das S ö wird im ersten Monat des Frühlings gefeiert, und zwar
an einem der ersten zehn Tage, der als dazu besonders geeignet
auserwählt wird; jedes der drei anderen Opfer findet am ersten
Tage der betreffenden Jahreszeit statt. Aus diesen Daten er-
sieht man, daß jedes Opfer die Erlangung des Segens der Ahnen
für die eingetretene Jahreszeit bezweckt.
Das Programm dieser Opfer ist dem der großen Himmels-
opfer ähnlich. Ganz dieselben Vorbereitungsmaßregeln werden
getroffen, allein der Kaiser verbringt die vorangehende Fast-
nacht im Palast. Während er sich noch vor Aufgang der Sonne
mit großem Gefolge zum Opferplatz aufmacht und die Großen,
Beamten, Musikanten usw., die beim Opfer amtieren sollen,
bereits ihre Plätze eingenommen haben in der entsprechenden
Anordnung wie beim Frühlingsopfer im Rundtempel des Himmels
(S. 181), wird in der Hinterhalle von einem Prinzen höchsten
Ranges (Wang) den Seelentafeln der Vorahnen Weihrauch ge-
opfert und sodann auf der Terrasse, in der Meridianachse, die
Verehrung durch drei Kniefälle und neun Stirnaufschläge be-
zeugt. Nun nehmen acht Ä M Gioro, Nachkommen der
202
ältesten Vorahnen des kaiserlichen Stammes, nach drei Stirn-
aufschlägen die Tafeln aus den Schreinen, stellen sie auf ihre
„Thronsitze" (s. S. 160), die am vorhergehenden Tage zusammen
mit den Opfertischen und Opfergaben vor den Schreinen bereit-
gestellt wurden, und begrüßen sie abermals mit drei Stirnauf-
schlägen. Darauf verrichtet der Prinz das Weihrauch opf er auch
in der Mittelhalle. Sobald er dann dort auf der Terrasse seine
Stirnaufschläge gemacht hat, trägt eine Reihe von kaiserlichen
Stammesgenossen jeder eine der Tafeln, mit peinlichster Be-
obachtung ihrer Rangfolge, in die Vorderhalle, um sie da hinter
den Opfertischen auf ihre Thronsitze zu stellen und sich mit
drei Stirnaufschlägen zu verabschieden. Es versteht sich ohne
weiteres, daß die Anordnung dieser Thronsitze genau mit der
der Tafeln übereinstimmt, wenn diese sich in den Schreinen
der Mittelhalle befinden.
Die Opfergaben sind dieselben, welche beim Himmels-
opfer des Wintersolstitiums den Ahnen dargeboten werden, allein
es kommt hier zu jedem Tisch ein Rind, ein Schaf und ein
Schwein. Zu bemerken ist auch noch, daß es in den beiden
Hallen für jeden Kaiser und seine Gemahlinnen bloß einen
Opfertisch gibt mit nur einem Satz von Opfergaben, so daß
die Kaiserinnen nichts Spezielles bekommen, sondern das Opfer
mit ihrem Gemahl gemeinschaftlich zu teilen haben. Das-
selbe gilt für die Gemahlinnen der „Verdienstvollen" in den
Nebentempeln. Da gibt es, im östlichen, auf jedem Tisch 24 Ge-
fäße und Körbe, mit einem Rind, einem Schaf und einem
Schwein ; im westlichen nur 10 Gefäße und Körbe, mit einem
Schaf und einem Schwein.
Während der Kaiser den ersten Akt des Opfers vollzieht,
das heißt, den Tafeln seiner Ahnherren der Reihe nach Weih-
rauch opfert und zum Schluß sie alle gleichzeitig auf seinem
Verneigungsplatz unweit der Haupttür der Tempelhalle, zu-
sammen mit den Prinzen und Beamten, mit neun Stirnauf-
203
schlagen ehrt, wird in der Hinterhalle auf lauten Befehl eines
zweiten Leiters der Zeremonien (^^ ^)? der auf der Terrasse
steht, genau dasselbe den Vorahnen gegenüber verrichtet durch
einen Prinzen höchsten Ranges als ^ ^ 'j^, stellvertretenden
Opferbeamten. Auch er hat stets seine Zeremonienmeister neben
sich, die ihm alles, was er zu tun hat, zurufen (vgl. S. 169).
Der zweite und der vierte Akt verschmelzen zu einem ein-
zigen, während der dritte wegfällt. Die Beamten für die Seide
und für die Weinbecher stellen nämlich die Körbe mit Seide
und die Becher mit Wein auf die Opfertische; darauf wird das
Gebet gelesen, und der Kaiser macht mit den Prinzen und
Beamten neun Stirnaufschläge. Also bietet der Kaiser die Seide
und den Wein nicht eigenhändig an. Inzwischen wird genau
dasselbe in der Hinterhalle durch den Opferbeamten verrichtet,
und auch da ein Gebet vorgelesen. Im Anschluß an diesen
zusammengeschmolzenen Opferakt werden von einer Reihe von
^Beamten für die Nebenopfer" (S. 174) den „Verdienstvollen"
in den Nebentempeln Weihrauchopfer dargebracht und Seide
und ein Becher Wein auf jeden ihrer Opfertische niedergesetzt.
Das zweite und das dritte Weinopfer erfolgen mit genau dem-
selben Ritual in allen den vier Gebäuden. Dem Kaiser Avird
Glückswein und Glücksfleisch dargereicht, den „Opferbeamten"
aber nicht.
Nach diesen fünf Akten spielt sich der Schlußakt folgender-
maßen ab. Einer der beiden Zeremonienmeister des Opferamtes
wirft sich vor den Seelentafeln auf die Knie und ruft ihnen
feierlich zu: mg S. |^ ^ 3J ^, die Zeremonien sind vollbracht,
kehrt, bitte, wieder in Euere Kammern zurück!, sodann macht er drei
Stirnaufschläge und tritt zurück. Eine kurze Hymne wird ge-
sungen, und der Kaiser, die Prinzen und Staatsdiener berühren
alle zugleich neunmal den Boden mit der Stirn. Der Weihrauch,
die Seide, der Wein und das Gebet werden nach den Ofen ge-
tragen. In der Hinterhalle und den zwei Nebentempeln findet
204
dasselbe statt. Nach dem üblichen Ausruf: „die Riten sind voll-
bracht!" verläßt der Kaiser den Tempel; die Tafeln werden in
ihre Kammern zurückgebracht auf dieselbe Weise und mit der-
selben Ehrenbezeugung^ wie sie vor dem Oi3fer daraus ent-
nommen worden waren.
Die beiden Gebete enthalten nichts weiter als die übliche
Mitteilung, daß der Kaiser, der sich diesmal ^ ^, unter-
würfigen Enkel, bezeichnet, sorgfältig Opfergaben bereitet hat
und wünscht, dieselben mögen angenommen werden. Alle die
Kaiser und Kaiserinnen werden mit ihren langen Titelreihen in
den Gebeten erwähnt. Vor den „Verdienstvollen" in den Neben-
tempeln wird kein Gebet gelesen.
In den heiligen Büchern ist einige Male von Opfern die
Rede, welche als jjf^ Hia' bezeichnet werden. Immer hat
man sie als Opfer gedeutet, die den Ahnen „insgesamt"
(^) dargebracht worden sind; und obschon die heiligen
Schriften beinahe nichts über sie bekanntgeben, ist ihre bloße
Erwähnung daselbst von den Kaisern als ein genügender Grund
angesehen worden, um am letzten Tage jedes Jahres die Tafeln
der Hinter- und der Mittelhalle zu einem gemeinschaftlichen
Opfer in der Vorderhalle zu vereinigen. Dieses Datum erklärt,
warum nicht gleich am darauffolgenden ersten Tage des Früh-
lings, sondern erst ein bis zehn Tage später den Ahnen das
jährliche Frühlingsopfer dargebracht wird (vgl. S. 201).
Dieses „Gesamtopfer" wird den betreffenden Tafeln am
Tage zuvor feierlich angekündigt. Ein Prinz des höchsten
Ranges bringt ihnen nämlich in der Hinterhalle, ein anderer
in der Mittelhalle, in derselben Weise wie der Kaiser zu Be-
ginn der Jahreszeiten, ein Opfer dar, bestehend aus Speisen,
Weihrauch, Seide und Wein, ohne Musik, Gesang und Tanz,
ohne Glückswein und Glücksfleisch; dazu wird ihnen beim
dritten Weinopfer durch die Gebetsvorlesung die Botschaft
205
überbracht mit den Schlußworten: ^ ^ ^^tffJÜEo'f/t
'Mi S§ ^Ö 5 ehrerbietig tritt (Euer unterwürfiger Enkel) Euch entgegen
mit der Einladung, Euch zusammen herzubegeben, um seine Opfer anzu-
nehmen. Bis zur Erde gebeugt hofft er, daß Ihr herabschauen und von
dieser Mitteilung Kenntnis nehmen wollet.
Am Opfertage selbst werden beim Sonnenaufgang durch
Mitglieder des kaiserlichen Stammes unter Führung eines Mag-
naten höchsten Ranges die Tafeln aus den beiden Hallen in
die Vorderhalle getragen in der feierlichen Weise, die uns auf
S. 201 f. bekanntgeworden ist. Die Kaiser und Kaiserinnen der
Hinterhalle bekommen natürlich die höchsten Plätze in der
Meridianachse auf südwärtsgekehrten Thronsitzen. Das Opfer,
das darauf der Kaiser darbringt, spielt sich in jeder Hinsicht
nach dem Programm der Opfer der Jahreszeiten ab und wird
also auch von den „Verdienstvollen" in den beiden Nebentem-
peln geteilt.
Wichtige Ereignisse gibt der Kaiser nicht bloß dem
Himmel und der Erde (S. 185 und 196), sondern auch seinen
Ahnen feierlich durch einen Prinzen höchsten Ranges sowohl
in der Mittel- wie in der Hinterhalle kund, und zwar durch
ein Opfer, das sich nach dem Programm der Ankündigung des
„Gesamtopfers" abspielt. Es kommt vor, daß der Kaiser dieses
Opfer in der Vorderhalle in eigener Person darbringt.
Eine Feierlichkeit von hoher religiöser Bedeutung ist die
Hinzufügung der Seelentafel eines jüngst verstorbenen Kaisers
zu denen seiner Ahnen. Dieser Ritus heißt ^ ^ Sing fu,
hinauftragen und beisetzen.
Die Tafel, welche am Grabhügel beim Opfertempel her-
gestellt wurde, wird daselbst gleich nach der Bestattung der
Leiche ehrfurchtsvoll durch den neuen Kaiser in eine pavillon-
artige Sänfte gesetzt. Auch die Seelentafeln der zuvor unter
206
dem Grabhügel beigesetzten Kaiserinnen des Verstorbenen,
welche bis dahin wahrscheinlich dort im Opfertempel aufbe-
wahrt wurden, werden von ebensoviel Prinzen des höchsten
Ranges in dafür bestimmte Sänften hineingetragen, und darauf
tritt der Zug die Rückreise nach Peking an, von dem Kaiser
und den Prinzen begleitet. Am Abend vor der Ankunft ver-
läßt der Kaiser den Zug und reist voran, um vor dem Palast
die beseelten Tafeln ehrfurchtsvoll empfangen zu können. Alle
Vorbereitungen zu einem großen Opfer im T*ai Miao sind in-
zwischen getroffen worden; auch war fünf Tage zuvor dem
Himmel, der Erde, den Ahnen in der Mittel- und Hinterhalle
und den Göttern des Bodens und der Hirse (So Tsi') auf die
uns bekannte Weise durch Magnaten die Kunde von der kom-
menden Feierlichkeit gebracht worden.
Wenn dann der Zug mit den heihgen Tafeln das ^ *^
Ta Ts'ing-Tor, den allerersten südlichen Zugang zum Palaste,
erreicht, wird er von knienden Prinzen und Beamten mit der
tiefsten Ehrfurcht empfangen; und am T'ien Ngan-Tor
(S. 197) empfängt sie in kniender Stellung der Kaiser selbst,
der in einem gelben Zelt dort auf sie wartet. Von den zwei
Präsidenten des Opferamtes geführt, schließt sich dann dieser
allerhöchste ^1 ^ hiao Nan oder unterwürfige Sohn der Sänfte
seines Vaters an, und so geht es durch das Tor der T ai
Miao-Straße (s. S. 200). Durch die Reihen der Magnaten
und Staatsdiener, welche beim Opfer amtieren werden, hindurch
bewegt sich der Zug nach den Toren der zweiten südlichen
Mauer; dort verrichtet der Kaiser das rituelle Händewaschen,
schreitet auf die Sänfte der Seelentafel seines Vaters zu, macht
dort auf Befehl des Präsidenten des Opferamts dreimal den
Stirnaufschlag und nimmt die Tafel aus der Sänfte. Die Prin-
zen verfahren genau so mit den Tafeln der Kaiserinnen, und
nun zieht der Zug ohne die Sänfte bis zum „Lanzentor". Da
bleibt der Zug zurück; der Kaiser und die Prinzen tragen die
207
Tafeln mit beiden Händen in die Vorderhalle, wo in der Mitte
Knieteppiche ausgelegt sind. Nunmehr spielt sich derselbe
Ritus ab wie auf dem Runden Hügel (S. 184). Nachdem die
Tafeln auf die Teppiche gesetzt sind, ruft der Präsident des
Opferamts aus: ^ JM ^" }B Mi ^ M M ?lj ^y «Kaiser
und Kaiserinnen Soundso (ihre posthume Namen), die Ihr neu beizusetzen
seid, besucht ehrfurchtsvoll die Reihe der Heiligen und die der Kaiserinnen!'*
und der Kaiser macht zur Begleitung (fp) auf seinem „Ver-
neigungsplatz" neunmal den Stirnaufschlag vor den Tafeln der
Kaiser und Kaiserinnen der Mittelhalle, die kurz zuvor hinter
den Opfertischen auf die „Thronsitze" gestellt worden waren.
Wenn dann der Kaiser und die Prinzen die neuen Tafeln auf
die für sie bestimmten neuen Thronsitze hinter einem Tisch mit
Opfergaben getragen haben, fängt das feierliche, große Opfer
an, das dem der Jahreszeiten völlig gleich ist und mithin auch in
der Hinterhalle und den zwei Nebentempeln dargebracht wird.
Sodann wird diese wichtige Beisetzung im ganzen Reiche
offiziell verkündet. Erst nachdem sie im T^ai Miao stattge-
funden hat, darf sie auf den Altären des Himmels und der
Erde (s. S. 184 und 196) erfolgen. Falls eine Kaiserin ihren
Gemahl überlebt, dann findet die Beisetzung ihrer Tafel allein
auf dieselbe Weise statt.
Der !^ §^ Tsun Si oder posthume Ehrenname, welcher
jedem Kaiser und jeder Kaiserin nach dem Tode vom Thron-
folger beigelegt wird, besteht aus einer Reihe von Ausdrücken,
welche aus zwei Zeichen zusammengesetzt sind und hohe Eigen-
schaften und Vortrefflichkeiten bedeuten. Diese Zeichen haben
nicht ihren gewöhnlichen Sinn, sondern den, welcher ihnen
beigelegt ist in einer Schrift, die von den Stiftern der Tsou-
Dynastie herstammen soll. Unter dem Titel ^ ^ Si Fa*,
Gesetze für die nach dem Tode zu verleihenden Ehrennamen, bildet diese
Schrift den 54. Abschnitt eines Buches, das A. D. 281 in einem
208
alten Grab entdeckt sein soll und deswegen den Titel }^ ^
^ ^ Ki' Tsung Tsou Su, Buch von Tsou aus dem Grabe von Ki\
erhalten hat. Außerdem bekommt jeder Kaiser nach seinem
Tode einen J^^ Miao Hao oder Ahnentempeltitel aus zwei
Zeichen, wie j^jl^ Si Tsu, ^^ Sing Tsu, ^^ §i
Tsung usw., unter dem er im Tempel verehrt und angerufen wird.
Es entspricht heiligem, Jahrhunderte altem Brauch, wenn
ein Kaiser bei seiner Thronbesteigung seinen Ahnherren und
Ahnfrauen in Anerkennung für das, was sie dem ihm ver-
machten Keiche geleistet haben, durch Hinzufügung von Schrift-
zeichen zu ihren Ehrennamen Dankbarkeit und Verehrung
bezeugt, das heißt, J[j(I _\^ ^ ^, ihre Ehrennamen vermehrt und
erhöht. Nachdem ihm auf seinen eigenen Auftrag hin das Mi-
nisterium der Li die neuen Namen vorgeschlagen hat, über
die die höchsten Staatsminister zuvor sorgfältigst sich beraten
haben, und er sie mit seinem Gutachten besiegelt hat, werden
die Seelentafeln unter Darbietung eines Opfers durch einen
Prinzen höchsten Ranges davon unterrichtet; dann werden sie
durch den Präsidenten des Ministeriums der Werke und den
des Opferamts in der Mittelhalle mit Weihrauch, drei Kniefällen
und neun Stirnaufschlägen verehrt und in ein reines Gemach
des Tempelplatzes getragen. Unter ihrer erfurchtsvollen Auf-
sicht und der zweier Großkanzler (^ ^ J;^) werden daselbst
die Inschriften der Tafeln geändert und diese wiederum mit
derselben Ehrenbezeigung in die Mittelhalle zurückgebracht.
Genau derselben Behandlung werden die Tafeln in der auf
S. 210 ff. zu besprechenden „Tempelhalle zur Aufwartung der
Voreltern" unterzogen, und zwar unter Überwachung hoher
Beamter der kaiserlichen Hausverwaltung (^^/frf)- ^^^
Abänderung der Inschriften findet dort in dem „Aufbewahrungs-
haus für die Götter" statt.
Alsbald folgt an einem glücklichen Tage die feierliche
Beilegung der neuen Namen durch eine große Opferfeier, welche
209
der der vier Jahreszeiten ganz gleich ist. Fünl Tage zuvor
wird sie durch einen Prinzen des höchsten Ranges dem Himmel,
der Erde, den Ahnen und den Göttern des Bodens und der
Hirse in der uns bekannten Weise in ihren großen Opferstätten
mit einem Opfer bekanntgegeben. Am glücklichen Tage macht
sich der Kaiser nach dem T'ai Miao auf, stellt sich auf
seinen „Verneigungsplatz", läßt die neuen Ehrennamen den auf
den „Thronsitzen" hinter den Opfertischen und Opfertieren
stehenden Tafeln bekanntgeben und bringt ihnen gleich daraut
das Opfer dar, während ein Prinz höchsten Ranges es den
Vorahnen in der Hinterhalle darbietet.
In alt -chinesischer (^) und in Mantschu- Schrift, wofür
das Han-lin und die kaiserliche Kanzlei (^ ^) die Mo-
delle besorgen, wird der Ehrenname jedes Kaisers und jeder
Kaiserin in eine 3S JS^ (.^)y Platte von Jaspis, und in ein 3£
jP^, Siegel von Jaspis, eingraviert. Nach der Beisetzung der
Tafeln im T'ai Miao (S. 207) findet mit der gleichen Sorgfalt
und Ehrfurcht, womit diese Tafeln angefertigt wurden, diese
Arbeit statt, und zwar in einem reinen Gemach beim „Tor
der T'ai Miao -Straße". Da werden auch zur gleichen Zeit
für die Kaiser und Kaiserinnen, deren Ehrennamen „Ver-
mehrung und Erhöhung" zuteil wurde, neue Platten und Siegel
angefertigt. An einem glücklichen Tage begibt sich der Kaiser
mit großer Eskorte in ein bei dem genannten Tore aufgeschlagenes
Zelt, wo die Platten und Siegel auf einem gelben Tische fertig
liegen und eine Reihe von Magnaten und Reichsgroßen auf
ihn warten. Unmittelbar vor dem Tore steigt er aus seiner
Sänfte und wäscht sich die Hände, dann inspiziert er die Gegen-
stände und verehrt sie mit drei Stirnaufschlägen. Nun treten
hohe Prinzen heran, machen ebenfalls drei Stirnaufschläge,
legen die Platten und Siegel in ebenso viele pavillonartige
Tragbahren und berühren abermals den Boden dreimal mit der
Stirn. Die Eskorte trägt nun die Bahren, welchen der Kaiser
De Groot, Universismus. 14
210
und die Prinzen langsam und feierlich zu Fuß folgen, durch
das „Lanzentor" zur Freitreppe des T*^ai Miao. Da nehmen die
Prinzen nach drei Stirnaufschlägen die heiligen Gegenstände
herauS; tragen sie in die Halle auf gelbe Tische und verehren
sie wiederum mit einem dreimaligen K'o-t'ao. Der Kaiser hat
inzwischen in seinem gelben Zelt beim „Lanzentor", wo er sich
die Hände wusch, gewartet; er betritt nun den Tempel und
macht zusammen mit den Prinzen und Großen vor den Platten
und Siegeln drei Kniefälle und neun Stirnaufschläge. Durch
die Hintertür tragen darauf die Prinzen, vom Kaiser zu Fuß
gefolgt, die Gegenstände in die Mittelhalle und legen sie in den
betreffenden „Kammern" in ^ |^, metallene (goldene?) Koffer,
wonach sie sie mit einem dreifachen Stirnaufschlag verehren.
Zum Schluß opfert der Kaiser hier vor jedem Tabernakel
Weihrauch und macht in der Meridianachse der Halle vor
sämtlichen Voreltern drei Kniefälle und neun Stirnaufschläge.
Den vielen Opfern im T^ai Miao schließen sich diejenigen
an, welche in einer kaiserlichen Opferstätte dargebracht werden,
die ^^ -^ ^ Fung SiSn Tiön, Tempel zur Aufwartung der Vor-
gänger, heißt. Diese Opferstätte mag wohl Dasein und Namen
dem einfachen Umstand verdanken, daß im heiligen Su (Buch
-^ tp T'^ai Kia') geschrieben steht, daß der heihge I-jin (s.
S. 69) seinem jungen Kaiser in einer weisen Anrede sagte:
^K 3t 'S ^^^ „warte Deinen Vorgängern auf und denke dabei an die
Unterwürfigkeit des Kindes!" Aus dem Namen der Opferstätte
geht also hervor, daß diese wie eine häusliche gedacht wird,
wo der Kaiser seinen Ahnen, wie das Kind seinen Eltern und
Großeltern, Speisen und andere Lebensbedürfnisse „mit den
beiden Händen darbietet" (^), und daß sie also den Haus-
altären entspricht, welche auch das Volk zur Versorgung seiner
Voreltern allgemein besitzt.
211
Ihre Lage rechtfertigt diesen Glauben. Denn während
der T'ai Miao südöstlich des Wu -Tors liegt, der den südlichen
Haupteingang der ^ ^ ^jg oder roten Sperrmauer des ganzen
Palastes bildet, befindet sich der Fung SiÖn Tißn in der ent-
sprechenden Lage innerhalb dieser Ummauerung beim Haupt-
eingang zu den pj ^ , inneren Palastgebäuden, das heißt, beim
^ *M P^ K'iÖn Ts'ing Men, dem Tor der himmlischen Reinheit.
Er läßt sich in kurzen Worten folgendermaßen beschreiben:
Die Hauptgebäude sind zwei hintereinander liegende,
gegen Süden gekehrte Tempel, genau in der Mitte von der
Meridianachse eines viereckigen ummauerten Raumes durch-
schnitten. Sie sind der Vor- und Mittelhalle des T'ai Miao in
Bauart aufi'allend ähnlich. Der vorn liegende hat ein doppeltes
Dach und erhebt sich auf einer einstufigen Terrasse mit Brü-
stungen und einem rechteckig ausgebauten Vorderperron, der
drei Treppen vorn, eine auf der linken und eine auf der rechten
Seite hat. Der Hintertempel steht auf einem gleichartigen
„Erhöhungsfundament", das keine Treppen hat, sondern durch
einen überdachten gemauerten Dkmm, der ^ T'ang oder
Halle genannt wird, mit der Terrasse des Vordertempels ver-
bunden ist. Zwei Ost- und westlich dem Damm angebaute,
einander gegenüberliegende Marmortreppen bilden die Zugänge
zu dieser Halle und somit zu dem Hintertempel.
Vor dem Vordertempel steht auf der Meridianachse das
überdachte ^ -^ f^ Fung Siön MSn, Tor zur Aufwartung der
Ahnen, das drei Durchgänge hat. Daneben hat die Südmauer
beiderseits noch ein Tor mit einem einzigen Durchgang. Vor
diesen Toren erstreckt sich ein rechteckiger, ummauerter Hof,
auf dessen Westseite der Haupteingang zur Opferstätte liegt,
nämlich das |^ ^ f^, Tor der frommen Ehrfurcht. SüdHch dieses
Hofes liegt hinter einer Mauer mit zwei Pförtchen ein Vorhof
mit einem langen Gebäude, das unter einem Dach die Küche,
das Schlachthaus usw. enthält. Tempel, Tore und Mauern sind
14»
212
mit gelbglasierten Ziegeln gedeckt und; wie in allen Opfer-
gebäuden, durch gepflasterte; immer rechtwinklig umbiegende,
ost-westlich oder süd-nördlich laufende Straßen verbunden.
Der Hintertempel dient zur Aufbewahrung der Tafeln
der AhneU; die bei Lebenszeit den Kaisertitel trugen, also die
von T'^ai Tsu an (vgl. S. 199). Jeder hat in derselben „Kammer^
die Tafeln seiner Kaiserinnen neben sich. Kammer und
Schreine sind alle gegen Süden gekehrt. Am Geburtstag der
eventuell noch lebenden Kaiserin -Witwe und an dem des re-
gierenden Kaisers; ferner am Neujahrstag; am Tage des Winter-
solstitiums und, wenn etwas die Dynastie sehr Erfreuendes
stattgefunden hat; werden die Tafeln in den Vordertempel
getragen und auf „Thronsitze" gestellt; sodann wird ihnen ein
großes Opfer dargebracht; entweder durch den Kaiser, oder
auf seinen Befehl durch seinen Sohn oder einen anderen Prin-
zen höchsten Ranges. Das dabei befolgte Programm ist das
der Ahnenopfer der vier Jahreszeiten, nur daß eine kleinere
Gefolgschaft von Prinzen und Staatsdienern den Kaiser be-
gleitet. Wichtige Ereignisse werden im Hintertempel vor den
geöffneten Schreinen durch den Kaiser oder einen Prinzen
mit einem Opfer bekanntgegeben; allein ohne Musik und ohne
Gesänge.
Jedesmal bei Vollmond und Neumond; am Geburts- und
Sterbetage eines Kaisers; dessen Tafel im Tempel steht; und
am Sterbetag jeder da anwesenden Kaiserin; am 15. des ersten
Monats (JlTfl)? ^^ ^^^ Jahreszeiten ]^B^ Ts'^ing-ming
(5.— 20. April) und ^ |^ Suang-kiang (24. Oktober— 7. No-
vember) und am letzten Tage des Jahres stattet der Kaiser
dem Hintertempel einen Besuch ab; wo bereits vor jeder Kammer
Becher Weins, Fleischspeisen und Obst fertig hingestellt und
Lampen angesteckt sind. Unter Führung des Direktors der
kaiserhchen Hausverwaltung ( ^ ^ /fj ^ ^) opfert der
Kaiser vor jeder Kammer Weihrauch und macht Stirnaufschläge.
213
Natürlich kann er sich auch bei diesen Gelegenheiten durch
einen Prinzen vertreten lassen. In der Jahreszeit jjl ^ Li'-
ts'un (5. — 18. Februar) und am Ülj^ |^ Tuan-jang-Tage, d. h.
dem 5. des fünften Monats, verrichten die Aufseher der Opfer-
stätte ähnliche kleine Opfer; endHch noch eins ohne Fleisch und
Obst am 8. des vierten und am Vollmondstag des siebenten Monats.
Für jeden jüngstverstorbenen Kaiser und für jede seiner
schon früher hingeschiedenen Kaiserinnen wird durch die kai-
serliche Hausverwaltung in der „Aufbewahrungskammer" des
Fung Siön Tiön eine Seelentafel angefertigt. Die Beisetzung
im Vordertempel daselbst geschieht dann am selben Tage, an
dem sie im T*ai Miao stattfindet (vgl. S. 207), jedoch etwas
später. Das dabei befolgte Ritual ist in der Hauptsache das-
selbe wie im T'ai Miao; allein, wenn der neue Kaiser die
Tafel seines Vaters und die Prinzen die Tafeln der Kaiserinnen
in den Vordertempel getragen haben, setzt der Kaiser die
seine auf den hinter einem vollen Tisch mit Opfergaben für
sie bereitgestellten „Thronsitz". Sodann wirft sich der Präsi-
dent des Opferamts auf die Knie und ruft : ^ J^ ^ ^ ^
y\ü fe 1& ^j ^. *i^? ''^^^ Kaiserinnen (Soundso, hier folgen ihre post-
humen Namen), steigt herauf zur Beisetzung in den Tempel zur Aufwartung
der Vorgänger und besucht ehrerbietig den (zuletztverstorbenen) Kaiser (So-
undso)!" Sofort tragen nun die Prinzen die Tafeln der Kaiserinnen
herbei, knien nieder, stellen sie auf die ausgelegten Teppiche
und treten zurück ; und nun, auf lauten Befehl des Präsidenten,
macht der Kaiser auf seinem „Verneigungsplatz" für die Tafeln
drei Kniefälle und neun Stirnaufschläge. Dann trägt er selbst
die Tafeln auf die für sie bestimmten Thronsitze und kehrt
auf seinen Verneigungsplatz zurück, wonach das große Opfer
seinen Anfang nimmt.
Unmittelbar hinter der nördlichen Front der „roten Sperr-
mauer", die den kaiserlichen Palast umschließt (s. S. 211), liegt
214
gerade in der Mitte ein rechteckiger ummauerter Raum, dessen
Fronten gleichwie die des Palastes genau gegen die vier Welt-
gegenden gekehrt sind. Darin erhebt sich der dreigipflige,
waldumgürtete ^^ \±\ King San, der Aussichtshügel, der einen
weiten Ausblick über den Palast und die Stadt gewährt, und
nördlich davon erstreckt sich ein Hof mit einer Anzahl von
schönen Bauten und zahlreichen Bäumen, der wohl als der
prächtigste Hof des Palastviertels bezeichnet werden kann.
Das größte seiner Gebäude liegt gleichweit von der östlichen
und der westlichen Mauer und wird daher von der Meridian-
achse der langen Reihe von Haupttoren und Haupthallen des
Palastes durchschnitten; auch ist es, wie alle diese, gegen
Süden gekehrt. Es heißt ft^^ ^^^ Huang Ti6n,
Tempel der langlebigen (verewigten) Kaiser, und ist dem Fung Si6n
Tien in Stil und Bau ganz ähnlich, auch in bezug auf die
Marmorterrasse und die Treppen. Auf jeder Seite befindet
sich in gleicher Lage gegen Süden ein kleinerer Tempel mit
einem einzigen Dach, und vor der Freitreppe steht links und
rechts auf einem „erhöhten Fundament" aus Marmor mit mar-
mornen Brüstungen und Treppen ein zierHcher sechseckiger
Kiosk mit doppeltem Dach, worin sich ein marmorner MonoHth
mit Inschrift auf einem Sockel erhebt. Zunächst folgt etwas
weiter südlich, in der Quere, auf jeder Seite ein Nebentempel
(Wu) mit einem schönen Ofen zur Verbrennung der Opfergaben,
aus gelbglasierten Dachziegeln und Fliesen erbaut. Den Tempel-
hof schließt dann auf der Südseite eine hohe Mauer ab, in
deren Mitte ein Tor mit drei Durchgängen eingebaut ist; dessen
Dach wird vorn und hinten von sechs Pfeilern getragen, welche
sich auf einer Marmorterrasse mit Brüstungen erheben, die
gleichfalls , vorn und hinten drei Treppen hat. Südlich vor
diesem Tor kauert auf jeder Seite ein Löwe auf steinernem
Sockel. Dort erstreckt sich der Vorhof, in dem iii der Quere,
auf der Ost-, bezw. Westseite, die Aufbewahrungskammer und
215
Küche für die Götter liegen, mit je einem Brunnenpavillon.
In der Mitte der Südmauer ist hier ein überdachtes Tor einge-
baut, von dessen drei Durchgängen jeder für sich mit einem
zweiten, niedrigeren Dache verziert ist, und das vom von zwei
steinernen Löwen auf Sockeln flankiert wird. Als Abschluß
erhebt sich vor diesem Tor und sowohl links als rechts in der
Quere eine schöne P'ai Fang (vgl. S. 188).
Der Sou Huang TiSn läßt sich als die kaiserliche
Ahnengalerie bezeichnen. Längs der nördlichen Rückwand
sind die gemalten Bilder der verstorbenen Kaiser in ebensovielen
Schreinen zur Verehrung aufgehängt, und zwar hinter einer
langen Scheidewand, die mit fensterartigen Offnungen versehen
ist. Am letzten Tage des Jahres werden vor dieser Wand eine
Anzahl Wandschirme (^) niedergesetzt und die eigens zu
diesem Zwecke hervorgeholten Bilder daran aufgehängt, jedes
mit denen der betreffenden Kaiserinnen daneben, um am zweiten
Tage des neuen Jahres wiederum entfernt zu werden; denn
der Kaiser hält es für seine Pflicht, mit einer Gefolgschaft von
Prinzen ihnen daselbst am Neujahrstage ein großes Opfer dar-
zubringen, mit Musikbegleitung, aber ohne Tänze und ohne
Gebetsvorlesung. Selbstredend darf er die Erfüllung dieser Pflicht
dem Kronprinzen oder einem anderen seiner Söhne übertragen.
Aus diesem Ritus ergibt sich, daß man glaubt, auch gemalte
Darstellungen der Toten seien von ihren Seelen belebt.
Überall in China herrschte von altersher der Glaube, daß
das Grab eine Wohnstätte der Seele des darin beerdigten Toten
ist, und somit auch eine Opferstätte sein soll, um so mehr, weil
es, wenn die Seele darin unter segensreichen Einflüssen des
Weltalls glücklich und zufrieden lebt, ihre Nachkommenschaft
mit Segnungen übergießt. Die (^ Ling, die Grabhügel der
kaiserlichen Toten, bilden mithin neben dem T'ai Miao und
dem Fung Siön Tiön eine dritte große Hauptstätte für kaiser-
216
liehen Ahnenkult. Von einer Beschreibung dieser großartigen
Mausoleen nehme ich Abstand unter Hinweis auf Band III
des „The Religious System of China" und die Abbildungen^
die in dem letzten Jahrzehnt erschienen sind, zumeist mit
mehr oder weniger wertlosen oder sogar irreführenden di-
lettantischen Beschreibungen.
Für die Darbringung der kaiserlichen Grabopfer ist vor
jedem Grabhügel auf einer Marmorterrasse ein Tempel er-
richtet, dessen Bauart der des T'^ai Miao auffallend ähnelt.
Er trägt den Namen P^J§[^ Lung Ngön Tien, Tempel für
überreichliche Gunstbezeugungen. Er enthält möblierte „Kammern"
mit Schreinen, und zwar eine gegenüber dem Haupteingang
für die Seelentafeln des Kaisers und seiner Gemahlinnen, und
eine in der Quere an seiner rechten Seite für die Tafeln der
neben seinem Grabhügel beerdigten Beifrauen. Vor dem Tempel
erhebt sich auf einer Marmorterrasse mit Brüstungen ein über-
dachtes Tor mit drei Durchgängen.
Ein großes Opfer wird alljährhch in der Ts*in§^-ming-
Jahreszeit (5. — 20. April, s. S.212)^ am löten Tage des siebenten
Monats (fj' 7C); ^^^ Tage des Winter solstitiums und am letzten
des Jahres in jedem Grabtempel dargebracht, und zwar durch
einen Prinzen höchsten Ranges, den der Kaiser als seinen ^
^^ g , stellvertretenden Opferer, sowohl zur Östlichen wie zur west-
lichen Gruppe (s. S. 194 und 193) entsendet. Für dieselben
Opfer bei den drei Grabhügeln in Jenden und Mukden (s. ebenda)
entsendet das Ministerium der Li in Mukden einen dort wohn-
haften hohen Würdenträger, der ein Mitglied des kaiserlichen
Stammes ist. Solch ein Opfer wird nach dem Programm der
großen Opfer im T'^ai Miao, jedoch ohne Musik, Gesang und
Tanz dargebracht. Jeder Kaiser und jede Kaiserin empfängt
außerdem ein solches an den Todestagen (y§^J^); auch jeder
Kaiser, wenn ihm ein für die Dynastie glückliches Ereignis
bekanntgegeben wird. Natürlich gehört es zu den Kindes-
217
pflichten des Kaisers, gelegentlich an einem der genannten Tage
persönlich seinen Vater und seine Mutter am Grabe zu besuchen
und dort das große Opfer darzubringen. Vor seiner Abreise
macht er dann entweder selbst, oder durch einen Stellvertreter,
den Tafeln im Fung Siön Tißn davon mittels des gebräuch-
lichen Opfers Mitteilung. Wenn er dann das ^ *^, das Reise-
gebäude der Grabstätte, bezogen hat und zur Darbringung des
Opfers in der „Großen Hütte" (s. S. 167) vor dem Tempeltor
eingetroffen ist, werden hinter einem gemeinschaftlichen Tisch
mit Opfergaben für die Seelen des Kaisers und seiner Ge-
mahlinnen und einem für die Beifrauen die Tafeln durch Beamte
der kaiserlichen Hausverwaltung auf Thronsitze gestellt, und
das Opfer nimmt seinen Anfang. Der Kaiser und seine prinz-
liche Gefolgschaft machen die Stirnaufschläge auf der Terrasse
beim Haupteingang des Tempels, die übrigen Würdenträger
am Fuße der Terrasse. Nach Schluß des Opfers macht sich
der Kaiser nach dem rechteckigen Hof auf, der zwischen dem
Tempel und dem Grabhügel liegt. Vor dem Hügel stehend,
mit dem Gesicht nach Westen, bricht er in ein lautes Jammer-
geschrei aus (J^ ^) ; die Prinzen und Großen, die ihm bis vor
dem Tor des Hofes ((^ HJ P^) gefolgt waren, jammern ein-
stimmig mit, und der Kaiser kehrt in das Reisegebäude zurück.
Wird ein großes Opfer durch einen Stellvertreter des Kaisers
dargebracht, dann jammert dieser mit seiner Gefolgschaft am
Tor des Hofes.
Solch ein kaiserlicher Grabbesuch heißt g^[^ je' Ling,
Besuch des Grabhügels. Zumeist wird er in der Ts'ing-ming-
Jahreszeit abgestattet, in Übereinstimmung mit einem alten,
allgemeinen Brauch des ganzen Volkes, besonders in diesem
Zeitabschnitt die Gräber zu besuchen, zu reinigen und herzu-
stellen. Auch die Pflicht der Kinder, die Ruhestätten ihrer
Eltern in gutem Zustande zu erhalten, wird vom Kaiser als
einem braven Sohn durch einen eigenartigen Ritus erfüllt, der
218
Sfe db ^^ '^'^^ ^^^® ausstreuen, oder J^ i. sang T'u, Erde
hinaufbringen, heißt. Ehe er im Tempel das Opfer darbringt,
zieht er mit einem kleinen Gefolge von Prinzen und Großen, die
alle, wie er selbst, gelbliche, schmucklose Gewänder (^ ^^)
tragen, nach dem massiven, aus großen Backsteinen konstruierten
Vorbau des Hügels, der 3^^ fangTs'ing, viereckige Festung,
heißt und den tunnelartigen Eingang zur Gruft umfaßt. Dort
zieht er ^^7 Schutzschuhe, an und besteigt mit einigen Prinzen,
die auch solche Schuhe tragen, auf dem 1^ ^, dem ansteigenden
Steinweg, die „viereckige Festung". Auf dem Gipfel des Hügels
kniet er nieder, schüttet ein ihm dargereichtes Körbchen
mit Erde aus, steigt wieder hinab, zieht die Überschuhe aus
und begibt sich in die „Große Hütte", um sich von dort
aus zur Darbietung des Opfers nach dem Tempel aufzu-
machen.
Der kaiserliche Stellvertreter, der in der Ts'ing-ming-
Periode die Grabopfer darbringt, verrichtet auch für jeden
Hügel die Zeremonie des Hinaufbringens der Erde.
Besucht der Kaiser einen anderen Grabhügel seiner Ahnen,
dann beschränkt er sich in der Regel darauf, ihn mit neun
Stirnaufschlägen zu verehren, dann an einem dazu bereitge-
stellten Tisch dreimal einen Becher Weins zu opfern und mit
jedem Becher einen Stirnaufschlag zu verbinden; zum Schluß
bricht er in Jammergeschrei aus. Die Prinzen und Großen
begleiten ihn nur bis an das Tor des Hofes, machen da in
zwei Reihen zugleich mit ihm die Stirnaufschläge und heulen
mit ihm zusammen.
Jeder Grabbesuch einer Kaiserin -Witwe oder Kaiserin mit
Gefolge von Prinzessinnen, Harems- und Hofdamen verschiedener
Ränge und Grade spielt sich nach dem Programm eines kaiser-
lichen Besuches ab. Auch Söhne des Kaisers besuchen bis-
weilen die Grabhügel und bringen dann immer ein großes
Opfer dar.
219
Wenn der Kaiser Jenden oder Mukden besucht, darf er
durchaus nicht versäumen, in den Tempeln der dortigen Grab-
hügel seiner Vorahnen ein großes Opfer darzubringen.
An jedem Neumond- und Vollmondtage, sowie am Ge-
burtstage des regierenden Kaisers wird in allen Grabtempeln
von den mit der Verwaltung der Grabstätten beauftragten Prinzen
und Beamten Weihrauch und Obst geopfert. Dasselbe geschieht
am Geburtstag jedes Ahnherrn und jeder Ahnfrau im be-
treffenden Grabtempel.
4. Die Götter des Bodens und der Feldfrüchte.
Den kaiserlichen Altvordern folgen unmittelbar in der
Reihe der Staatsgottheiten die jjtt ^ So T s i ', die Götter des
Erdbodens und die (der) Hirse.
Was wir unter diesen S6 zu verstehen haben, lehrt das
klassische Buch 5^/^^ Kiao Te^ Sing des Li Ki in
den klaren Worten: fi J^f 0 S# J^ ^S ^ ife . die g 6 sind es,
in denen man das T a o der Erde als vergöttlicht verehrt. Sie sind somit
die Gottheiten, welche zusammen das T a o oder die gebärende
Kraft der Erde ausmachen, also das Pflanzenreich entstehen
und gedeihen lassen. Weil nun die vielen Teile des Erdbodens
von sehr verschiedener Beschaffenheit sind und die Gebär-
kraft der Erde sich sehr verschiedenartig offenbart, werden die
So als eine große Mannigfaltigkeit von Göttern aufgefaßt, die
entweder ein größeres oder kleineres Stück der Erde beseelen
und für den Menschen fruchtbar machen.
In allererster Linie treten sie also als Gottheiten des
Ackerbaues in den Vordergrund. Jeder Acker hat seinen § 6,
auch jedes Dorf und jeder Unterteil des Staatsgebiets; sogar
das ganze Reich hat einen 3^ jjtt Ta S6 oder ^ jjtt T*ai
§ 6, einen großen oder größten S ö. Sonach sind diese Götter nicht
bloß Schutzpatrone des Landvolks, das ihnen allüberall Tempel
220
und Kapellen errichtet und sie zumeist unter dem Namen
"t^lfeiP^ T'uTi Sön, Götter der Grundstücke, verehrt, sondern
auch offizielle Götter für die Verwalter der Unterteile des Reiches
und für den Kaiser. Freilich muß seit den ältesten Zeiten, von
denen man in China Kenntnis hat oder zu haben glaubt, die
Erzeugung der menschlichen Nahrungsmittel durch den Land-
bau als eine Regierungsangelegenheit allergrößter Wichtigkeit
anerkannt gewesen sein. In der Tat lehren uns die alten
Schriften, daß jeder Fürst und jeder Vasall, der sich ein Reich
gründete, auch für dasselbe eine Opferstätte für die Se stiftete;
und daraus erklärt sich wieder, daß, wie wir weiterhin sehen
werden, heutigentags der Verwalter jeder Provinz, jedes Bezirks
und jedes Kreises solch einen Staatsaltar hat.
Es liegt also auf der Hand, daß die §ö besonders häufig
in den klassischen Schriften als Schutzgötter der Fürsten und
Fürstenhäuser erwähnt werden, und es ist nicht wunder-
zunehmen, daß ihnen in der Staatsreligion die sehr hohe Stelle
unmittelbar nach Himmel und Erde und den kaiserlichen
Ahnen zuerkannt ist. Offenbar sind sie die älteste und einfachste
Form der Vergöttlichung der Erde, und es ist augenscheinlich,
daß der Kultus der ganzen Erde als zweite Gottheit des Welt-
ganzen erst in einer späteren Periode höherer Geistesentwicklung
erdacht und entstanden ist. Es erübrigt sich aber, auf diese
interessanten, uralten Se näher einzugehen, nachdem bereits
im Jahre 1910 von der Meisterhand des Prof. Chavannes eine
erschöpfende Monographie über sie geschrieben ist.^ Die nach-
folgenden kurzen Darstellungen können nur als eine Ergänzung
zu dieser Monographie in Betracht kommen.
Die Verehrung der So finden wir in den klassischen
Schriften stets mit der der ^ Tsi' oder Hirse verknüpft
Daraus läßt sich entnehmen, daß die Hirse das vornehmste
^ Le T'ai Chan; Appendice: le Dieu du Sol dans la Chine Antique.
Annales du Musee Guimet.
221
Getreide, das Hauptnahrungsmittel des alten China war, und
daß das damalige Volk das Leben der Pflanzen mit dem des
Bodens, auf dem sie wuchsen, gleichstellte. So hat seit alter
Zeit der Doppelausdruck jjfi: ^ §ö Tsi' die Gottheiten an-
gedeutet, welche wir in der Staatsreligion auf dem vierten Platz
eingereiht finden. Daß wir dieses Tsi' im Sinne von Feld-
früchten im allgemeinen aufzufassen haben, ist offensichtlich.
Den heiligen Text, wonach der Ahnentempel zur Linken,
die Opferstätte der So Tsi* zur Rechten beim Fürstenhofe be-
legen sein sollten, haben wir auf S. 197 wiedergegeben. Sonach
liegt das jjfct^i^ So Tsi' T'an, das Opfergelände der Ö6 Tai',
in Peking neben den zwei Höfen des Palastes, die sich zwischen
dem Wu-Tor und dem T'iön Ngan-Tor erstrecken, an der
Westseite. Weil die §ö Tsi' Götter der Erde sind, hat ihr
Altar dieselbe Gestalt wie der der Erde an der nördlichen
Stadtmauer, und es sind ihm, ebenso wie der ganzen Opfer-
stätte, die gleichen universistischen Gedanken zugrunde gelegt.
Also ist er eine quadratische, zweistöckige Terrasse ohne Brü-
stungen, genau gegen die vier Himmelsgegenden gekehrt, mit
einzelnen vierstufigen Treppen gerade in der Mitte jeder Seite.
Jeder Stock ist 4 Ts''i'* hoch; der obere hat eine Seitenlänge
von 5, der untere von 5,3 Ts'^i'.
Diesen bemauerten und gepflasterten Erdhügel umgibt ein
quadratischer „Wall" (Wei, S. 145), der eine Seitenlänge von
19,lT§ang hat und 4 klassische Ts'^i' hoch ist. Auf der Südseite
ist er mit rotglasierten Backsteinen, auf der Ostseite mit blauen,
auf der Westseite mit weißen, auf der Nordseite mit schwarzen
bekleidet und mit Dachziegeln in den entsprechenden Farben ge-
deckt. Eine alte Textstelle berichtet nämlich, daß die Wälle der
Altäre der „großen So" der Fürsten ehemals aus Erde der vier
Farben der Weltgegenden bestanden (s. Chavannes, S. 456). Jeder
Altartreppe gegenüber liegt im Wall ein marmornes Sturztor
mit einem einzigen Durchgang und roten Türflügeln. Das nörd-
222
liehe Sturztor wird außen von zwei bronzenen Verbrennungstöpfen
(iSr Ä) flankiert, und zwei andere stehen beiderseits am Fuße
der nördHchen Altartreppe. Wie beim Altar der Erde ist auch
hier die Nordseite die vornehmste, und deshalb sind beim
Opfern die Seelentafeln der So und Tsi^ gegen Norden ge-
kehrt. Ihre Verehrung durch den Kaiser geht somit von der
Nordseite aus, wo sich demgemäß in der Meridianachse der
Opferstätte, außerhalb des Walls, die ^ ^ pai TiÖn, Ver-
neigungshalle, befindet. Dieses rechteckige Gebäude hat ein Einzel-
dach, welches auf zwei Reihen von sechs Pfeilern ruht; sowohl
in der Südfront als in der Nordfront hat es drei große Türen.
Es erhebt sich auf einem „Erhöhungsfundament" aus Marmor,
das auf der nach dem Altar gerichteten Seite drei, auf jeder
anderen Seite nur eine Treppe hat. Durch einen marmornen
Weg ist diese Halle verbunden mit der in gleicher Lage weiter
nordwärts stehenden J^ ^ K i ' T i ö n, Lanzenhalle, die von
gleicher Größe und Bauart wie die „Verneigungshalle" ist, und
in der 72 Lanzen auf der Ost- und Westseite in Reihen stehen.
Beide Bauten tragen gelbglasierte Dachsteine. Die Küche be-
findet sich südwestlich vom Wall; auch steht da die Auf-
bewahrungskammer für die Götter, die teilweise als Auf-
bewahrungskapelle der Seelentafeln derjenigen Gottheiten dient,
denen der Altar gewidmet ist.
Alle diese Baulichkeiten sind von einer roten quadratischen
Mauer umgeben, die eine Gesamtlänge von 268,4 Tsang (etwa
900 Metern) hat. Sie hat genau in der Mitte jeder Front ein
überdachtes Tor, das nördliche, also das vornehmste, mit drei,
die anderen mit nur einem Durchgang. Alle tragen, gleichwie
die Mauer, gelbe Dachziegeln. Vom nördlichen Tor führt eine
Straße, die unmittelbar rechtwinklig ostwärts abbiegt, durch
ein Tor zu einem zweiten, dem ^ >^ f^, Tor zur rechten Seite
des Palasttores, durch das der Kaiser die Altarstätte zu betreten
und zu verlassen pflegt.
223
Alljährlich werden auf dem Altar der Sö Tsi' vom Kaiser
oder von seinem Stellvertreter zwei Opfer für die Ernte ge-
feiert, und zwar im mittleren Frühlings- und Herbstmonat, am
ersten Tage, der durch das Zykluszeichen j^ mou bezeichnet
wird. Offiziell heißen sie das jßff jffE k'i So, Betopfer, und das
^/pE P^o S8, Dankgabenopfer. Das Programm entspricht völlig
dem der großen Ahnenopfer.
Am Tage zuvor, wenn der Präsident des Opferamtes den
Altar reinigen und alle die Vorbereitungen zum Opfer treffen
läßt, wird auch auf der oberen Terrasse eine fünffarbige
Schicht Erde, welche die Verwaltung des Bezirkes fM ^
Sun-t'iön, worin Peking liegt, herbeigeschafft hat, auf der
oberen Terrasse aufgetragen und festgestampft, blaue auf dem
östlichen, rote auf dem südlichen, weiße auf dem westlichen,
schwarze auf dem nördlichen Feld und gelbe im zentralen Qua-
drat. Auf diese Weise wird der Altar, wie es der ihn umge-
bende „Wall" bereits ist, zu einer Abbildung der ganzen Erde
gemacht, welche der Kaiser beherrscht, und die sein Großer
§e und Großer Tsi' beseelen. Eine Schrift der Han-Zeit,
das :|^ ^ Tu'-tuan, berichtet, daß für den Großen So des
Kaisers der Altar aus Erde der fünf verschiedenen Farben er-
baut wurde (Chavannes, S. 454). Auch wird genau im Mittel-
punkt des Altars eine sogenannte ^ J|[x ^; steinerne Seelentafel
des g e, niedergesetzt und hoch um ihren Fuß herum gelbe Erde
angehäuft; nach dem Opfer schafft man den Stein wieder fort,
vergräbt ihn und überdeckt die Stelle mit Holz. Auch dieser
Brauch ist alt, denn er beruht wahrscheinlich auf einer Mit-
teilung von ^15^ Tsing Hüön, auch ^ J^ ^ Tsing
K^ang-ts'^ing genannt, einem berühmten Gelehrten, der A. D.
127 — 200 lebte, laut welcher man Tafeln der So aus Stein ver-
fertigte, weil Stein eine Art Erde ist (Chavannes, S. 477). Na-
türlich läßt sich vermuten, daß man steinerne Tafeln vorzog,
weil diese widerstandsfähiger gegen Einflüsse von Regen, Sonne
224
und Frost waren als hölzerne; in der Tat lesen wir, daß sie
der freien Einwirkung des Himmels ausgesetzt wurden, wohl
damit ihre gebärende irdische Kraft dann in volle Wirkung
zu treten vermöchte. Es steht nämlich im Buche Kiao Te'
Sing (I) des Li Ki geschrieben: ^ ^ i^ Jfli Iji^ ^ ^ M
JSLM^A^i^S^^^^iÖi? ^^^ ^^^^^ ^ e des Himmelssohnes
soll Frost, Tau, Wind und Regen ausgesetzt sein, damit er die Einflüsse
des Himmels und der Erde intensiv aufeinander wirken lasse.
Nur im Palast bereitet sich der Kaiser durch Fasten auf
das Opfer vor; die geringe Entfernung der Altarstätte vom
Palaste macht ein Fastengebäude daselbst überflüssig. Während
er sich um Sonnenaufgang nach der Altarstätte aufmacht, werden
in der üblichen feierlichen Weise (s. S. 166) durch den Präsi-
denten des Opferamtes vier Seelentafeln aus der „Aufbewahrungs-
kammer für die Götter" geholt und auf „Thronsitze" oben auf dem
Altar niedergesetzt. Keine Zelte sind für sie aufgeschlagen. Die
Tafel des Großen So kommt auf die Ost-, die des Großen Tsi'
auf die Westseite der südlichen Treppe, und sie sind somit gegen
Norden gekehrt; an der Nordseite der östlichen Treppe stellt man
die Tafel des jöf jh^fl ^^^ "^'^ Kü-lung, Herrn der Erde,
Kü-lung, und an der Nordseite der westlichen die des )gf ^ 1^
Hou Tsi öi, des Herrn der Hirse, gegen Westen, bezw. Osten
auf. Diese zwei letzteren sind die P ei Wei oder neben-
geordneten Tafeln (S. 149). Das lieiHgeBuch Tsi Fa', die Opfer-
regeln (S. 146), erwähnt nämhch einen j^J^ H<^^ T'^u, Herrn
der Erde, der Minister des Kaisers Huang war und es verstand,
in den neun Reichsprovinzen das verlorene Gleichgewicht
zwischen Land und Wasser wieder herzustellen, wofür er zum
§ö erhoben wurde; weiter, daß ein gewisser ^ Nung, Acker-
bauer, Sohn des Kaisers ÜJ$ ;^ Sen Nung, in der Zucht von
Feldfrüchten gründHch bewandert war und deswegen als Tsi
mit Opfern verehrt wurde. Anderen alten Schriften zufolge
soll dieser Hou T*^u auch Kü-lung, dieser Nung auch ^
225
T s u geheißen haben, und letzterer später durch einen gewissen
^ K'i ersetzt sein. Diese ÜherHeferungen waren vielleicht
für alle Zeiten ein ausreichender Grund, um den beiden
mystischen Wesen an den Staatsopfern der §6 Tai' einen An-
teil zu gewähren. Es gibt somit beim kaiserlichen Opfer auf
dem Altar vier Opfertische, jeder mit 28 Schüsseln und Körben,
und vor jedem ein Rind, ein Schaf und ein Schwein. Nur die
zwei Hauptgötter werden mit je einem Stück Jaspis verehrt, und
zwar mit einem gelben, bezw. blauen ^ (;^) Kwei, d.h.
einer quadratischen Scheibe, 3 Ts'un lang und breit und
0,3 Ts'un dick; die eine Seite ist flach, die andere aber von
zwei einander gegenüberliegenden Kanten nach der Mitte hin
leicht gewölbt, und in der Mitte dieser beiden Kanten befindet
sich ein sich jäh verjüngendes Flügelpaar.
Auf jeder Seite der beiden Haupttafeln stehen am Fuß
des Altars zwei Männer, die mit riesig langen Stöcken die
Vögel von den Opfergaben verscheuchen. Der Kaiser hat seinen
„Verneigungsplatz" außerhalb der drei nördlichen Sturztore in
der Meridianachse, die Prinzen und Beamten hinter ihm. Das
Gebet wird auf derselben Seite am Fuße des Altars vorgelesen;
dort haben auch zur Linken und zur Rechten zwischen dem
Altar und dem Wall die diensttuenden Beamten, die Zensoren,
Musikanten, Sänger und Tänzer ihre Plätze. Bei schlechtem
Wetter findet das Opfer in der „Verneigungshalle" (S. 222)
statt; dann werden die Seelentafeln, Opfertische, Musik uws.
daselbst aufgestellt. Und sollte Regen oder Sturmwind die
Feier plötzlich stören, dann werden die vier Tafeln sofort
durch Schreine (^) geschützt, die zu diesem Zwecke bei den
Vogelverscheuchern in Bereitschaft stehen, während der
Kaiser und seine Gefolgschaft sich in die „Vemeigungs-
halle", die Beamten in die „Lanzenhalle" zurückziehen, um
da die verschiedenen Opferhandlungen aus der Feme zu voll-
ziehen.
De Groot, Universismus. lo
226
Läßt der Kaiser sich als Opferer durch einen Prinzen
vertreten, dann wird dieser von keinen Magnaten begleitet,
und der Ritus des Glücksweines und des Glücksfleisches fällt
fort. Dasselbe gilt für die Opfer, welche der Kaiser zur Be-
kanntmachung wichtiger Ereignisse den So Tsi' darbringen
läßt; weil auch von ihrem Schutz und Wohlwollen, ebenso wie
von dem des Himmels, der Erde und der Ahnen, sein Thron
und Haus abhängig sind. An solchen Opfern sind die zwei
„nebengeordneten Götter" nicht beteiligt.
Wie wir bereits auf S. 182 verzeichneten, werden nach
dem großen Regenopfer des ersten Sommermonates, falls Regen
ausbleibt, die SÖ Tsi^ um Regen gebeten. Der Kaiser selbst
oder ein Prinz als sein Stellvertreter, bringt zu diesem Zwecke
in derselben Weise wie im Frühling ein Opfer dar. Er trägt,
ebenso wie die ihn begleitenden Magnaten, ein schmuck-
loses Gewand mit Regenkappe und geht demütig von der
Brücke des Goldflusses (S. IHO) an zu Fuß zum Altar. Das
Opfer wird ohne Orchester, ohne Tänze, ohne Opfertiere, ohne
Glückswein und Glücksfleisch gefeiert (vgl. S. 183). Die Texte
der sieben Hymnen sind dazu angetan. Regen herbeizube-
schwören und eine reiche Ernte zu sichern. Und wenn der
Regen gefallen ist, feiert der Kaiser oder ein Prinz an einem
glücklichen Tage ein „Dankgabenopfer", das dem des Herbstes
gleicht (s. S. 223), also mit großem Opfergewande, Orchester,
Opfertieren, Glückswein und Glücksfleisch.
Auf ganz ähnliche Weise verfährt man, wenn ein Über-
maß von Regen fällt und somit um klares Wetter gebetet wird
(0r B^)? ^^^ wenn dann schönes Wetter eintritt; schließHch
auch, wenn im Winter Schneefall ausbleibt.
Es ist bereits hervorgehoben worden, daß jeder Unterteil
des Reichsgebietes von jeher seinen eigenen Se besaß. Das
heilige Buch Tsi Fa' (S. 146) erhebt das über allen Zweifel,
227
denn da steht geschrieben: 3E ^ ^ jft JL jjtt 0 3^! ijtt
ii 1^ iilifi H I fiio^ -^ :)^ W # jt jjfi 0 li
JUC )jii H S Jjtt- ^®^ ^^» welchen der König für das gesamte Volk
einsetzt, heißt der Größte Se, und der, welchen er einsetzt für sich selbst,
heißt des Königs So. Der So, den ein Lehnsfürst für sein Volk errichtet,
heißt der So des Reiches, und der, welchen er einsetzt für sich selbst, heißt
der Öö des Lehnsfürsten. Und der So, den ein Groß wesir, ein Lehnsfürst
niederen Ranges und eine ganze Volksgruppe sich einsetzt, heißt der er-
richtete So. Den Verhältnissen der Gegenwart entsprechend,
haben diese Vorbilder der heiligen Alten zu der Staats Vorschrift
geführt, daß die Hauptstadt jeder Provinz, jedes Bezirks (Fu oder
Tsou) und jedes Kreises (Hiön) im Besitz eines Altars für die So
T s i ' sein soll, und daß der höchste Mandarin des von dort aus
verwalteten Gebietes daselbst für das Volk ein Bet- und Dankopfer
darbringen muß am selben Frühlings- und Herbsttage, an dem
der Kaiser in der Keichshauptstadt dem Größten So Tsi' opfert.
Alle Zivil- und Militärbeamte sind verpflichtet, sich an
dem Opfer zu beteiligen; auch leitende Gelehrte und Gra-
duierte sollen ihm beiwohnen oder hier Dienst tun. Jeder trägt
dabei Hofgewand. Das Programm ist von dem der kaiserlichen
Opfer nicht verschieden; es dürfen aber unter den Opfergaben
auch Erzeugnisse der Gegend angeboten werden, allein weder
Jaspis, noch Rind, wohl aber ein Schaf und ein Schwein. Mu-
sik und Tänze sind nicht vorgeschrieben. In bezug auf den
Altar ist nur verordnet, daß er gegen Norden gekehrt sein und
sich auf trockenem Boden in luftiger Lage befinden soll. Daß
man ihn überall quadratisch aus Erde erbaut und mit Stein
bemauert und pflastert, ist mindestens wahrscheinhch ; da aber
im allgemeinen die Bauten der Staatsreligion in den Provinzen
von den Gelehrten und Notabein instand gehalten werden,
darf man erwarten, sie in den verschiedensten Graden von der
sorgsamsten Pflege bis zum ärgsten Verfall anzutreffen.
16*
Achtes Kapitel.
Der Oötterkult des Eonfuzianismus (III).
Die bisher beschriebenen Staatsopfer bilden, wie der Leser
schon erkannt hat, einen vollständigen Opferkult des ganzen
Universums, der in der Tat Himmel, Erde, Sonne, Mond und
Sterne, Wind, Regen, Wolken und Donner umfaßt, nebst den
Seelen heiliger fürstlicher Toten und der götthchen Naturkraft
des Wachstums und Gedeihens, die der Menschheit die Lebens-
möglichkeit gewährt. Das erklärt uns, weshalb diese Opferriten
in der Staatsreligion zu einer abgerundeten Hauptgruppe ver-
einigt sind, und weshalb dieser der Titel ^ jfjj^ t a S ß, die
großen oder Hauptopfer, beigelegt ist. Obzwar sie ein vollständiges
System der Verehrung des Alls darstellen, konnte ein Ausbau
nicht unterbleiben. In den heiligen Schriften wurde nämlich
noch eine große Anzahl heiliger Menschen erwähnt, welche der
Welt das Tao offenbart und es sie gelehrt hatte, und deren
Verehrung deshalb zur Förderung des richtigen Laufes dieser
Weltordnung unumgänglich blieb. Außerdem wurden in diesen
Schriften weitere Unterteile des Universums als Gegenstände
spezieller Verehrung erwähnt, und wir wissen, daß alles in
diesen Schriften Enthaltene heiliges Gesetz bildet.
Die Staatsreligion hat diese weiteren Gottheiten in zwei
Gruppen geordnet, und zwar in der Reihenfolge, in der wir
sie der Behandlung unterziehen werden. Die der ersten Gruppe
229
dargebrachten Opfer bilden die PJ^ jjfE tsung So, die mittleren
Opfer, und die anderen die ^ jjtß kiün So, die sämtlichen
übrigen Opfer.
5. Sonne und Mond.
Voran unter den Göttern der „mittleren Opfer" stehen die
zwei großen Himmelslichter. Alljährlich wird diesen je ein
großes Staatsopfer dargebracht. Seit den ältesten Zeiten war
für das Sonnenopfer das Frühlingsäquinox angesetzt, weil dann
die Tage länger als die Nächte werden, und das Jang, dessen
höchste Kraft die Sonne ist, das Jin überwindet. Die Opfer-
stätte lag am Osten des Fürstenhofes, weil da die Sonne aufgeht,
und man selbstverständlich glaubte, sie bei ihrer Besiegung des
Dunkels dort verehren zu müssen. Und was den Mond betrifft,
so konnte sein jährliches Opfer, da dieses Licht der Nacht für
einen Unterteil des Jin galt und somit als das Gegenstück
der Sonne betrachtet wurde, nur am Herbstäquinox stattfinden,
und zwar im Westen, wo er beim Untergang der Sonne in er-
neuter Gestalt zum Vorschein kommt. Nur in dieser Weise
ließ sich eine korrekte Anpassung an das Tao des Weltalls
erzielen.
Sätze in den heiligen Büchern, die das Bestehen dieser
universistisch-religiösen Regeln in den heiligen alten Zeiten ver-
künden und somit ihre Befolgung allen Jahrhunderten auf-
gezwungen haben, sind unter anderen die folgenden:
^ ^ ^ i^ ffii 15 0 :i?^ m PI ^ ^Kb««»^ 5 ^
Ju' Tsao des Li Ki, gleich im Anfang). Der Sohn des Himmels
mit dunkler Krone erweist der Sonne die Morgenverehrung außerhalb des
östlichen Tores.
^ gg (Buch T S i I, I, des Li K i). Der Sonne opfert man
auf einem Altar, dem Monde in einer Bodensenkung, um Unterschied
230
zwischen Licht und Dunkel zu machen und die höhere und die niedere
Stelle (beider Himmelslichter) darzustellen. Der Sonne opfert man im Osten,
dem Monde im Westen . . ., denn die Sonne geht im Osten auf, und der
Mond wird im Westen geboren.
Sowohl den universistischen Anschauungen als den heiligen
Schriften entsprechend liegt das große 0 JJ Zi' T'^an oder
Opfergelände der Sonne außerhalb der Östlichen Mauer Pekings,
bei dem Tor, das amtlich den entsprechenden Namen ^ ^
P^ TsaoJangMön trägt, Tor, wo dem Jang die Morgenverehrung
dargebracht wird. In ganz entsprechender Lage befindet sich das
M^ Jue' T'an oder Opfergelände des Mondes an der Westfront
der Stadt, beim ^J|J(jP^ Fou Ts'ing Mön. Dieser Name ist
eine Abkürzung von _^ )j^ ^|< ^, Bereicherung und Ergänzung
der Volksmasse, eine im S u (Buch ^ *^ TsouKuan) erwähnte
Pflicht der gesamten Staats dienerschaft; das westliche Tor
Pekings trägt den Namen „Bereicherung und Ergänzung" als
eine Anspielung auf den Herbst mit seinem Erntesegen, der mit
dem Westen identifiziert wird.
Der Altar der Sonne ist eine quadratische, genau gegen
die vier Weltgegenden gerichtete, einstufige Terrasse, mit grauen
Backsteinen gemauert und ringsum mit einer Umrandung von
Marmorquadern versehen. Die Oberfläche ist, so heißt es, mit
goldfarbigen Ziegeln gepflastert; bei meinem Besuch im Jahre
1890 war aber von dieser Farbe, die natürlich das goldstrahlende
Licht der Sonne darstellen soll, nichts mehr zu sehen; sie hatte
sich in eine aschgraue verwandelt. Die Höhe der Terrasse
beträgt 5,9 Ts*i'; die Länge jeder Seite ist 5 Tsang, also
etwa 17 Meter. In der Mitte jeder Seite liegt eine Marmor-
treppe von neun Stufen. Brüstungen oder Geländer hat der
Altar nicht.
Der rote Wall (J|a Wei), der diesen Altar umgibt, ist
kreisrund, 765 Ts'^i' lang und 8,1 klassische Ts'i' hoch. Er
steht somit etwa 26 Meter vom Fuß der Treppen ab. Es ist auf-
231
fallend; daß auch beim Bau dieses Altars die ungeraden oder
Jan g- Zahlen mit Sorgfalt beobachtet sind. Genau gegen
Norden, Osten und Süden hat der Wall, der grüne Dachziegel
trägt, ein einziges Sturztor aus Marmor, gegen Westen aber
drei, und zwar weil der Opferer sich gegen Osten richten
muß, und am Westen also die vornehmste Seite des Altars
liegt, gegen welche die Seelentafel der Sonne sich kehrt. Sechs
Reihen stattlicher Zypressen umgürten den Kreiswall.
Gerade nördlich vom nördlichen Sturztor steht ein langes,
dem Altar zugewandtes Gebäude, das je einen Aufbewahrungs-
raum für Opfergeräte, für Musikinstrumente und für Matten
von Palmfasern enthält. Etwas westlicher erhebt sich ein
schöner Glockenturm (^ ;|^) mit roten Mauern auf hohen
marmornen Grundlagen und mit einem doppelten Dach von
grünglasierten Ziegeln. Nordöstlich vom Kreiswall liegt ein
viereckiger ummauerter Raum mit dem nach Westen gekehrten
„Aufbewahrungshaus für den Gott", in dem auch die Seelentafel
der Sonne in einem Schrein aufbewahrt wird; auch befindet
sich dort die Küche, aber das Schlachthaus steht in einem
anderen ummauerten Raum daneben. Endlich liegt nordwestlich
vom Altar in einer größeren Entfernung ein viereckiger Raum
mit einer nach Süden gekehrten ^ ^^ ^, Bekleidungshalle, wo
sich der Kaiser sowohl vor wie nach dem Opfer eine Weile
aufhält. Die Decke dieses Gebäudes ist eine interessante und
schöne Holzkonstruktion.
Die verschiedenen Gebäude und Mauern dieser Opferstätte
tragen grüne Dachziegeln. Sie ist umschlossen von einer Um-
fassungsmauer, die insgesamt 290,5 Tsang, also ungefähr
980 Meter lang ist, aus großen grauen Backsteinen besteht
und graue Ziegeln trägt. Auf der West-, Süd- und Nordseite
läuft diese Mauer schnurgerade, auf der Ostseite konvex. In
der Westfront hat sie, dem Altar gerade gegenüber, ein über-
dachtes Tor mit drei Durchgängen und grünglasierten Ziegeln.
232
Außerhalb desselben erstreckt sich ein von vielen Zypressen
beschatteter Hof, auf der Westseite abgeschlossen durch eine
freistehende, rote, sop^enannte ^ ^g, Schutzmauer, die offen-
bar bezweckt, den schädlichen J i n - Einflüssen des Westens
den Zutritt durch das Tor zu versperren. Den eigentlichen
Haupteingang zum Altar bildet aber ein ähnhches Tor in der
Nordfront, unweit des oben erwähnten Glockenturmes. Es ist
ebenfalls durch eine freistehende „Schutzmauer" vor den Ein-
flüssen des Nordens gedeckt. Von diesem Tor biegt eine Straße
unmittelbar östlich ab und läuft längs der Umfassungsmauer,
an deren Ende sie sich rechtwinklig nach Norden kehrt und
dann von zwei schweren, 3 Meter hohen Schutzmauern aus
großen Backsteinen mit grauen Dachziegeln flankiert wird.
Da bildet sie also eine Allee, die 900 Schritt lang und nicht
weniger als 3ö,3 Meter breit ist, und die in der Mitte ein 7,90
Meter breites Pflaster aus großen grauen Backsteinen hat.
Den Eingang der Allee bildet eine rote Holzpalisade, hinter
welcher eine zierliche, buntbemalte hölzerne P*ai Fang mit
drei Durchgängen und grünen Ziegeln steht (vgl. S. 188). Die
Tafel dieser Pforte trägt die Inschrift ^ ^ |^, Straße des
glorreichen Aufstieges der Sonne, mit der Mantschu -Version da-
neben.
Die Opfer Stätte des Mondes ist von der der Sonne kaum
verschieden; es kommt aber in ihr keine einzige gebogene Bau-
linie vor, und zwar weil der Mond zum Jin gehört und seine
Opferstätte mithin der der quadratischen Erde, die auch Jin
ist, entsprechen soll. Der Wall (Wei), der den Altar umgibt,
ist somit quadratisch; er hat eine Gesamtlänge von 94,7 Tsang
und eine Höhe von 8 klassischen Ts'^i' und ist auf beiden
Seiten weiß, zur Darstellung der Farbe des Mondlichtes und des
Westens. Das dreifache Sturztor dieses Walles befindet sich in
der Ostfront, weil dort der Opferer den Altar zur Verehrung
der Mondtafel betritt, die auf der westlichen Seite des Altars
233
steht. Der Altar selbst ist 4,6 Ts'i' hoch und auf jeder Seite
4 Tsang lang. Die Treppen sind sechsstufig. Die geraden
oder Jin- Zahlen spielen hier also ihre Rolle.
Die Gebäudegruppen sind denen des Sonnenaltars gleich,
haben jedoch eine andere Lage, auf die näher einzugehen sich
nicht verlohnt. Die Umfassungsmauer hat keine gebogene Seite
und ist im ganzen 235,95 Tsang lang. Die Straße, welche auf
ähnliche Weise wie beim Sonnenaltar zum Haupteingang, dem
Nordtor, führt, heißt, wie es die Holztafel auf der P*ai Fang
in den zwei Sprachen angibt, ^fe ^|^ f^; Straße des Wachstums
des Mondlichts.
Das Opfer des Frühlingäquinox trägt den klassischen
Namen ^ Q Tsao tii\ die Morgenverehrung der Sonne (vgl.
S. 229), und findet beim Sonnenaufgang statt; das Opfer des
Herbstäquinox heißt entsprechend ^ ^ Si' Juö', die Abend-
verehrung des Mondes, und wird beim Untergang der Sonne
dargebracht. Bekanntlich zählte man in China seit altersher
die Jahre, Monate und Tage mittels der zehn Zykluszeichen
^Li^TjJcB^^-i^ lind auch mittels der zwölf
Zeichen "^ ä ^ ^P Jg B ^ * ^ S >* ^- Nun bringt
der Kaiser persönlich der Sonne das Opfer dar in den Jahren
^P5iJC^ und ^, also regelmäßig jedes zweite Jahr, und
das Mondopfer in den Jahren -jj J^ ^ und ^, also regel-
mäßig alle drei Jahre einmal. In allen anderen Jahren werden
die beiden Opfer durch einen der allerhöchsten Prinzen als
kaiserlichen Stellvertreter gefeiert.
Die Vorbereitungen und die Riten entsprechen vollkommen
dem uns bekannten allgemeinen Programm. Opfertiere sind ein
Rind, ein Schaf und ein Schwein. Die Sonne wird mit einem
roten -^ Pi' verehrt, d. h. mit einer kreisrunden Jaspisscheibe,
die einen Durchschnitt von 4,6 Ts'un und eine Stärke von
0,5 Ts*un hat und ein quadratisches Loch in der Mitte be-
sitzt. Dem Monde wird auf seinem Opfertisch ein ähnliches
234
weißes Pi' niedergesetzt; das 3,6 Ts'un im Durchmesser hat
bei 0,3 Ts'un Dicke.
Beim Sonnenopfer steht die yS^^'j^) die Tafel des Großen
Lichtes; auf einem Thronsitz mitten vor der östlichen Treppe
des Altars, gegen Westen gekehrt. Ein Schrein zur Beschützung
der Tafel im Falle schlechten Wetters steht am Fuß dieser
Treppe neben den beiden Vogelverscheuchern. Der Kaiser oder
sein Stellvertreter hat seinen „Yerneigungsplatz" oben auf dem
Altar, mitten hinter der westlichen Treppe. Während des Mond-
opfers steht die ^^^'j^, die Tafel des Lichtes der Nacht, in einem
viereckigen weißen Zelt mitten an der westlichen Treppe, also
gegen Osten gekehrt, und der Opferer hat daher seinen Ver-
neigungsplatz gegen Westen, an der östlichen Treppe. Der
Sonne gesellen sich beim Opfer keine anderen Tafeln, dem
Monde dagegen die derselben Sterne zu, welche auch auf dem
Himmelsaltar als „Gefolgschaftsgötter" Opfer empfangen, näm-
lich des Siebengestirnes, der fünf Planeten, der 28 Haupt-
gestirne und der Sterne des ganzen Firmaments (vgl. S. 149).
Ihre vier Tafeln stehen alle zusammen in einem weißen, vier-
eckigen Zelt auf dem Altar an der Nordseite, westlich von der
Treppe, und zwar in der Rangordnung von P*ei Wei oder
nebengeordneten Sitzen. Sie empfangen gemeinschaftlich nur einen
Satz von Opfergaben.
6. Der Schutzgott des Ackerbaues.
Die Reichshauptstadt sowohl wie der kaiserliche Palast,
der ihr Zentrum bildet, sind nach streng universistischen Grund-
sätzen angelegt. Die Hauptstraßen und Tore, Mauern, Höfe
und Hallen, Opferstätte, Tempel und Altäre stellen fast aus-
nahmslos Linien dar, die genau süd-nördlich oder ost-westHch
laufen. Eine Meridianachse durchschneidet alle die gegen Süden
gekehrten Hauptgebäude (^ Tiön) des Palastes mit ihren
235
Toren und Höfen genau in der Mitte, und ihre südliche Ver-
längerung bildet eine zentrale Hauptstraße der Stadt, auf deren
östlicher, d. h. der vornehmeren Seite das große Opfergelände des
Himmels sich erstreckt. In entsprechender Lage liegt auch auf
ihrer Westseite ein ausgedehntes Opfergelände, dessen Außen-
mauer (wei Juan) vier Fronten in einer Gesamtlänge von
1368 Tsang (dz 4,6 km) hat, und dessen Nordfront gleichwie
beim Himmelsaltar zu einem Kreisbogen ausgebuchtet ist. Sie
ist aus großen Backsteinen erbaut und trägt überall ein nach
beiden Seiten abfallendes Ziegeldach.
Viele Altäre, Tempel, Tore, Mauern und andere Bauten
verschiedener Art liegen in dieser ausgedehnten Opferstätte
zerstreut und bilden ausschließlich ost- westlich und nord-südlich
laufende Baulinien. Der Hauptaltar ist der des ^ ^ Siön
Nung, des Vorgängers im Ackerbau, der in der Reihe der Staats-
götter den Platz unmittelbar nach dem Monde innehat. Er ist
seit altersher der allgemein anerkannte Erfinder oder Urheber
des Landbaues, der Heilige, der es verstand, die schaffende
Kraft des Tao zur Ernährung der Menschheit zu verwerten,
einer der fünf frühesten Kaiser oder Führer der Menschheit im
Tao, also einer der großen Gründer des Tao des Menschen.
Er soll mit'Ji^^ Sen Nung, dem Göttlichen Ackerbauer, den
wir auf S. 131 kennen gelernt haben, identisch sein. Er ist
im universistischen System einer der fünf göttlichen Unterteile
des Weltganzen, und zwar der südliche. Man legt ihm daher
den Namen ^^ Ts'i' Ti, Roter Kaiser, bei, da diese Farbe
mit dem Süden identifiziert wird (vgl. S. 171) und deswegen
auch mit dem Sommer, wo die Natur voller Lebenskraft
ist und das Getreide daher üppig wächst. Auch heißt er
j^ ^ JSn Ti, der Flammende Kaiser. Sein Vorgänger war
H '^ Ts'ing Ti, der Blaue Kaiser, mit dem Osten und dem
Frühling identifiziert; dieser heißt auch ^JlC ^ T'ai Hao,
Größtwerdender Glanz, und ^^ Fu'-hi. Sön Nung's Nach-
236
folger war ^^ HiSn-juan, der auch ^*^ Huang Ti^
der Gelbe Kaiser, heißt und also Herrscher des Zentrums des
Weltalls war, so daß Sö-ma Ts'iön, der Vater der Geschicht-
schreihung; glaubte, ihn an die Spitze der Geschichte Chinas
stellen zu müssen. An diesen reiht sich der ^ ^ Pe' Ti
oder Weiße Kaiser, der Kaiser der Farbe des Westens und des
Herbstes, der sehr zutreffend auch ^J^ 0^ ßao Hao, Abnehmen-
der Glanz, heißt und ^ ^ Kin T'^iSn, Himmelsgegend des Me-
talls, des Elements, das dem Westen entspricht (vgl. S. 120).
Und dessen Nachfolger endlich war ^ J^ Tsuan-sü', der
^ ^ H e "* T i oder Schwarze Kaiser, der Herrscher des Nordens
und des Winters, auch ganz zutreffend "^ ^ Kao Jang, das
emporgestiegene Jang, genannt.
Die Wahrheit dieser universistischen Darstellung der Ur-
geschichte des Tao der Menschheit anzuzweifeln, ist dem Ge-
lehrtentum Chinas wohl nie eingefallen, denn sie beruht auf
Angaben heiliger und alter Bücher, wie des Jue' Ling und
des Hung Liö' Kiai (Kap. 3). Nichtsdestoweniger ist es
immerhin zweifelhaft, ob die Gleichstellung von SiÖn Nung,
dem Vorgänger des Ackerbaues, mit Sßn Nung, dem Göttlichen
oder Heiligen Landbauer, richtig ist, und zwar weil jener sehr gut
der Nung sein könnte, nämlich SSn-Nungs Sohn, der, wie
wir auf S. 224 erwähnten, in der uralten Zeit zum Schutzgott
des Getreides erhoben wurde. Aber hiergegen läßt sich wieder
anführen, daß im zweiten Teil des H i T s 6 folgender Satz vor-
kommt: ^ ^ Ä Jl . 1* :S ^ # o ijf ^ ^ ^B , :^
Als Pao-hi (Fu*-hi) gestorben war, regierte Sön Nung. Er schnitt Pflug-
scharen aus Holz und bog Holz zu Pflugsterzen, und über die Vorteile,
welche Pflugsterze und Karst brachten, belehrte er die ganze Welt. So ist
es gekommen, daß man die Vorteile davon erntet. Angesichts dieses
heiHgen Satzes aus dem heiligen Ji' läßt sich wohl nicht in
Zweifel ziehen, daß der Schutzgott des Ackerbaues der Staats-
237
religion in Wirklichkeit §ön Nung ist, und daß Sißn Nung
mithin bloß eine andere Benennung für denselben Gott darstellt.
Zwei große Tore, jedes mit drei Durchgängen, bilden an
der Ostfront die Haupteingänge zu dem Opfergelände. Sie
tragen tiefschwarze Dachziegeln, welche von Reihen grüner
eingerahmt sind. Das nördliche heißt ^fc ^ P^ T'ai Sui Mßn,
Tor des Größten Jahrkreises, das Südliche ist das ;4r -Ä Ä P^
Sign Nung T'an Mön, Tor des Opfergeländes von Sien Nung.
Sie führen zum nördlichen, bezw. östlichen Tor einer roten
viereckigen Innenmauer (Nei Juan), die beide drei Durch-
gänge haben und schwarze und grüne Dachziegeln tragen,
ebenso wie zwei weitere gleichartige Tore, welche diese Mauer
in der Süd- und Westfront besitzt.
Der Siön Nung T'an, der Altar des Sien Nung, liegt im
südwestlichen Teil dieses Vierecks. Er ist aus großen Back-
steinen und Marmorquadern erbaut und den Altären der §S
Tsi', der Sonne und des Mondes ganz ähnlich. Auf jeder
Seite ist er 4,7 Tsang lang und 4,5 Ts'i' hoch; die vier
Treppen sind achtstufig. Gerade nördlich vom Altar liegt ein
ummauerter Raum mit dem „Aufbewahrungshaus des Gottes"
im nördlichen Hintergrund; quer davor, einen Hof bildend, stehen
ein Aufbewahrungshaus für die Musikinstrumente und die
Küche, mit je einem Brunnenpavillon. Das Schlachthaus steht
außerhalb dieses Raumes auf der Westseite.
Auf diesem Altar bringt der Kaiser, oder ein Prinz
höchsten Ranges (Wang) als sein Stellvertreter, im zweiten
oder dritten Monat des Frühlings dem SiÖn Nung ein feierliches
Opfer, und zwar an einem glücklichen, durch das Zykluszeichen
^ hai bezeichneten Tage, der bereits im Vorjahr durch das
Ministerium der Li dazu empfohlen war und rechtzeitig den
Ministerien in der Hauptstadt und den Behörden in den Pro-
vinzen bekannt gegeben wurde. Und am Tage vor dem Opfer
wird in der uns bekannten Weise durch einen Prinzen den
238
Ahnen im Fung SiÖn Tiön feierlich bekannt gegeben, daß
der Kaiser das Opfer begehen wird.
Während des Opfers steht die Seelentafel des Gottes in
der Mitte der Nordseite des Altars gegen Süden gekehrt, in
einem viereckigen Zelt, das, weil Si6n Nung ein Kaiser war,
entsprechend der speziellen Farbe des Kaisertums, gelb ist.
Das Programm der Vorbereitungen und das Ritual sind uns
bekannt, gleichwie die drei Opfertiere und die 24 Schüsseln
und Körbe mit Opfergaben. Das Gebet, die Seide, der Weih-
rauch und der Wein werden am Ende der Feierlichkeit
nicht verbrannt, sondern in eine Grube geworfen, die sich
südöstlich vom Altar befindet.
Unmittelbar nach dem Opfer begibt sich der Kaiser in
den Tempel des "^ ^ T ' a i S U i, des Größten Jahrkreises, der,
wie wir später sehen werden, unweit des Altars in derselben
Ummauerung liegt, und bietet daselbst dieser Staatsgottheit,
dem Planeten Jupiter, Weihrauch dar. Dann läßt er sich von
den beiden Präsidenten des Opferamts und einigen hohen
Kammerherren ( ßj ^Ac E) ^^^^^ der _^ ^^ ^ oder Bekleidungs-
halle führen, die, gegen Süden gekehrt, südöstlich vom Altar
steht. Da legt er das Opfergewand ab, zieht seinen gelben, mit
Drachen brodierten Mantel an und bereitet sich somit zum
zweiten Akt der Tagesfeier vor, der den geweihten klassischen
Namen J|^ ^ kung Köng, das persönliche Pflügen, trägt. Gleich-
wie alle offiziellen Gebäude, welche für den kaiserlichen Ge-
brauch bestimmt sind, hat diese Bekleidungshalle, wie die des
Sonnenaltars (S. 231), die Frontseite gegen Süden. Sie trägt
grüne Dachziegeln und erhebt sich zierlich auf einem „Er-
höhungsfundament", das sowohl vorn wie an der Ost- und
Westseite Freitreppen aus Marmor hat.
Das „persönliche Pflügen" des Kaisers ist ein uralter Ritus,
dem im System des Universismus immer eine hohe Bedeutung
zuerkannt wurde. Es ist, wie wir bereits wissen, die Haupt-
239
aufgäbe des Kaisertums, zum Heil der Menschheit, die der
Himmel seiner Sorge anvertraut, die richtige Wirkung des T a o
des Weltalls durch geeignete Regierungsmaßnahmen zu sichern.
Weil nun die höchste Eigenschaft oder Tugend (T e ') des T a o
seine jährlich sich erneuernde Schöpfungskraft ist, welche der
Menschheit Nahrungsmittel schafft, wird es selbstverständlich
auch für den Kaiser eine Pflicht allerersten Ranges, in jedem
Frühling die Führung der Menschheit in Angriff zu nehmen,
wo es gilt, den Erdboden für diese schöpferische Kraft empfäng-
Hch zu machen. Daß er sich zur Erfüllung dieser Pflicht den-
selben Tag erwählt, an dem er durch ein großes Staatsopfer
über die ganze Welt den Segen des Siön Nung herabruft,
des allerersten Vorgängers und Lehrmeisters der Menschheit
für den Ackerbau, liegt klar auf der Hand.
Dokumentarisch läßt sich der kaiserliche Pflugritus auf
einen Satz im heiligen Buche der Juö' Ling zurückführen,
der, wie wir sehen werden, noch jetzt seine vornehmste Grund-
lage bildet. Er lautet wie folgt:
A #P ^ '^ :^ * W iP. ^ H ^ v@- 1° 'ä'«^«"» M»-«'
(dem ersten des Frühlings) wählt man einen erstklassigen Tag, an dem der
Sohn des Himmels selbst eine Pflugsterze und eine Pflugschar in seinem
Wagen mitführt und an der Spitze der drei Hauptminister (.^ Kung)
und der neun Minister (Ö|n K'ing), Lehnsfürsten und Großwesire in
eigener Person die kaiserlichen Pflugfelder pflügt. Der Sohn des Himmels
macht drei Furchen, die drei Hauptminister fünf, die Minister und Lehns-
fürsten neun. Bei der Rückkehr greift man im großen Hintergebäude zu
den Bechern ; die drei Hauptminister, die neun Minister, die Lehnsfürsten
und Großwesire begeben sich alle dorthin, und der Befehl lautet, sie mit
Wein zu belohnen.
Am frühen Morgen des Opfertages wurde, wie es vor
allen vornehmen Staatsopfern üblich ist (s. S. 161), das Opfer-
240
gebet usw. nach der T'ai-Ho-Halle getragen und daselbst
dem Kaiser zur Besichtigung vorgelegt. Zu gleicher Zeit war
ihm da sein mit gelber Seide bekleideter Pflug und seine Peitsche
von gelber Seide auf Tischen zur Schau ausgebreitet, nebst
blauen Kistchen mit Saatkorn; danach waren alle diese Sachen
in den farbigen Tragbahren, in denen man sie dorthin gebracht
hatte, nach dem Pflugfeld geführt worden. Musik und Gesang
begleiteten die kaiserliche Inspektion. Weitere Pflüge und
Peitschen, darunter die mit roter Seide bekleideten für die
Prinzen und Minister, wurden mit mehreren Körben Saatkorn
von der Verwaltung von oun-t*^iön, dem Bezirk, worin Peking
liegt, besorgt, auch die benötigten Rinder, welche für den Kaiser
gelb, für die Prinzen und Minister dunkelgrau (§|^) sein müssen.
Während der Kaiser sich in der „Bekleidungshalle" eine
Ruhepause gönnt (vgl. S. 238), nähert sich die glückverheißende
Stunde, in der das Pflügen stattfinden soll, und auf der Nord-
seite der Pflugfelder versammeln sich die Reichsgroßen und
hohen Würdenträger. Rote beschriebene Schilder weisen einem
jeden seinen Standplatz an. Drei Prinzen höchsten Ranges
(^ 3E) ^^^^ ^^® Präsidenten der neun hohen Ministerien und
Amter stellen die im J u 6 ' L i n g erwähnten drei Hauptminister
und neun Minister (vgl. S. 239) dar. Sie sind alle mit ^ ^,
Drachenmänteln, bekleidet, dem höchsten amtlichen Gewände. Die
Musik (^ ^ ^) und die Sänger haben sich beiderseits des
mittleren Teiles der Felder aufgestellt, den der Kaiser selbst
pflügen wird. Die Felder liegen im inneren Viereck des Opfer-
geländes, an der Ostseite von dessen südlichem Tor (vgl. S. 237).
Sie tragen natürlich den Namen *i^ ^§ Ti Tsi^, unter dem
die soeben zitierte Stelle des Juö' Ling und weitere klassische
Schriften sie erwähnen.
Ein schönes buntes Bauwerk liegt nördlich der Felder.
Es heißt §§, ^ ^ kuan KÖng T'ai, Terrasse zum Anschauen
des Pflügens. Sie ist quadratisch, und ihre vier Mauern bilden
241
ein gelb- und grünglasiertes Kachelwerk, von breiten, schweren
Horizontalleisten durchzogen. Sie trägt ringsum Brüstungen im
selben Stil wie die des Kunden Hügels, jedoch die Pfeiler der-
selben sind aus blauem und weißem Marmor, die Fächer aus
weißem. Die Höhe der Terrasse beträgt 5 Ts*i', die Länge
und Breite 5 T sang. Eine achtstufige Marmortreppe befindet
sich in der Mitte der Süd-, Ost- und Westseite und ist mit
Geländern versehen, die den Brüstungen ganz ähnlich sind.
Genau nördlich der Terrasse tritt die schöne Bekleidungshalle
hervor, welche wir schon erwähnt haben.
Aus dieser Halle führen die Präsidenten des Ministeriums
der Li und des Opferamtes mit noch einer Anzahl anderer
hoher Würdenträger den Kaiser zu der Nordseite des von ihm
zu pflügenden Feldes. Auf den lauten Befehl eines Zeremonien-
meisters des Bewirtungsamtes legt ihm der Präsident des Land-
bau- und Einnahmeministeriums (^ ^) die Pflugsterze in
die rechte Hand; mit der linken empfängt der Kaiser die gelbe
Peitsche aus den Händen des sich auf die Knie werfenden
Gouverneurs (^) von Sun-t'iÖn. Wohl hundert aus der
unmittelbaren Umgegend Pekings zur Hilfeleistung einberufene
ältere Landleute, mit breitem Regenhut (;^) und einem Regen-
mantel (^) bekleidet, haben sich auf beiden Seiten aufgestellt.
Zwei von ihnen geleiten das vor den Pflug gespannte Ochsen-
paar, zwei andere halten die Pflugsterze, und so pflügt der
Kaiser unter dem Geleit des Präsidenten des Opferamtes und
des Direktors der kaiserlichen Equipagen drei Furchen hin
und drei zurück. Unterdessen schmettern zu beiden Seiten
Zvmbeln, Trommeln, Flöten und andere Blasinstrumente durch-
einander, und eine Kantate aus 36 gereimten Strophen von je
sieben Worten schallt aus den Kehlen von zehn Sängern durch
die Luft. Dann werden auf lauten Befehl des Zeremonien-
meisters durch Beamte des Landbau- und Einnahmeministeriums
die Zugochsen angehalten, und der Gouverneur von §un-t*i6n
De Groot, Universismus. 16
242
nimmt dem Kaiser die Peitsche aus der Hand; die Musik
schweigt; und der Kaiser besteigt auf Ersuchen des Präsidenten
des Ministeriums der Li die Terrasse auf der Südtreppe. Auf
ausgelegten Teppichen schreitet er zum Thronsessel, der in
einem gelben Zelt genau in der Mitte der Nordseite steht; er
setzt sich nieder^ und die Prinzen und Großen stellen sich
umher, jeder auf den ihm gebührenden Platz. Die Bezirks-
beamten von Sun-t'^ien und die Landleute reihen sich jetzt
vor der Terrasse auf und machen drei Fußfälle mit neun
Stirnaufschlägen, um dem Kaiser ehrerbietig zu danken für
sein Beispiel, das er dem Volke so gnädig gegeben.
Nun wird durch Beamte von Sun-t*^iön der vom Kaiser
gepflügte Acker mit Reis (^) aus einem blauen Kistchen
besät. Sodann machen auf genau dieselbe Weise wie der Kaiser
die drei Prinzen je drei Furchen hin und drei zurück, und
zwar in drei Ackern, von denen zwei unmittelbar auf der Ost-
seite und einer auf der Westseite des kaiserlichen Ackers liegen.
Beamte von Öun-t'iön säen dort Weizen (^) aijs. Haben
die Prinzen ihr Werk vollbracht, dann begeben sie sich auf
die Terrasse, und die neun Minister kommen an die Reihe,
vier an der Ost- und fünf an der Westseite; jeder pflügt in
einem ihm zugewiesenen Acker eine Furche hin und eine zu-
rück, und die Acker werden sodann mit Hirse (^) und Erbsen
(S) besät. Während Musik und Gesang ertönen, verläßt der
Kaiser die Terrasse, und die Equipage trägt ihn zum Palast.
Die Landleute erledigen die Bestellung der Felder und emp-
fangen als Belohnung je vier Stücke Seide.
Von der Kantate, welche gesungen wird, während der
Kaiser pflügt, geben wir hier beispielsweise die ersten 16
Strophen wieder:
243
Wenn die leuchtende Sonne und der holde Mond das J a n g dea
Blauen (des Frühlings) öffnen,
Wenn das Fang Gestirn (der Kopf des Skorpion) genau in der
Morgenstunde das Glück des Ackerbaues verkündet,
Dann gedenkt der Kaiser dessen, wovon sein Volk abhängig ist, und
erachtet Ackerbau und Seidenzucht als das Wichtigste;
Er gründet sich somit von neuem tausend Pflugfelder, über die er
sich in den heiligen Schriften unterrichtet hat.
M TBLÄj ju jy^ "^ M y^\ j^ RB '^ =BJ fipD yv \&\\
Am glückverheißenden vortrefflichen Zeitpunkt, an dem er sich (durch
Enthaltsamkeit) gereinigt hat, sind Stunde und Tag geeignet;
Der Staatswagen des blauen Drachen (des östlichen Himmels-
quadranten) ist aus dem Himmelstor herabgefahren;
Der blaue Altar (des Siön Nung) steht im Südwesten (des Opfer-
geländes) ;
Die Opfertiere, Porzellangefäße und Terrinen senden ihren Duft
empor.
Ehrfurchtsvoll verehrte da das Herz des Kaisers den üppigen Pflanzen-
wuchs, den der Himmel uns gönnt;
Im gelben Zelte brachte er ihm Verehrung dar und bot in echter
Frömmigkeit ein Opfer an.
Und als das Ritual vollzogen, stellte er sich zur Seite der himm-
lischen (= kaiserlichen) Felder auf,
Wo die Erde fett und gut bewässert ist und einen überreichlichen
Ertrag verspricht.
Dunkelfarbige Pflugochsen schreiten über die Felder; Zügel sind
ihnen angelegt.
Die Beamten für die Feldbestellung haben mit Getreide und Keis
die blauen Körbe gefüllt.
Die starke Leine in der Hand, die seidene Peitsche geschwungen,
16*
244
So führt er das Landvolk an und tritt auf als beispielgebender
Führer des Volkes. Usw.
Wenn der Kaiser zum ersten Male nach seiner Thron-
besteigung den Pflugritus begeht, begibt er sich auf Ersuchen
des Präsidenten des Ministeriums der Li beim Verlassen der
Terrasse zum J^ J^ *§* K ' i n g T s ' i n g K u n g, Gebäude zur
Vervollkommnung' des Glückes, WO dann eine zweite Feierlichkeit
stattfindet, die ^^ K'ing-ho, die Beglückwünschung, heißt.
Dieses Gebäude steht außerhalb des Vierecks, in dem
der Altar des SiSn Nung, die Pflugfelder usw. liegen, und
zwar auf der Ostseite. Ein schönes Tor mit drei Durch^änsren
erhebt sich dort in der Mitte der südlichen Front eines kleineren
Vierecks auf einem Marmorperron mit Brüstungen, der vorn
und hinten drei marmorne Freitreppen hat. Dahinter erstreckt
sich ein Hof, den im Norden eine Mauer abschheßt, und in
deren Mitte wiederum ein ähnliches Tor eingebaut ist. Hinter
diesem Innentor erhebt sich in einem zweiten Hof das K'ing
T s i n g K u n g. Seine mit Brüstungen versehene Marmorterrasse
ist vorn rechteckig ausgebaut und hat dort auf den drei
Seiten eine neunstufige Marmortreppe mit Geländern wie die
Brüstungen. Es hat einen rechteckig vielfach getäfelten Giebel
von großer Schönheit und ein Einzeldach, das durch vier Reihen
von sechs Holzpfeilern getragen wird. Schließlich liegt hinter
diesem Gebäude wiederum ein Hof mit einem ^ ^ oder
Hintersaal, der sich auf einer Terrasse von geringerer Höhe und
ohne Brüstungen erhebt. Ahnliche, aber kleinere Hallen stehen
links und rechts auf diesem Hof mit der Front gegen Westen
und Osten. Alle hier erwähnten Gebäude und Tore tragen,
gleichwie die Mauern, grünglasierte Dachziegeln.
Ein Orchester, auf dem Perron des Innentors aufgestellt,
begrüßt den Kaiser, wenn er in seiner Sänfte hereingetragen
wird, und von der Vorderterrasse des K*ing Ts'ing Kung
bringen ihm Sänger mit Musikbegleitung ihr Lied entgegen.
245
Am Hintersaal steigt der Kaiser aus und wartet dort so lange,
bis ein Beamter von Sun-t'iön ihm die Kunde bringt, daß
die Bestellung der Felder gänzlich erledigt ist. Ein Präsident
des Ministeriums der Li ersucht ihn jetzt, sich nach dem K*ing
Ts'ing Kung zu begeben. Während ein zweites Gesangstück
mit Musik ertönt, setzt sich der Kaiser in seinen gegen Süden
gekehrten Thronsessel nieder, und hierauf fängt auf lauten Be-
fehl des Präsidenten des Bewirtungsamtes die Beglückwünschung
an. Auf der Vorderterrasse stellen sich die Prinzen ost-westlich
in Reihen auf; die Minister und Beamten tun dasselbe vor der
Terrasse, und alle machen, wie ein Mann, auf lauten Befehl
drei Kniefälle und neun Stirnaufschläge. Sodann setzt sich
jeder zur linken oder rechten Seite nieder, nachdem er bei
seinem Sitz einen einzelnen Stirnaufschlag gemacht; und wenn
so alle, genau nach ihrer Rangordnung, Platz genommen haben
und dem Kaiser Tee geboten worden ist, wird jedermann mit
Tee bewirtet. Inzwischen erschallen aus den Kehlen der Sänger
von Musik begleitete Glückwünsche, und jedermann macht an
seinem Sitz abermals einen Stirn auf schlag. Zum zweiten Male
wird eine Tasse Tee gereicht und eine Kantate gesungen, und
dann läßt der Kaiser sich in den Palast zurücktragen.
Falls es dem Kaiser behagt, läßt er auf diese feierliche
Bewirtung eine zweite folgen, die den klassischen Namen ^
\^ lao Tsiu, mit Wein belohnen, trägt und also ganz klar die
Befolgung des Beispieles der Kaiser des heiligen Altertums be-
zweckt, von dem wir auf S. 239 im Auszug aus den J u ö
Ling gelesen haben. Nachdem er sich in den Hintersaal zu-
rückgezogen hat, damit durch die Dienerschaft des Bewirtungs-
amtes im K'ing Ts'ing Kung die Vorbereitungen getroffen
werden können, kommt er auf Gesuch des Präsidenten des
Ministeriums der Li zurück und setzt sich unter Musik und
Gesang wieder auf seinen Thron. Jeder Prinz, Minister und
Beamte setzt sich nach einem Stirnaufschlag auf den ihm ge-
246
bührenden Platz nieder; Wein wird gereicht^ und während
lange Gesänge ertönen, werden auch Leckerbissen ('g|) an-
geboten. Tänzer treten auf, Schauspieler, Possenreißer, Graukler,
und am Ende erhebt sich einer nach dem anderen von seinem
Sitz, macht einen Kniefall und drei Stirn aufschlage zu dem
Kaiser hin und entfernt sich. Am Haupttor bilden alle Spalier,
werfen sich, wenn der Kaiser auf dem Rückweg nach dem
Palast an ihnen vorüber getragen wird, auf die Knie, und
jeder geht darauf seinen Weg.
Falls der Kaiser durch einen Prinzen dem Schutzgott
des Landbaues das Jahresopfer darbringen läßt, verrichtet der
Gouverneur von Sun-t'iön ()I^^ ^) die Pflugzeremonie.
Es versteht sich, daß dieser dabei nicht die Magnaten und
Minister in seiner Gefolgschaft haben kann. Sobald zweimal
neun Furchen gezogen sind, werden die Felder nur von den
Bauern zu Ende gepflügt, und daraufhin macht man die Fuß-
fälle und Stirnaufschläge \^or der Terrasse nach dem kaiser-
lichen Palaste hin, was 3^ pj wang K'üe' heißt, sich nach
den Palasttoren wenden.
Im Laufe des Sommers werden die kaiserlichen Pflug-
felder sorgfältig gejätet und bewässert, und den Ertrag liefert
die Behörde von Sun-t'^iön im Herbst dem Opferamt aus.
Dieses läßt ihn an einem dazu auserwählten glücklichen Tage
aufspeichern, um das Korn für die Opfer zu verwenden, welche
den Staatsgöttern und kaiserlichen Ahnen dargeboten werden
(vgl. S. 159). Die Textstelle, woraus hervorgeht, daß eine solche
Verwendung uraltem Brauch entspricht, werden wir auf S. 248
und 249 wiedergeben.
Zur Aufbewahrung des kaiserlichen Korns dient in erster
Linie die fl^ ^ Sen Ts'ang, Göttliche oder Heilige Korn-
kammer, welche im inneren Viereck des Opfergeländes von
SiSn Nung steht, im östlichen Teil, also nordöstlich von der
„Bekleidungshalle". Da befindet sie sich im nördlichen Teil
247
einer besonderen viereckigen Ummauerung, zu welcher ein Tor
mit drei Durchgängen, das in der Mitte der südlichen Front
eingebaut ist, den Zugang bildet. Diese Kammer ist kreisrund
und steht auf einem runden, marmornen Fundament größeren
Umfangs, das vor der nach Süden gewandten Tür eine fünf-
stufige Treppe hat. Weiter südHch liegt in der Mitte eine
gleichartige, aber rechteckige Scheune, und quer zwischen
beiden stehen sowohl rechts wie links noch zwei. Alle diese
Kornkammern tragen, ebenso wie die Ummauerung und das
Tor, schwarze glasierte Ziegeln, von grünen umrahmt, und
stehen auf marmornen Grundlagen; sie zeugen also von der
Sorgfalt und Ehrfurcht, womit das heilige Getreide bewahrt
und behandelt wird. Einige schattige Bäume erhöhen die ruhige
Schönheit dieser eigentümlichen religiösen Stelle, die in stiller
Ruhe im Herzen der belebten, rührigen Weltstadt liegt.
Nicht bloß der Kaiser muß mit seiner hohen Minister-
schaft zur Anregung des Landbaues, als wichtigsten Gewerbes
des Lebens, der ganzen Menschheit das zu beherzigende Beispiel
geben, sondern auch den Behörden in der Provinz liegt dieselbe
Pflicht ob. Denn in der heihgen alten Zeit war sie den Lehns-
fürsten vorgeschrieben, deren Stelle jetzt die Behörde einnimmt.
Ln heihgen Buche T s i I (II) steht geschrieben : ^ |^ )^ Kt
WL^ ^ ^W^ iÖi- ^^'"^^^ ^^^ Pflügen der Tsi' lehrt der Sohn des
Himmels die Lehnsfürsten ihre Pflicht, für die Ernährung der Menschheit
zu sorgen. ^ UL'W ^ % "f ^ M ^ ^. M."^ ^ "^
J^ » ^ Mb lil ; I hiri ^ 3t * . i^ 1^ ^ gg ^ ^ .
Himmels in alten Zeiten tausend Mou Felder (Tsi') an, auf denen er, die
Krone mit roten Fransen tragend, eigenhändig die Pflugsterze führte. Die
Lehnsfürsten bildeten sich hundert Mou solcher Tsi', wo sie, die Krone
mit blauen Fransen tragend, eigenhändig die Pflugsterze hielten. Auf diese
Weise opferte man dem Himmel und der Erde, den Bergen und Flüssen,
248
den Göttern des Bodens und der Hirse, den Ahnen und den Herrschern
vergangener Zeiten, indem man ihnen Opfergetränke und Opferschüsseln
bereitete, die man von diesen Feldern hergenommen hatte. Das war der
höchste Grad der Ehrfurcht.
Somit hat die Hauptstadt jeder Provinz, jedes Bezirkes
und jedes Kreises auf ihrer Ostseite einen quadratischen offenen
Altar, auf dem der höchste Verwalter an der Spitze seiner Be-
hörde und des Gelehrtentums, am selben Tag-e wie der Kaiser,
dem Sißn Nung in der Morgenstunde ein Opfer darbringt,
und zwar in derselben Weise wie den Göttern des Bodens und
der Hirse (s. S. 227). Nach dem Opfer begeht er den Pflug-
ritus nach demselben Programm, das für den Kaiser oder seinen
Stellvertreter festgesetzt ist. Am Schluß machen alle Teil-
nehmer feierlichst drei Kniefälle und neun Stirnaufschläge gegen
das ferne Tor des Palastes hin, dessen Richtung angezeigt
wird durch einen Wandschirm, an dem eine Zeichnung des
Tores hängt, und durch einen davor stehenden Tisch, auf dem
Weihrauch brennt.
7. Die Schutzgöttin der Seidenzucht.
Die Erzeugung von Nahrungsmitteln durch vernünftige
Verwertung der schaffenden Kraft des T a o des Weltalls steht
also unter den Angelegenheiten des Tao der Menschheit obenan.
Aber unmittelbar daran schließt sich die Erzeugung von
Kleidungsstoff, ohne den der Mensch ebensowenig leben und
bestehen kann als ohne Nahrung. Deshalb haben die heiligen
Gründer des Tao der Menschheit auch die Seidenzucht ge-
stiftet. Dokumentarisch läßt sich naclnveisen, daß bereits in den
ältesten Zeiten Chinas Seide der vornehmste, wenn nicht gar
der einzige Kleidungsstoff von Bedeutung war, den der Mensch
sich zu verfertigen wußte, und somit ist es uns ganz ver-
ständlich, daß eine ;^ ^ Sißn Ts'an, Vorgängerin in der Seiden-
249
zucht, im Pantheon des Staates den Platz unmittelbar hinter
S i Ö n N U n g", dem Vorgänger im Landbau, innehat.
Von altersher war der Seidenbau in China das Haus-
gewerbe der Frau. Sein Erfinder muß mithin eine Frau ge-
wesen sein, und zwar die Gemahlin des Huang Ti, des vor-
nehmsten der fünf universistischen Herrscher der Urzeit (s.
S. 236). Natürlich kann es uns ziemlich gleichgültig sein, ob
sich die Staatsrehgion die Richtigkeit dieses Dogmas angelegen
sein läßt oder nicht; nicht aber, daß sie sich zu dem Grundsatz
bekennt, wonach, gleichwie jedes Jahr Kaiser und Minister das
männliche Volk zum Ackerbau anführen sollen, es Pflicht der
Kaiserin und der Gemahlinnen der Minister ist, der Frauenwelt
durch ihr Beispiel den Ansporn zum Seidenbau zu geben. Das
war ihnen schon in der heiligen Urzeit als Pflicht auferlegt,
wie es im heiligen Buche ^ j^ Tsi T'ung des Li Ki zu
lesen steht:
^j*f >^. Daher kommt es, daß der Sohn des Himmels persönlich im süd-
liehen Vorstadtgelände den Boden pflügt und dadurch (Feldfrüchte für)
die Opferschüsseln beschafft, während seine Gemahlin im nördlichen Vor-
stadtgelände Seidenraupen züchtet zur Beschaffung von seidenen Gewändern:
die Lehnsfürsten pflügen im östlichen Vorstadtgelände/ um ebenfalls (Feld-
früchte für die) Opferschüsseln zu schaffen; ihre Gemahlinnen züchten Seide
im nördlichen Vorstadtgelände zur Beschaffung von Kronen und Gewändern.
Unter den Söhnen des Himmels und seinen Lehnsfürsten gibt es keinen,
der nicht pflügt, unter den Kaiserinnen und den Gemahlinnen (der Lehns-
fürsten) keine, die nicht Seide züchtet; persönlich führen sie dadurch ihre
Heiligkeit und Frömmigkeit bis zum Höhepunkt hinauf.
1 Deshalb sind die Altäre des Si6n Nung mit den Pflugfeldern
östlich der Hauptstädte der Provinzen, Bezirke und Kreise gelegen; s. S. 248-
250
Die Verehrung der Sien Ts'an ist in erster Linie eine
Obliegenheit der Kaiserin, und ihr Opfergelände ist auch die
Stelle, wo die allerhöchste Frau alljährlich der Frauenwelt des
Reiches das Beispiel zum Seidenbau gibt. Es liegt, dem soeben
zitierten klassischen Satz entsprechend, am nordöstHchen Ende
des großen Teiches, der den Namen :f(^ y^ Pe' Hai, Nord-
meer, trägt und vom ^ ^ Si Juan, dem Westpark, umgeben
ist, der sich nordwestlich des Palastes bis zu dessen äußerstem
Norden erstreckt. Es ist viereckig und von einer roten Mauer
umgeben, die gegen die vier Himmelsgegenden gekehrt ist und
auf jeder Front eine Länge von vierzig Tsang besitzt. Das
Haupttor mit drei Durchgängen liegt im westhchen Teil der
Slidfront, gerade südlich vom Altar der Sien Ts'an.
Dieser Altar ist dem des Siön Nung ähnhch, nur etwas
kleiner; er mißt nämlich vier Tsang auf jeder Seite und ist
vier Ts i' hoch. Südöstlich vom Altar steht eine viereckige
SS ^fe ^t kuan Sang T*ai, Terrasse zum Anschauen der Maul-
beerbäume, und genau südHch davon liegt das ^ p^, Maulbeer-
gärtchen; somit ist die Lage von Altar, Terrasse und Gärtchen
der des Altars, der Terrasse und der Pflugfelder der Öpfer-
stätte des Siön Nung ganz entsprechend. Weiterhin befindet
sich in der südöstHchen Ecke des Geländes in einem um-
mauerten Viereck ein Tempel für die Sien Ts an, mit einem
„Aufbewahrungshaus der Göttin", nebst Küche, Schlachthaus
und Brunnen, und unmittelbar nördlich ein 1^^? Seidenbau-Amt.
Endhch folgt nordwärts eine lange Reihe von ^ ^, Seidenraupen-
kammern, unter einem einzigen Dach vereint. Längs dieser Reihe,
des Seidenbauamtes und Tempels durchströmt der */^ ^ J^rJ",
Bach zum Waschen der Raupen, das Opfergelände von Nord nach
Süd; an zwei Stellen ist er überbrückt. Gerade nördlich von
der Terrasse hegt ein großes ummauertes Viereck, in dem sich
mit der Front gegen Süden eine Bekleidungshalle (_p^ ^^ ^)
erhebt. Dahinter liegt ein zweiter Hof mit ovalem, gemauertem
251
Teich in der Mitte und nördlich davon ein ^ *^, Webhaus,
mit zwei Nebengebäuden. Alle Gebäude, Tore und Mauern
tragen grüne Dachziegeln.
In der Anlage dieses Opfergeländes ist der Einfluß folgender
Stelle im heihgen Buche Tsi I (II) unverkennbar:
-^ m ^ "f- m ^ M^^ <s^ mmmrikjwm
tum hatten der Sohu des Himmels und seine Lehnsfürsten sicherlich amt-
liche Maulbeerbäume und Seidenraupenhäuser, die in der Nähe eines Wasser-
stromes standen und für welche Gebäude errichtet wurden, die ein Zön
und drei Ts'i* hoch waren. Die Mauern waren mit Gebüsch umpflanzt und
nach außen geschlossen.
Im letzten Monat des Frühlings^ an einem glücklichen
Tage, der durch das Zykluszeichen 2^ bezeichnet wird, bringt
die Kaiserin persönHch der Siön Ts'an auf ihrem Altar das
jährliche Opfer dar, und zwar nach dem Programm, das auch
für das Jahresopfer des Siön Nung gilt. Vorwiegend sind
es Eunuchen aller Klassen, die dabei amtieren, auch als Mu-
sikanten und Sänger, sowie in den Equipagen der Kaiserin und
der übrigen Gemahlinnen; die Beamten für den Weihrauch,
die Seide, die Becher usw., sogar der obere Leiter der Zere-
monien (Ä^)^ sind ausnahmslos Frauen (]^ l^)- Die Ge-
folgschaft der Kaiserin, die mit ihr zusammen die Fußfälle
und Verneigungen macht, besteht aus den Gemahlinnen des
zweiten, dritten und vierten Ranges (^[J und ^), den kaiser-
lichen Töchtern (^ ^) und Schwiegertöchtern (i|ig ^\ so-
wie aus Gemahlinnen der höchsten Minister (-^ ^). Zur
Vorbereitung zum Opfer müssen alle fasten. In der frühen
Morgenstunde werden sie durch das jjj^ ji(; f^ Sön Wu Mön,
das nördliche Haupttor des Palastes, in Sänften hinter der
Kaiserin nach der „Bekleidungshalle" getragen, in welche die
Kaiserin einzieht, während sie selbst in die zwei Nebengebäude
(@E ^) einkehren. Beim Opfer wird kein Gebet gelesen und
252
werden keine Tänze aufgeführt. Beim Empfang und beim
Verabschieden der Göttin machen Kaiserin und Gefolgschaft
sechs tiefe Verneigungen C^)? wobei sie mit den aneinander-
gelegten Händen beinahe den Boden berühren und danach drei
Kniefälle machen, mit je einem Stirnaufschlag; das ist nämlich
die größte Ehrfurchtbezeugung der Frau^ die den drei Knie-
fällen und neun Stirnaufschlägen des Mannes entspricht.
Sobald sich die Raupen aus den Eiern entwickeln^ was
ungefähr mit der Zeit zusammenfällt, in der das Opfer an die
Sien Ts an stattfindet, begeht die Kaiserin am frühen Morgen
das J^^ ^^ kung Sang, das persönliche Einsammeln von Maulbeer-
blättern, einen Ritus, der das Gegenstück zum „persönlichen
Pflügen" des Kaisers bildet und sich nach demselben Programm
abspielt. Mit einem goldenen Sichelchen (JfiJ)? das ihr eine
Hofdame auf den Knien übergibt, schneidet die Kaiserin im
schon erwähnten Maulbeergärtchen von zwei Zweigen feierlich
die Blätter ab, welche sodann eine Hofdame in ein gelbes
Körbchen legt. Dann setzt sie sich auf der Terrasse in ihren
Thronsessel, und nun entblättern die übrigen Gemahlinnen des
Kaisers mit silbernen Sicheln fünf Zweige und sammeln den
Ertrag in gelben Körbchen ein; zum Schluß schneiden die
Prinzessinnen mit eisernen Sichelchen die Blätter von fünf
Zweigen, die Ministerfrauen von neun ab, welche in rote
Körbchen gelegt werden. Die dabei amtierenden Musikanten,
Sänger und Fahnenträger sind Eunuchen. Eine Dame, die
^ -^ Ts'an Mu, die Raupenzuchtmutter, heißt, nimmt nun auf
der Terrasse vor der Kaiserin ehrerbietigst den Korb in Emp-
fang, der die von der Kaiserin eingesammelten Blätter enthält;
einige sogenannte ^J ^ Ts'an Fu, Raupenzuchtfrauen, nehmen
die anderen Körbe entgegen und tragen sie sämtlich nach den
Raupenkammern (s. S. 250) hin, um damit sofort die Räupchen
zu füttern. Die Kaiserin geht inzwischen in die „Bekleidungs-
halle" zurück. Dort setzt sie sich auf ihren Thron, läßt sich
253
von den sämtlichen hohen Frauen mit sechs tiefen Verneinungen,
drei Fußlallen und drei Stirnaufschlägen verehren und fährt
dann in ihrer Sänfte nach dem Palast zurück, wohin ihr die
übrigen Gemahlinnen bald in ihren Sänften foKen.
8. Die Kaiser der vergangenen Dynastien.
Auf Grund der Lehre, daß jeder Kaiser als Statthalter
des Himmels das Tao des Weltalls auf dieser Erde vertritt
und dadurch aller Menschen höchster Führer im Tao der
Menschheit ist, haben alle Kaiser, die der Himmel im Besitz
des Throns belassen hat, für alle Zeit Anrecht und Anspruch
auf die dankbare Verehrung des Staates, weil sie für das Glück,
die Tugend und Bildung der Menschheit ihr Bestes geleistet
haben.
Die Ts'ing- Dynastie brachte bis zum Jahre 1722 nur
einer Auswahl von Kaisern früherer Dynastien Opfer dar. Dann
verfügte Sing Tsu (K'ang-hi), es sollten in Zukunft die
Seelentafeln aller Kaiser in dem dazu bestimmten Tempel
Platz finden, nur derjenigen nicht, welche „das Tao nicht
hatten" (ffi ^) und somit ihr Leben eingebüßt oder ihr
Reich verloren hatten ("f ^)-
^^1' M f^ ^ 3E JÜ Li' Tai Ti Wang Miao, Seelen-
tempel der Kaiser und Könige dahingegangener Dynastien, liegt in Peking
an der Nordseite der Straße, die nach dem Westtor oder F o u
Ts ing Mön führt, bei dem sich das Opfergelände des blondes
befindet. Zwei hölzerne P'ai Fang, quer über diese Straße
gebaut, verkünden durch Schilder über ihrem mittleren Durch-
gang, daß die dazwischen liegende Strecke ^ ^ f ^ King
Te' Kiai, Straße der glorreichen Tugenden, heißt, und daß an ihr
also der betrefi'ende Tempel liegt; denn dieser führt den reli-
giösen Namen ^ ^^ ^ S| ^ King Te' ts*ung Sing Tiön
254
Tempelsaal der glorreichen Tugenden und der erhabenen Heiligkeit. Sowohl
in Chinesisch als in Mantschurisch prangt dieser Name auf
einer Holztafel über dem Eingang in der Mitte der Front des
Gebäudes.
Der Tempel mit seiner weißen Marmorterrasse ist dem
Fung Sien Tien mit seiner Terrasse auffallend ähnhch
(vgl. also S.211). Er ist 48 Meter lang und 23,35 Meter breit.
Sein doppeltes Dach trägt gelbglasierte Ziegeln. Immergrüne
Zypressen umschatten ihn hinten, links und rechts. Sieben
Schreine (^) stehen seinem gen Süden gekehrten Eingang
gegenüber. Der mittlere und vornehmste enthält die ^ ^
San Huang, drei Kaiser der Urzeit, nämhch den Blauen, Roten
und Gelben Kaiser (s. S. 235). Im links oder östhch davon
stehenden Schrein befinden sich die jE *^ wu Ti, fünf Kaiser,
nämhch der Weiße und der Schwarze (S. 236) mit *S* Ä
Ti-ku', Jao und Sun. Rechts vom Mittelschrein folgt der mit
den Kaisern der Hia- und der Sang- Dynastie, links vom
zweiten Schrein der der Tsou-Dynastie usw. Also ist auch
hier die Anordnung peinHchst dem Lauf der Zeit, dem Gang
oder Tao des Weltalls, angepaßt; jede andere Anordnung wäre
freihch nach chinesischer Ansicht sündhaft und strafwürdig,
und mithin sind auch in jedem Schrein für sich die Tafeln
genau in der Zeitordnung aufgestellt. Sie betragen insgesamt
187 an Zahl.
Links und rechts des Tempelgebäudes, und auch beider-
seits vor der Terrasse, steht ein viereckiger ^^ ^ oder Steintafel-
Kiosk mit doppeltem Dach aus gelben Ziegeln. In jedem erhebt
sich senkrecht auf dem Rücken einer marmornen Schildkröte
eine schön polierte Marmortafel, in die ein kaiserliches Dekret,
das sich auf den Bau des Tempels oder den Opferdienst des
Kaisers bezieht, eingemeißelt ist. Hinter dem Tempel steht in
der Meridianachse ein Aufbewahrungshaus für Opfergeräte,
und quer vor dem Tempel, links und rechts vom Hof, ein
255
viereckiges Nebengebäude (Wu) mit grünen Dachziegeln und
einem langen Tabernakel, in dem 40 und 39 „nebengeordnete
Tafeln" (P'ei Wei) berühmter Staatsdiener (^ g) aller
Zeiten aufbewahrt werden.
Diese acht schönen, rotfarbigen Gebäude sind von einer
rechteckigen Ummauerung umschlossen, die gelbe Dachziegeln
trägt und in der Mitte der Südfront ein Tor mit drei Durch-
gängen und grünen Dachziegeln hat. Die Terrasse dieses Tores
und die drei Marmortreppen, welche sie sowohl auf der Nord-
ais auf der Südseite hat, haben dieselben schönen Brüstungen
und Geländer wie die Terrasse und die neunstufigen Treppen
des Tempels. Vor dem Tor liegt ein viereckiger Hof, von einer
Mauer mit blauen Dachziegeln umfaßt und mit einer Pforte
in der Südseite, die nach der Straße geht. Auf der Ostseite hat
dieser Vorhof hinter einer Mauer das „Aufbewahrungshaus"
für die Götter, den Schlachtplatz und die Küche mit Brunnen,
und in ähnlicher Lage auf der Westseite noch einige Gebäude,
die zu verschiedenen Zwecken dienen.
Also ist dieser kaiserliche Seelenpalast, gleichwie die
beiden anderen (T'ai Miao und Fung Siön Tiön), welche
wir kennen gelernt haben, nach demselben Plan angelegt wie
der kaiserliche Palast in Peking, das heißt, alle Hauptbauten
liegen nach Süden in einem gemeinschaftHchen Meridian. Daß
dasselbe auch mit den zwei Seelenpalästen, die das Opfer-
gelände des Himmels bilden, der Fall ist, wird dem Leser
noch in Erinnerung sein.
Jedes Jahr im mittleren Frühlings- und Herbstmonat be-
auftragt der Kaiser einen Prinzen höchsten Ranges damit, an
einem glücklichen Tage den Kaisern ein großes Opfer dar-
zubringen. Nur ganz ausnahmsweise glaubt er, sie persönlich
einmal verherrlichen zu müssen und bietet selbst ihnen das
Opfer an, macht dann aber mit den ihm folgenden Magnaten
und Großen beim Empfang und Verabschieden der Seelen nur
256
zwei Kniefälle mit je zwei Stirn auf schlagen. Das Programm
ist dem der Opfer in den kaiserlichen Almentempeln gleich.
Den Kaisern werden im ganzen achtzehn Tische mit den mis
bekannten, statutarisch festgesetzten Opfergaben bereitet; allein
nur sechs Opfertiergestelle, jedes mit einem Rind, einem Schaf
und einem Schwein. In jedem Nebentempel aber werden zehn
Tische mit nur zehn Opfergaben dargeboten.
Die staatliche Verehrung der vormaligen Vertreter des
Tao der Welt ist nicht auf die zwei Jahresopfer in der Reichs-
hauptstadt beschränkt. Sollte der Kaiser auf der Reise in die
Nähe eines ihrer Gräber kommen, so entspricht es den Vor-
schriften der Staatsreligion, daß er daselbst ein Opfer darbringt.
Alles dazu Benötigte verschafft die Behörde des Bezirkes oder
Kreises, die natürlich beim Opfer auch den Sohn des Himmels
begleitet und unterstützt. Sollte das Grab abseits von seinem
Wege liegen, jedoch noch innerhalb dreißig Li, dann entsendet
der Kaiser einen Reichsgroßen aus seiner Gefolgschaft zur Dar-
bringung des Opfers. Es kommt auch vor, daß, nachdem sich
für die Dynastie etwas sehr Erfreuliches ereignet hat, der Kaiser
Reichsgroße zu den Gräbern der allerältesten Kaiser und der
Stifter der großen Dynastien schickt, um daselbst mit einem
Opfer die frohe Kunde bekannt zu geben. Diese Abgeordneten
müssen dann vor der Abreise zusammen mit dem Kaiser einen
Tag lang fasten. Den zum Opfer benötigten Weihrauch sowie
die Seide und das Opfergebet werden einem jeden durch das
Opferamt mitgegeben, nachdem alles zu gleicher Zeit von dem
Kaiser im Palast feierhch besichtigt worden ist.
EndHch ist noch zu erwähnen, daß überall, wo sich ein
Kaisergrab einer früheren Dynastie befindet, es Pflicht der zu-
ständigen Behörde ist, an, demselben im mittleren Frühlings-
und Herbstmonat zu opfern, und zwar in gleicher Weise, wie
es ein Reichsgroßer täte, der vom Kaiser dazu aus der Haupt-
stadt abgesandt worden wäre.
257
Nicht nur soll jeder Szepter und Krone tragende Führer
der Menschheit auf dem „Wege des Weltalls" über gründliche
Kenntnis der heiligen konfuzianischen Schrift des Tao ver-
fügen (S. 67); auch eine immer sich erneuernde Beseelung
durch den Geist der höchsten Heiligen, die das Tao der
Menschheit gründeten und lehrten, ist ihnen unentbehrlich.
Damit nun diese Beseelung ihm unaufhaltsam zufließe, müssen
die Seelen dieser Heihgen ihm stets nahe sein, und muß er
als ihr gehorsamer, dankbarer Schüler sie ehren und ihnen
huldigen.
An der Spitze dieser kaiserhchen 0[|} S i, Meister oder
Lehrer, stehen die der allerfrühesten Zeit, nämlich die san
Huang (s. S. 254), hier in diesem Falle die drei ^gjg,
Huang-Meister, genannt. Ihnen folgen die *^ ßjj, Ti -Meister,
nämhch Jao und Sun, und sodann die vier ^ ßjj, Wang-
Meister, J ü, T'ang, Wön und Wu (s. S. 72); Wang warder
Titel des Sohnes des Himmels in der Zeit der Hia-, Sang-
und Tsou- Dynastie, welche diese vier Heihgen stifteten. Die
Lehren und Taten der Ti -Meister und der Wang-Meister
werden der Menschheit hauptsächlich durch die vornehmsten
Bücher des heiligen Su verkündet, und diese waren mithin
allezeit für Chinas Kaisertum grundlegendes Gesetz. Der zehnte
Meister des Kaisers ist der heilige j^ ^ Täou Kung, der.
Fürst von Tsou, Bruder des Wu; ihn führt nämlich das §u als
damaligen Lehrmeister des Volkes vor, und außerdem be-
zeichnet ihn die Überlieferung als Verfasser des J i ', der höchst-
heiligen Bibel des Universismus (S. 7). Konfuzius schließt die
Reihe der Meister aus Gründen, welche das auf S. 72 Gesagte
zur Genüge hervorhebt.
Für diese kaiserhchen Lehrmeister ist ein besonderer
Seelentempel im Palast erbaut, und zwar innerhalb des ^ ^
^ P^ nei Tung Hua Mön oder inneren Tung Hua-Tors der
Hauptpforte der östlichen Front. Er trägt den kennzeichnenden
De Groot, Universismus. 17
258
Namen 'j^^lj)^ Ts'uan Sin Ti6n, Tempelhalle zur Fort-
pflanzung des Geistes. Mit der Front gegen Süden steht er auf
einem „Erhöhungsfundament" ohne Brüstungen, und er hat nur
ein einziges Dach. Vorn erhebt sich das freistehende M- >fj f^
King Hing Mön, Tor des glorreichen Lebenswandels. Tempel,
Tor und die übrigen kleineren Bauten tragen sämtlich gelbe
Dachziegeln. Die neun Seelentafeln der „Meister" stehen, jede
in einem eigenen Schrein, in der uns bekannten Anordnung
nach der Zeit, in der sie lebten, die des Fu'-hi also auf dem
vornehmsten Platz in der Mitte. Der Schrein mit Tsou Kung
aber steht an der östlichen Tempelwand, und der mit Konfuzius
gerade gegenüber an der westlichen, und zwar weil diese Hei-
ligen keine Söhne des Himmels waren und somit hier bloß die
Stellung von „nebengeordneten Tafeln" (p'ei Wei) innehaben.
Also hat der Sohn des Himmels seine heiligsten Lehrer
der Regierungskunst immer als inspizierende Kräfte neben sich,
und zwar, infolge der dem Schüler geziemenden Ehrfurcht, auf
der linken oder vornehmsten Seite seines Thronsaales, aus dem
heraus er die Welt regiert. An jedem Neu- und Vollmondtage
werden vor jedem Schrein Obst und Becher Weins auf den
Opfertisch gesetzt, und dann bietet ein Präsident des Opfer-
amtes daselbst Weihrauch dar. Ein großes Jahresopfer emp-
fangen diese Heiligen, wie wir gesehen haben, im Tempel der
Kaiser und Könige der dahingegangenen Dynastien, in dessen
westHchem Nebengebäude natürlich auch Tsou Kung einen
Platz innehat; und was Konfuzius betrifft, so werden ihm große
Jahresopfer in seinem eigenen Staatstempel dargebracht, aut
den wir jetzt zu sprechen kommen.
Neuntes Kapitel.
Der Grötterkiilt des Konfuzianismus (IV).
9. Konfuzius und die Koryphäen seiner Schule.
Konfuzius hat also (s. S. 257) seinen Platz als Staats-
gottheit an der Seite der heiligen Kaiser, die das Tao der
Menschheit gestiftet haben. Der Grund dafür kann kein anderer
sein als der auf S. 72 erwähnte, wonach er es ist, der das
Tao der Menschheit durch die heiligen Schriften, die von ihm
und seiner Schule stammen, für alle Zeiten festgelegt und allen
Geschlechtern überliefert hat. Dieses denkbar größte Werk
hat seine Heiligkeit sogar über die aller Heiligen erhoben. Sein
Geist und seine Seele sind in Kaiser, Mandarinentum und Volk
lebendig. Ein Tempel, in dem seine Seele und die Seelen der
Koryphäen seiner Lehre wohnen, ist somit in jedem Verwaltungs-
sitz oder in jeder ummauerten Stadt des Reiches erbaut, damit
aus diesem Heiligtum die Beseelung ausströme, welche im Volke
ununterbrochen Liebe für klassische Studien weckt, und auf
daß Provinz, Bezirk oder Kreis dadurch viele gelehrte Köpfe
hervorbringe und so dem Staat viele tüchtige Beamte liefere.
Da Konfuzius somit der große Schutzpatron des Zivil-
staatsdienstes ist, heißen seine Tempel ^ J^ Wön Miao,
Zivildienst-Tempel. Infolge ihrer reichen Zahl und der allgemeinen
Zugänglichkeit sind sie häufiger als andere Tempel Chinas von
Europäern besucht und beschrieben worden. Der vornehmste von
17*
260
allen ist der zu Peking, der gerade südlich von dem Opfergelände
der Erde steht, nur durch die Stadtmauer davon getrennt.
Seinen Namen -^ ^ ^ Ta Ts'ing Ti6n, Tempel des Voll-
kommensten, trägt er auf einer Holztafel über dem Eingang in
der Mitte des Frontgiebels. Er ist, auch was die Marmorterrasse
anbetrifft, auf der er sich erhebt, dem Tempel der Kaiser der
vergangenen Dynastien ganz ähnlich, und auch sein Haupttor
ist von dem dieses Gebäudes kaum verschieden (vgl. also S. 254).
Zwischen Tempel und Tor liegt ein geräumiger, mit vielen Zy-
pressen bestandener Hof, den auf jeder Seite ein langer Neben-
tempel (Wu) abgrenzt. Hier stehen auf der Ostseite sechs, auf
der Westseite fünf gleichgroße Kioske (^) mit doppeltem Dach,
jeder zum Schutz eines Monoliths (5^) auf dem Rücken einer
steinernen Schildkröte, der entweder eine eingemeißelte kaiser-
liche Verfügung betreffend die Wiederherstellung der sich un-
mittelbar im Westen dem Heiligtum anschließenden Hochchule
trägt, oder der von Opfern redet, welche Kaiser persönlich
hier dargebracht haben, oder kaiserliche Panegyriken und Ahn-
liches zu lesen bietet. Einige dieser Steindokumente sind in
Mantschu-Schrift abgefaßt.
Tempel, Tor und Kioske tragen gelbglasierte Dachziegeln
und sind alle gegen Süden gekehrt. Vor dem Tor erstreckt
sich ein von Zypressen beschatteter Vorhof, auf dem links und
rechts ein Aufbewahrungshaus, eine Küche, ein Schlachthaus
usw. stehen, und der auf der Südseite ein Tor hat, welches das
Heiligtum mit der Straße verbindet. Die Straße heißt hier
>ß!c K f^ Ts*^ing Hien Kiai, Straße des Vollkommenen und der
Weisen. Im Vorhof stehen drei Kioske mit Monolithen, von
denen einer eine Inschrift des Kaisers ^^ Jing Tsung
der Ming-Dynastie trägt, der 1436 bis 1450 regierte. Auch
stehen da unbeschützt im Freien eine Anzahl kleinerer Stein-
platten, worauf die Namen der Gelehrten zu lesen sind, die sich
während der Regierung der Ts*^ing- Dynastie bei den Pekinger
261
Staatsprüfungen den höchsten Gelehrtentitel von jt^ i Tsin-
Si erworben haben.
Das Heih'gtum ist gänzhch von einer viereckigen Mauer
umschlossen. Nördlich derselben liegt direkt hinter dem Haupt-
tempel ein viereckiger ummauerter Hof geringeren Umfangs,
gleichfalls mit Zypressen bestanden, und darin steht auf der
Nordseite auf einem „Erhöhungsfundament" ohne Brüstungen
ein kleinerer Tempel, welcher ^ ^ ^ßj Ts*ung Sing Sß,
Ahnentempel zur Verherrlichung der Heiligkeit, heißt. Auch hier steht
auf der linken und rechten Seite des Hofes ein Nebentempel
(Wu).
Nicht weniger als 182 Seelen von Heiligen und Weisen
bewohnen dieses schöne Heiligtum. Im Haupttempel steht der
Schrein mit der Tafel des Konfuzius natürlich auf dem Haupt-
platz in der Mitte des Hintergrundes, gegen Süden gekehrt;
die Tafel trägt die Inschrift: S ^ ^ ßrß ?L i^ IUI fö,
Seelentafel des allerheiligsten Vorgängers in der Lehrmeisterschaft K'ung
Tse. Etwas Aveiter nach vorn stehen vier nebengeordnete Tafeln
(P'ei Wei) der höchsten Koryphäen seiner Schule, jede in
einem eigenen Schrein, nämhch: Jon Hui, der ^ §^ Fu'
Aing oder zweifach Heilige; K'ung Ki', der gß ^ Su' Sing
oder Heilige, der das Werk (seines Großvaters Konfuzius) fortsetzte;
Tseng Tse, der ^^ Tsung Öing oder hochehrwürdige
Heilige; und Meng Tse (Menzius), der ^^^ Ja Sing oder
zweitgrößte Heilige (vgl. S. '«'3). Diese vier Ehrennamen wurden
ihnen im 9. Jahre der Periode Kia-k*ing (1804) gnädigst
vom Kaiser Zen -Tsung verliehen, waren ihnen aber schon
unter der Mongolen-Dynastie beigelegt worden. Danach folgen
südwilrts zur linken und zur rechten je ein Schrein mit sechs
Tafeln von ;;5fe S Sien Hien, Vorgängern in der Weisheit (vgl.
S. 71)^ deren letzter :^ ^ Tsu Hi ist, der berühmte Führer
der großen Schule der Sung-Zeit, die der konfuzianischen
Philosophie ihre moderne Gestaltung gab, in der ihre univer-
262
sistischen Grundzüge besonders scharf in den Vordergrund
rücken. Diese zwölf Tafeln werden speziell als "^ "^ Tsß'
Wei; Tafeln der Intelligenten^ bezeichnet/ also der tüchtigsten
unter den „Weisen". Ihre Schreine heißen p|f j^ Hang Su^
die beiden Rangreihen. Noch 40 Tafeln von Sien Hien stehen
im östlichen Nebengebäude, zusammen mit 35 von -^ "Wä S i fe n
Zu, Vorgängern im Gelehrtentum; im westlichen befinden sich 39,
bezw. 35 von ihnen. Diese 149 sind Gefolgschaftstafeln (T s u n g
Wei). Was nun endlich den „Tempel zur Verherrlichung der
Heiligkeit" betrifft, so enthält dieser die Tafeln der fünf un-
mittelbaren Vorahnen des Konfuzius, recht nebelhafte Persön-
lichkeiten, denen die Dynastie den Ehrentitel ^ Wang,
König, verheben hat. Jede Tafel hat ihren eigenen Schrein.
Links und rechts stehen davor in der Quere drei und zwei
S i ö n H i Ö n, nämlich der Bruder des Konfuzius, der Vater des
J6n Hui, der Sohn des Konfuzius, der Vater des Tsöng
Tse und der Vater des Möng Tsö. Schheßlich werden in
den zu diesem Tempel gehörenden Nebengebäuden zwei Sien
Hien und zwei Siön Zu auf der Ostseite und zwei Sien Zu
auf der Westseite bewahrt.
Ebenso wie die Kaiser der früheren Dynastien, empfangen
die Seelentafeln im Heihgtum von Konfuzius alljährlich im
Mittelmonat des Frühlings und des Herbstes ein großes Opfer,
das der Sohn des Himmels durch einen Prinzen höchsten
Ranges darbringen läßt. Jedes Opfer fällt auf den ersten Tag,
der das Zykluszeichen ~p trägt. Es kommt jedoch vor, daß
der Kaiser aus besonderem Anlaß selbst als Opferpriester auf-
tritt. Das Programm ist das uns bekannte. Nur ist zu bemerken,
daß beim Opfer vorwiegend die Hilfsleistung von der Ver-
waltung der Hochschule, die an den Tempel grenzt, besorgt
wird. Konfuzius bekommt die volle Anzahl von 25 Schüsseln
und Körben, nebst drei Opfertieren; seinen Vorahnen und den
vier Heihgen werden je 20 Stück, ein Schaf und ein Schwein
263
angeboten. Die fünf nebengeordneten Tafeln im Hintertempel
und die zwölf Intelligenten empfangen je 11 Schüsseln und Körbe
und keine Opfertiere, während in den W u immer zwei Tafeln
zusammen dieselbe Anzahl auf einem gemeinschaftlichen Tisch
bekommen. Die beiden Jahresopfer tragen den Namen ^ M
Si Tien, Aufstellung von Opfergaben, weil gewisse Stellen der
heihgen Schrift sie so nennen.
In dem konfuzianischen Heiligtum des Staates wohnen
also die Seele des großen Meisters und die aller Heiligen,
Weisen und ausgezeichneten Gelehrten seiner Schule, und es
ist deshalb der Hauptsitz des Geistes (Sön) der erhabenen
Lehre. Diese Lehre im ganzen Reich zu pflegen und zu ver-
breiten ist, wie wir wissen, die höcliste Aufgabe jedes Kaisers;
berufsgemäß ist er der Fortsetzer des Werkes von Konfuzius.
Es hat deshalb an sich nichts Befremdendes, wenn der Kaiser
bisweilen in Wirkhchkeit als Prediger der Lehre auftritt und
dann dazu sich eine Stelle auserwählt, die in der unmittelbaren
Nähe des Heiligtums liegt, so daß der dort wohnende Geist
der Lehre ihn während der Predigt beseelen kann.
Es liegt daselbst, nämlich auf der Westseite ein großes
Viereck, welches das g "J^^ Kuo'TseKi6n, Institut für die
Sühne der Dynastie, umschließt, die Studienanstalt der Prinzen,
welche auch den klassischen Namen ^jfc *^ T'ai Hio', Hoch-
schule, trägt. Den Mittelpunkt dieses Raumes bildet der kaiser-
liche Predigtsaal. Er liegt gerade westlich vom Konfuzius-
tempel, so daß der Kaiser beim Abhalten seines Vortrages
seinen heiligen Lehrmeister ehrerbietig auf der vornehmeren
Stelle neben sich hat. Der Saal hat eine eigentümliche Form.
Es steht nämlich im heiligen Buche ^ ^Ij Wang Tsi (11)
des Li K i dieser Satz geschrieben : ^^^5fP^ ^"J^H
^^ ^B ^ ^^ 0 1^§ *^y ^^® ^^^^^^ Schule liegt am Vorstadtgelände;
der Sohn des Himmels nennt die seinige Pi* Jung, und die Lehnsfürsten
264
nennen die ihrige P'an-Gebäude. Die Bedeutung dieser Benennungen
hat die Gelehrtenwelt nie befriedigend zu erklären vermocht.
Dennoch hat sie die Entscheidung getroffen, daß Pi' nichts
anderes ist als das gleichlautende -^^ also eine Jaspisscheibe
mit quadratischem Loch in der Mitte (s. S. 161), und daß P^an
dasselbe ist wie das gleichlautende \f^, ein trennendes Gewässer;
und auf diese schwachen Gründe hin hat man den Predigtsaal
auf einer quadratischen Insel erbaut, die genau in der Mitte
eines kreisrunden Teiches liegt. Der Durchmesser dieses Teiches
beträgt 19,2 Tsang. Er ist gänzlich mit Marmorquadern ge-
mauert und hat genau im Norden, Osten, Süden und Westen
eine Steinbrücke von vier Tsang Länge, die ebenso wie der
Teich beiderseits mit schweren Marmorgeländern versehen sind.
Insel und Brücken sind auch mit Marmorsteinen gepflastert,
gleichwie der umliegende Hof. Der Saal trägt ein doppeltes
Dach mit gelbglasierten Ziegeln und hat gegenüber jeder Brücke
einen Eingang; der südliche ist der vornehmste und über ihm
hängt eine Holztafel mit der Inschrift J^ |§ Pi' Jung, dem
Namen des Saales. Die Marmorterrasse mit Marmorbrüstungen,
auf der das Gebäude steht, hebt es in seiner stattlichen Schön-
heit nur wenig empor. Es ist auf jeder Seite 5^3 Tsang
lang. Die sechzehn Pfeiler, welche das Doppeldach tragen, ver-
teilen den inneren Raum in neun viereckige Fächer, welche
die neun Hauptgegenden der Erde versinnbildlichen. Das zen-
trale Fach, erheblich größer als die acht anderen, ist qua-
dratisch und stellt das Reich der Mitte dar, und in seinem
Mittelpunkt hält der Kaiser seine Rede, die den Geist der
heiligen Lehre in alle neun Teile des Erdreiches trägt.
Ein Ereignis, so wichtig wie ein Lehrvortrag des Kaisers,
darf selbstverständlich nur an einem glücklichen Tage statt-
finden. Dieser wird schon sehr frühzeitig berechnet, weil die
Häupter der Nachkommenschaft des Konfuzius und der weiteren
Heiligen der Lehre schriftlich zum Beiwohnen einzuladen sind.
265
Xatürlicli gilt ihnen die kaiserliche Einladung als Befehl. An
dem wichtigen Tage verläßt der kaiserliche große Zug den
Palast durch das Tung Hu a -Tor, die Hauptpforte der Ost-
front, und wird in der Straße „des Vollkommenen und der
Weisen" von dem Bearatenpersonal der Hochschule kniend
empfangen. Dann bringt der Kaiser im Heiligtum ein großes
Opfer dar, mit der vollen Anzahl von Prinzen, Reichsgroßen
und Nachkommen der Heiligen in seinem Gefolge. Ein Gebet
wird diesmal nicht verlesen.
Nachdem dann der Kaiser in der S^^ I Lun
T ang, Halle der menschlichen Beziehungen und Verhältnisse, einem
Gebäude nördlich vom Predigtsaal, sich eine kurze Weile Ruhe
gegönnt hat, und die Großen inzwischen mit genauester Be-
obachtung ihrer Rangordnung ihre Plätze südlich, östlich und
westlich vom Teich eingenommen haben, betritt der Kaiser den
Predigtsaal und besteigt die Kanzel, die genau im Mittelpunkt
steht und natürlich gegen Süden gekehrt ist. In dem vor der
südlichen Brücke liegenden Hof werden in zwei Kiosken eine
Glocke und eine große Trommel geschlagen, und sobald sich
der Kaiser niedersetzt, bringen ihm die Sänger unter Begleitung
des Orchesters eine Kantate dar. Nun überschreiten die Ma-
gnaten, Minister und Nachkommen unter Führung der Präsi-
denten des Bewirtungsamtes die Brücken und nehmen mit dem
größten Dekorum die ihren Rängen gebührenden Plätze im
Saale ein.
Zwei allerhöchste Staatsminister, nämlich der chinesische
und der mantschurische Präsident (^ ^ i) der Nei-ko'
oder kaiserlichen Kanzlei, zugleich die höchsten Kuratoren der
Hochschule, lassen sich an zwei Tischen auf der linken Seite
des Kaisers nieder, und die beiden ^ y@ oder Weinopferer,
Direktoren der Hochschule, setzen sich an Tische zu seiner
Rechten. Erst gibt ein Kurator dem Kaiser einen Text aus
einem Su an, dann der andere einen aus einem King, und
266
über jeden hält der Kaiser eine kurze Lesung, die die Zuhörer
auf den Knien ehrfurchtsvoll anhören. Sodann verlassen diese
den Saal und nehmen jenseits der Brücken ihre Plätze wieder
ein; da werfen sie sich auf die Knie, und der folgende kaiser-
liehe Befehl (^|J) wird vorgelesen: M AZM.tlfi ^ ^ ^,
m^Bm. B^7ctmommm^^mz- ^-
Tao des Heiligen ist der Sonne gleich, die den Höhepunkt am Himmel
erreicht; es soll gepredigt, erörtert, in den Busen aufgenommen und dann
für Regierungszwecke verwertet werden. Ihr Lehrer und Schüler, setzet
dafür eure Kräfte ein. Orchester und Gesang erschallen von neuem,
Stirnaufschläge werden vor dem Kaiser gemacht; Tee wird den
Großen und den Nachkommen der Heiligen geboten, die sich
dabei eine Weile niedersetzen zum Genuß der Musik und des
Gesanges.. Nachdem der Präsident des Ministeriums der Li
mit lauter Stimme gerufen hat, daß die Zeremonien vollbracht
sind (;|§^), wird dem Kaiser eine Abschiedskantate gesungen,
und er verläßt seinen Predigtsitz, um an der südlichen Brücke
seine Sänfte zu besteigen.
Nun führt ihn der große Zug über die Brücke durch eine
P ai Fang, eines der schönsten Bauw^erke dieser Art, welche
man in China zu sehen bekommt. Sie hat auf marmornem
Unterbau drei bogenförmige Durchgänge, deren Wölbungen aus
schön behauenen Marmorblöcken bestehen; die höheren Teile
sind auf beiden Fronten mit gelben und blauen glasierten Ka-
cheln bekleidet, die runde und viereckige Figuren bilden; die
drei eleganten glasierten Dächer der Durchgänge zeigen in der
Hauptsache dieselben Farben.^ Bald erreicht der Kaiser das
J^ ^ P^ T'ai Hio' Men, das Tor der Hochschule, an der
„Straße des Vollkommenen und der Weisen", wo die Beamten
und Schüler der Hochschule sich inzwischen in Spalier aufgestellt
haben, um auf den Knien ihm das Geleit zu geben.
^ Eine Abbildung befindet sich im „The Religious System of China"
Band II, gegenüber S. 787.
Wie oft der Kaiser als höchster Prediger der heihgen
Lehre den Lehrstuhl besteigt, läßt sich nicht sagen; wohl aber,
daß er dieses ^ § K i a n g S u, Predigen der Schrift, mindestens
einmal während seiner Regierung abhalten soll.
Die kaiserliche Pflicht, der Erhaltung und Verkündigung
der wahren Lehre seine persönliche Sorge zuzuwenden, kommt
auch in den beiden Nebengebäuden (Wu) des Predigtsaales
auf ganz besondere Weise zum Ausdruck. Jedes bildet eine
lange Veranda, die aus drei Abteilungen, sogenannten ^
T'ang, Hallen, besteht, wo in zwei Reihen geordnet eine große
Anzahl Marmortafeln steht, in die die Texte der heiligen
Bücher eingraviert sind. Jede trägt auf jeder Front sechs
Reihen von sieben viereckigen Fächern, und jedes Fach enthält
fünf Spalten von zehn Zeichen, so daß jede Tafel (6X7X5
X 10) 2 = 4200 Zeichen trägt. Hier ist also die Stelle, wo
der Sohn des Himmels, das Beispiel vergangener Kaiserhäuser
befolgend, die heiHgen Texte in ihrer urechten unveränder-
lichen Form auf ewig vor Verstümmlung und Verlust bewahrt,
unter dem Geist und Atem der Heiligen selbst, denen die
Menschheit sie in dieser Form verdankt.
Vorschriftsmäßig ist die Hochschulverwaltung verpflichtet,
an jedem Neumondstag einige Eßwaren ohne Fleischspeisen
auf den Opfertischen im Konfuzianischen Heiligtum niederzu-
setzen. Wenn das geschehen, treten die „Weinopferer" (s.
S. 265) in offiziellem Gewände und die sämthchen Schüler in
Festkleidung im Tempelhof auf, und alle machen da gemein-
sam vor dem Hauptgebäude drei Fußfälle und neun Stirnauf-
schläge. Sodann treten die Weinopferer vor den Schrein des
Konfuzius und bieten ihm unter der Führung von Zeremonien-
meistern feierlich dreimal Weihrauch und danach einen Becher
Wein an. Diesen Opferakt wiederholen sie vor den vier
anderen Heiligen, während weitere Beamte der Hochschule
vor den zwölf „Intelligenten" und wieder andere in den beiden
268
Nebentempeln dasselbe tun. Mit drei gemeinschaftlichen Knie-
fällen und neun Stirnaufschlägen wird nunmehr die Feierlich-
keit im Tempelhof beschlossen. Währenddessen verrichtete eine
Gruppe von Hochschulbeamten denselben Ritus im Hintertempel.
An Vollmondstagen wird an früher Morgenstunde auf
ähnliche Weise verfahren, jedoch ohne daß Opferspeisen aufge-
stellt werden und Wein dargeboten wird.
Wo die Staatsreligion dem Sohn des Himmels vorschreibt,
daß er den heiligen Kaisern der Vergangenheit auch an ihren
Gräbern opfern soll, falls seine Reisen ihn in ihre Nähe führen
(s. S. 256), da ist es selbstredend, daß sie ihm auch die Pflicht
auferlegt, im gleichen Falle den heiligsten Konfuzius bei seiner
ewigen Ruhestätte die gleiche Ehrung zu erweisen.
Bekanntlich befindet sich das Grab des Konfuzius in der
Provinz San-tung, im Kreise ^ _^ K'ü'-fou, wo auch sein
Stamm unter dem besonderen Schutz der verschiedenen Kaiser-
häuser alle Jahrhunderte hindurch ansässig gewesen ist. Dort
lebt in dem ältesten seiner direkten männlichen Nachkommen
seine Seele fort; dieser ist somit das Haupt des Stammes und
führt, wie die lange Reihe seiner Vorgänger;, den erblichen
Staatstitel ^)7 ^ ^ Jon Sing Kung, Prinz, der die Heiligkeit
überallhin verbreitet. Ein großes Heiligtum für Konfuzius und
die Koryphäen der Lehre liegt innerhalb der Kreishauptstadt.
Es ist in den Hauptzügen dem in Peking ähnlich. Eine wert-
volle, zwar wenig wissenschaftliche Beschreibung davon, mit
einer Anzahl guter Abbildungen bereichert, gab der Missionar
Tschepe heraus unter dem Titel: „Heiligtümer des Konfu-
zianismus in K'ü-fu und T schon Hi6n".
Unter Beobachtung des für Peking festgesetzten Rituals
bietet der Kaiser in diesem Heiligtum sein Opfer dar. Das
Haupt des K'^ung' sehen Stammes und seine Notabein, sowie
die hohen Kreis- und Bezirksbeamten befinden sich dabei in
269
seinem Gefolge. Sobald das Opfer vollbracht ist, begibt sich
der Kaiser in den |^ ;]g ^ Si Li T'ang, Saal der (heiligen
Bücher der) Lieder und der Lebensregeln, der auf der Ostseite des
Tempelhofes vor dem „Ahnentempel zur Verherrlichung der
Heihgkeit" (vgl. S. 261) steht, und hält da über irgendeinen
klassischen Gegenstand vor den knienden Stammesgenossen
einen Lehrvortrag. Darauf folgt die Verkündung dieses De-
krets (^):
^J ^^ Ä j||^ iä-k 'fi ^Po ^^^ "^^o <^®s Heiligsten (Konfuzius)
bewegt sich mit der Sonne und dem Monde in derselben Bahn; es hat den-
selben Kreislauf wie Himmel und Erde. Alle Kaiser und Könige von
zehntausend Geschlechtern haben es gelehrt und befolgt; von ihnen herab
erreicht es die Hauptminister und Minister, die Beamten und das Volk, und
so wird alles ohne Ausnahme von ihm geführt und geleitet (vgl. S. 80).
Der persönliche Nachlaßt des Heiligen ist euch seit fernen Zeiten als Erb-
schaft übertragen, euere Geschlechter haben ihn bewahrt, euere Familien
ihn einander überliefert, und so haben sie sich mühsam bestrebt, in Men-
schenliebe (Z6n) das Beispiel zu geben, in den Lebenspflichten (I) Be-
lehrung zu erteilen, in der Bahn des Tsung (s. S. 76) sich zu bewegen
und im Wege der Harmonie (s. S. 76) zu wandeln; — (die Älteren) haben
dabei ihr Gemüt auf Beobachtung der Treue und des Verzeihuugssinnes
gegründet, (die Jüngeren) ihr Benehmen durch Befolgung der Pflichten des
Kindes (Hiao) und des jüngeren Bruders ('N^ T i) geziert. Von diesem
Wege sollt ihr gewiß nicht abweichen, auf daß ihr die Lehren eueres Vor-
fahren ehrt und hochhaltet und dadurch, als Ausgleich, Meines Wohlwollens
^ Buchstäblich: seine „Feuchtigkeit", nämlich seiner Lippen und
Finger, die an den Tassen, woraus er getrunken, den Büchern, worin er
gelesen, klebt. Das Bild ist dem heiligen Buche 35^^ "^ ^^' Tsao (HI)
des Li K i entliehen.
270
würdig- seid. Ihr alle gehorchet diesem Befehl ehrerbietigst und vernach-
lässigt ihn nicht!
Nach der feierlichen Vorlesung dieses Dekrets wird der
Text dem Stammeshaupt ausgehändigt, und dieser bringt zu-
sammen mit allen Anwesenden dem Kaiser durch drei Fuß-
fälle und neun Stirnaufschläge Dank und Huldigung dar. Zum
Schluß stattet der Kaiser mit der ganzen zahlreichen Gefolg-
schaft dem Grabe seinen Besuch ab; zweimal gießt er dort
einen Becher Opferweins auf den Boden aus und verehrt mit
allen zusammen das Grab durch Stirnaufschläge. Dieser Kitus
heißt ^g^ «j (j /p|C; das Besuchen des K'ung sehen Waldes.
Sowohl im Heiligtum in Peking als in dem zu K'ü'-fou
werden Ereignisse, welche für die Dynastie von hoher Be-
deutung und Wichtigkeit sind, durch eigens dazu abgesandte
Große dem Konfuzius bekannt gegeben, und zwar nach dem
rituellen Programm, das wir von S. 185 f. kennen.
Gleich wie dem Kaiser fortwährend aus dem Konfuzius-
tempel seiner Residenz Beseelung und Beistand zufließen, die
ihm zum richtigen Regieren der Welt im Geiste des Tao des
Weltalls und der Menschheit unentbehrlich sind, ebenso ent-
lehnen seine Statthalter in den Provinzen, Bezirken und Kreisen
ähnliche Beseelung und Unterstützung aus den Konfuziustempeln,
die, wie schon gesagt, dort zu diesem Zwecke erbaut sind.
Beim Bau dieser Heiligtümer hat man sich anscheinend mehr
oder weniger nach denen von Peking und K*ü'-fou gerichtet,
und im großen und ganzen kennzeichnen sie sich mithin durch
auffallende Einförmigkeit. Der örtliche Gelehrtenstand sorgt für
die Errichtung und den Unterhalt und veranstaltet dafür, wenn
nötig, Geldsammlungen mit Einschreibelisten. Geräumige An-
lage, schöner Bau, hübsche Dekoration erhalten die Heiligen
und Weisen in günstiger Stimmung und sichern eine kräftige
Wirkung ihres Geistes und folglich die Geburt intelligenter
271
Knaben^ welche sich bei den Staatsprüfungen auszeichnen und
dann in den Staatsdienst aufgenommen werden. Dadurch er-
höht sich der Ruf der Gegend immer mehr; ihre Bedeutung
und Blüte ist also mit dem konfuzianischen Heiligtum innigst
verwoben, und so erklärt es sich, weshalb es in den meisten
Städten sich vor allen anderen Heiligtümern durch Schönheit
und Größe auszeichnet.
In allen, ohne Ausnahme, muß, auf Grund der Reichs-
statuten, an denselben zwei Jahrestagen wie in Peking durch
die hohe Behörde ein großes Opfer nach dem reichshaupt-
städtischen Programm dargebracht werden. Auch hierbei spielen
Musik, Gesänge und Tänze eine große Rolle; das Beisein und
die Mitwirkung der Gelehrten der Gegend erhöhen den Glanz
der Feierlichkeit, und mithin gestalten sich diese Staatsopfer
durchweg zu den großartigsten, die es außerhalb des Bereiches
der Reichshauptstadt anzusehen gibt. Insbesondere ist das na-
türlich in den Hauptstädten der Provinzen der Fall. Auch wird
in allen nach dem für Peking geltenden Programm an Neu-
mondtagen das fleischlose und an Vollmondtagen das Weihrauch-
opfer dargebracht (vgl. S. 267f.), und zwar durch die Beamten,
welche die Administration der lokalen Prüfungen haben, näm-
lich die ^^ Kiao Sou, Unterrichtserteiler; die 1^ ]£ Hio'
T sing, Studiendirektoren; die ^ g^ Kiao Jü, Unterweiser, und
die g/|[ ^^ Hiün Tao, Lehrführer.
Nicht bloß den Koryphäen der Weisheit und Gelehrsam-
keit aller Jahrhunderte verbürgt der Staat in den konfuzianischen
Heihgtümern Schutz, Ruhe und Opfer für ewige Zeit, sondern
auch der Seelentafel eines jeden Menschenkindes, das im Tao
gewandelt ist und sich daher durch Tugend in konfuzianischem
Sinne besonders ausgezeichnet hat. Somit sind jedem Heilig-
tum einer Provinz, eines Bezirkes oder Kreises zwei ^ S6,
272
Opferkapellen; hinzugefügt; für die folgenden Klassen von Tugend-
haften :
1. 1^ ^^ ^^ Bß; Pflichtg-etreue und diejenigen, welche der Unter-
würfio-keit und den übrigen Pflichten des Kindes (Hiao) und des jüngeren
Bruders (T i) gelebt haben.
2. gjj ^^p; keusche Frauen, welche ihren Witwenstand makellos
bewahrten, oder sich sogar zum Schutz desselben entleibten, nebst denen,
welche sich durch Unterwürfigkeit und Pflichterfüllung gegen ihre Schwieger-
eltern auszeichneten.
3. 1^^ ES , Staatsdiener von hohem Ruf der betreifenden Gegend.
4. IpB S"; örtliche Weise und Vortreffliche.
Für Näheres hierüber verweise ich auf mein „The Religious
System of China", Book I, S. 750, 789 ff. Nach der Feier des
Frühlings- und Herbstopfers bietet einer der „Unterweiser"
(S. 271) in der üblichen; feierlichen Weise in jeder Kapelle ein
Schwein, vier Schüsseln und Körbe mit Opfergaben, ein Stück
Seide und drei Becher Weins an, begrüßt dabei die Tafeln mit
Weihrauch und läßt einen anderen Beamten ein Gebet vorlesen.
10. Die Himmlischen und die Irdischen Götter.
Unmittelbar hinter Konfuzius stehen in der Reihe der
Staatsgötter die Wolken, der Regen; der Wind und der Donner,
also die segensreichen HimmelskräftC; welche; wie wir schon
auf S. 149 ff. gesehen haben, zugleich mit dem Himmel selbst,
als dessen „Gefolgschaftsgötter"; am Tage des Wintersolstitiums
Opfer empfangen. Offiziell heißen sie 5^ jjjflj T'^ien Sen,
Himmlische Götter. Nach ihnen kommen in der Rangordnung der
Staatsgötter die :^ jfiR; TiK'^i; die Irdischen Götter; nämlich die
drei Kategorien von Bergen; die vier Weltmeere und die vier
großen FlüssC; welche wir bereits auf S. 192 — 195 als Gefolg-
schaftsgötter der Erde kennen lernten, denen ein Anteil am
großen Opfer des Sommersolstitiums gewährt wird.
273
Jede dieser zwei Gruppen hat ihren eigenen Altar un-
mittelbar südlich von der viereckigen Umwallung, in der der
Altar des Siön Nung liegt (vgl. S. 237), nämlich vor ihrem
südlichen Tor, innerhalb einer viel kleineren rechteckigen Um-
wallung. Da befindet sich der Altar der Himmlischen Götter
auf der vornehmeren oder östlichen Seite, der andere auf der
westKchen; beide liegen in einer genau ost- westlich laufenden
Linie.
Der Altar der Himmhschen Götter ist eine quadratische
Terrasse ohne Brüstungen, deren vier Seiten gegen die Himmels-
gegenden gekehrt sind. Er ist 4,55 Ts'i' hoch und 5 Tsang
lang und breit; in der Mitte jeder Seite ist eine neunstufige
Treppe angebaut. Wie am großen Himmelsaltar ist die Süd-
seite die vornehmste, und deshalb hat der quadratische, auf
jeder Seite 24 Tsang lange Wall (Wei) des Altares in der
Mitte seiner südlichen Front drei Sturztore und in der Mitte
der drei anderen Fronten nur eins. Beim Opfern sind also die
Tafeln der vier Götter gegen Süden gekehrt. Sie stehen dann
aber nicht auf der Terrasse, sondern auf der Nordseite daneben,
und zwar in vier gleichartigen Marmorschreinen, die in gleicher
Entfernung voneinander eine genau ost -westliche Reihe bilden.
Jeder Schrein hat das Äußere eines Bienenkorbes mit vier-
eckiger offener Vorderseite, durch welche die Tafel wie in
eine Nische hineingeschoben wird; er steht auf einem großen
kubischen Marmorquader, in den, ebenso wie in den Schrein,
auf allen Seiten Wolkenfiguren eingemeißelt sind. Jeder Schrein
ist mit seinem Quader 9^25 Ts'^i' hoch.
Der Altar der Irdischen Götter ist eine rechteckige Ter-
rasse, die von Ost nach West 10 und von Süd nach Nord
6 Tsang mißt, und deren Höhe 4 Ts^i' beträgt. Seine vier
Treppen sind sechsstufig. Gleichwie der große Altar der Erde
im Norden der Stadt, hat auch er seine Hauptseite gegen
Norden, und deshalb befinden sich die drei Sturztore in der
De Groot, üniversismus. 18
274
nördlichen Front des „Walles". Dieser ist, gleichwie der des
anderen AltareS; 24 T sang lang und breit. Beim Opfern sollen
hier die Tafeln also gegen Norden gekehrt sein^ und deshalb
stehen auf der Südseite neben dem Altar fünf schwere Marmor-
quaderU; welche marmorne Nischen für die drei Gruppen von
Bergen und für die zwei Gruppen, der Gewässer tragen. Da
die Zahl der Götter in diesen Gruppen entweder fünf oder
vier beträgt^ so sind fünf oder vier Nischen unmittelbar neben-
einander in je einen einzigen Marmorblock eingehauen^ der
oben wie ein vorn und hinten herabhängendes Dach geformt
ist. Jede dieser fünf Nischengruppen ähnelt also einer Mi-
niaturkapelle mit fünf oder vier Abteilungen. Jede ist mit dem
Quader 8,2 Ts'i' hoch. Die Quader und Nischen für die
Tafeln der Berge sind mit bergähnlichen Figuren bemeißelt,
die anderen mit Wasserwellen.
Aber noch anderen Irdischen Göttern gewährt der Staat
Opfer und Verehrung auf diesem Altar, nämlich den '^ ^
:^ I 1 1 und ^^ ^^ yS^ j\\, den namhaften Bergen und Hauptströmen
des vom Kaiser selbst verwalteten Gebietes der Reichshauptstadt, d. h.
des Bezirkes j|[^ ^ Sun-t'^ien, dessen Gouverneur (^) un-
mittelbar unter dem Kaiser waltet; und weiter, den ^ ~^
"^t UJ ^^d ^^ pfc j^ Jlj; den namhaften Bergen und Hauptströmen
der ganzen Welt. Für die vier Seelentafeln dieser Naturgott-
heiten stehen beim Altar einzelne Marmornischen und Quadern,
7,6 Tä*^i' hoch und ebenfalls mit Bergen oder Wasserfiguren
bemeißelt, zwei auf der östlichen und zwei auf der westlichen
Seite. Endlich sei noch erwähnt, daß, gleichwie auf dem Altar
der Erde (s. S. 190), die Quadern, welche Nischen für die
Meere und Flüsse tragen, in einer Aushöhlung im Boden stehen,
in die vor dem Opfer etwas Wasser gegossen wird.
Der Weihrauch, die Seide und das Gebet, welche dem
Himmel geopfert wurden, werden, wie wir wissen (S. 179), ver-
brannt, aber die, welche man der Erde darbot, begraben (S. 195).
275
Ebenso soll mit diesen Opfergaben verfahren werden, je nach-
dem, ob sie den Himmlischen oder den Irdischen Göttern dar-
geboten werden. Deshalb befindet sich südöstlich vom „Walle"
des Altares der Himmlischen Götter, also an der Stelle, welche
ganz besonders dem Jang entspricht, ein Verbrennungsofen,
und nordwestlich des Walles des anderen Altares, wo das J i n
überherrscht, eine Grube.
Zutritt zu diesem Zwillingsaltar gewähren nur drei neben-
einander liegende überdachte Tore in der Mitte der südlichen
Front seiner Umfassungsmauer.
Die Stellung der vier Himmlischen Götter in der Staats-
religion beruht gewiß nur darauf, daß sie es sind, die durch
die Erzeugung und Spendung des für den Landbau unentbehr-
lichen Himmelswassers der Menschheit Leben und Dasein
überhaupt erst ermöglichen. Auch der Einfluß der Berge, Flüsse
und Meere auf den Regenfall wird in China völlig richtig er-
kannt, denn daß sich an den Bergen die Nebel und Wolken
verdichten, die aus den Meeren emporsteigen, und diese ihre
Wasserzufuhr wiederum den Flüssen verdanken, konnte na-
türlich der Aufmerksamkeit nicht entgehen. In der Tat sind
die zwei Staatsaltäre dieser Gottheiten wesentlich Opferstätten
zur Beschwörung des Regens, und es ist mithin vollauf be-
gründet, daß sie im Opfergelände des S i 6 n N u n g stehen, des
hohen Schutzgottes des Ackerbaues. Bereits auf S. 182 haben
wir bemerkt, daß, falls nach dem alljährlich dem Himmel dar-
gebotenen Regenopfer der Regen ausbleibt, sowohl zu den
HimmHschen wie zu den Irdischen Göttern auf ihren Altären
mit einem Opfer um Himmelswasser gebeten wird. Ahnliche
große Opfer werden daselbst dargebracht, wenn zuviel Regen
die Ernte gefährdet und man trockenes Wetter braucht; das
nennt man jjjff J^, beten um klares Wetter. Auch wenn im Winter
Schneefall ausbleibt, werden dort solche Opfer dargeboten, was
offiziell irrff §, um Schnee beten, heißt.
18» •
276
Diese verscliiedenen Opfer werden stets auf den beiden
Altären an ein und demselben glücklichen Tage gefeiert^ und
zwar am frühen Morgen, durch eigens vom Kaiser damit be-
auftragte Prinzen. Nur zwei Schüsseln und sechs Körbe mit
Opfergaben werden dann auf jeden Opfertisch niedergesetzt.
Auf dem Altar der Himmlischen Götter stehen fünf solche
Tische, nämlich einer vor jeder Nische; auf dem anderen Altar
stehen sieben, und zwar einer vor jeder Gruppennische, einer
vor den zwei Nischen auf der Ostseite und einer vor den zwei
Nischen auf der Westseite. Soll das Opfer dazu dienen, um
Regen zu bekommen, dann tragen der Opferer und seine Ge-
folgschaft Regenmützen und schmucklose Gewänder (s. S. 183).
Das uns bekannte, für alle großen Opfer geltende Programm
in sechs Akten wird befolgt, und zwar mit Musik, Gesang und
Tänzen. Nach Verlauf des Opfers werden die Seelentafeln in das
„Aufbewahrungshaus der Götter" zurückgebracht.
Nur wenn Regen außerordentlich not tut, beschließt der
Kaiser, selbst das Opfer den Himmlischen Göttern darzubringen,
während er das auf dem anderen Altar einem Prinzen überläßt.
Ist der ersehnte Regen gekommen, dann darf ein ^^ jjlß,
Dankgabenopfer, auf den beiden Altären nicht unterlassen werden.
Es wird ebenso wie das Betopfer um Regen dargebracht, allein
jeder Opfertisch trägt nun die volle Zahl von 25 Schüsseln und
Körben, und dahinter prangen ein Rind, ein Schaf und ein
Schwein; überdies tragen der Opferer und sein Gefolge dies-
mal Hofgewänder. Natürlich können auch die dankbaren Ge-
fühle des Kaisers so hoch gestimmt sein, daß er selbst den
Himmlischen Göttern das Dankgabenopfer darbringt.
Wie es in jeder Provinz, jedem Bezirk und jedem Kreis
dem Statthalter des Kaisers zur Pflicht gemacht ist, dem S i ö n
Nung, dem großen Schutzgott des Ackerbaues, beim Anfang
jedes Erntejahres zu opfern (s. S. 248), so ergibt sich von selbst.
277
daß er auch die .regenspendenden Himmlischen und Irdischen
Götter, ohne deren Hilfe die Ernte nicht reifen kann, auf die-
selbe Weise günstig zu stimmen hat.
Auf einem bei jeder ummauerten Stadt zu diesem Zwecke
erbauten fl$ Jf|R; J§ Sön K'i T'an, Altar der (T'iön) Hön und
der (Ti) K'i, werden daher im Mittelmonat des Frühlings und
des Herbstes an einem glückhchen Tage vier Seelentafeln der
Himmdsgötter aufgestellt, mit der der Berge und Flüsse des
Verwaltungsgebietes auf der linken, und der des Schutzpatrons
der Stadt, des ^ PS )jj$ Ts'ing Haang Sön, des Gottes
der Wälle und Gräben, auf der rechten Seite. Vor den Tafeln
steht ein Tisch mit Speisen, davor ein ganzes Schaf und ein
ganzes Schwein; diese Opfergaben werden von der Behörde
in derselben Weise wie den Göttern des Bodens und der Hirse
feierlich dargeboten (vgl. S. 227). Wenn der erste Monat des
Sommers vorbei ist, findet dort ein ähnliches Opfer zur Er-
langung von Kegen statt, und sollte dieses erfolglos bleiben, so
wird es wiederholt, wobei der Opferer und seine Gefolgschaft
von Beamten und Notabein schmucklose Gewänder tragen.
Nach dem Regenfall feiert man das Opfer noch einmal, aber
in Hofgewändern, zur Dankbezeugung. Nötigenfalls wird auch
mittels der gleichen Opfer um trockenes Wetter und um Schnee-
fall gebeten.
Auch werden den heiligen Bergen und Flüssen des
Reiches an Ort und Stelle Staatsopfer dargebracht. Statu-
tarisch ist nämlich vorgeschrieben, daß der Kaiser, falls er
auf der Reise in die Nähe eines Jo' gelangt, demselben ein
Opfer mit dem vollen Ritual darbringen muß; und kommt er
in die Nähe eines Tsen, dann soll er einen Prinzen mit der
Erfüllung dieser Pflicht beauftragen. Jeder Jo' und Tsön be-
sitzt einen Tempel, wo diese religiöse Aufgabe ihre Erledigung
findet. Muß der Kaiser irgendwo einen der vier Hauptströme
278
(Tu') überschreiten^ dann hat die da waltende Kreisbehörde
am Ufer eine papierne Seelentafel des Flußgottes mit einigen
Speisen und Wein auf einen Opfertisch fertig zu stellen, damit
der Kaiser, ehe er das Schiff besteigt, mit Weihrauch und drei
Stirnaufschlägen dem Flusse diese Opfergaben anbieten kann.
Von Ereignissen, welche für das Kaiserhaus sehr erfreu-
lich und glückverheißend sind, soll, kraft der Statuten der
Staatsreligion, den fünf Jo' und den fünfTsÖn Mitteilung ge-
macht werden. Zu diesem Zwecke werden hohe Staatsdiener
nach den dort befindlichen Tempeln entsandt, wo sie durch
Darbietung eines großen Opfers in der uns bekannten Weise
(s. S. 185) ihre Aufgabe erfüllen. Auch reisen dann zum selben
Zwecke Reichsdiener nach den vier Meeren, das heißt, nach
dem Tempel des östlichen Ozeans in ^ Ji', in San-tung,
Bezirk ^ j^ Lai-tsou: nach dem des westlichen Meeres zu
^ ^ J u n g - 1 s i , der am H u a n g - h o liegenden Hauptstadt
des Bezirkes ^ ^|^ P'u-tsou in Öan-si; nach dem Tempel
der Südsee zu ^^ P'^an-jü, Stadt Canton; und nach dem
des Nordraeeres bei [Jj J^ ^ San-hai-kuan, am Golf
von Liao-tung. So wird den unerreichbaren Weltmeeren des
Westens und des Nordens „in der Ferne geopfert", was ^ ^
heißt. Die Beamten, welche den Hauptflüssen die gute Bot-
schaft zu bringen haben, erfüllen ihren Auftrag im Tempel des
Huang-ho in Jung-tsi (s. oben); in dem des Jang-tsß
in J|]^ ^ Ts'ing-tu, der Hauptstadt der Provinz Sö-ts'uan;
in dem des Huai in j^ T'ang, das in Ho-nan im Quell-
gebiet dieses Flusses liegt; und im Tempel des Tsi bei dessen
Quellen in ^7]^ Tsi-juan, in Ho-nan. Auch werden Große
nach Kirin geschickt, um mit den gleichen Opfern die erfreu-
liche Botschaft dem größten Fluß und dem größten Gebirge
des Stammlandes der Dynastie zu überbringen, das heißt, dem
'^ i^ fjL S u n g a r i und dem ;^ Q |X| T s ' a n g - p e' S a n,
dem Langen Weißen Gebirge.
279
In allen diesen offiziellen Opferstätten der Berge, Meere
und Flüsse müssen die betreffenden Kreisbehörden alljährlich
im Mittelmonat des Frühlings und des Herbstes, und in ge-
wissen Fällen auch noch zu anderen Zeitpunkten, ein großes
Opfer veranstalten, nach demselben Programm, das vom Kaiser
abgeordnete Große zu befolgen haben. Dieselbe statutarische
Vorschrift ist auch festgesetzt für eine große Anzahl Ortschaften,
wo nicht weniger als 86 Götter von Bergen, Seen und Flüssen
von China, der Mantschurei, der Mongolei, Tibet und Tur-
kestan verehrt werden, welche von den Kaisern längere oder
kürzere Ehrentitel empfangen haben. Ihnen sind dadurch Plätze
in dem Pantheon der Staatsreligion gewährt worden, oder, wie
es amtHch heißt, sie sind in die |[f ß ^ So Tiön, Opferstatuten,
aufgenommen, und zwar kraft des uralten klassischen Lehr-
satzes, daß der Kaiser aller Götter Herr und Meister ist (vgl.
S. 79).
Aus dieser Übersicht geht also klar hervor, daß dem chi-
nesischen Kult von Bergen und Gewässern eine großartige Ent-
wicklung nicht abgesprochen werden kann. Er ist ein uralter
Kult, wohl so alt wie die universistische Rehgion selbst, der er
angehört, ja vielleicht sogar noch älter. In den heiligen Büchern
wird er recht häufig erwähnt, und natürlich verdankt er es
r
hauptsächlich diesem Umstand, daß er sich als einer der Pfeiler
im Gebäude der Staatsreligion bis auf diesen Tag erhalten hat.
Im heiligen Buche Wang Tsi (III) steht geschrieben (vgl.
S. 195):
Der Sohn des Himmels opfert den namhaften Bergen und großen Strömen
der ganzen Welt; die fünf Jo' betrachtet er als seine drei Hauptminister
(Kung), die vier Tu* als seine höchsten Lehnsfürsten. Diese Lehnsfürsten
opfern denjenigen der namhaften Berge und großen Ströme, welche in
ihren Gebieten liegen. Folglich sind, vom Gesichtspunkt des Kaisers
280
betrachtet, die Hauptberge und großen Flüsse die Mächte,
welche, gleichwie seine höchsten Reichsgroßen und Vasallen,
ihm den Besitz von Reich und Krone sichern; und aus dieser
Auffassung erklärt sich die Notwendigkeit, sie durch Staats-
opfer günstig zu stimmen. Daß die Verwaltungsbehörden, weil
sie die Stellen der Lehnsfürsten der alten Zeit einnehmen, in
der Tat noch immer den Bergen und Flüssen ihrer Gebiete
amtlich Opfer darbringen müssen, haben wir auf S. 277 gesehen.
Infolge eines Jahrtausende alten Kultus sind auf den
heiligen Bergen Chinas, insbesondere auf den Jo', Tempel,
Gebäude und Monumente verschiedener Art entstanden, die
unaufhörlich von zahlreichen Wallfahrern besucht werden. Nur
der erste und heiligste, der T*ai San, ist eingehend studiert
und in einer Weise beschrieben, welche strengen wissenschaft-
lichen Erfordernissen gerecht wird, nämlich durch Prof. Cha-
vannes; sein „Le T ai Chan, Essai de Monographie d'un
Culte Chinois", bildet ein sinologisches Werk ersten Ranges.
Daneben ist auch das mit schönen Abbildungen ausgestattete
Buch des Missionars Tschepe, „Der T*^ai-Schan und seine
Kultstätten", sehr empfehlenswert.
11. Das Größte Jahr.
Ein merkwürdiger Staatsgott, der in dem Pantheon un-
mittelbar nach den Bergen, Meeren und Flüssen seinen Platz
hat, ist der Planet Jupiter. Schon lange vor der christlichen
Jahrzählung wurde dieses Himmelslicht wegen seines Kreis-
laufes, der sich in etwa zwölf Jahren von zwölf synodischen
Mondumläufen vollzieht, als vornehmer Zeitgott betrachtet und
^^^ T'ai Sui Sing, Stern des größten Jahres, genannt. In
Wirklichkeit dauert sein Kreislauf etwa 4332 Tage^ während
zwölfmal zwölf synodische Monate nur 4252 Tage ergeben.
Dieser geringe Unterschied hat jedoch die Stellung des Pia-
281
neten als des höchsten Zeitgottes nie erschüttert, denn nicht
den Zwecken der Zeitrechnung, sondern denen der Chrono-
mantik^ der Wissenschaft der Bestimmung glücklicher und un-
glücklicher Zeitteile, wurde sein Umlauf dienstbar gemacht. Bis
in unsere Tage hat der Planet diese universistisch-religiüse
Stellung im kaiserUchen Staatskalender behalten. Sie beruht
auf dem Glauben, daß der Stern sich während jedes Umlaufes
in zwölf verschiedenen Weisen, sogenannten ^ fllp Ni6n 8ßn,
jährlichen göttlichen Wirkungen, äußert, und daß diese Wirkungen
der Reihe nach das Jahr von zwölf synodischen Monaten
beherrschen. Jede dieser Wirkungen ist mit besonderen wohl-
tätigen Eigenschaften oder Tugenden (Te') des Himmels aus-
gerüstet, welche sie der Menschheit zugute kommen läßt. Somit
ist das Größte Jahr der Ordner der Segnungen, welche das
Tao des Himmels der Menschheit durch die Jahreskreise zu-
kommen läßt; anders gesagt, es ist die Macht, welche jedem
Jahrkreise die himmlischen Einflüsse zuerteilt, die dessen Lauf
oder Tao nun wiederum auf die Monate überträgt, von denen
sie schließlich auf die Tage übergehen. Auf diese Weise werden
durch das Tao des Weltalls Zeiten geschaffen, welche mehr
oder weniger glücklich oder sogar unglücklich sind ; diese durch
Kombinationen zu entdecken oder durch Weisheit zu erkennen,
war allezeit die Aufgabe der chronomantischen Wissenschaft,
auf die wir im elften Kapitel zu sprechen kommen.
Die wohltätigen Einflüsse des Himmels, deren Verteilung
über die Zeiten der hohe Zeitgott regelt, hat der Kaiser in
allererster Linie für die Erde zu sichern, behufs des Gedeihens
und Reitens der Feldfrüchte. Daraus erklärt sich, weshalb der
Staatstempel dieses Gottes im Opfergelände des SiÖn Nung,
des hohen Schutzgottes des Ackerbaues, errichtet ist. Dort
steht er sogar im zentralen Teil, also gerade nördlich vom
Zwillingsaltar der Himmlischen und Irdischen Götter. Seine
Front ist gegen Süden gekehrt; er hat nur ein einziges Dach,
282
und ein „Erhöhungsfundament" ohne Brüstungen, mit drei
sechsstufigen Treppen auf der Südseite. Gerade südlich steht
eine „Verneigungshalle", die wohl demselben Zweck dient wie
das gleichnamige Gebäude beim Altar der Götter des Bodens
und der Hirse (vgl. S. 225). Der Hof, der zwischen dieser
Halle und dem Tempel sich erstreckt, hat auf jeder Seite in
der Quere einen Neben tempel (Wu) mit den Seelentafeln von
sechs sogenannten ^ ij^ Jue"* Tsiang, Anführern der Monate.
Im östlichen stehen nördlich die drei Tafeln der drei ersten
Monate des Jahres und südHch die des siebenten, achten und
neunten; der andere Nebentempel enthält in entsprechender
Anordnung die der übrigen Monate, so daß auch die vier Jahres-
zeiten in ihrer zeitgemäßen Reihenfolge, und somit auch das
ganze Jahr, in den zwei Nebentempeln ihre Plätze haben. Die
vier Gebäude und die viereckige Mauer, welche sie umfaßt,
tragen grüne Dachziegeln.
Wenn auf den Altären der Himmlischen und der Irdischen
Götter um Regen, klares Wetter oder Schnee geopfert wird, oder
für gespendeten Regen Dankgabenopfer dargebracht werden
(S. 275 ff.), dann findet am gleichen Tage mit demselben großen
Ritual und denselben Opfergaben eine solche Feierlichkeit auch
im Tempel des Größten Jahres statt. Den Tafeln der Monate
wird aber keine Beteiligung daran gewährt. Auch wird dem
Zeitgott durch einen Prinzen solch ein großes Opfer dargebracht
in den ersten zehn Tagen des ersten Monates und am vorletzten
Tage des Jahres. Bei dieser Gelegenheit empfängt auch jede
der vier Gruppen von Monaten in den Nebentempeln dieselbe
volle Zahl von 25 Schüsseln und Körben nebst einem Rind, Schaf
und Schwein, welche „Beamte für die Nebenopfer" (s. S. 174)
des Opferamtes darbieten.
Zehntes Kapitel.
Der Gfötterkiilt des Konfuzianismus (V).
Im heiligen Su steht im „Buch von Sun" geschrieben,
daß dieser heilige Kaiser der Urzeit ^ "J^ |X| l|| ^ "f
^ )|JtP; in der Entfernung den Bergen und Strömen, und nach allen
Seiten hin der großen Menge der Götter opferte. Dieses Beispiel war
demzufolge allezeit den Kaisern Gesetz, und so ist zu den
Statuten der Staatsreligion noch ein dritter Abschnitt hinzuge-
kommen, welche die ^| jj||l kiün Se, die große Menge der Opfer,
umfaßt. Diese werden auch gewissen Gottheiten dargebracht,
welche die heiligen Bücher gar nicht erwähnen; jedoch wissen
wir, daß jeder Kaiser, als Herr der Götter, das Recht besitzt,
Göttern in dem Pantheon des Staates einen Platz zu gewähren
(vgl. S. 79).
12. Die Götter der Heilkunde.
Voran in der dritten und letzten Kategorie der Staats-
götter stehen die ^ ^ S i 8 n I, Vorgänger in der Heilkunde. Ihr
Staatstempel in Peking trägt den ausdruck-svollen Namen ^
W'^ ^? Tempel der glorreichen Wohltätigkeit, und er steht im J^
ff 1^ T'ai I Juan, dem Hohen Medizinalamt, außerhalb des
Palastes, unmittelbar östlich von seinem südhchsten Tor, das
>^ fra P^ Ta Ts'ing Men heißt. Der Hauptschrein in diesem
Tempel, dem gegen Süden gekehrten Haupteingang gegenüber,
284
enthält die Tafeln der drei Kaiser allerältester Zeiten, T'ai
Hao, Sön Nung und Huang Ti (s. S.235). Es ist gewiß
begreiflich; daß der Kaiser, der die Menschheit den Landbau
lehrte, ihr auch die Kunst der Erzeugung heilkräftiger Kräuter
gebracht hat; außerdem soll von ihm das älteste Buch über
Medizin, das ^ ^^ Fen Ts'ao King, Buch der Pflanzen,
herstammen, das, wie sich urkundlich nachweisen läßt, im
6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bestand. Auch Huang
T i hinterließ angeblich ein grundlegendes Werk der Pathologie
und der Heilkunde, das Su Wön (s. S. 119), welches in Schriften
des 3. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt wird. Dabei war er als
Kaiser der Mitte des Weltalls der Erzvater des T a o der
Menschheit, und Krankengenesung ist, wie wir wissen (S. 121 ff.),
in China eine durchaus taoistische Kunst. Was endlich T'ai
Hao anbetrifft, so mag dieser wohl seine Stelle unter den
höchsten Göttern der Heilkunde der Erwägung verdanken, daß
der Frühling, den er Versinnbildlicht (s. S. 235), der Menschheit
Genesung von den Qualen des Winters bringt.
Vor dem Tabernakel dieser drei Hauptgötter stehen zwei
gegen Osten und zwei gegen Westen gekehrte Schreine für
vier „nebengeordnete Götter". Die zwei vornehmsten von ihnen
sind ^ -^ Ku-mang und jg{J ^^ Tsu*-jung, uralte Götter
des Frühlings und des Sommers, die also die Erlösung von
den Qualen des Winters bringen und heilkräftige Kräuter
wachsen lassen. Im heihgen Buche JuS* Ling, Weisungen für
die Monate, steht nämlich von jedem Monat des Frühlings ver-
zeichnet: Ä '^ ^ Ö^^ Ä )jjj 'Pfj ^, sein Kaiser ist T'ai Hao'
und sein Gott ist Ku-mang; und von jedem der drei Sommer-
monate: Ä ^ j^ '^^ Ä m^t g4, sein Kaiser ist J 6n Ti
(= §en Nung), sein Gott Tsu'-jung. Die beiden anderen neben-
geordneten Götter sind ^ J^ Fung-hou und jj ^ Li'-mu',
zwei Minister des Huang Ti, im Si Ki erwähnt. Was nun
noch die zwei Nebentempel betrifft, so enthalten diese, jeder
285
in drei Schreinen^ 15 bezw. 14 Tafeln sowohl von ganz fabel-
haften als von halbhistorischen und historischen Koryphäen
der Heilkunde.
Im Mittelmonat des Herbstes und des Winters wird am
ersten Tage, der das Zykluszeichen ^ trägt, von einem der
Präsidenten des Ministeriums der Li als kaiserlichem Stellver-
treter in diesem Heiligtum ein großes Opfer verrichtet, von
Musik und Hymnen begleitet. Dabei amtieren die Beamten
des MedizinalamteS; die dazu auf die übliche Weise sich durch
Fasten gereinigt haben. Jeder der drei Kaiser bekommt die
25 Schüsseln und Körbe, nebst drei Opfertieren; die zwei
nebengeordneten Götter empfangen zusammen 25 Schüsseln
und Körbe, ein Schaf und ein Schwein, während in den
Nebentempeln vor jedem Tabernakel nur 12 Schüsseln und
Körbe und keine Opfertiere dargeboten werden. Das vorge-
lesene Gebet gibt der frommen Hoffnung Ausdruck, daß es
den heiligen Göttern behagen möge, das Reich vor Seuchen
und Krankheiten zu bewahren.
13. Kuan Ti, der Kriegsgott.
Die Periode der ^ffl san Kuo', der drei Fürsten-
häuser^ im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. brachte den großen
Kriegsheld |§^ Kuan Jü hervor, der in dem Pantheon der
Staatsreligion die Stelle des Kriegsgottes und Schutzpatrones
der Heeresmacht innehat. Der erste in Peking residierende
Kaiser der Mantschu-Dynastie schenkte ihm den hohen Ehren-
namen ;fe ^ iji J St 3^ *^' großer Kaiser der Treue und der gött-
lichen Streitbarkeit ; und wegen der großartigen Dienste, welche
er darauf den Heeren des Reiches bei der Bezwingung vieler
und langwieriger Rebellionen und bei der Eroberung von
enormen Außengebieten erwies, ist sein Ehrenname noch ver-
größert worden durch Hinzufügung von ^^; helfende göttliche
286
Kraft und 'f^ S ^T ^pj menschenliebende Tapferkeit und majestätische
Glorie. Sein meist gebräuchlicher Name ist ^ ^ Kuan Ti^
Kaiser Kuan. Übrigens verweise ich auf meine Biographie über
diesen Gott in „Les Fetes annuellement celebrees k Emoui".
Sein großer Staatstempel steht in einem ummauerten Kaum
im Stadtviertel hinter der nördlichen Palastmauer. Er enthält
gar keine nebengeordneten oder Gefolgschaftsgötter. Vorn auf
dem Tempelhof erhebt sich das Haupttor; hinter dem Tempel
steht in einem zweiten Raum ein ^ ^, Hintertempel^ mit den
drei Schreinen und Seelentafeln des Urgroßvaters, Großvaters
und Vaters des Kuan Ti, denen der zweithöchste Titel ^
Wang, kaiserlicher Prinz, verliehen ist.
Ein großes Opfer aus 25 Schüsseln und Körben und drei
Opfertieren, mit Musik, Kantaten und Gebetsvorlesung, wird hier
von einem Magnaten als Stellvertreter des Kaisers an einem
glücklichen Tage des Mittelmonates des Frühlings und des
Herbstes dem Kriegsgott dargebracht. Gleichzeitig verrichtet
ein Präsident des Opferamtes vor jeder Tafel im Hintertempel
das gleiche Opfer, aber ohne Rind, Musik und Hymnen. End-
lich empfangen mit dem gleichen Ritual alle vier Götter
dieselben Opfertiere nebst Obst am 13. des 5. Monates, der der
Geburtstag des Kuan T i sein soll. x\n denselben drei Tagen
werden auch in der ummauerten Hauptstadt einer jeden Provinz,
eines jeden Bezirkes und Kreises des Reiches durch die höchsten
Verwaltungsbehörden gleichartige Opfer gefeiert, und zwar in
dem dort befindlichen Tempel des Kriegsgottes, der gewöhn-
lich, wie der in Peking, den Namen ^ J^ Kuan Miao,
Seelentempel des Kuan, oder ^ J§B Wu Miao, Kriegstempel, trägt.
14. W6n Ts'ang, Schutzgott der klassischen Studien.
In den Si Ki, den Historischen Schriften von Sö-ma Ts iön
(s. S. 87), wird im 27. Kapitel zum ersten Male in der chi-
287
nesischen Literatur ein Gestirn "^ S Wön Tä'ang erwähnt
mid zwar als sechs Sterne beim ^^ Tou KVei, einem
Sternbild, das wahrscheinlich den vier nördlichsten Sternen des
Großen Bären entspricht. Wohl bloß wegen des Namens Wön
Ts'ang, der Glanz der Schriftgelehrtheit bedeutet, ist das Gestirn
Schutzgott der klassischen Studien geworden und immer ge-
blieben, ebenso wie das besagte Sternbild Tou KSvei das
zumeist ^ ;g K' w e i S ing, ^as K'wei-Gestim, genannt wird.
In der Staatsreligion trägt der Gott den Namen ^ ^ ^ ft
Wgn Ts'ang Ti Kiün, Kaiserlicher Fürst Wen Ts'ang. Auch
wird er häufig ^ *j^ Wön Ti, Kaiser der Schriftgelehrtheit, ge-
nannt. Für Weiteres sei hier verwiesen auf den Aufsatz von
Mayers, „On Wön-ch'ang, the God of Literature, his History
and Worship" in dem „Journal of the North-China Brauch of
the Royal Asiatic Society", Jahrgang 1869/70; ferner nach
meinem „Les Fetes annuellement celebrees a Emoui", S. 162 f.
und 172 f.
Der Pekinger Staatstempel dieses Gottes liegt hinter der
nördlichen Palastmauer und soll zum ersten Male in der Periode
ff^^PI^ Ts'ing-hua (1465—1488) daselbst erbaut sein. Im
Jahre 1801 wurde er auf kaiserlichen Befehl neu aufgebaut.
Bei dieser Gelegenheit dekretierte der Sohn des Himmels, daß
Wen Ts'ang, als Schirmherr der wahren Lehre und somit
als Bezwinger von Ketzereien, wie Kuan Ti überall im Reiche
verehrt w^erden, deshalb in den Opferstatuten (So Tiön)
einen Platz einnehmen und fortan gleichartige Opfer wie Kuan
T i genießen sollte, nicht bloß in der Reichshauptstadt, sondera
auch in den Provinzen. Somit empfängt er am dritten Tage
des Mittelmonates des Frühlings und an einem glücklichen
Tage im Mittelmonat des Herbstes sowohl in Peking als in
der Hauptstadt jeder Provinz, jedes Bezirkes und Kreises ein
großes Opfer, In Peking wird dann auch im „Hintertempel"
ein Opfer dargebracht, und zwar einer Tafel mit der Inschrift
288
Ot M*^SÄf^ffi$ fe^ Seelentafel des Vorgeschlechtes des
kaiserlichen Fürsten Wön Ts'ang. Welche Vorstellung man sich
von diesem Vorgeschlecht eines Sterngottes macht^ ist nicht
besonders klar^ aber es scheint wohl, daß wir hier an einen
herrschenden Glauben zu denken haben, wonach Geist und
Seele (Sen) des Gestirnes irdischen Menschen innegewohnt hat,
die natürlich Vorfahren besaßen. Überlieferungen über solche
Menschen sind in der Literatur vorhanden und sogar offiziell
als wahr anerkannt worden, wie Mayers im erwähnten Aufsatz
auseinandersetzt.
15. Der Nordpol des Himmels.
Immer wurde in China Astrologie in unmittelbarem Zu-
sammenhang mit Geomantik gepflegt. Diese beiden univer-
sistischen Wissenschaften waren nämlich auf dem Grundsatz
erbaut, daß die Erde dem Himmelsgewölbe untersteht, und folg-
lich Glück und Unglück der verschiedenen Teile der Erde durch
entsprechende Teile des Himmels, also durch Sterne und Stern-
bilder, bestimmt werden. Der Mittelpunkt des Himmels, um
den sich alle Sterne drehen, beeinflußt also insbesondere den
Mittelpunkt der Erde, den kaiserlichen Thron. Dieser Pol ist
daher des Kaisers Schutzgott, die Stütze der Heiligkeit, durch
welche der Kaiser regiert und vom Himmel zum Regieren er-
mächtigt ist; und somit ist ihm dieser Ehrentitel beigelegt: :((^
Mi^MM^' ^®' ^^^' j^^ ^^^^^ *^^" Kiün, Heiliger
Fürst des Nordpols, der die Heiligkeit (des Kaisers) unterstützt. Der ent-
sprechende Name seines Staatstempels in Peking lautet ^ ^
fe> , Palast des sich glänzend offenbarenden Beistandes. Die Würde eines
Staatsgottes wurde ihm bereits vom ersten in Peking regieren-
den Kaiser der Mantschu-Dynastie im Jahre 1651 zuteil.
Der „Palast des sich glänzend offenbarenden Beistandes"
steht östlich hinter der Nordmauer des Kaiserpalastes auf einer
289
Marinorterrasse mit Brüstungen und drei Freitreppen vorn. Er
trägt schwarze und grüne Dachziegeln, gleichwie das Tor mit
drei Durchgängen, das auf der Südseite den Hauptzugang
bildet. Für ein großes jährliches Opfer in diesem Heiligtum ist
der Geburtstag des Kaisers bestimmt, weil dieser stets des
Kaisers Glück für ein Jahr bestimmt. Das Opfer besteht aus
Gefäßen mit Ziziphus, Drachenaugen (Nepheliumlonggan),
Naitsi (Nephelium naitsi), Wallnüssen und Kastanien, nebst
15 Schüsseln mit Kuchen und Torten verschiedener Art, einem
Stück Seide und Tee anstatt Wein. Weshalb dieser Gott kein
Fleisch und keinen Wein bekommt^ steht dahin. Das Opfer wird
durch einen Präsidenten des Opferamtes dargebracht, mit Gebet-
verlesung, Musik und einer beim Empfangen des Gottes ge-
sungenen Kantate.
16. Der Feuergott.
Der J^ jjjft Huo Sen, Gott des Feuers, soll der Verwalter
der Segnungen sein, die der Rote Kaiser, der Gott des Südens
(s. S. 235), der Welt verleiht. Im Jahre 1663 wurde ihm ein
Platz in den „Opferstatuten" angewiesen. Auch für ihn besteht
ein Staatstempel außerhalb der nördlichen Palastmauer. Da
werden ihm am 23. Tage des 6. Monates durch einen Präsidenten
des Opferamtes fünf Sorten von Früchten, drei Opfertiere und
rote Seide dargeboten.
17. Die Kanonengötter.
Etwa 13 Kilometer Luftlinie südwestlich von der Südwest-
ecke der Tartarenstadt liegt am jg ?p]* Hun-ho die jj
J§:j^ Lu-kou Kiao, die Lu-kou-Brücke. Nördlich derselben
wird am ersten Tage des letzten Herbstmonates die Artillerie
der /V j^, acht Heeresbanner, aufgestellt; vor jeder dieser acht
Kanonengruppen setzt man auf einen Opfertisch eine papierne
De Groot, Universismus. ^"
290
Seelentafel der betreffenden 5^ jp^ P'^a'o Sen oder Kanonen-
gottheit und fünf Gefäße mit Früchten^ und vor den Tisch ein
geschlachtetes Schaf und Schwein. Nun treten in der frühen
Morgenstunde die acht ^^ Tu T'ung oder Oberbefehlshaber
der Heeresbanner^ jeder an der Spitze seiner Offiziere und
einiger Beamten des Opferamtes, heran, um vor den Tischen
in der uns bekannten Weise gleichzeitig den Opferritus zu be-
gehen. Sie befolgen dabei wie ein Mann die Befehle eines
einzigen „Zeremonienleiters" (Tien I), der jeden Akt mit einem
lauten Ausruf einleitet, um darauf die Regelung der Unterteile
des Aktes bei jedem Tisch einem anderen Zeremonienmeister
zu überlassen. Nur ein Opfergebet wird für die acht Gruppen
gemeinschaftlich gelesen.
Auch in jedem Artilleriepark des Reiches wird an dem-
selben Tag durch den Befehlshaber auf ähnliche Weise ein
Opfer dargebracht.
18. Die Götter der Stadtmauern.
Gleichwie der Pol des Himmels der Schutzgott der Heilig-
keit, also des geistigen Wesens des Kaisers, ist (s. S. 288), so
ist der ^ |J^ |[j^ Ts*^ing Huang §6n, der Gott der Mauern und
Gräben der Reichshauptstadt, der Schirmherr seines stofflichen
Wesens. Auch ihm soll deshalb am Geburtstage des Kaisers
ein Opfer dargebracht werden, um sich des Gottes Wohlwollen
und. Schutz während des neuen kaiserlichen Lebensjahrs zu
sichern. In seinem Tempel, der in einer Ummauerung nahe
an der Stadtmauer westlich des ^ ;gp Süen-Wu-Tores im
südwestlichen Viertel der Tartarenstadt steht und drei hinter-
einander liegende Tore besitzt, werden ihm alsdann durch
einen dazu abgeordneten Reichsgroßen fünf Gefäße mit Obst
nebst drei Opfertieren dargeboten; ein ähnliches Staatsopfer von
25 Schüsseln und Körben und drei Opfertieren empfängt er
291
dort außerdem alljährlich an einem glücklichen Herbsttage.
Daß er auch in allen Festungen des Reiches alljährlich einmal
auf dem Altar der Berge und Flüsse ein Staatsopfer empfängt,
haben wir auf S. 277 erwähnt. Hier sei noch hinzugefügt, daß
durchweg jede ummauerte Stadt des Reiches einen Tempel für
ihren Schutzgott, einen sogenannten ^Pf^Ts'ingHuang
Miao, Seelentempel der Mauern und Gräben^ besitzt. Im übrigen sei
auf den Aufsatz über diese Götter verwiesen, welcher in ,,Left
Fetes annuellement celebrees a Emoui", S. 586 ff., veröffent-
licht ist.
19. Der Gott des heiligen Berges des Ostens.
Unter dem Namen ^ -^ )jj J Tung Jo' Sön, Gott des
Jo' des Ostens, empfängt der zweite heihge Berg (s. S. 193) Ver-
ehrung in einem Staatstempel, der nördlich vom Opfergelände
der Sonne steht, m einer zweifachen Ummauerung, welche auch
Nebengebäude und andere zugehörige Baulichkeiten umschließt.
Da empfängt er alljährlich am Geburtstag des Kaisers ein ähn-
liches Opfer wie der Gott des Himmelspoles und der der Mauern
und Gräben Pekings. Das erklärt sich wohl daraus, daß auch
dieser von den heihgsten der Berge ein besonderer Lenker des
Glückes des regierenden Kaisers ist, weil er den mächtigsten
Teil von dessen Grundgebiet bildet und folglich ihm den uner-
schütterlichen Besitz desselben besser als irgendeine andere
irdische, Gottheit zu gewährleisten vermag.
20. Drachen- und andere Wassergötter.
^1 iji^ Lung Sen oder Drachengötter, , sind, nach chi-
nesischer Auffassung, Kräfte, welche durch Verdichtung der
Wolken Regen erzeugen und somit auch den Wasserstand der
Bäche und Flüsse beherrschen. Vier solcher Götter befruchten
in dieser Weise das unmittelbare Gebiet des Kaisers, den Be-
19*
292
zirk Sun-t*i6n (vgl. S. 223), und bestimmen damit^ der geo-
mantischen Lehre zufolge, das Glück der Reichshauptstadt und
des kaiserlichen Palastes. Ihnen sind deshalb an Wasserläufen^
welche dem umliegenden Gebirgsland entströmen, Staatstempel
errichtet, wo jedes Jahr im Mittelmonat des Frühlings und des
Herbstes dazu abgeordnete Staatsgroße 25 Schüsseln und Körbe
opfern, nebst einem Schaf und Schwein. Diese Drachentempel
befinden sich:
1. Beim ^ ^fi '/S He' Lung T'an, Teich des Schwarzen
Drachen, etwa 30 Li nordwestlich von Peking, im -^ |_|j Kin
San (vgl. „The Religious System of China", Bd. III, S. 1253 ff.).
2. Im 3E :^ LU J^'Ts'uan San, Berge der Jaspisquelle,
beim gleichnamigen kaiserlichen Park, nordwestlich Peking.
3. Am ^ 0^ yj^, Kun Ming-See, in den sich unweit
des Ul ^ ^ Juan Ming Juan oder Mondparkes die „Jaspis-
quelle" ergießt.
4. Am Ö ^1 '/p Pe' Lung T'an, Teich des Weißen
Drachen, östlich von der Kreisstadt ^Ä Mi'^-jün.
Daß die Kaiser auch diesen Drachen schöne und ehren-
volle Titel verliehen haben, braucht kaum gesagt zu werden.
Wenn der Drache der Jaspisquelle seine Jahresopfer
empfängt, wird stets am selben Tage von einem Großen des
Juan Ming Juan auch der Schutzgöttin der Seefahrenden
m MB. ^ ^^^ "^^^^ -P'^ ^^ ihrem W, ^ ^^ oder Tempel des
gnädigen Beistandes, der im J^ ^ K'i Ts'un-Park steht, ein
ähnliches Opfer dargeboten. Diese schon seit vielen Jahr-
hunderten staatlich anerkannte Seegöttin, überall im Reiche
hoch verehrt, erfreut sich des Besitzes eines Ehrennamens, der
unter den letzten drei Dynastien so häufig verlängert wurde,
bis er schließlich aus 38 Schriftzeichen bestand und somit wahr-
scheinlich der längste ist, der in der Götterwelt getragen wird.
Für Näheres über diese Göttin siehe „Les Fetes annuellement
celebrees a Emoui", S. 261 ff.
293
Außerdem wird im selben Park an den beiden Tagen,
wenn die Drachen ihre Opfer empfangen, im jfSI fllp ^ ^i«
äön Miao, Tempel der Flußgötter, dem Gott des Huai (vgl.
S. 194) geopfert, wie auch einem gewissen ^tJ^tJ" Huang
äou-ts'ai und einem ||j- f^ Siß Sü. Letzterer war ein
naher Verwandter der Gemahlin des Kaisers ^^ LiTsung
der Sung- Dynastie; als die Mongolen 1276 die kaiserliche
Hauptstadt, das jetzige if^/l j'W Hang-tsou, besetzten, stürzte
er sich dort in den Fluß, und da seine Leiche stromaufwärts
trieb, wurde er später zum Flußgott erhoben.
21. Die Erde und der Verwalter von Bauwerken.
Soll irgendwo ein bedeutendes Regierungsbauwerk in An-
griff genommen werden, dann muß vorschriftsgemäß an einem
durch das Amt für Zeitrechnung, Astrologie usw. (^ 5^ ^)
auserwählten Tag, der einen glücklichen Verlauf des Unter-
nehmens verheißt, der J^ 4-^ Hou T^i, Kaiserin Erde, die an
der betreffenden Stelle durch die Tätigkeit der Arbeiter in ihrer
Ruhe gestört werden wird, ein Opfer gebracht werden, wie auch
dem "^ J2 iljft So Kung Sen, dem Gott, der das Werk verwaltet.
Nachdem das Ministerium der Werke zwei ringsum mit viel-
farbigen Seidentüchern umhängte Altäre an Ort und Stelle aus
Tischen zusammengesetzt hat, wird auf jeden eine aus gelbem
Papier verfertigte Seelentafel der Gottheit gesetzt, zusammen
mit 15 Schüsseln Kuchen und Torten und 5 Körben mit Baum-
früchten; darauf bieten ein Präsident des Ministeriums der Li
und ein Präsident des Ministeriums der Werke diese Opfer-
gaben feierlich in sechs Akten mit Musik, einer Hymne ^md
einem Gebet dar, zusammen mit Seide, einem Schaf und
einem Schwein. Ein gleichartiges Opfer verrichtet ein hoher
Staatsbeamter für den So Kung Sön, wenn das Werk be-
endigt ist.
294
22. Die Götter der Ziegelöfen und gewisser Tore.
Bei staatlichen Bauwerken soll auch den ^ jjj^ Jao Sön^
Göttern der Ziegelöfen^ in denen der Dachstein gebrannt wird^ ein
Opfer dargebracht werden, und zwar an einem glücklichen
Tage, wenn die ^ Wen oder Mäuler, die Dachsteinfiguren,
durch die das Regenwasser abfließen soll, in feierlichem Aufzug
durch die kaiserliche Equipage nach dem Bauplatz überführt
werden sollen. Auf dieselbe Weise wie für die Hou T'u und
den SS Kung §gn wird bei den Ofen ein Altar mit Opfer-
gaben bereitgestellt, ebenso auch einer bei jedem Stadt- oder
Palasttor, durch den der Zug seinen Weg nimmt, für den P^
flfljl Mön Sßn oder Torgott. Nachdem nun die „Mäuler" bei
den Ofen niedergelegt sind, wird an allen diesen Altären durch
damit beauftragte Beamte das Opfer verrichtet, wobei am
Anfang wie am Schluß eine Hymne mit Musikbegleitung ge-
sungen wird. Darauf bringt der Aufzug die „Mäuler" mit Musik
nach dem Bauplatz hin und wird unterwegs an jedem Tor durch
den Opferer und sein Gefolge und auf dem Bauplatz durch
den Baumeister, die Aufscher u. a. feierlich empfangen. Alle
amtierenden Anwesenden tragen Hofgewänder, vergoldete
Blumen auf dem Hut und ein rotes Seidentuch über der
Schulter.
23. Die Götter der Getreidespeicher.
Die Kornspeicher der Regierung liegen großenteils bei
der Stadt ^ j^ T*^ung-tsou, etwa 20 Kilometer östlich von
Peking, wo die große Kornflotte das aus den Provinzen heran-
gebrachte Steuergetreide löscht. Daselbst opfert der ^ J^
"f^ ^R, Vizeminister des Speicherterrains, jedes Jahr an einem glück-
lichen Tage des Frühlings und des Herbstes dem -^ )[jft Tsoang
Sön, Gott der Speicher, in einem dort stehenden Tempel zehn
Schüsseln mit Baumfrüchten, ohne Musik und ohne Gebet.
295
An denselben Tagen wird dieselbe Feierlichkeit in drei Tempeln
bei den großen Kornkammern des linken und rechten Flügels
( yfe ^ ä) (^er Reichshauptstadt begangen, und auch bei
denen, welche außerhalb des Täao Ja ng- Tores der östlichen
Stadtfront (s. S. 230) gelegen sind, durch die Kontrolleure (^
^) dieser Gruppen.
24. Besondere Götter in den Provinzen.
Eine beträchtliche Erweiterung hat die Staatsreligion er-
fahren durch die den Behörden in den Provinzen, Bezirken
und Kreisen auferlegte Verpflichtung, in besonders dazu an-
gewiesenen Tempeln über fünfzig Göttern und vergöttlichten
^lenschen zu opfern, die sich durch Abwehrung von Unheil,
also offenbar durch Mirakel, um das Volk verdient gemacht
haben. Kaiser aller Zeiten haben diesen Gottheiten Ehrennamen
geschenkt, und die Tempel, wo ihr amtlicher Opferkult statuten-
mäßig stattfindet, sind großenteils kraft kaiserlicher Verfügung
erbaut, jedenfalls dem besonderen Schutz der Regierung unter-
stellt. Die vorgeschriebenen Opfer sollen denen, welche die
Behörden auch dem Kriegsgott darzubringen haben (s. S. 286),
ähnlich sein und alljährlich im Frühling und im Herbst statt-
finden. Sie heißen amtlich S jjf^ Tsuan S^, besondere Opfer.
Es läßt sich leicht einsehen, daß mit diesem Abschnitt
der Opferstatuten die StaatsreHgion in den Bereich des Götter-
kultes des Volkes übergeht, denn auch dieser beruht, wie auf
S. 138 ff. dargetan, auf dem Glauben an den Schutz und Beistand,
welche Götter aller Art durch ihre Mirakelkraft (Sön oder
Ling) den Menschen verleihen. Nur die kaiserlich genehmigte
Aufnahme in die Opferstatuten bildet hier die Trennungslinie;
aliein diese muß dem Staat selbst schwach genug erscheinen,
>o daß er dem Volke die Verehrung aller möglichen Götter,
welche es sich erfindet und schafft, und denen es Tempel
296
baut, In der Regel ungestört gestattet und nur unter Umständen
gegen diese als ketzerische Ungebührlichkeiten einschreitet.
25. Die Koryphäen der Staatsdienerschaft.
Statutarisch ist vorgeschrieben, daß, wenn der Sohn des
Himmels sich auf der Reise weniger als 30 L i vom Tempel
oder Grabe eines Heiligen (^) oder Weisen (B?) irgend-
welcher Zeit befindet, oder eines namhaften Ministers (d^ ^),
oder eines Getreuen, der im Dienste des Kaisers sein Leben
ließ {^ ^g|), er sodann einen Stellvertreter entsenden muß,
um dort nach dem allgemeinen festen Programm ein Opfer
in sechs Akten zu verrichten.
Werden schon die verdienten Staatsdiener vergangener
Dynastien solcher Ehrung gewürdigt, dann liegt es auf der
Hand, daß Ahnliches erst recht mit denen des regierenden
Kaiserhauses der Fall sein soll. In der Tat haben wir schon
gesehen (S. 198), daß viele von ihnen sogar im großen kaiser-
lichen Ahnentempel Aufnahme finden und da Opfer empfangen.
Es bestehen aber in Peking noch zAvei Ruhmestempel für die
große Zahl der vergöttlichten Koryphäen der Staatsdienerschaft.
Eines dieser Heiligtümer heißt S ^ jjfß) Hi?.n Liang
Se, Opfertempel der Weisen und Braven. Es wurde 1730 außer-
halb der nördlichen Palastmauer gestiftet und besteht aus einem
Vorder- und einem Hintertempel, Toren, Nebengebäuden usw.
Der Vordertempel enthält nur Seelentafeln einer sehr be-
schränkten Zahl von kaiserlichen Prinzen; im Hintertempel
aber findet man 100 bis 200 Tafeln von Staatsdienern, die in den
fünf klassigen erblichen Adelstand (-j^^ "fö) erhoben worden
sind, oder im Zivil- oder Militärdienst die zwei höchsten Ränge
(l^) erreicht haben. Mit der größten Genauigkeit sind die
Tafeln nach den Kaiserregierungen in Schreinen angeordnet.
Im mittleren Frühlings- und Herbstmonat wird ihnen an einem
297
glücklichen Tage ein Opfer dargebracht, im Vordertempel durch
einen Prinzen, im Hintertempel durch den Präsidenten des
Opferamtes. Für jede in einem Schrein vereinigte Gruppe be-
steht das Opfer aus fünf Gefäßen mit Obst, nebst einem Schaf
und einem Schwein. Nachkommen der verehrten Toten wohnen
der Feierlichkeit bei oder nehmen daran durch Hilfeleistunjr
tätig teil.
Auch jede Provinzhauptstadt ist, kraft der Reichsstatuten,
im Besitz eines HiönLiang So, zur ewigen Ehrung solcher
hochverdienter Staatsdiener, die in der Provinz amtierten und
deren Seelentafeln, auf Antrag des Ministeriums der L i, infolge
kaiserlicher Verfügung darin einen Platz erhielten. Es ist dem
dort residierenden Bezirksverwalter (^ |m^) auferlegt, im
mittleren Frühlings- und Herbstmonat in diesem Heiligtum als
Opferpriester aufzutreten; die auf S. 271 erwähnten Beamten
für die Prüfungen sind verpflichtet, ihm dabei als Opferbeamten
helfend zur Seite zu stehen.
Viel größer ist der zweite Ruhmestempel Pekings, der
fl^ ;S» M?l Tsao Tsung So, Opfertempel für glänzende Treue,
der beim ^^ Ts*^ung Wo n-Tor (Ha-ta Mön) gelegen
ist. Er ist wohl das umfassendste Heiligtum, das die Welt je
der Menschenverherrlichung gewidmet hat. Im Jahre 1724 ist
er gestiftet. Das j]^ ^ oder eigentliche Ahnenhaus besteht aus
einem Vorder- und Hintertempel, die durch einen Damm mit-
einander verbunden sind. Jeder ist auf beiden Seiten von
drei Hallen flankiert, die beim Vordertempel östlich und west-
lich zu diesem gekehrt, beim Hintertempel aber, gleichwie
dieser selbst, nach Süden gerichtet sind. Diese 14 Tempel-
liallen enthalten insgesamt 66 Schreine mit Seelentafeln von
WJ E? verdienstvollen Staatsdienern^ Mantschus sowohl wie Chi-
nesen, Zivil- wie Militärpersonen, Kriegshelden, todesmutigen
Heeresführern, Siegern, Eroberern usw. In jeder Halle wohnt
eine bestimmte Kategorie dieser ruhmbedeckten Toten.
298
Für die Opfer gilt hier dasselbe Ritual wie für den Hißn
Liang Se. Vor jedem der 66 Schreine gibt es da einen
Tisch mit Opfergaben, jedoch im ganzen nur achtmal ein
Schaf und ein Schwein. Im Vordertempel amtiert ein Prinz
als Opferpriester^ in jeder anderen Halle ein durch das
Opferamt angewiesener Beamter. Nur ein einziges, sehr langes
Opfergebet wird verlesen, das an alle Tafeln insgesamt ge-
richtet ist.
Auch die Hauptstadt jeder Provinz hat ihren eigenen
Tsao Tsung Se zur Verherrlichung der Ruhm würdigen
dieses Teiles des Reiches. Daselbst wird zweimal jährlich wie
im Hi6n Liang Se durch den Bezirksverwalter mit den
Prüfungsbeamten geopfert.
Jedoch die Ehrung, w^elche die Staatsregierung den Kory-
phäen ihrer Dienerschaft erweist, erreicht den allerhöchsten
Grad, wenn der Kaiser, auf Vorschlag des Ministeriums der
Li, für einige von ihnen zusammen, oder gar für einen einzigen
allein, den Bau eines ^S jjjsj tsuan Se oder besonderen Opfer-
tempels verordnet und daneben von den Präsidenten des Opfer-
amtes die darzubringenden Opfer in die Opferstatuten ein-
schreiben läßt. Dann errichtet auch das Ministerium der Werke
im Tempelhof einen schönen Kiosk mit großem Monolith, in
dem eine unvergängliche, vom Han-lin verfaßte Lischrift die
ruhmreichen Taten des großen Mannes den Göttern und Menschen
verkündet. Zumeist wird diesem die Seelentafel seiner Gemahlin
als P'ei Wei im Tabernakel zur Seite gestellt. In Peking dürften
wohl über zwanzig solcher Privattempel zu finden sein. Auch
in den Provinzen kommen sie vielfach vor, und da müssen die
örtlichen Behörden zweimal jährlich an Ort und Stelle opfern,
in derselben Weise wie in den beim Konfuziustempel be-
findlichen Seelenhäusern für die Tugendhaften und Weisen
(S. 272).
299
26. Die unversorgten Seelen der Toten.
Die Statuten der Staatsreligion enden mit den j^ Li,
den Seelen solcher Verstorbenen^ denen keine Nachkommen
Opfer darbringen, und die, nach uraltem Glauben, infolgedessen
geneigt sind, die Menschheit mit Plagen aller Art heimzu-
suchen. Um diesem Übelstand abzuhelfen, ist es in den Haupt-
städten der Provinzen, Bezirke und Kreise den Vervvaltunjrs-
behörden auferlegt, dreimal jährlich die bösen Launen dieser
Gespenster mittels Opfer aufzuheitern. Eines soll in die ^ ^
Han-si'-Zeit fallen, also auf den 4. oder 5. April, und eines
auf den ersten Tag des zehnten Monates, und zwar weil
man an diesen Tagen in China die Gräber zu versorgen und
die Ahnen mit Opfergaben zu laben pflegt. Für ein drittes
Opfer ist der Vollmondstag des siebenten Monates angewiesen,
in dem man allgemein die unversorgten Toten ernährt und aus
der buddhistischen Hölle erlöst. Näheres hierüber befindet sich
in „Les Fetes annuellement celebrees a Emoui".
An diesen drei Opfertagen werden an der nördlichen
Mauer der Stadt, also in der Gegend, die dem Jin und folglich
auch der Gespensterwelt entspricht, einige Tische zu einem
Altar zusammengestellt und darauf und ringsumher ein großes
Quantum Reis, gekocht und ungekocht, zusammengetragen, mit
papiernem Opfergeld, drei Schafen und Schweinen usw. Dann
trägt man am frühen Morgen die vSeelentafel des Gottes der
Mauern und Gräben der Stadt, der ein oder mehrere Tage
zuvor von einem Beamten die Kunde von dem beabsichtigten
Opfer gebracht war, von der Opferstätte der Himmlischen und
Irdischen Götter (vgl. S. 277) nach dem Altar hin. Er ver-
waltet nämlich die Seelen der Toten im ganzen Gebiet, dessen
Verwaltungsbehörden in der Stadt ihren Sitz haben, wo sein
Tempel steht, straft somit ihre Übeltaten und verhindert ihre
Angriffe auf die Menschen. Zwei Zeremonienmeister geleiten
300
mm den hohen Verwaltungsbeamten vor den Altar; er opfert
da Weihrauch, berührt dreimal den Boden mit der Stirn und
opfert vor dem in Flammen aufgehenden Papiergeld drei
Becher Weins. Bald darauf tragen die Zeremonienmeister die
Tafel des Stadtgottes wieder in die Opferstätte der Himmlischen
und Irdischen Götter zurück.
Unsere Darstellung der konfuzianischen Staatsreligion muß
entschieden zu der Folgerung führen, daß sie ein bis zum
höchsten Grad der Vollendung ausgebauter Naturkult ist, wie
auf dieser Erde kein zweiter besteht, und daß unter den ver-
schiedenen Unterteilen des Weltganzen, welche ihr Göttertum
bilden, die Seele des Menschen einen vornehmen Platz einnimmt.
Die Religion des chinesischen Altertums, soweit diese sich
durch die heiligen Schriften erkennen läßt, war der Grundstock
der Staatsreligion, und folglich läßt sich auch von jener eine
andere Definition nicht geben.
Gewiß ist die Staatsreligion eine durchaus idolatrische.
In der Tat bringt sie ihren Gottheiten, sogar Himmel und
Erde, in der Gestalt von beseelten Holztafeln Verehrung und
Opfer dar, und diese Gegenstände sind nur in der Form, aber
keineswegs grundsätzlich, von Bildern verschieden. Aus-
nahmsweise soll man in einigen Heiligtümern des Konfuzius
bunte Bilderreihen anstatt Tafeln finden; jedoch nur ein Fall
dieser Art ist mir durch persönliclie Anschauung bekannt,
nämlich in der Bezirkshauptstadt ^ W TsSian-tsou in der
Provinz Fu^-kien.
Auch haben wir die Staatsreligion als eine durchaus
ritualistische kennen gelernt: ein streng umschriebenes, große
Einförmigkeit erstrebendes Ritual regelt ihren ganzen Götter-
dienst bis in die geringsten Einzelheiten und beherrscht ihn
also gänzlich. Dieser Grundzug hat seine Erklärung in der
Geschichte des Reiches. Als die H an- Dynastie mittels der
301
heiligen Schriften der Vergangenheit die Grundlage der Staats-
verfassung und damit die der Staatsreligion erbaute (vgl.
S. 3 f.); konnten diese sich wohl kaum anders gestalten als
wie eine Sammlung von heiligen Riten, das heißt, von strengen,
unumgänglichen Vorschriften, welche durch das uns bekannte
alte Wort ijjg Li bezeichnet wurden (S. 25 ff.). So entstand
ein Ritenkodex, den darauf jede Dynastie als heiliges Erbgut
der klassischen Zeit ehrfurchtsvoll von der ihr vorangehenden
übernahm, und zwar mehr oder weniger ausbildete und aus-
baute, jedoch ohne sich jemals zu erdreisten, an seinen heiligen
Grundlagen zu rütteln. Urkundlich läßt sich nachweisen, daß
bereits 502 auf Befehl des -^ Wu, des großen Kaisers der
Li an g- Dynastie, eine Kompilation der Li in über tausend
Kapiteln zustande kam; diese Riesenleistung ist aber nicht
erhalten geblieben. Bewahrt sind jedoch die ^ j^ ^ K'ai-
juan Li, die Li der K'ai-j uan-2eit (713 — 742) der T'ang-
Dynastie, welche von einer Staatskommission in 150 Kapiteln
abgefaßt wurden. Auch die Sung- und die Mi ng-Dynastie
hatten je ihren Ritenkodex, und diese waren die Vorbilder für
den der Mantschu- Dynastie, der 1757 fertiggestellt wurde und
"AMM/lis ^'^ Ts'ing t'ung Li, heißt, die überall und immer
zu befolgenden Li der Großen Ts'i ng-Dynastie. Darin ist das Staats-
ritual kurz und bündig in 54 Büchern festgelegt, und das
Werk bildet daher für die Sinologie eine Quelle von hohem
wissenschaftlichen Wert. Ihr verdanken wir in erster Linie
den Stoff für unsere Darstellung des Rituals der Staatsreligion.
Auch andere umfassende Codices für das Staatswesen haben
dabei Dienste geleistet, sowie die "^ '^ '^ Ä '^^ Ts*ing
hui Tien, sämtliche Statuten der Großen Ts'i ng-Dynastie, und die
ll'nß M'J ^J Li Pu Tse' Li, Verordnungen für das xMinisterium
der Li. Für Einzelheiten über diese und andere Bücher über
Chinas Staatswesen sei auf meine „Sinologische Seminare und
Bibliotheken" verwiesen.
302
Wir kommen nunmehr zu der Überzeugung, daß die
Staatsreligion im vollsten Sinne des Wortes eine Religion ,,für
den Staat" ist, das heißt, für den Kaiser, die Reichsgroßen und
das Mandarinentum. Es hat sich in der Tat sonnenklar heraus-
gestellt, daß sie bezweckt, die Götter, welche die verschiedenen
Teile des Weltalls beseelen und verwalten, Segen ausströmen
zu lassen auf die kaiserliche Gewalt, und dadurch auf das Volk,
welches das Tao des Weltalls mit dieser Gewalt beglückt; mit
anderen Worten, sie soll zum Wohl der ganzen Menschheit ein
glückschaffendes Wirken der Natur sicherstellen mittels des
Kaisers und seiner Regierung. Daraus erklärt sich von selbst,
daß dem Volke überhaupt an ihrer Ausübung kein Anteil gewährt
wird, wenngleich es für Bau und Unterhaltung der Altäre und
Tempel seine Kräfte und Geld hergeben darf und muß. Zwar
verehrt das Volk auf seine eigene Art gewisse Götter der Staats-
religion, wie z. B. die Erde, der als Schutzgott des Ackerbaues
und des Reichtums überall Tempel und Kapellen errichtet
werden; weiter Konfuzius, Kuan Ti, Berg- und Flußgötter,
die Stadtgötter, den Gott des östlichen Jo', der als Höllenfürst
betrachtet wird, u. a. Das läßt sich aber keineswegs als Anteil
an der Ausübung der Staatsreligion deuten, sondern ist schlech-
hin auf die natürliche Einheitlichkeit des universistischen Götter-
tums zurückzuführen. Den Ahnenkult aller Chinesen aber hat
der Staat in den Bannkreis seiner eigenen Religion gezogen,
dadurch, daß er für dessen Ausübung in den Kreisen der
Prinzen, Staatsbeamten und Graduierten und des gewöhnlichen
Volkes besondere Vorschriften in den Opferstatuten festgesetzt
hat. Diese bilden dort den allerletzten Abschnitt der sogenannten
^ Ms ^^^' -^^^ beglückenden L i^ worunter man die Riten der
Slaatsreligion versteht; und es braucht kaum gesagt zu werden,
daß sie mit den Vorschriften für den Ahnenkult des Kaisers
alle Hauptcharakterzüge gemeinsam haben.
Elftes Kapitel.
Kai endriscLe Lebensführung. Der K«t.1 ende r. Zeitdeutuiig.
Die politische Organisation des chinesischen Reiches ist
auf den Universismus und dessen konfuzianische Bücher ee-
gründet. Ihr Inbegriff ist die kaiserliche Regierung, ein Haupt-
erzeugnis der Weltordnung und ihr Werkzeug, das mittels weiser
Gesetze und Maßregeln die Menschheit führt und lenkt in der
einzig richtigen Bahn, welche das Tao der Menschheit heißt.
Dieser Regierung ist vom Weltall die Pflicht auferlegt, die
Menschheit zu ihrem eigenen Besten unaufhörlich anzuleiten,
daß sie in möglichstem Einklang mit dem Tao des Weltalls
lebe. Nun ist ja dieses Tao schlechthin der Gang der Natur,
der sich jedes Jahr aufs neue vollzieht. Deshalb ist es die
Hauptaufgabe und unbedingte Pflicht der kaiserlichen Re-
gierung, der Menschheit auch die Mittel zu verschaffen, um
in tJbereinstimmung mit den alljährlichen Wandlungen der
Natur zu leben und zu handeln.
Schon in der heiligen Urzeit war diese Pflicht den Kaisern
auferlegt. Im Su (Buch g^ ^ Ju6' Ming, ID lesen wir:
ja, vernünftig ist der Himmel; ja, die Heiligen (Herrscher) machen deshalb
Weisungen für die (Anpassung an die) Zeiten; ja, die Staatsdiener fügen
sich gehorsamst demselben; o ja, und das Volk befolgt ihre gute Regierung.
Somit war es allezeit den Kaisern heiliges Gesetz, der Beamten-
schaft und dem Volk Lebensregeln zu geben, welche dem
304
Kalender angepaßt sind und also beide befähigen^ sich unent-
wegt in dem Tao, der Bahn des Weltalls^ zu bewegen^ und
welche andererseits der Weltordnung ihre unbeschränkte Herr-
schaft über die Menschheit sichern.
Kalender von jährlichen Sitten und Bräuchen haben in
China in sehr früher Zeit bestanden; freilich erscheint es uns
als eine Notwendigkeit^ daß sie als ein vom Universismus un-
trennbarer Bestandteil dagewesen sein müssen solange wie
der Universismus selbst. Das älteste Exemplar, das erhalten
geblieben, führt den Namen W yj> J^ Hia siao Tsing, kleiner
Regulator (der Lebensweise) von der H i a- Dynastie^ und soll somit
aus der Zeit stammen, die zwischen dem 22. und 19. Jahrhundert
V. Chr. liegt; es bildet ein Kapitel in dem auf S. 101 erwähnten
Ta Tai Li Ki. Dieses wegen seines unverkennbar hohen
Alters äußerst merkwürdige Schriftstück gibt die sjnodischen
Monate an durch Meldung einiger augenfälliger Erscheinungen,
welche sie kennzeichnen; es erwähnt auch den Stand gewisser
Sterne, nach denen sich der Mensch beim Ackerbau und bei
der Seidenzucht, der Verrichtung von Opfern und anderem
mehr richten soll. In späteren Zeiten sind erläuternde Notizen
interpoliert worden, die mit dem Urtext verschmolzen, jedoch
großenteils noch klar zu unterscheiden sind; beseitigt man diese,
dann bleibt ein Text von so geringem Umfang übrig, daß sich
in ihm nur ein Fragment vermuten läßt. Daß er ein Regierungs-
dokument war, geht aus der Weisung hervor, die sich auf
Jagden bezieht, welche der Fürst im 11. Monat abhalten soll.
. Von gleichartigem Charakter, aber sehr viel größerem
Umfang, ist eine Reihe von kalendrischen Vorschriften, die aus
dem auf S. 97 erwähnten Jahresbuch des Lü Pu'-wei her-
rühren. Gewiß hat dieser Staatsmann sie nicht lediglich für
seinen Kaiser, den großen Si Huang, erfunden, sondern sie
nach schon vorhandenen Mustern zusammengesetzt, denn viele
Weisungen tragen offenbar den Stempel uralter Herkunft auf
305
<lcr Stirn und sind daher für das Studium der ältesten menscli-
liclien Kultur ein wichtiges Material. Unter dem Namen H ^
Juc^ Ling^ Weisungen für die Monate, haben sie unter den heiligen
Büchern, welche das Li Ki bilden, einen Platz erhalten. Ihr
Inhalt ist also durch die englische Übersetzung des Li Ki von
Legge in den „Sacred Books of the East", Bd. 27 und 28, und
durch die französische von Couvreur allgemein zugänglich ge-
macht worden.
Nicht immer ist der Zusammenhang dieser Weisungen
mit den Monaten, für Avelche sie geschrieben sind, ersichtlich.
Im Frühling sollen die Grewänder, Banner und Wagenpferde
des Sohnes des Himmels blau sein, im Sommer rot, weiß im
Herbst und schwarz im Winter, also, nach dem universistischen
System (s. S. 235 f.), den jeweiligen Jahreszeiten entsprechend.
Im ersten Monat muß der Fürst, umgeben von den Großen des
Eeiches, durch den Ritus des „persönlichen Pflügens" (S. 239)
dem ganzen Volke das Vorbild zur Feldbestellung geben und
darauf für die richtige Inangriffnahme dieser wichtigsten An-
gelegenheit der Welt Befehle ergehen lassen. Weil im Frühling
die Lebensschöpfung stattfindet, so ist alsdann das Fällen von
Bäumen, sowie das Vernichten von Vogelnestern und Eiern,
sich entwickelnden Insekten und Säugetieren völlig unter-
sagt. Es dürfen dann keine Waffen gebraucht werden, weil der
Himmel dafür Strafe herabsenden würde; auch soll man keine
Festungen erbauen. Mit Strenge wird befohlen: ^^ ^ ^
Himmels nicht! Unterbrecht nicht die natürliche Wirkung des Tao der
Erde! Bringt in die kalendrischen Regeln der Menschheit keine Verwirrung!
Im zweiten Monat, also in der Zeit des Keimens und
Werdens, befiehlt der Fürst seinem Volke, den So, den Göttern
des Bodens, Opfer darzubringen (vgl. S. 223); dann soll auch
der hohen Schutzgottheit der Ehe und Kindergeburt (^ |j| )
geopfert werden, und der Sohn des Himmels, sowie seine Ge-
De Groot, Universisraus. ^^
306
maWinnen^ sollen sie persönlich besuchen. Zum Frühlings-
äquinoX; wenn Jang und Jin sich die Wage halten^ sollen die
Längenmaße, die Wagen mit ihren Steingewichten und die In-
haltsmaße nachgeprüft und richtiggestellt werden. Nichts von
Bedeutung darf unternommen werden, das die Arbeit des Land-
mannes hemmen, beeinträchtigen oder stören könnte.
Weil im dritten Monat der Himmel die ganze Fülle seiner
bereichernden Kraft entfaltet, soll der Sohn des Himmels als-
dann seine Speicher öffnen und Getreide unter das arme Volk
verteilen. Auch soll er aus seinen Schatzkammern Seidenstoffe
verschenken, und seine Lehnsfürsten sollen den ausgezeichneten
Staatsdienern gegenüber ebenso verfahren. In diesem Monat
setzen die südlichen Passatwinde und die Regenzeit ein; darum
müssen Kanäle imd Deiche, Wege und Pfade besehen und in
guten Zustand versetzt werden. Jetzt sind auch Vorbereitungen
für die Seidenzucht zu treffen, und die Gemahlin des Himmels-
sohnes sammelt persönlich Maulbeerblätter ein (vgl. S. 252).
Endlich sind vom Herrscher gewisse Riten zu verordnen, deren
Zweck die Fernhaltung der Seuchenteufel ist.
Der vierte Monat, der erste des freigebigen Sommers, ist
für den Himmelssohn die natürliche Zeit, um, nachdem er mit
seinen hohen Ministern den Sommer im südlichen Vorstadt-
gelände feierlich eingeholt (^) hat, Belohnungen auszuteilen^
Lehnsfürsten Investitur, tüchtigen und tugendhaften Personen
Amter und Ehrengrade zu verleihen. Die gedeihende Kraft der
Erde verrichtet jetzt^ ihr stilles Werk und darf dabei nicht ge-
stört werden; deshalb soll der Mensch keine Gebäude schleifen,
nicht den Boden rühren, keine Menschenmengen auf die Beine
bringen, keine größeren Bäume fällen. Die Pflanzenwelt er-
reicht den Höhepunkt ihrer Entfaltung und ist im Vollbesitz
der Lebenskraft, des Sön, welche das Weltall ihr zuerteilt; es-
ist daher jetzt die geeignete Zeit, um Pflanzen zur Bereitung
von Arzneien voller Lebenskraft einzusammeln (vgl. S. 124).
307
Der fünfte Monat enthält den längsten Tag, wo das J i n
sich der Überlegenheit des Jang zu entringen beginnt und die
vortrefflichen unter den Menschen diesen Naturprozeß durch
Fasten und Enthaltsamkeit fördern sollen (s. S. 96). Regen ist
in diesem Monat den Ackern unentbehrlich; somit erläßt der
Fürst den Befehl, daß die Beamten den Bergen und den größeren
und kleineren Flüssen für das Volk opfern sollen, während er
selbst dem Himmel ein großes Regenopfer darbringt. Das Ver-
bot des Baumfällens und der Erdarbeiten erstreckt sich bis in
den sechsten Monat hinein. Bis dahin darf keine Kriegsmacht
aufgebracht, noch irgendein großes Unternehmen in Angriff
genommen werden, da sonst der Landwirtschaft unentbehr-
liche Arbeitskräfte entzogen werden würden. Dagegen erlischt
die Macht dieser Verbote im nächsten Monat, dem ersten des
Herbstes; dann werden auf Befehl des Sohnes des Himmels
wehrfähige Männer zu den Waffen gerufen und eingeübt und
der Führung der tüchtigsten anvertraut. Da nunmehr das Tao
des Weltalls die Zeit des Absterbens herbeibringt, geziemt es
auch dem Tao des Menschen scharf gegen das Verbrechertum
aufzutreten, die Gefängnisse und Fesseln neu instand zu setzen,
Justiz zu üben und Strafurteile zu vollstrecken. Jetzt bringt
der Landmann die Ernte ein, und man darf wieder, ohne sich
üblen Folgen auszusetzen, die Ruhe der Erde stören, also Deiche
und Dämme aufwerfen, Gebäude ausbessern, Stadtmauern und
Gräben wiederherstellen. Verleihung von Lehnsgebieten, Würden
und Geschenken ist jetzt, der Natur entsprechend, unzulässig.
Im mittleren Herbstmonat werden Alte und Hinfällige,
die im Herbst des Lebens stehen, mit Lebensmitteln ver-
sorgt. Mit strenger, jedoch makelloser Gerechtigkeit sind jetzt
Körperstrafen auszuteilen und Todesurteile zu vollziehen. Er-
neut müssen, des Äquinoxes wegen, die Maße, Gewichte und
Wagen nachgeprüft werden. Der Bau von Festungen und
Städten, die Anlage von Wasserleitungen und die Reparatur
20*
308
der Kornspeicher sind in Angriff zu nehmen. Im darauffolgenden
letzten Monat des Herbstes soll jedermann, hoch und niedrig,
die Ernte aufspeichern, und zwar im Einklang mit dem Himmel
und der Erde, die nunmehr selbst ihre Schätze verbergen und
nicht länger unter die Menschen verteilen. Auch der Ertrag
der kaiserlichen Pflugfelder soll in den Kornkammern, der
Götter untergebracht werden (^^^ ^^^^Wß^, vgl.
S. 246). Jetzt, da die Jahreszeit des Todes naht, hält der Sohn
des Himmels große Jagden ab, um sich und sein Volk in dem
Waffenhandwerk zu üben, für das die Natur den Winter an-
gewiesen hat.
Der zehnte Monat ist die Zeit für die Ausbesserung der
Wälle und Gräben, auch um an Tore und Grenzsperren Be-
satzungen zu legen und den Schutzgöttern des Bodens (den S e)
und der Tore Opfer darzubringen. Die Kohorten werden in
dem Waffenhandwerk unterrichtet und geübt. Jetzt sind auch
die Weisungen betreffend die Toten- und Trauergebräuche,
Särge und Gräber nachzuprüfen und zu verbessern. Dem
universistischen Schema zufolge entspricht der Winter dem
Elemente Wasser (vgl. S. 120), und somit sind im Mittelmonat
dieser Jahreszeit auf Befehl des Himmelssohnes den Göttern
der vier Meere, der größten Ströme und der bedeutenden Flüsse,
Seen und Brunnen Opfer und Gebete darzubringen. Wie am
längsten Tage des Jahres soll der weise Mensch am kürzesten
Tag Enthaltsamkeit üben (vgl. S. 97). Im letzten Monat des
Winters muß der Landmann sich, gleichwie die Natur, in der
Stille für das nahende Frühjahr vorbereiten, den Pflug und
das übrige Ackergerät in guten Stand setzen und auch das
Saatkorn fertig machen. Inzwischen befassen sich der Sohn
des Himmels, seine Minister und Wesire mit der Nachprüfung
der Reichsgesetze, und sie beraten sich über die „Weisungen
für die (Anpassung an die) Zeiten" (^ ^) des kommenden
Jahres.
309
Somit besteht das mit der Natur übereinstimmende Leben
des Menschen aucli darin, daß er immer gemäß dem Lauf der
Zeit handelt^ durch den das Tao, das große Weltgesetz, wirkt
und schafft. Diese menschliche Übereinstimmung mit der all-
o-emeinen Weltordnung ist Tugend und also segenbringend;
das Entgegengesetzte ist Verbrechen und erzeugt deshalb
Unheil, das heißt, es veranlaßt die Natur des Weltalls, die
grundsätzlich nur gut und segenspendend ist, sich selbst zeit-
weilig zu ändern und nicht gut zu sein. Es ergibt sich also,
daß die Menschheit, wenn sie gemäß den Zeiten lebt und somit
im Tap des Weltalls wandelt, die segensreiche Wirkung des
Tao steigert, dasselbe aber, wenn sie sich nicht im Tao be-
wegt, im entgegengesetzten Sinne beeinflußt, das heißt, es aus
seiner gewöhnlichen Bahn drängt, stört oder aus den Fugen
bringt, und dadurch seine segenspendende Kraft in Unheil
umwandelt.
Diese stoischen Begriffe fallen vollkommen zusammen mit
dem Lehrsatz im fünften Anhang (|^ ^|0 ^^^ Ji'; demzufolge
es im Weltall drei wirkende Kräfte,' yj" Ts'ai, gibt, nämlich
das Tao des Himmels, das Tao der Erde und das Tao der
Menschen (vgl. S. 6). Mit scharfer Betonung spricht das Juß'
Ling selbst sie am Schluß der WeisuiTgen jedes Monates, also
sogar zwölfmal, aus, indem es predigt, daß, falls der Mensch
seine Handlungen nicht genau dem Jahrkreis anpaßt, die Er-
scheinungen der Natur zur unrechten Zeit sich einstellen, und
daß somit die schrecklichsten Unheile die Welt heimsuchen.
Beispielsweise sei hier die Warnung am Schluß der Weisungen
für den ersten Monat wörtlich wiedergegeben: ;^ ^ tT S
^. MiJ ffi ;!fc ^ B#,m ^ ^ m. H ^ ^ ?<S^o ^ ^
Jf, y\. Werden im ersten Monat des Frühlings die Weisungen des
310
Sommers befolg-t, dann wird der Regen nicht zu geeigneten Zeiten fallen;
es werden die Pflanzen und Bäume ihre Blätter zu früh abwerfen, und im
Reich wird alsdann Angst und Besorgnis herrschen. Sollte man sich (in
diesem Monat) nach den für den Herbst bestimmten Weisungen richten,
dann wird das Volk durch weit um sich her greifende Seuchen heimgesucht
werden; dann werden überall Stürme wüten und Wolkenbrüche nieder-
gehen und die verschiedenen Pflanzen gleichzeitig wachsen. Befolgt man
die Winterweisungen, so werden die Flüsse das Land verheeren, Schnee
und Frost stark herrschen; dann wird von der ersten Saat keine Ernte ein-
gebracht werden.
Für die Befolgung der nicht zutreffenden Weisungen in
den elf anderen Monaten werden die folgenden schweren Un-
heile der Menschheit angedroht: Angriffe von Räubern und
Feinden ; Vernichtung der Erde durch Kälte, Hagel, Dürre,
Heuschrecken oder andere Insekten; Hungersnot; epidemische
Erkältungen, Fieber, Aussatz, Fehlgeburten und Säuglings-
sterblichkeit; Feuersbrunst; Verfaulung der aufgespeicherten
Ernte; Volksabwanderung. Die Menschheit vor solchen Un-
heilen zu wahren, ist natürlich die höchste Aufgabe des Sohnes
des Himmels, ihres höchsten Führers im Tao; somit ist die
Förderung einer kalendermäßigen Regierung und eines kalender-
mäßigen Volkslebens immer seit der Han-Dynastie durch
Staatsmänner als kaiserliche Pflicht anerkannt. In Erlässen
von Gründern von Dynastien und anderen Kaisern ist sie häufig
klar geäußert. Mehr und mehr sind sowohl die Staatsinstitutionen
wie die vornehmen Verrichtungen im religiösen, sozialen und
häuslichen Leben des Volkes an feste Zeitpunkte des Jahres
geknüpft worden. Bücher, sogar recht umfangreiche, sind ent-
standen, der Menschheit zur Sicherung ihrer kalendrischen
Lebensführung als Wegweiser zu dienen. So schrieb im zweiten
vorchristlichen Jahrhundert der kaiserliche Prinz Liu Ngan
seine ^ ^jj. Regeln für die Jahreszeiten, die das fünfte Buch
seines Hung Lig' Kiai bilden. In dem P9 J!^ ^ H Ü §
tS ® S S - K ' U t S ' U a n - S U t S U n g - M U ' t ' i J a O, das Wichtigste
311
aus dem Kataloge aller Bücher der vier Bibliotheken, der größten Bi-
bliographie der Welt, welche 1782 nach etwa zehnjähriger Ar-
beit einer großen Anzahl Gelehrter fertig war, ist dem Gegen-
stand das 67. ihrer 200 Kapitel gewidmet und der Titel ^ ^,
Weisungen für (Anpassung an) die Zeiten, beigelegt. Es wird darin
keine besonders große Anzahl Werke dieser Klasse erwähnt,
was sich wohl auf den Umstand zurückführen läßt, daß für die
Anfertigung einer großen Verschiedenheit nie Anlaß vorlag,
nachdem die Weisungen ein für allemal festgestellt waren; über-
dies zersplitterte sich der Stoff von selbst in vielerlei Hand-
bücher für Ackerbau, Heilkunde (vgl. S. 120), Sitten und
Bräuche, Daß das Juß' Ling und daneben in anderen heiligen
Büchern zerstreute Angaben die Grundlage für alle Werke
dieser Klasse bilden, ist eine Selbstverständlichkeit. Das vor-
nehmste Werk der Ming-Zeit war das J^ ^ Ä^ Juö' Ling
kuang I, Weitläufige Erklärungen der Weisungen für die Monate, von
}fM f(^ ^ FungJing-king, einem hohen Beamten, der 1606
oder 1607 starb ;^ es besteht aus 24 Kapiteln und einer aus-
führlichen illustrierten Einleitung. Mit großer Mühe gelang es
mir 1887, ein sehr altes Exemplar aufzutreiben, und es ist jetzt
wohl gar nicht mehr zu bekommen. Kaiser Sing Tsu, der
„das Tao der Menschheit gehorsamst hochhielt und somit die
Zeiten für die Menschheit ehrerbietig gab" (^ ^ ^ ^^
^ IS* A. 8$)' ^^^^ dieses Werk um- und ausarbeiten, und so
entstand das ^ -^ ^ ^ Jue' Ling tsi' Jao, die sämtlichen
Wichtigkeiten der Weisungen für die Monate, das im 54. Jahre seiner
Regierung (1715) festgesetzt (^) wurde — eine durch kaiserhchen
Willen geschaffene moderne Bibel für das Tao des Menschen,
mit Grundlagen, welche in der heihgen Urzeit gelegt sind.
Im riesenhaften T'u §u Tsi'-tsMng (s. S. 68) ist die
Literatur über diesen Gegenstand in systematischer Anordnung
1 Seine Biographie befindet sich in Kap. 237 des ^ ^ Ming Si.
zusammengebracht im zweiten der 32 großen Hauptabschnitte
(ÄL Tien)^ der den Titel ^.^0]^ Beschäftigungen während des
Jahrkreises, führt und aus nicht weniger als 116 umfangreichen
Kapiteln besteht. Daß sie da gerade das zweite Tien bildet^
unmittelbar nach dem über ^^ ^ oder Himmelskunde, kenn-
zeichnet die hohe Bedeutung dieser universistischen Staats-
angelegenheit wohl aufs schlagendste. Es erübrigt sich wohl,
hier noch hinzuzufügen, daß diese 116 Kapitel die reichste Fund-
grube für die Kenntnis der Institutionen, Sitten und Bräuche
der Chmesen bieten, welche man sich nur wünschen kann.
Soll die kaiserliche Regierung die Menschheit veranlassen,
ja sogar zwingen, ihre Lebensführung pünktlich dem Lauf der
Zeit anzupassen, dann ergibt sich, daß sie sie mit einem Ka-
lender zu versehen hat, weil der Mensch selbst es nicht vermag,
den Lauf der Zeit richtig wahrzunehmen. Eine zweite Vor-
bedingung dabei ist, daß dieser Kalender den Erfordernissen
der allerhöchsten Genauigkeit entspricht, damit er nicht, anstatt
den Menschen mit fester Hand in dem Tao, der Bahn des
Weltalls, zu geleiten, ihn im Gegenteil davon ablenke und somit
die furchtbaren Störungen hervorrufe, vor denen das Jug' Ling
so energisch warnt.
Die Folgerung liegt also nahe, daß, solange das univer-
sistische System in China geherrscht hat, es dort wirklich mit
äußerster Sorgfalt angefertigte fürstliche Kalender gegeben hat,
und daß bis auf diesen Tag die kaiserliche Regierung den Ka-
lender macht. Der Titel dieses unentbehrlichen Führers für das
Tao der Menschheit lautet ^ ^ Sfe Si Hiön S u, Buch der
Weisungen für die Zeiten; er ist der auf S. 303 wiedergegebenen
heiligen Vorschrift des §u entlehnt, wonach der Herrscher
solche ^t ^* Si Hien, Weisungen für die (Anpassung an die) Zeiten,
machen soll, und bringt somit zum Ausdruck, daß dieser Ka-
lender die Lebensführung der Menschheit an bestimmte Zeit-
313
punkte festknüpft. Sein Hauptzweck ist in der Tat das An-
weisen von Tagen, welche für bestimmte Handlungen geeignet
oder ungeeignet sind. Somit sichert die Befolgung seiner Wei-
sungen Glück und Segen und wahrt gegen Unheil aller Art;
der Kalender ist also ein magisches Werkzeug, ohne welches
dem Volk und Kaiser Verfall und Untergang beschieden wären.
Natürlich muß er sich genau richten nach den zwei vornehmsten
Reglern der Zeit, Sonne und Mond. Dementsprechend verteilt er
das Sonnenjahr in 24 'f^ ^ Tsie' KM, Odem der Jahresabschnitte,
von gleicher Länge, und daneben in ^ JuÖ*, Monde, also in
^lonate, die alle mit Neumond beginnen, und zwischen welche
gelegentlich ein Schaltmonat (P§^) eingefügt wird, damit
die Übereinstimmung des Mondjahres mit dem Sonnenjahre
gewahrt bleibt, Chinas kaiserlicher Kalender ist ein Muster
der Genauigkeit und ist es unter dem Bann des Universismus
wohl immer seit dem fernen Altertum gewesen. Wäre das Ge-
genteil der Fall, so würde das Tao der Menschheit sich von
dem des Weltalls lösen; die menschlichen Beziehungen zu
den Göttern (Ssn) und bösen Geistern (Kwei) von Jang und
Jin, aus denen das Tao der Welt zusammengesetzt ist, würden
sich verwirren und zerrütten; dann ginge der Schutz der
Götter den Menschen verloren, und die bösen Geister ■ würden
frei w^alten und Verderben bringen.
Die heilige Schrift lehrt, daß bereits Jao, der große
Gründer des Tao der Menschheit, die Herausgabe eines Staats-
kalenders angeordnet habe. In dem von ihm handelnden ersten
Buch des Su steht geschrieben: TJf^^^^^^^^
^ -if & W T Fft ^ ls& tSü. Er befahl sodann Hi und Ho
zwecks genauer Übereinstimmung mit dem leuchtenden Himmel (die Bahnen
von) Sonne und Mond, Sternen und Planeten durch Berechnung darzustellen
und in Ehrfurcht die Zeiten für die Menschheit zu geben . . . Der Kaiser
314
sprach: O, ihr Hi und Ho, ein Jahrkreis hat dreihundert und sechsmal
zehn und sechs Tage; stellt mit Hilfe eines Schaltmonates die vier Jahres-
zeiten fest und bestimmt völlig den Jahrkreis; regelt dadurch das hundert-
fältige Werk (der Verwaltung) bis ins kleinste, so werden die Handlungen
der Gesamtheit gesegnet sein.
Sö-ma Ts*iöns Vater, ^ i|| ^ Se-ma T*aü, der
unter dem Kaiser ^ Wu der H an- Dynastie selbst die An-
fertigung des Kalenders und zugleich die der Geschichts-
annalen zu besorgen hatte, sagt es uns unverhohlen, daß Jao
durch diese kalendrische Regelung der Handlungen seiner
Staatsdiener und seines Volkes einen günstigen Einfluß auf das
T a 0 der Welt auszuüben bezweckte : — ein Beweis für die
Zauberkraft der taoistischen Heiligkeit des Kaisertums. Er
schrieb nämlich (Si Ki, Kap. 26, Bl. 3): ^ jjl ^ ^ J^ 1^ ^
JK. "5^* '^^'^ errichtete das Amt der Hi und Ho, damit nach ihren kor-
rekten Berechnungen zur klaren Bestimmung der Zeitabschnitte das J i n
und das J a n g harmonisch zusammenwirken sollen, auf daß dadurch
Wind und Regen in den rechten Zeitabschnitten eintreffen, altso Wetter-
verhältnisse eintreten, die ein üppiges Wachstum herbeiführen, und weder
Hungerplagen noch Seuchen unter dem Volk vorkommen.
Im Zeitalter der Tsou-Dynastie (1122 — 255 v. Chr.) war
die Herstellung des Kalenders gewissen -^ ^ t a § i, hohen
Schriftstellern, anvertraut, über die wir im TsouKuan (Kap. 26)
folgendes lesen: iE B ^ B ^ ^om Z "f t 1^ M
^ §R ^ "ö" 5^ "P ^ H- ®^® bestimmen pünktlich das Sonnen-
jahr (^^) und das Mondjahr (um), um dadurch die Beschäftigungen in
der richtigen Ordnung zu halten. Sie lassen diese ihre Bestimmungen den
Amtsgebäuden und den Hauptstädten der prinzlichen Domänen zugehen;
auch stellen sie ihre Weisungen über die ersten Tage der Monate (ihr Ka-
lendarium) den Lehnsreichen zu. Bemerkenswert ist die Tatsache,
daß das Tsou Kuan neben diesen ta-Si auch noch /J> g^
siao Si, Unterschriftsteller, erwähnt, denen die Verfassung der
^ H ^ ^^ Historien der Reiche, anvertraut war, und über-
315
dies auch noch ^^ ^ Wai §i, Schriftsteller für das Auswärtige,
denen die ^ yjf J^ ^, Geschiehtschreibung der Länder der vier
Himmelsgegenden, oblag. Auch aus anderen heih'gen Büchern,
zeigt sich, daß die Si staatHche Chronisten waren, und be-
kanntlich führten auch Se-ma T'an und Sß-ma Ts*iCn den
Amtstitel ^ ^ t'ai Si, höchster öi. Also waren in den alten
Zeiten Zeitrechnung und Geschichtschreibung zu einem ein-
zigen Amt vereint, und somit ist eine Erklärung gegeben von
der bewundernswerten chronologischen Genauigkeit der chi-
nesischen Geschichte, die seitdem nie aufgehört hat: auch sie
ist eine Frucht des Universismus, der stets eine völlig fehler-
freie Zeitrechnung gebieterisch erheischte.
Aus dem Tsou Kuan geht hervor, daß die Si an der
Spitze eines Amtes standen; freilich erforderte die Aufstellung
des Kalenders umfangreiche Himmelswahrnehmimgen und Be-
rechnungen. Das Amt hatte sich auch mit der Wahrnehmung
und Deutung von außergewöhnlichen Erscheinungen zu be-
fassen, sowie mit Astrologie und weiterer mystischer Wissen-
schaft. Unmittelbar nach den siao Si erwähnt das Tsou
Kuan nämlich: ^,l| ffi ^, ^ + ^ - 0. + ^ ^ .9 .
+ ?^ ZI Jg , -h 0 , - + ^ A M ^ fö . ^ Ä #
^ i5i ^^ 5^ fö^* Zuverlässige Observatoren, die sich mit dem zwölf-
fachen Jahr, den zwölf Monaten, den zwölf Ts'ön, den zehn Tagen und
dem Stand der 28 (Haupt)sternbilder beschäftigen und auch die Handlungen
der Menschen bestimmen, welche diese Sternbilder regeln, damit jene mit
dem Stand des Himmels übereinstimmen. Dieses zwölffache Jahr
kann nur auf das T'ai Sui, das „größte Jahr", den Kreislauf
des Jupiter hindeuten, dessen Kolle als Zeitgott bis auf diesen
Tag wir auf S. 280f. erwähnten. Mit den 12 Ts'en und den
10 Tagen sind ohne Zweifel die 12 Ki und 10 Kan ge-
meint (s. S. 320), welche alle Zeiten hindurch zur Bezeichnung
der Jahre, Monate, Tage und Stunden angewandt worden sind.
Und der Schlußsatz unterrichtet uns über die damalige Staats-
316
astrologie^ welche das menschliche Tun nach dem Stand der
Gestirne regelte.
Dieses alte Amt für Zeitrechnung und Himmelsbeob-
achtung hat immer als ein höchst wichtiges Staatinstitut fort-
bestanden. Während der zwei letzten Kaiserhäuser hat es den
Titel ^^^ KMn T'iön Kiön geführt, der Amt für die
gehorsame Übereinstimmung mit dem Himmel bedeutet, da er sicherlich
eine Abkürzung von ^^.^ ^ ^ darstellt, also von dem
Passus im heiligen Su hergeleitet ist, wonach die heiligen
Herrscher „eine gehorsame Übereinstimmung der Menschheit
mit dem Himmel" zu erzielen verpflichtet sind (s. S. 303). Die
Obliegenheiten dieses Amtes umschreibt die neueste Ausgabe
des Ta Ts'ing hui Tien vom Jahre 1899 in folgenden
Worten: ^ M ^ ^ ^ Z ^ ^ m \§, ^ ^^ B ^
Amo}im.m^mmm^mz^^^mz-
Es besorgt die Ausführung der Regierungsverordnungen betreffs der Be-
rechnung des Laufes des Himmels mittels tiefgründiger Wahrnehmungen,
zur Förderung der Übereinstimmung mit den himmlischen Zeitteilen, und
um dadurch die Zeitteile für das menschliche Leben anzugeben. Es be-
schäftigt sich mit allem, was die Beobachtung der Bilder am Himmel, die
Deutung der Zeichen, das Wählen (geeigneter Zeitpunkte) und das Wahr-
nehmen vo^i geeigneten Stunden betrifft.
Die zwei Hauptabteilungen des K ' i n T ' i 6 n K i e n sind
das ^ ^ Jßl Si Hien K'o, die Abteilung der Weisungen für
die Zeiten^ und das ^ ^ J^ T'^ienWÖn K'^O, die Abteilung
für die Zeichnungen am Himmel, also für Astronomie und Astro-
logie. Dem erstgenannten ist, wie aus dem Namen hervorgeht,
die jährliche Anfertigung des Kalenders, des ,,Buches der Wei-
sungen für die Zeiten" (s. S. 303), auferlegt. Es hat an der
Spitze zwei mantschurische und zwei mongolische 5E g jE?
Direktoren der fünf Gewalten oder Mächte, und als Aveitere Mitglieder
einen 5^ 1^ iE, S W iE, 4» 1^ iE, I«: *& iE »"d ^
B TP? ^^^0 fünf Direktoren für die Gewalt des Frühlings, des Sommers,
317
der Mitte, des Herbstes und des Winters^ die ausnahmslos Chinesen
sind. Danach folgen ein chinesischer 5. *& 3 ^, Verwalter
der Schriftstücke über die fünf Gewalten, 23 chinesische, mantschu-
rische und mongolische -[^ -j[^, Gelehrte, und 63 chinesische,
mantschurlsche und mongolische ^ ^ ^, Astronomen. Auch
das „Wählen geeigneter Zeitpunkte" (jg ;j^) und das „Wahr-
nehmen geeigneter Stunden" (^ fl^), namenthch für die Staats-
opfer, kaiserlichen Audienzen, Eheschließungen und Toten-
bräuche in der kaiserlichen Familie, liegt dieser Abteilung ob,
ebenso die Deutung der Vorzeichen, über die wir im folgenden
Kapitel ausführen werden. Sie läßt somit einen zweiten Kalender
erscheinen, der dazu bestimmt ist, die Hauptgrundlage für das
Wahrsagewesen im Reiche zu sein und diesen Titel führt: U^
i^^ W^W Ts'i' Töing Si Hiön Su, Buch der Weisungen
für die Zeiten nach den sieben Regierern, d. h. Sonne, Mond und den
fünf Planeten.
Die Herausgabe des Kalenders war nicht allein immer
jedes Kaisers Pflicht, sondern auch sein Sonderrecht. Der ab-
solute Gehorsam, den der Mensch dem Tao des Himmels
leisten muß, gibt sich durch strikte Befolgung der Weisungen
des Kalenders kund und bedeutet somit absolute Unterwerfung-
unter die Führung des Verfassers dieses Buches, des Sohnes und
Statthalters des Himmels auf der Erde; diesem war wiederum
der Kalender das Werkzeug, mittels dessen er diese Unter-
werfung unter seine universelle Gewalt aufrechterhielt. Den-
selben Zweck erfüllte dieses Buch in den Lehnsstaaten; daselbst
wäre also eine Weigerung, den Kalender entgegenzunehmen
und seine Weisungen zu befolgen, gleichbedeutend gewesen mit
offener Rebellion gegen den Himmel und seinen Sohn. Ver-
mutlich war es in vergangenen Jahrhunderten steter Brauch
und Regel, den Reichen, welche Chinas Oberhoheit aner-
kannten, von reichswegen den kaiserlichen Kalender zuzustellen.
Während der Herrschaft der M in g- Dynastie wurde er, den
318
«
Reichsstatuten gemäß; an Tschampa, Liu-kiu und andere Reiche
gesandt; und sicherlich war es nicht nur um chinesischer Ko-
lonisten willen, daß das Haus der Mantschu seinen Staatsalma-
nach den Bedürfnissen von Korea, Annam und Liu-kiu anpassen
ließ durch Einschaltung von Tafeln der für jene Länder gültigen
Zeitpunkte vom Auf- und Untergang der Sonne und des Be-
ginnes der 24 Sonnenjahresabschnitte.
Die Reichsstatuten schreiben vor, daß das K'in T'^iSn
Kien jedes Jahr eine Ausgabe des Kalenders in Chinesisch,
Mantschurisch und Mongolisch anfertigen soll. Schon am ersten
Tage des zweiten Monates des ablaufenden Jahres bietet das
Amt dem Kaiser ein geschriebenes Exemplar des neuen Kalenders
an, worauf dieser den Befehl zum Drucken erteilt. Daraufhin
schickt das Amt am ersten Tag des vierten Monates durch die
Militärpost chinesische Exemplare an den Gouverneur von
Sun-t*^ien und an die Gouverneurleutnants ('flJ iß^ 'fiP) der
achtzehn Provinzen. Diese lassen es zum Zwecke der Weiter-
verteilung an die Beamtenschaft in neuen Auflagen abdrucken,
die von der Originalausgabe nur in Format und Druck ab-
weichen dürfen und einzelne jeweils überflüssige Teile, wie die
für andere Provinzen gültigen Sonnenaufgangs- und -unter-
gangstabellen, wegzulassen pflegen.
Wie aus den herangezogenen Vorschriften des S u und des
Tsou Kuan hinsichtlich des Kalenders zu lesen ist, soll dieses
kaiserliche Buch auch die Zwecke der Chronomantik erfüllen,
d. h. es soll angeben, welche Zeitteile, in erster Linie also
welche Tage, auf bestimmte Handlungen des menschlich-en
Lebens segnend einwirken und dafür unbedingt auserwählt
werden sollen. Es erfüllt diese Pflicht besonders eingehend und
ist also auf dem Lebensweg des Menschen der Kompaß, der
es ermöglicht, nach dem großen Gesetz zu leben, daß dieser
Lebensweg mit dem Weg oder T a o der Weltordnung, dem Lauf
der Zeit, übereinstimmen soll. Weil nun jede andere Lebens-
319
führung nur Unglück und Verderben bringen kann, so «ind die
cbronomantischen Weisungen des Kalenders von einem Wert,
den man gar nicht hoch genug einzuschätzen vermag: sie
machen tatsächlich das magische universistische Buch zum
Grundpfeiler des Wohlergehens und der Existenz von Regierung
und Volk. Da werden Tage und Stunden angegeben, die geeignet
(*S) ^^^^^ ^^ ^^^^^ ^^^ schließen und verheiratete Töchter in
die Wohnung des Gatten überzuführen; für Wohnungsumzüge;
um Haus-, Tempel- oder SchifFsreparaturen in Angriff zu nehmen,
oder einen Neubau dadurch zu beginnen, daß man den ersten
Holzpfeiler errichtet (^ i^), oder den Firstbalken auf einem
Gerüste an die Stelle bringt, die er endgültig einnehmen soll
(Jt ^)- ^^ kaiserlichen Almanach findet man die günstigen
Tage und Stunden, um Erdarbeiten zu unternehmen, ohne daß
man sich um die Störung der gefährlichen Erdgeister (-f- f|j),
vgl. S. 13) zu kümmern braucht; geeignete Tage, um Bäume
zu fällen, die Wohnung zu kehren, auf dem Webstuhl die
Kette einzusetzen, Brodierwerk anzufangen, einen Anzug zuzu-
schneiden; um auszusäen und einzuernten; um zum ersten Male
in die Schule zu gehen ( A ffi); um zu jagen,.Vieh zu weiden,
sich zu baden oder sich den Kopf rasieren zu lassen; um
Handelsgeschäfte und Läden zu eröffnen (p^ T|i)? Greld in
Empfang zu nehmen (^K| K'), Güter auszutauschen, schriftliche
Vereinbarungen zu treffen, Zusammenkünfte mit Freunden und
Verwandten zu haben, eine Reise anzutreten, der Behörde Ge-
suche einzureichen, Tote beizusetzen. Kranke zu heilen (^^)j
Opfer darzubringen, und so fort. Auch sind Tage angewiesen,
welche für gewisse Dinge ungeeignet (^ ^) sind. Keinem
vernünftigen Menschen wird es einfallen, eine nicht alltägliche
Angelegenheit des Lebens am ungeeigneten Tage zu ver-
richten, es sei denn, daß er sich imstande glaubt, durch
schlaue Kunstgriffe von geradezu kindischer Art die üblen
Folgen eines solchen Verstoßes gegen das Tao von sich
320
auf irgendwelche Tiere, wie Wanzen, Schwaben, Mäuse, ab-
zuwenden. ^
Die chronomantische Rolle des Staatskalenders beruht
auf dem uns bekannten universistischen Grundprinzip, daß das
Weltganze ein lebender Organismus ist, dessen schöpferischer
Gang oder Tao, der Zeitlauf, alljährliches Werk der unzähligen
S6n oder Gottheiten ist, die, seine Seele, welche Jang heißt,
bilden. Die verschiedenen Unterteile der Zeit: das T'ai Sui
oder Größte Jahr, das Sonnenjahr, die Jahreszeiten, Monate und
Tage, sogar die Stunden, sind somit nichts anderes als Wir-
kungen der Sgn, sogar diese Sön selbst; doch haben wir
auf S. 280ff. gesehen, daß das Größte Jahr, das Jahr, die Jahres-
zeiten und die Monate im Tempel des Größten Jahres als
Staatsgötter verehrt werden.
Diese aus der Göttlichkeit des Tao von selbst erfolgende
Vergöttlichung der Zeitabschnitte ist in der Wirklichkeit eine
Vergöttlichung der Namen, mit denen die Zeitabschnitte be-
zeichnet werden. Wie vorher schon erwähnt wurde, (s.S. 233)
benennt man in China seit der Tsou-Dynastie, und wahr-
scheinlich bereits viel länger, die Jahre, Monate, Tage und
Stunden mit zwei sich ewig und unveränderlich wiederholenden
Reihen von Schriftzeichen, welche die zehn -p* Kan und die
zwölf "^ Ki heißen und zusammen einen Zyklus von sechzig
Doppelzeichen bilden, so daß jeder der genannten Zeitteile
solch ein Doppelzeichen als Namen trägt:
Diese Zeichen bilden also das Geschick der menschlichen
Welt, wie es das Tao, der Gang der Weltordnung und der
Zeit, bestimmt. Nun ist die Chronomantik in Wirklichkeit nur
eine Art von Kabbalistik, deren Hauptfaktoren diese göttlichen
^ Näheres hierüber in The Relig-ious System of China, Bd. I, S. 99 f.
321
Zykkiszeichen sind. Sie entlelineii ihren glückverheißenden Wert
direkt dem T'ai Sui, dem Kreislauf des Jupiter, der, wie
.schon auf S. 281 gesagt, ihnen die T*i6n Te' oder Segnungen
des Himmels zuerteilt. Es treten aber noch Manipulationen mit
Zahlen hinzu, denen auf Grund dogmatischer Zeugnisse der
lieiligen Schriften besondere Bedeutung innewohnt; so steht
z. B. im Anhang Hi Ts'g (I) des Ji' geschrieben: ^ — •
Dem Himmel entsprechen die Zahlen 1, 3, 6, 7, 9, der Erde die Zahlen
2, 4, C), 8, 10. Sonach g'ibt es 5 himmlische und 5 irdische Zahlen; jede
Reihe von 5 wirkt auf die andere, und jede Reihe hat eine Gesamtsumme,
welche für die himmlischen Zahlen 25, für die irdischen 30 beträgt, und
für die beiden Reihen 55 ist. Diese Zahlen sind es, womit (das Weltall) die
Wandlungen (s. S. 8) zustande bringt und die Kwei und die Sön
wirken läßt.
Wie sich urkundlich nachweisen läßt, wurden bereits in
der vorchristlichen Zeit die Kan und die Ki auch zur Be-
zeichnung der Himmelsgegenden gebraucht. Damit war ihre
Verbindung mit allen übrigen Faktoren des Universismus, die
wir in der Übersichtstafel auf S. 120 zusammengestellt haben,
für alle Zeit gegeben, und es ließ sich eine Wissenschaft auf-
bauen, die den Namen ||& H^? Kunstrechnen, trägt und eine
Unmasse von Büchern erzeugt hat. Durch diese Kombinationen
hat sie sich auch mit der Astrologie vollständig verwoben; sie
hat auch die Mantik, die x4rt zur Erkenntnis und Deutung der
Vorzeichen und der Wirkungen der Natur, auf die wir in den
zwei folgenden Kapiteln zu sprechen kommen, in ihren Bann-
kreis gezogen. Die Chronomantik des Staatskalenders ist die
vollkommenste und wertvollste Frucht dieser „Kunstberechnung",
ihre feinste Essenz. Uns kann sie nur wie eine Karikatur einer
De Groot, Universismus. 21
322
Wissenschaft erscheinen, wie ein Produkt zaUreicher weiser
Hirne, die sich im Laufe der Jahrhunderte in sie versenkten,
und deren Aussprüche, wie unverständüch oder undeutbar auch
immer, als Wahrheiten des Vorahnentums bewußt kritiklos
hingenommen wurden. Vor allen Dingen aber entlehnt die
Chronomantik des Staatskalenders Kraft und Geltung aus der
einfachen Tatsache, daß sie der heihgen und göttlichen Weisheit
des Sohnes des Himmels entsprießt, welche, weil ihr der Himmel
die Führung der Menschheit anvertraut, so unfehlbar ist wie
der Himmel selbst. Demgegenüber schAvieg immer jede andere
Erwägung, und wie könnte es dem nicht in unserem Denken
und Wissen geschulten Chinesenvolk je einfallen, in dieser After-
wissenschaft etwas Albernes oder Absurdes zu erblicken!
Sind wir imstande, uns hier einigermaßen auf den chi-
nesischen Standpunkt zu stellen, dann kann es nur als eine
Selbstverständlichkeit erscheinen, daß die alljährliche Heraus-
gabe des Staatsalmanachs in sehr feierHcher Weise stattfindet,
nach einem Ritual, das in den Statuten des Reiches streng um-
schrieben ist. Am ersten des zehnten Monates versammeln sich
beim ersten Morgengrauen die Beamten des K'^in T*^ien Kien
in der großen Halle dieser Behörde, unter Führung seiner zwei
Direktoren (^ jj). Alle tragen Hofgewänder. Die für den
Kaiser, die Kaiserin und die übrigen Gemahlinnen bestimmten
Kalenderexemplare legen sie respektvoll in einen „Drachen-
pavillon" (s. S. 166) und machen davor einen Kniefall mit drei
Stirnaufschlägen, zur Ehrung des heiligen Buches. Sodann
werden die für die Prinzen und die höchsten Würdenträger der
Ministerien und Amter bestimmten Exemplare in acht bunte
Pavillons (^ ^^) getragen und in der gleichen Weise verehrt;
zuletzt legt man eine große Anzahl, die für die Behörden der
Acht Banner und die übrige Beamtenschaft bestimmt sind, auf
achtzig in den Seitengebäuden (Wu) der Halle bereitstehende
rote Tische nieder. Träger, welche den kaiserlichen Equipagen
323
angehören (^ j^ j^), befördern nun in langem Zuge und mit
peinlicher Innehaltung der den Rangstufen der einzelnen Emp-
fänger entsprechenden Reihenfolge, die Pavillons zum Palast,
wobei ein Pavillon vorangetragen wird, in dem man zu Ehren
der Kalender Weihrauch brennen läßt. An der Spitze des Zuges
gehen Träger von Prunkwaffen, Musikanten und Sänger und
das gesamte Beamtenpersonal des K'inT*i6nKi6n, während
die Direktoren und Unterdirektoren (^ g|J) den Zug schließen.
Unterwegs wird mit Musikbegleitung eine diesbezügliche Kan-
tate aus 28 Schriftzeichen gesungen.
Wenn diese Prozession durch das südöstliche Tor des
Palastes (^ -g ^ P^) gezogen ist und das Südtor (Wu Mön)
des mittleren Palastvierecks erreicht hat, werden auf zwei
gelbe Tische, die dort östlich und westlich vom mittleren Ein-
gang aufgestellt sind, die Kalender niedergelegt, welche für
den Kaiser und die Gemahlinnen bestimmt sind; desgleichen
auf acht rote Tische beiderseits des Torweges die den Prinzen
und Ministern zugedachten Exemplare. Sodann nehmen die
Direktoren die Kalender von den gelben Tischen weg und
tragen sie nach zwei anderen gelben Tischen hin, die weiter
nach dem Palastinnern zu am "^ ^fP T'ai Ho- Tor aufgestellt
sind. Dort vollziehen sie den dreimaligen Fußfall und neun-
fachen Stirnaufschlag, worauf Beamte der kaiserlichen Haus-
verwaltung ( pj ^ jfS) die Kalender bis zum ^ *^ K ' i e n
Ts'ing-Tor, dem Haupttor des eigentlichen Palastinnern, und
zur Pforte des Harems tragen, wo die Eunuchen sie entgegen-
nehmen und dem Kaiser und den Gemahlinnen überbringen.
Durch dieses ^ |^ h i e n &o\ ehrerbietige Darbietung der
Oalendae, gelangt der Kaiser in den Besitz je eines in chi-
nesischer und mantschurischer Sprache abgefaßten und für
sein erhabenes Auge ausschließlich bestimmten handschriftlichen
Almanachs; dabei empfängt er noch drei gedruckte Exemplare
in mantschurischer, chinesischer und mongolischer Schrift, und
21*
324
ein mantschurisches und chinesisches Exemplar des Planeten-
kalenders. Jedes ist in gelbe Seide gebunden und mit goldenen
Inschriften verziert. Die Kaiserin empfängt den Almanach in
den drei^ den Planetenkalender in zwei Sprachen, die übrigen
Gemahlinnen erhalten je ein chinesisches und mantschurisches
Exemplar.
Die für die Prinzen und Minister bestimmten Exemplare
in Chinesisch und Mantschurisch blieben inzwischen vor dem
Südtor auf den acht Tischen liegen. Dort sammelten sich schon
beim Tagesgrauen diese hohen Personen in HofgeAvändern,
und solange noch Korea die Oberhoheit Chinas anerkannte,
führten Beamte des Ministeriums der Li den Gesandten dieses
Landes in seiner nationalen Hoftracht herbei. Zwei Herolde
(f|^ ^) des Amtes für das Hofzeremoniell (p^ ^jj ^), von
je einem Zensor für die Kontrolle der Zeremonien (^^ Ä
f^P §&) ^^^^ einem Beamten des Ministeriums der Li begleitet,
stellen sich beiderseits des Torweges auf und fordern mit lauter
Stimme die Anwesenden auf, sich nach der Rangordnung auf-
zustellen (^ 5fiE)- Beamte desselben Amtes führen dann die
Prinzen auf ihre Plätze auf dem Torweg und die Minister auf
die ihrigen beiderseits desselben, und alle wenden sich nach
Norden zum inneren Palast. Auf weiteren Befehl der Herolde
schreiten alle vorwärts, werfen sich auf die Knie und hören,
von Ehrfurcht erfüllt, eine mit lauter Stimme vorgelesene
kaiserliche Verordnung (^Ij) an, welche lautet: ^ ^ ^ ^
'S ^ ^O" ^ '^ ^ i^ ^~T^' Das Buch der Weisungen für die
Zeiteii des Jahres Soundso wird der gesamten Beamtenschaft zuerteilt zur
weiteren Verkündigung in der Welt, die unter dem Himmel liegt. Alle
bezeugen nun auf Befehl der Herolde durch drei Fußfälle und
neun Stirnaufschläge dem Kaiser und seiner Verordnung Unter-
würfigkeit, Dank und Ehrung.
Beamte des K*in T'ien Kien nehmen nun die Kalender
von den Tischen und händigen sie den nähertretenden Prinzen
325
und Großen aus, unter genauester Beobachtung ihrer Rang-
ordnung, und ein jeder nimmt sein Exemplar kniend in Emp-
fang, die Hände in Augenhöhe emporgehoben. Der Koreanische
Gesandte mußte, bevor das Exemplar ihm ausgehändigt wurde,
i^peziell nochmals drei Fußfälle und neun Stirnaufschläge aus-
führen; dann sollte er zu seinem König hinreisen und dieser
dort nach dem Zeremoniell seines Landes ehrerbietig, in Hof-
gewand, den Kalender aus seinen Händen empfangen.
Der geschilderte Vorgang heißt offiziell ^ ^ sou Öo*,
das Empfangen der Calendae. Er zeigt deutlich und klar die Tat-
sache, daß die Magnaten, Vasallen und höchsten Würdenträger
des Reiches eigentlich das Kalendarium vom Kaiser selbst am
Tore seines Palastes in Empfang nehmen. Wir haben gesehen
(S. 322), daß am selben Morgen im K'in TMßn Kißn die
Kalender für die übrige Beamtenschaft Pekings auf achtzig
Tischen ausgelegt wurden. Diese verfügt sich nunmehr dorthin
und nimmt sie unter Befolgung des oben beschriebenen Zere-
moniells ehrfurchtsvoll in Empfang.
Gleichzeitig vollzieht sich der „Empfang der Calendae"
auch in sämtlichen achtzehn Provinzialhauptstädten des Reiches,
wo, wie gesagt (S. 318), durch die Behörde Abdrucke der dazu
von Peking übersandten Originale angefertigt wurden. Eine
Anzahl Exemplare wird beim Morgengrauen in „Drachen-
pavillons" und unter Musikbegleitung vom Jam6n des Gouvcr-
neurleutnants nach dem des General -Gouverneurs (^ ^)
getragen, oder, falls die Stadt nicht der Sitz eines solchen
höchsten Provinzial Würdenträgers ist, nach dem des Gou-
verneurs (^ :jfc). Dort werden sie auf Tische niedergelegt,
an deren nach Peking gewandten Seiten eine Zeichnung der
Palasttore an einem Wandschirm aufgehängt ist. Bald sind alle
Reichsdiener dort in Hofgewändern beisammen und auf Befehl
eines Zeremonienmeisters genau in der Rangordnung in zwei
Gruppen aufgestellt, die Zivilbeamten mit dem General -Gou-
326
verneur oder dem Gouverneur auf der östlichen, die Militär-
beamten auf der westlichen Seite. Wie ein Mann vollführen
sie, den Kalendern und der Zeichnung zugewandt^ drei Knie-
fälle und neun Stirnaufschläge; dann nimmt jeder das ihm
ausgehändigte Exemplar ehrerbietig in Empfang und geht
seinen Weg. Nunmehr versendet der Gouverneurleutnant eine
Anzahl Exemplare an jeden Tao-tai der Provinz, der sie
wiederum der Behörde der Bezirke und Kreise seines Amts-
gebietes zugehen läßt, zur Verteilung in derselben Weise, wie
es in der Hauptstadt der Provinz stattfand, und zwar unmittelbar
nach dem Empfang. In ähnlicher Weise gehen vom Gouver-
neurleutnant den militärischen Kommandostellen der Provinz
Exemplare zu, zur Weiterversendung an die Befehlshaber der
verschiedenen Garnisonen.
Die zeremonielle Herausgabe des Almanachs trägt amtlich
denselben Namen ^ |^ pa^n So', Verteilung der Calendae, den
ihr d^s Tsou Kuan in dem Satz, den wir auf S. 314 übersetzten,
beilegt. Es kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß sie
immer in ähnlicher Weise, wie oben beschrieben, stattgefunden
hat. Von den unteren Stufen der Beamtenschaft erreicht der
Kalender schließlich das eigentliche Volk, obzwar, wie wir so-
gleich sehen werden, zumeist in umgearbeiteter Form. Die offi-
zielle Ausgabe ist in der Tat nur selten in den Händen der
Bevölkerung zu sehen.
Daß es dem Volke unter schwerer Strafe verboten ist,
sich Eingriffe in das kaiserliche Sonderrecht zur Anfertigung
und Veröffentlichung des Staatskalenders zu erlauben, versteht
sich von selbst. Das ^ J^ ^ '^J ^a Ts*^ing Lü^ Li, die
Strafgesetze und darauf bezügliche Weisungen der Großen Ts'ing- Dynastie,
bestimmt im 4. Titel des 32. Kapitels: jlH ig; ^ ^ P^ f P
327
JE "1" PI^- ^'" jeder, der ein von einer Behörde mit Siegelabdruck be-
t^daubigtes Stück oder das Buch der Weisungen für die Zeiten nachmacht,
wird, wenn er der Hauptschuldige ist und die Druckplatten graviert hat,
enthauptet, und jeder seiner Komplizen wird einen Grad leichter bestraft,
also mit hundert Stockschlägen und lebenslänglicher Verbannung in eine
3,000 L i weit gelegene Gegend. Derjenige, der imstande war, die Sache an-
zugeben oder die Schuldigen zu verhaften, wird von der Behörde mit fünfzig
Tael Silber belohnt. Ein ähnlicher Artikel befand sich im gleich-
namigen Gesetzbuch der M in g- Dynastie.
Dieser gestrenge Gesetzartikel ist keineswegs bestrebt,
die Herstellung privater Kalender zu verhindern. Nachdem die
Herausgabe des Keichskalenders stattgefunden hat, kann es
dem Staat nur genehm sein, wenn er unter dem Volke, sei
es auch in veränderter äußerer Form, möglichst weite Ver-
breitung findet; wirkhch werden dann Nachdrucke in allerhand
Format und Gestalt allenthalben verkauft, zumeist nur einzelne
Blätter, die ^^ <^ gj , Zeichnungen des Frühlingsrindes, heißen,
weil sie die Abbildung eines Landmannes mit einem Pflug-
ochsen tragen. Die Privatkalender in Buchform sind häufig
inhaltsreicher als die Staatskalender. Sie enthalten nämHch,
neben den Angaben für die Chronomantik, noch allerhand, w^as
der chronologischen Krankengenesung (s. S. 120 f.), der Geo-
mantik, der Astrologie usw. dienlich ist, und sie gewähren
somit einen tiefen Blick in das, was wir Volksaberglauben, die
Chinesen aber sorgfältig verwertete Weisheit der Vorfahren
nennen. Für zahlreiche Berufswahrsager sind also die Volks-
almanache unentbehrliche Handbücher, in erster Linie für die
•}$ 0 Biß? Meister, welche Tage auswählen, auch kurzweg Q jjjf,
Tagemeister^ genannt. Sie rechnen sich zu den Gelehrten und
kommen überall in so großer Anzahl vor, daß ihr Beruf gewiß
gut bezahlt sein muß. Sie sind mehr als reine Almanachlescr.
Allerhand vernünftige Kombinationen der universistischen Fak-
toren sollen sie leisten, welche der x\lmanach unmöglich ent-
halten kann, und die über den Verstand des Durchschnitts-
328
menschen gehen. Es Hegt nämhch der Chronomantik das Prin-
zip zugrunde^ daß die Kan und die Ki (s. S. 320), welche
das Jahr, den Mond, den Tag und die Stunde der Geburt eines
jeden Menschen bezeichnen, also seine sogenannten ^ :^^
acht Schriftzeichen, sein Glück ein für allemal bestimmen, somit
tatsächlich sein Lebensschicksal darstellen, und daß es folglich
für ihn immer unratsam, wenn. nicht höchst gefährlich ist, etwas
Besonderes in einem Zeitteil zu unternehmen, der von Kan
und Ki bezeichnet wird, welche mit den „acht Schrift-
zeichen" im Gegensatz stehen.. Hier wird also vorausgesetzt,
daß von den Kan und den K i die einen einander entsprechen
('^), die anderen einander widerstreben {^) oder befeinden
(j^), so daß die mit ihnen verquickten „himmlischen Eigen-
schaften oder Tugenden" (s. S. 281) einander entweder stützen
und stärken oder schwächen und sogar zunichte machen. Die
Zeitteile mit den menschlichen Geburtshoroskopen auf ver-
nünftige Weise übereinstimmen (f||) zu lassen, ist die Haupt-
aufgabe der „Tagemeister". Die uralte Anwendung der Kan
und Ki zur Bezeichnung der Himmelsgegenden (vgl. S. 321)
erlaubt es, sie in einem Zirkelkreis zu schreiben, der das Weltall
vorstellt, und mithin ihre vollständige oder teilweise Konjunktion
und Opposition leichter zu überblicken. Es können auch die
übrigen universistischen Faktoren in ihrem richtigen Zusammen-
hang, den die Tafel auf S. 120 klarstellt, in konzentrischen
Kreisen daneben geschrieben, oder in besonderen Kreisen da-
neben gelegt und somit ihre Einflüsse auf die Kan und Ki
berechnet werden. In derselben Weise läßt sich ein Kreis mit
den 28 vornehmsten Sternbildern (S i u) hinzufügen, und noch
einer mit zwölf Tiernamen, die seit etwa 2000 Jahren in fest-
stehender Reihenfolge den Jahren, Monaten, Tagen und Stunden
entsprachen, nämlich : Ratte, Rind, Tiger, Hase, Drache, Schlange,
Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein. Damit ist die
universistische Kreisfigur, mit Zauberzeichen voll besetzt, den
329
Chronomanten, welche damit zu operieren die natürliche Be-
gabung besitzen, ein unentbehrliches Werkzeug neben dem Al-
manach. Sie hat außerdem die vortreffliche Eigenschaft, fUr
dauernde Ausdehnung geeignet zu sein, denn ebenso wie im
Urall ist in der Figur, welche es abbildet, Raum für alles.
So tritt die Chronomantik, der das- Merkmal der Sinn-
losigkeit auf die Stirn geschrieben ist, vor uns auf als eine
asiatische Wissenschaft der höchsten Ordnung, die den höchsten
menschlichen Zweck zu erfüllen sucht, in Übereinstimmung mit
der Weltordnung zu leben. Daß sie, immer blühend, wachsend
und gedeihend, Jahrhunderten hat Trotz bieten können und,
unter Führung der hohen Staatsregierung, den Geist eines so
großen Teiles der Menschheit vollständig im Bann gehalten hat.
läßt sich nur aus der totalen Abwesenheit richtiger Kenntnisse
des Weltalls und seiner Gesetze erklären. Den Chinesen war
sie immer eine heilige Wissenschaft, aus dem Urall selbst ge-
boren, durch die Weisheit des Ahnentums zum Heil der Menschen-
welt erbaut, durch alle heiligen Himmelssöhne mit der höchsten
Sorgfalt gepflegt. So heilig wie diese Wissenschaft ist, so heilig
ist ihr Bibelchen, der Staatskalender. Dieser ist das mächtige
Werkzeug, mittels dessen das Tao der Welt seine durch die
Sen verwalteten Einflüsse auf das menschliche Geschlecht ein-
wirken läßt, und folglich auch eine unwiderstehliche Vertei-
digungswaö*e gegen die Kwei, die Geister des Übels. Unter
den exorzistischen Instrumenten steht er neben den heiligen
Büchern (vgl. S. 108) obenan. In keiner Wohnung darf eine
„Zeichnung des Frühlingsrindes" als Wandkalender fehlen, oder
das Titel- oder ein anderes Blatt eines Almanachs in Miniatur-
format, das in Papier- und Bücherläden käuflich ist und nach
dem pars-pro-toto-Grundsatz als vollwertiges Abwehrmittel seine
Wirkung übt. Man pflegt dieses Zaubermittel in Betten, Spinden
und an andere versteckte Orte zu legen oder in der Kleidung
zu tragen. Bei keiner Braut, die von ihrem Vaterhause zur
330
Wohnung des Bräutigams übergeführt wircl^ darf das Kalender-
blättchen fehlen, neben den vielen anderen Mitteln zur Abwehr
von Unheil und Heranziehung von Glück, mit denen ihre Tasche
angefüllt ist. Alte Kalender sind als teufelaustreibende Medizin
bald verbraucht; so wird z. B. bei Fieberanfällen^ die aus Be-
sessenheit entstehen, ihre Asche geschluckt. Damit diese Asche
recht wirksam sei, müssen die Kalender möglichst um die
Mittagsstunde des längsten Tages verbrannt worden sein, wenn
sich die Kraft des Jang auf ihrem Höhepunkt befindet. Übrigens
wird die exorzistische Kraft des Kalenders auch einfach aus
der Tatsache erklärt, daß er vom Kaiser stammt, der der un-
beschränkte Herrscher über die Götter- und Dämonenwelt ist
(vgl. S. 79).'
Zwölftes Kapitel.
Mantik des Universums.
Im vorigen Kapitel (S. 309 f.) hat uns das heilige Buch
Jue' Ling über die uralte Auffassung unterrichtet, daß im
Weltall die Menschheit die dritte große Macht {'A') neben dem
Himmel und der Erde ist, und daß sie deswegen durch ver-
kehrtes Benehmen, welches der Ordnung des Weltalls zuwider-
läuft, darin Störung zuwege bringt, die Unheil zur Folge hat.
Diese Lehre hat von altersher die Fürsten veranlaßt, den Lauf
der Welt mit scharfer Aufmerksamkeit zu verfolgen, um etwaige
außerordentliche Erscheinungen wahrzunehmen, die auf Stö-
rungen in demselben hinwiesen und somit nur warnende An-
zeichen dafür sein könnten, daß im Tao der Menschheit
irgend etwas in Unordnung geraten ist und somit im Tao der
Welt etwas aus den Fugen gebracht hat. Dieser Störung
wäre dann ohne Verzug durch Beseitigung der Ursache ab-
zuhelfen und so die aus ihr drohende Gefahr abzuwenden.
Fehler im menschlichen Tao entstehen aber aus Fehlern in
der kaiserlichen Regierung, welche in der Urzeit dieses Tao
schuf und es seitdem im Auftrag des Himmels wahrte und er-
hielt. Folglich waren Maßregeln zur Beseitigung von Störungen
im Tao immer Maßregeln zur Verbesserung der Regierung.
Die Wahrnehmung von außergewöhnlichen, als Ab-
weichungen von dem natürlichen Lauf der Welt betracliteten
Erscheinungen und ihre Deutung zur Wahrung des Tao der
o
332
Menschheit durch Wahrung einer makellosen Regierung ist ein
uraltes Staatsinstitut, so heilig wie der Universismus selbst^ aus
dem es hervorgewachsen ist. Es ist sogar zweifach heilig, weil
der Himmel selbst den heiligen Kaisern der Urzeit, die er mit
der Stiftung des Tao der Menschheit beauftragte, die Gründung
direkt verordnete. Eines der Bücher des §u, das 'j^ ^ Hung
Fan, das sich über alles ausdehnende Gesetz, erklärt nachdrücklich,
daß der Himmel selbst dieses dem großen Jü als Anleitung zur
Organisation der Regierung gnädiglich schenkte; damit war es
für alle Zeiten zu einem der heiligsten Grundsteine des chi-
nesischen Staatswesens gestempelt In dieser Schrift wird unter
den wichtigen Aufgaben der Regierung ^^ ^ jft |^, kontem-
plative Nutzanwendung der sämtlichen Andeutungen, erwähnt, mit dieser
Erklärung: jjft^i^ßj^gBjg^g^g^g^
h(j . J^ ^BBE M • Die sämtlichen Andeutungen äußern sich in Regen,
Sonnenschein, Hitze, Kälte, Wind und den Jahreszeiten. Kommen die fünf
Andeutungen in • der richtigen Weise und jede in ihrer Ordnung, dann
gibt es ein üppiges Gedeihen der Pflanzen; sollte aber eine in Übermaße
kommen oder gänzlich ausbleiben, dann bricht Unheil herein. Gewiß ge-
ben uns diese Zeilen keine alberne Weisheit zu lesen, sondern
vielmehr eine scharfe Drohung, damit die Regierung die ,,kon-
templative Nutzanwendung" der Erscheinungen, wenn sie auf
Unregelmäßigkeiten im Gange der Natur hindeuten, nicht leicht
nehme.
Daß die Regierung sich in der Tat schon in der T§ou-
Zeit die Sache sehr ernstlich angelegen sein ließ, lehrt uns das
Tsou Kuan. Da werden uns, unmittelbar nach den Obser-
vatoren, die wir auf S. 315 besprochen haben, gewisse ^ ^
J^ vorgeführt, Personen, welche die Zeichen (am Himmel) wahren,
und zwar in diesen Worten:
J^SS^^^^S^^Ä^l^-^'^ beschäftigen sich mit den
333
Sternen am Firmament, um die Veränderungen und Bewegungen der Stern«
und Sternbilder, der Sonne und des Mondes aufzuzeichnen/auch um dadurch
die Abweichungen (vom Tao), welche auf dieser Erde (unter den Menschen)
stattfinden, zu erblicken, und um das Glück oder Unglück, welche sie
hervorbringen könnten, zu bestimmen. Gewiß haben wir unter diesen
„Veränderimgen" (m) und „Bewegungen" (g() der Sterne,
der Sonne und des Mondes hauptsächlich Scheingestalten der
Planeten, Kometen- und Meteorerscheinungen und Finsternisse
zu verstehen.
M ^ i^ SS ^ Ü^- Mittels (des Systems) der Beherrschung des Erd-
bodens durch die Sterne bestimmen sie das Schicksal der Gebiete der neun
Provinzen. Die als Lehnsgebiete verliehenen Lande haben alle ihre Sterne,
unter die sie verteilt sind, und aus denen ihr Unheil und ihr Glück zu
erlesen sind.
mir^=imzmm.^Tzmm i'«-»
Wahrnehmungen des zwölfjährigen Kreises (des Jupiter) observieren sie
das Unglück oder Glück der ganzen Erde.
ms.mz!^mtm^¥ms:%zmm-
Aus den fünf Gestaltungen (Färbungen?) der Wolken bestimmen sie Glück
und Unglück, Regenfall und Dürre, sowie Einflüsse und Zeichen, welche
üppiges Wachstum oder Mißernte herabsenden.
m-^^^M.m^i^zia:^^mz^m-
Aus den zwölf Winden untersuchen sie die Harmonie zwischen Himmel
und Erde und geben Weisungen hinsichtlich des Unheils oder Heils,
welche die Mangelhaftigkeit oder der Bruch dieser Harmonie hervorrufen.
)iitS.m^mm^^.m^m Darchdies«
fünf Sachen wird Dekretierung von errettenden Regierungsmaßregeln ver-
anlaßt, welche die Berichtigung der Dinge erzielen.
Also muß bereits ein paar Jahrtausende vor unserer Zeit-
rechnung die Beobachtung und Deutung von außergewöhnlichen
Naturerscheinungen ein festes Staatsinstitut gewesen sein, dessen
Zweck es war, in „kontemplativer Weise" die gefährlichen
„Veränderungen" oder Abweichungen vom Naturlauf mittels
vernünftig erdachter Kegierungsmaßregeln zu berichtigen.
334
Diese magische Kunst oder Wissenschaft des Altertums ist den
Nachfahren nicht durch Bücher überliefert; nur karge Mit-
teilungen, in den alten Schriften zerstreut, liefern den unan-
fechtbaren Beweis ihres Bestehens. Wie jede Kunst und jede
Wissenschaft, war das Vermögen zur Erkenntnis und Deutung
der Vorzeichen Sache der natürlichen Begabung, der Kontem-
plation, des Menschen; sie beruhte also auf der Göttlichkeit
der Seele, die ihm innewohnt. Folglich konnten nur Gelehrte
diese Mantik pflegen, die einzigen Wesen, die sich durch Stu-
dium die Weisheit und Tugend ( ^ H i g n) zu eigen machten,
aus Avelcher Göttlichkeit oder Heiligkeit entsteht. Weil die
Weisheit der Ahnen nie verloren gehen darf, wurde auch die
Prognose des Weltalls und seiner Erscheinungen von Geschlecht
zu Geschlecht als eine heilige Kunst und Wissenschaft vom
Staate gepflegt, genährt und entwickelt durch eine metho-
dische, nie unterbrochene Aufzeichnung der Wahrnehmungen,
wie es das Tsou Kuan vorschrieb, so daß eine Überlieferung
geschaffen wurde, durch die sich die Bedeutung jeder außer-
ordentlichen Erscheinung aus mehrhundertjähriger Erfahrung
feststellen ließ.
Schon während, der H an -Dynastie, welche das Staats-
wesen Chinas für alle Zeit gründete, bildete die Deutung der
Sterne und der außerordentlichen Naturerscheinungen ein Haupt-
institut des Staates. Den Beweis dafür liefern uns die umfang-,
inhalts- und lehrreichen Bücher 26 und 27 der Ts'ien Han
Su, welche die Titel ^^ ~y^ ^^, Denkschriften über die Zeichnungen
am Himmel^ und -^ 4~X /vf\7 Denkschriften über die fünf Elemente,
tragen; es wurden nämlich die Naturerscheinungen gruppiert
nach den fünf Elementen des Universums: Wasser, Feuer, Holz,
Metall und Erde, Avelche das Hung Fan als allerersten Gegen-
stand der Staatssorge erwähnt. Seitdem finden wir in der Regel
in den großen dynastischen Staatsgeschichten Kapitel mit den-
selben Titeln, oder auch unter der Aufschrift :^ ]^, günstige
335
Vorzeichen, die sich bewährt haben, jjj^ ]g, Vorzeichen von Glück,
oder ^ ^, göttliche Andeutungen. Nie ist somit diese große
Staatsangelegenheit vernachlässigt worden, und sie wurde stets
ebenso wie die Zeitrechnung, die Kalenderverfertigung und die
Chronomantik (vgl. S. 314f.), als ein Unterteil der Geschichts-
schreibung betrachtet. Unter den zwei letzten Dynastien war
sie dem Wirkungskreis des K'in T^iön Kißn einverleibt.
Bis in die neueste Zeit enthielt dieses Amt ein Bureau für Astro-
nomie und Astrologie (s. S. 316), und bei der Umschreibung
des Wirkungskreises desselben sagt das Ta Ts'ing hui Ticn
(Ausg. 1899): JlHgPBÄ®#B*^*MÄM»
^O ^iS^^giflfl'- Klares Wetter und Regen, Wind und
Donner, Wolken und Regenbogen, Aureolen und nebelige Anhänge zur
Sonne und zum Monde, Kometen und außerordentliche Sterne — das alles
untersucht es und bucht es. Die Windrichtung und Bewölkung jedes Tags,
Aureolen und Anhänge, einzeln oder paarweise vorkommend, sowie das Er-
scheinen und Verschwinden von Meteoren, ferner Kometen und außerordent-
liche Sterne jeder Art, worüber dem Thron zu berichten ist, gibt es dem
K'inT'ißn Kiön bekannt, das sie darauf man tisch deutet und dem Throne
das Ergebnis mitteilt. Solche Erscheinungen, über welche dem Throne
nicht berichtet zu werden braucht, werden mit Erläuterungen in die Bücher
eingetragen.
Jede Kaiserregierung hat somit zur Vermehrung der Auf-
zeichnungen über Naturerscheinungen das ihrige beigetragen,
und von dem so angehäuften Papierberge ist dasjenige, was
als Material für die oben erwähnten Kapitel der staatlichen
Geschichten verwendet worden ist, im Auge der Chinesen wohl
das Wichtigste. Im Ku-kin T'u Su Tsi'-ts'ing ist die Li-
teratur über den Gegenstand^ abgesondert von der Himmels-
kunde (^^ ^) und der Zeitrechnung (^ ^), im vierten Ab-
schnitt (Tien) zusammengebracht, und zwar unter dem Titel
J[flF 1^, sämtliche Andeutungen, welcher dem Hung Fan (s.S. 332)
336 _
entlehnt ist. Dieser Abschnitt enthält nicht weniger als 188 Ka-
pitel, in denen der Stoff nach den Unterteilen und Kräften der
Natur angeordnet ist; 33 davon sind den ^^ ^^, Veränderungen
an den Sternen, gewidmet. Zum Studium der universistischen
Mantik der Chinesen wird daselbst eine überwältigende Ma-
terialmasse geboten, und sogar der einfache, jetzt zu unter-
nehmende Versuch, die Hauptlinien des Systems in möglichst
beschränktem Umfange zu skizzieren, muß unvermeidlich
mehrere Seiten in Anspruch nehmen.
Wir wissen also, daß außergewöhnliche Naturerscheinungen
hauptsächlich wahrgenommen Avurden, um festzustellen, ob
etwaige Mängel der Regierung, und folglich Abweichungen
vom Tao, eingetreten wären, oder ob an der Regierung kein
Makel haftete und sie also mit dem Tao des Weltalls in Ein-
klang wäre. Demnach unterschied man die Erscheinungen in
^9^ ^^ j^ö Pien oder ^^ ^i jao I, unheilbringende Ver-
änderungen oder Außerordentlichkeiten, und )|^ jfeff siang S U i,
glückverheißende Vorzeichen. Besonders sorgsam wurde nach den
ersten geforscht. Freilich wäre ein Übersehen der Zeichen
glücklicher Zustände oder Ereignisse, welche sich vorbereiteten,
absolut ungefährlich; aber böse Zeichen erforderten sofortiges
Eingreifen, weil sie bekundeten, daß Gefahr im Anzüge war.
Das gänzliche Fehlen von irgendwelchen Omina zeigte, daß
das Tao des Universums und der Menschheit in Ordnung,
und daß folglich die vom Kaiser beherrschte Welt in Sicher-
heit war.
Die Maßnahmen, welche unheilverheißende Abweichungen
erforderten, waren sehr verschiedener Art. Es waren die
weisesten Männer, die begabtesten Gelehrten, die hohen Staats-
minister, welche sie vorschlugen, in erster Linie die Leiter des
Staatsamtes, dem die Wahrnehmung und Deutung oblagen.
Mitunter schloß sich der Kaiser ab von der Menschenwelt,
fastete, legte sich gänzliches Schweigen auf, enthielt sich der
337
Musik und des geschlechtlichen Verkehrs und reinigte sich
seelisch und körperlich; oder er tat gemeinsam mit den großen
Würdenträgern in demütiger Weise unter Jammern und Weh-
klagen dem Himmel gegenüber Buße. Denn kraft seiner Stellung
als höchster Führer der Menschheit im Tao müssen ja in
erster Linie seine persönlichen Makel und Fehler daran Schuld
sein^ wenn die normale Weltordnung in Verwirrung, Thron,
Keich und Volk in Gefahr geraten. Der Kaiser erließ auch
wohl Amnestie im Lande^ damit seine Menschenliebe die des
Himmels sympathisch erwecke. Bisweilen aber kam das radi-
kalere Mittel zur Anwendung, und eine rücksichtslose Säuberung
der Staatsdienerschaft von schlechten Elementen wurde unter-
nommen und durchgeführt. Die Geschichte weiß von Hunderten
von Beamten zu berichten, die durch ein solches Eingreifen
in die Staatsmaschine entlassen, degradiert, eingekerkert oder
sonstwie bestraft wurden, wobei selbstverständlich Anklage-
schriften und Anzeigen von eifersüchtigen Kollegen oder per-
sönlichen Feinden eine große Rolle mitspielten. Zensoren und
Diktatoren, mit absoluter Vollmacht versehen, wurden nach
allen Landesteilen entsandt, den Dingen auf den Grund zu
gehen, die Spreu vom Weizen zu sondern und viele demütig
zum freiwilligen Rücktritt vom Amte zu veranlassen, wenn
anders nicht ein schlimmeres Schicksal sie ereilen sollte. Zu-
meist standen jedoch die Reformen bloß auf dem Papier, infolge
der Lehre, daß die kaiserliche Heiligkeit auch allmächtig ist
und durch bloße Willensäußerung schon Wunder wirkt. Es
AYurden nämlich Ermahnungen und Befehle an die Beamtenwelt
erlassen, sei es nun bloß im Palastbereich, sei es innerhalb
der Hauptstadt oder im ganzen Reich, daß jederman durch
beflissenere Wahrnehmung seiner Amtspflichten das Tao der
Menschen bessern und somit das Tao von Himmel und Erde
wieder einrenken sollte. Auch erging wohl an sie die Weisung,
das erzürnte Tao des Himmels zu versöhnen durch Verbesserung
22
De Groot, Universismus.
338
ihres persönlichen Betragens oder durch Unterlassung von
Festlichkeiten und Glückwanschzeremonien; oder es wurde
ihnen befohlen^ das Schlachten von Tieren zu verbieten und
die Hinrichtung von Verbrechern aufzuschieben, damit nicht
der Zorn des Himmels, des Schöpfers alles Lebens, noch weiter
aufgestachelt würde. Um ferner die allgemeine Reform zu
erleichtern, wurde es sämtlichen Beamten des Reiches durch
speziellen kaiserlichen Erlaß gestattet, in direkt an die Person
des Kaisers gerichteten Eingaben freie Kritik an dem Kaiser
und seiner Regierung, am Hofe und an den Ministern zu üben
und auch Vorschläge zur Verbesserung vorzubringen, wobei
den freimütigsten Äußerungen Straflosigkeit zugesichert ward.
Manchmal haben auch Staatsmänner und Gelehrte ganz aus
eigenem Antrieb auf Grund gewisser Erscheinungen, welche
sich gezeigt, durch direkt an den Thron gerichtete Eingaben
gCAvisse Regierungsmaßnahmen vorgeschlagen oder gegen solche
kräftig Einspruch erhoben.
Mit Eifer und Frömmigkeit pflegte man sich an ein solches
Reformwerk zu machen, wenn sich bereits Heimsuchungen und
Unglücksfälle, durch vorherige Zeichen angekündigt, tatsächlich
eingestellt hatten. Somit zeigt sich das sittliche Leben der
Chinesen, das wir schon als universistisch bis ins Mark kennen
gelernt haben, wiederum von einer Seite, die gewiß auch eine
Erörterung verdient. Wir können aber hier bloß ihres Daseins
Erwähnung tun, unter Betonung ihrer eigentümlichen Grund-
lage: der Wahrnehmung von an und für sich vollkommen
normalen Erscheinungen, in denen der Mensch in seiner Un-
wissenheit, auf Grund ihres seltenen oder unregelmäßigen
Vorkommens, Entgleisungen der Natur erblickte.
Also hat der Mensch in Ostasien sich selbst eine Methode
geschaffen, nach welcher die Staatsmacht von einer noch höheren
Gewalt, dem Universum, regiert wird, damit jene sowohl sich
selbst als das Volk beständig in der richtigen Bahn halte, die
339
T a 0 des Universums heißt. Wir sehen jetzt mühelos ein, warum
die Staatsmacht eine genaue Kenntnis der Abweichungen des
Weltalls von seinem gewöhnlichen Gang stets als eine unab-
weisbare Notwendigkeit empfunden hat, und warum die Beamten-
welt ihr stets diese Kenntnis von allen Seiten hat zugehen lassen.
Wir lesen von kaiserlichen Weisungen, die den Mandarinen die
Meldung solcher Zeichen aus ihrem Amtsgebiet zur Pflicht
machten und für ihre Verheimlichung schwere Strafen fest-
setzten; andererseits aber von Kaisern, die das Berichten von
günstigen Zeichen verboten, sei es, weil sie die Vortrefflichkeit
ihrer Regierung, welche solche Zeichen beweisen sollten, als
eine Selbstverständlichkeit betrachteten,- sei es, weil sie die
Glaubwürdigkeit der Berichterstatter anzweifelten und wohl
wußten, daß schlaue Schmeichler auch in China zahlreich sind.
Nichtsdestoweniger erwähnen die Geschichtsbücher die glück-
lichen Vorzeichen in großer Zahl. Mehrmals riefen sie eine so
große Freude im kaiserlichen Gemüt hervor, daß den Vor-
fahren im großen Ahnentempel feierlich von ihrer Erscheinung
Kunde gegeben wurde, großzügige Glückwunschaudienzen statt-
fanden, daß Geschenke und allgemeine Rangerhöhungen ver-
teilt wurden und eine Amnestie gewährt. Der Name der Re-
gierung des Kaisers, der immer mit äußerster Sorgfalt gewählt
zu werden pflegt, weil er auf ihr glückliches Gedeihen großen
Einfluß übt, ist mehrfach beim Eintritt eines glücklichen
Zeichens durch einen neuen ersetzt worden, der auf dieses Be-
zug hatte und es dadurch in der Geschichte verewigte. Man
hat die guten Zeichen entsprechend ihrem Werte amtlich in
Klassen eingeordnet, z. B. in höhere, mittlere und niedere
(Jl 4^ T^)- Resonders hoch geschätzt war stets sogenanntes
1$ 3fe Sen Kuang, Götterlicht, das durch die Anwesenheit
von Göttern sogar am hellen Tage leuchten konnte.
Nie hat die von Staats wegen geübte Beobachtung außer-
gewöhnlicher Phänomene am Himmel und auf der Erde in
22*
340
China zu einer exakten Naturforschung geführt; nie hat sie
eine wirkliche Kenntnis der Gesetze der Natur gezeitigt, welche
unfehlbar den universistischen Riesenbau der Religion, Sitten-
lehre und Kultur allmählich untergraben hätte. Nur Berge von
Berichten über solche Phänomene, ihre Deutung und die Er-
eignisse, welche sie angekündigt hatten, ist sie zu erzeugen im-
stande gewesen, und diese Berichte haben nie weiteren Nutzen
gebracht, als daß den nachkommenden Geschlechtern immer
wieder neuer Stoff zur Deutung der Erscheinungen zur Ver-
fügung stand. Daß außer diesem Stoff die Mantik auch noch
mit den Gruppen von Faktoren arbeitete, welche der Chrono-
mantik das Dasein ermöglichten, versteht sich von selbst, wo
die Chinesen nie andere Faktoren kennen lernten, und ihre
Weisheit nie die engen Schranken der universistischen Be-
griffe der Alten zu sprengen gewußt oder sich davon zu lösen
vermocht hat. Es läßt sich leicht einsehen, daß die Verbindungs-
brücke zwischen den Wahrnehmungen und diesen Faktoren
durch die fünf Elemente, nach denen man (s. S. 334) die Phä-
nomene ordnete, gebildet wurde.
Die vermeintlichen Störungen in der Weltordnung oder
in der Natur der Dinge ordnet das Ku-kin T*u Su Tsi'-
ts'ing ein je nach den Teilen des Weltalls, in denen sie sich
ereignen.
Die erste Klasse bilden die ^ '^ T'i6n Pi6n, die Ver-
änderungen am Himmel, wie seltsame Färbungen oder plötzlicher
Farbenwechsel am Firmament, oder Durchbruch von blutig-
roten Lichtströmen und die Erscheinung von Kriegerscharen
durch das Gewölk; dichte Wolkenmassen, die den Himmel
völlig bedecken, ohne einen Regentropfen herabzusenden; das
Geräusch von Stimmen in der Luft, und anderes mehr. Den
P .S. Zi' I und M ^S. Jue I, Außerordentlichkeiten an der Sonne
und dem Monde, pflegte man immer besondere Aufmerksamkeit
zu schenken, z. B. den Flecken, Protuberanzen, Aureolen oder
341
Höfen, Nebensonnen, fremdartigen Färbungen in der Umgebung
beider Gestirne. Von der höchsten l^edeutung und Gefälirlich-
keit waren allezeit die Finsternisse; ihrer Wichtigkeit als Finger-
zeige des Tao der Welt ist es zu verdanken, daß eine Anzahl
schon in den ältesten Annalen, namentlich im Su, im Tö'un
Ts'iu und im Tso Ts'uan erwähnt sind. In der Literatur
der späteren Zeiten sind sie zu Hunderten gebucht.
Die Beobachtung der ^ ^ Sing Plön, Veränderungen
an den Sternen, stellt den Hauptbestandteil der Astrologie dar,
des bis auf den heutigen Tag wichtigsten Faches im staatlichen
System der Naturdeutung. Die Pflege der Sterndeutung ist
den Kaisern vorgeschrieben durch das Ji', dessen dritter An-
hang(HiTsg,I) sagt: ^ B M ^ M.^ ^ M AM Z'
der Himmel läßt seine Bilder herabhängen, die Glück und Unheil offen-
baren; die Heiligen (die Herrscher) nehmen sie als Vorbild. Gewiß liegt
in diesem Befehl des heiligen Buches der Ursprung des Bureaus
für Astronomie und Astrologie (^ ^ f^) des KMu T'ien
Kien.
Die Astrologie umfaßt die Beobachtung und Deutung der
Änderungen an Gestalt und Glanz der Sterne und Planeten,
ihrer Konjunktion mit Sonne und Mond und der Stellung, die
sie bei Eldipsen einnehmen; ferner die Sphärenklänge, die an-
geblich von Sternen und Planeten herübertönen: die Sichtbar-
keit der Venus, der -j^ g oder Allerklarsten, bei Tage, und so
fort. Die Wirkungen der fünf Planeten und ihre Verwandtschaft
zu allen universistischen Faktoren werden von selbst durch die
Tatsache erwiesen, daß ihnen von unbekannten Zeiten her die
Namen der fünf Elemente beigelegt sind. Die Namen der Sterne
imd Sternbilder, die großenteils wohl so alt sein mögen wie die
Zeiten des alten Babel und Ägypten, deuteten bereits in der
vorchristlichen Zeit auf Beschäftigungen und Berufe der
Menschen und auf Bestandteile und Verrichtungen iler Re-
gierung hin, sowie auf Dinge, welche Gliick oder Unglück in
342
allerlei Formen und Schattierungen darstellen.-^ Damit war für
die Deutung ihrer Einflüsse auf das Geschick von Regierung
und Volk für immer eine breite Grundlage geschaffen, auf der
sich mittels Beobachtung ihrer besonderen Helligkeit oder
Dunkelheit und mittels spitzfindigen Scharfsinns fruchtbar ar-
beiten ließ, zumal auf diese Einflüsse wiederum die der Pla-
neten einwirken, welche die betreffenden Gestirne durchqueren
oder ihnen gegenüberstehen und somit ihnen „widerstreben"
(^p) oder sich ihnen „störend widersetzen" (^ü)- Die maß-
gebende Schrift für alle Zeit war hierbei das 27. Kapitel des
Si Ki, das den Titel ^ ^ ^^, Aufzeichnungen über die Mächte
des Himmels, trägt und von Chavannes in seiner vortrefflichen
Übersetzung des Si Ki wiedergegeben ist.
Nebenher spielte noch eine andere Kunst ihre Rolle, die
seit der Han-Dynastie ^ ^ Fen Je, Verteilung unter die Stern-
gefilden, geheißen hat, jedoch, wie sich urkundlich nachweisen
läßt, älter sein muß. Demnach wurde jeder Unterteil der Erde
unter die Herrschaft eines wichtigen Abschnittes des Sternen-
himmels gestellt. Das Tsou Kuan erwähnt dieses System in
einem • Satz, den wir auf S. 333 übersetzt haben, und L i u
Ngan teilt im 3. Kapitel des HungLie'Kiai mit, in welcher
Weise die 28 Siu oder ÖS ^, die sogenannten Mondhäuser
(s. S. 149), das Geschick der dreizehn vornehmsten Staaten der
Tsou-Zeit beherrschten. Sodann finden wir das System auch
festgelegt im 26. Kapitel des Ts'iÖn Han Su und in dessen
Kapitel 28 b, das die [^jj ^| ^, Aufzeichnungen über Geographie,
enthält. Für das Geschick des Kaisers, seines Hofes und seiner
Ministerien war insbesondere das Sterngefilde von Bedeutung,
das Se-ma Ts*ien an der Spitze seines 27. Kapitels behandelt
und PJ^ ^, den zentralen Palast, nennt, weil es um den ^ ^
^ Eine Fülle von Material hierüber bietet Schlegels „Uranographie
chinoise".
343
T ' i ß n K i '; den Fol des Himmels, Ü^gt, also Ulli die ^&. > J^
*^ ^, ewig ruhende Stelle in der Allergrößten Einheit (vgl. S. 288).
In dieser höchsten Stelle des Firmaments waltet, wie wir auf S. 129
gesehen haben, der Oberste Kaiser des Himmels, dem der Kaiser
der Erde seine Macht entlehnt, und ringsherum liegen Sterne,
deren Namen sich auf hohe Minister, auf die Hauptgemahlin
und den Harem und auf die Vasallen (^ ^) beziehen.
Es ist nahezu eine SelbstverständHchkeit, daß im staat-
lichen System der Sternendeutung den ^ ^, Wandelsternen,
immer die höchste Aufmerksamkeit zugewandt wurde. Ihrer
Bewegung durch die Sternbilder und Konjunktion mit den fünf
Planeten wurde große Bedeutung beigemessen, nicht weniger
als den |I^ ^, fallenden Sternen oder Meteoren, den [J^ ^,
fallenden Steinen oder Meteoriten, und den ^ pß, Sternenregen.
Der Astrologie schloß sich immer als wichtige Staats-
angelegenheit eine Art Wetterkunde an, die Wahrnehmung und
Deutung alles Ungewöhnhchen umfaßte, das sich ereignete
in bezug auf Wind und Wolken, Nebel und Regenbogen, Donner
und Blitz, Regen, Tau, Hagel, Kähe, Hitze und Dürre. Daß
in dieser Reihe der Wind ganz voran steht, findet seine natür-
liche Erklärung in dem Umstand, daß im fernen Osten die
Passatwiude in der warmen Jahreszeit vom Süden her den
Regen, in der kalten vom Norden her Trockenheit bringen
und somit die Nahrungserzeugung und die übrigen Lebens-
bedingungen der Menschen vollständig beherrschen. In der
heihgen Schrift über Musik (s. S. 78) steht im zweiten Ka-
pitel geschrieben: ^ ^ ZMi% M M '^ ^ ^^\ ^ ^ ^
PS ^ IP Mlj M' ^^'^'^^ *^^''' ^^"^ ^^^ Himmels und der Erde wird
Seuche entstehen, wenn Kälte und Wärme zur Unzeit auftreten, und wird
Hungersnot herrschen, wenn Wind und Regen nicht im richtigen Zeitab-
schnitt eintreten.
Bis in die neueste Zeit war, wie wir auf S. 335 gesehen
haben, die Wind- und Regendeutung dem Bureau für Astronomie
344
des K'in T'ien Kien auferlegt, denn das heilige Hung Fan
hat schon in der Urzeit dekretiert, daß diese Wissenschaften
ungetrennt voneinander zu pflegen sind. Da nämlich liest man:
BiJ IM ffi[ pw . Das Volk beobachte die Sterne, denn unter ihnen be-
günstigen die einen die Winde, die anderen den Regenfall, und je nach-
dem der Mond sich durch die Sterne bewegt, werden Wind und Regen
hervorgebracht. Freilich ist der Mond das Gestirn des Jin (s.
S. 229)^ und das Jin entspricht, wie wir wissen, dem Element
Wasser.
Die chinesische Philosophie alter und neuer Zeit lehrt,
daß der Wind der Atem (^) des Weltalls ist, eine Mischung-
von Jang und Jin, in der im Sommer das Jang, im Winter
das Jin vorherrscht. Weil nun Jang und Jin das Tao des
Weltalls bilden (S. 8), so ist der Wind eigentlich das Tao
selbst, und somit sind seine Unregelmäßigkeiten, Stürme usw.
von der allerhöchsten Bedeutung. Eine Unmasse mantischer
Weisheit hat diese Lehre im Laufe der Jahrhunderte hei'vor-
gebracht; sie bezweckte hauptsächlich, aus der Richtung und
Stärke, die der Wind an jedem einzelnen Tage hatte, für seine
künftige Richtung und Stärke zu prognostizieren und demgemäß
Aussichten auf Regen oder Sonnenschein, Überschwemmungen
oder Dürre, gute oder schlechte Ernte vorher zu erkennen.
Weiter war immer der Grundsatz maßgebend, daß die Winde
ihren jeweiligen Charakter der Gegend des Weltalls entlehnen,
aus der sie wehen. Demgemäß müssen sie auch die Eigen-
schaften der menschlichen Leidenschaften besitzen, weil, wie
schon früher erwähnt wurde (S. 120), die Weisheit der Alten
diese den Himmelsgegenden entsprechen läßt. Folglich läßt
sich aus den Winden vorhersagen, welche menschliche Eigen
Schäften vorherrschen, und welche entsprechenden Ereignisse
ie nachdem eintreten werden, wie Aufstand und Rebellion
als Folge von Zorn, Panik und Volks Wanderung als Folge
345
von Furcht; und so fort. Auch lassen sich an den Winden
Deutungen vornehmen durch sorgfältige Bestimmung ihres
musikalischen Tones, da seit alters gepredigt ist, daß jeder
Tag des Kalenders durch einen von den fünf Tönen der Ton-
leiter beeinflußt ist.
Wertvolle Hilfe hat stets die Mantik der Winde für
Kriegszwecke geleistet. Bei verständnisvoller Anwendung der
Aussagen von Weisen alter und neuer Zeit läßt sich nämlich
aus den Winden und ihrer Kichtung auf die Überlegenheit oder
Unterlegenheit des Feindes und auf die vermutliche Richtung
seines Angriffs schließen und also entnehmen, ob es ratsam
sei, eine Schlacht anzunehmen oder den Rückzug anzutreten.
Wirbelwinde waren stets Dinge besonderer Aufmerksamkeit:
Stürme und Taifune sind in den dynastischen Geschichten in
i^roßer Menge erwähnt.
Nicht minder zahlreich sind die Berichte von überreichem
Regenfall, der die Saaten zerstörte und Überschwemmungen
verursachte, und wogegen besondere Staatsopfer Abhilfe schaffen
mußten. Regen, der sich zur rechten Zeit einstellt, galt stets
als Beweis dafür, daß an der Maschine der Weltordnung nichts
haperte und war also immer der Vorbote von Glück. Doch
kann Regen mitunter auch das Weinen des Himmels bedeuten
und dann ein bevorstehendes großes Unheil ankündigen. Be-
stimmte Regentage oder regenlose Tage sind, besonders wenn
gleichzeitig die Sonne zusammentrifft mit Sternen, die für
Regenfall maßgebend sind, sichere Verkünder für Regen oder
Sonnenschein an anderen bestimmten Tagen. Auch wird Regen
vorhergesagt durch Wolken von gewisser Gestalt, die sich in
der Nähe solcher Regengestirne bilden. Unheil ist dagegen
ganz sicher im Anzug, wenn es andere Dinge als Wasser
regnet; dann dürfen Maßregeln zur Berichtigung des Tau
nicht ausbleiben. Nach dem Zeugnis der dynastischen Ge-
schichten gibt es kaum etwas, was es nicht schon geregnet hat:
346
Lehni; Sand, Stein; Schlamni; Asche; Vögel; Fische; Schild-
kröten; Insekten; Menschen; Blut, HaarC; Federn; Knochen;
Fleisch; Fett; roter SchneC; Quecksilber; Münzen, Gold;
Silber; Eisen; SeidC; Baumwolle; TuschC; Papier; Sträucher;
Blätter; BlumeU; Getreide; Erbsen; WaffeU; Kessel usw. China
war also wirklich immer das Land großer und zahlreicher
Wunder!
Wolken zeigen sich in einer endlosen Verschiedenheit
von Gestaltungen und Färbungen; und sie waren somit immer
vortreffliche Mittel zur Erforschung des Zustandes des Weltalls.
Sie sagen Glück oder Unglück vorauS; wenn sie plötzlich in
nächster Nähe von Gestirnen auftreten, die auf die Gestaltungen
des menschlichen Lebens Einfluß haben; von hoher Bedeutung
sind sie auch; wenn sie dicht bei Sonne und Mond erscheinen
oder um den Mond einen Hof bilden. Selbst wichtige politische
Ereignisse; wie das Emporsteigen eines Abenteurers zum
KaiserthronC; sind im voraus in den Wolken gelesen worden.
Wenn sie sich gegen den Wind bewegen; oder trotz kräftigen
Windes sich regungslos verhalten; so lassen sich daraus gleich-
falls Schlüsse auf künftiges Wetter und kommende Ereignisse
ziehen. Als Künder der Zukunft wurde auch den Färbungen
des Nebels sowie dem Morgeoi- und Abendtau stets viel Auf-
merksamkeit gewidmet. Kein Tau gilt als so glückbringend
wie HonigtaU; genannt "j^ JJ, süßer Tuu; oder ^ fg; Himmels-
wein. Er verheißt üppige Fruchtbarkeit und folglich Überfluß
und Verlängerung des LebenS; und er findet deswegen besonders
häufig in den Geschichtsannalen Erwähnung.
Regenbogen denkt man sich gleich wie die Winde aus
Jang und Jin zusammengesetzt; und sie bilden also ebenfalls
vortreffliche Mittel zur Erkenntnis des Tao und seiner Störungen.
Man untersucht ihre Färbung und die Zeit ihres Auftretens
in Verbindung mit dem gleichzeitigen Stand der Sterne und
Planeten. Bei trockenem Wetter verheißen sie RegeU; bei
347
Nässe Sonnenschein. Blasse Regenbogen sind immer ungünstige
Vorzeichen gewesen.
Der Donner, der Vorbote des Regens, ist zumeist ein
günstiges Phänomen. Folgt ihm jedoch kein Regen, dann kann
er unter Umständen Unglück bringen; darum wird ihm ganz
besondere Beachtung geschenkt, wenn er in der regenlosen
Zeit, dem Winter, zu hören ist. Ein einschlagender Blitz
verkündet immer Unglück, sogar ein besonders großes, wie
Angriffe von Rebellen und Feinden, die als Vermittler der
Rache des Himmels auftreten. Schlägt der Blitz in ein Stadttor,
so bedeutet das, daß verräterische Beamte Unheil brauen und
Aufstände planen und dadurch das Tao der Menschheit aus
seiner richtigen Bahn zu lenken vorhaben; und wird gar der
Ahnentempel getroffen, so besagt dies den Sturz des Kaisers
und den Untergang der Dynastie.
Hagel entsteht, wenn Jang und Jin unharmonisch zu-
sammenstoßen und gilt darum als ungünstiges Vorzeichen. Das
Maß des Unheils, das er vorhersagt, richtet sich nach der
Jahreszeit, in der er auftritt, und ist im Winter ein geringes.
Vielsagend hinsichtlich kommenden Unglücks ist die Art der
Zerstörung, die er an Dachziegeln, Saaten, Hühnern und anderen
Haustieren anrichtet. Bildet er eine Schicht wie Schnee, so
bedeutet dies^ daß Minister einen Mordanschlag gegen den
Kaiser vorhaben.
Wichtige Abweichungen vom Tao, die sorgfältige Wahr-
nehmung und unverzügliche Abhilfe erheischen, sind zur Unzeit
auftretende Kälte- oder Hitzewellen, die die Ernte gefährden;
sie verursachen auch Seuchen und Pest, wie wir auf S. 343
in einer heiligen Schrift gelesen haben. War die Seuche einmal
da, dann wurden die Maßregeln zur Wiederherstellung des Tao
tatkräftig in Angriff genommen und durchgesetzt; gleichfalls,
wenn geheimnisvoUerweise Brände im Palast oder in einem
Staatstempel ausgebrochen waren und dadurch kundgetan
348
wai"; daß der Himmel seine Hand strafend auf die Dynastie
gelegt hatte.
Wurde alle Zeiten hindurch von der universistischen Re-
gierung die größte Aufmerksamkeit den warnenden Fingerzeigen
des Himmels zugewandt^ so konnte sie unmöglich denen der
Erde, der zweiten großen Macht im Weltall^ die gleiche Auf-
merksamkeit versagen. Außergewöhnliche Naturerscheinungen
auf Erden sind somit im Laufe der Jahrhunderte zu tausenden
wahrgenommen und verzeichnet worden. Bei ihrer Auslegung
geht man von dem Grundsatz aus, daß jegliche Bewegung des
Erdbodens Unglück bedeutet, weil die normale Natur der Erde
unbewegliche Ruhe ist. So bedeuten Erdbeben, daß die Minister
vor dem Herrscher keine Achtung mehr haben, und somit
Aufruhr, Blutvergießen, Brandstiftung drohen, oder Vernichtung
der Ernte, Hungersnot, Pest, wohl auch die Entfernung des
Kaisers von seinem Thron. Die Deutung der Beben än-
derte sich immer je nach den Zeiten, wann sie stattfanden,
und nach der Art und Beschaffenheit der Gebäude, die sie
verwüsteten.
Da Bodenerhebungen die Sinnbilder hoher Staatsdiener
sind, so gelten Erdstürze und Erdrutsche (^^) als Anzeichen
ihrer Untreue. Hohe Berge stellen auch den Kaiser dar, und
so legt man Bergrutsche auch dahin aus, daß des Kaisers T a o
den festen Boden verloren hat und folglich Revolution und Ab-
setzung vom Throne unabwendbar erfolgen müssen, wenn er
nicht noch rechtzeitig sein privates und öffentliches Leben
gründlich reformiert. Erstrahlen Berge in seltsamem Glanz, so
geben sie Untreue der Minister kund. Wenn sich schließlich
der Erdboden auftut, Feuer, Wasser oder Blut speit; falls ein
Felsen von selbst aus der Tiefe ans Tageslicht kommt, oder
wenn er sich von seiner Stelle bewegt oder die Gestalt eines
Menschen, eines vierfüßigen Tieres oder eines Vogels annimmt,
oder wenn er gar mit menschlicher Zunge redet; oder wenn
349
aus einer Höhle Donner dringt — in allen diesen Fällen kann
die Welt auf Rebellion, Revolution und andere politische Ge-
fahren gefaßt sein.
Die Erde ist die weibliche Hälfte des Universums. Läßt
sie laute Geräusche ertönen, so steht eine mächtige Erhebung"
des weiblichen Elementes bevor; der Harem droht wohl gar,
die Herrschaft am Hofe an sich zu reißen, was ein Unglück
wäre, das schleunige Gegenmaßnahmen erfordert. Unterirdische
Stimmen werden besonders gefürchtet, wenn sie aus Gräl^ern
ertönen. Schreckenszeichen sind ferner Gräber, die sich von
ihrem Platze fortbewegen, oder Bäume, die in der Nähe von
Grabmälern stehen und ohne sichtbare Ursache absterben;
weiter Linien und Flecke, die sich an Felswänden bilden, und
aus denen weise Schriftdeuter Warnungen lesen, die in ge-
heimnisvoll laufender Handschrift geschrieben sind.
Sollte Bericht einlaufen, daß an einem Gewässer eine
merkwürdige Erscheinung aufgetreten ist, dann ist der Fall
von Amts wegen einer eingehenden Untersuchung zu unter-
werfen. Gl'oße Ströme wie der Huang Ho und der Jang-tse
Kiang sollten normalerweise niemals zu*fließen aut hören; tun
sie es dennoch, so deutet das auf eine Stockung in der Staats-
maschinerie hin, die von übelwollenden Beamten hervorgerufen
wird. Überschwemmungen, die im Laufe der langen Geschichte
des Reiches zu tausenden berichtet, eingeschrieben und ge-
deutet worden sind, kündigen Erhebungen an, oder auch, da
das Wasser dem Jin angehört, ein Überhandnehmen des
schwachen Geschlechtes, wodurch das Geschick des Kaisers,
ebenso wie das häusliche Glück des Volkes, gefährdet sein soll.
Ein Brunnen, der plötzlich auf geheimnisvolle Weise aus
trocknet, weist darauf hin, daß die Bevölkerung der Umgebung
zur Auffindung neuer Wasserstätten ausziehen, oder dauernd
umherwandern, oder mit Waffengewalt von ihren Wohnplätzen
vertrieben werden wird. Schlimmes bedeutet ferner, wenn sich
350
das Wasser färbt; besonders wenn es wie Blat aussieht, oder
wenn es so faul wird, daß die Fische darin sterben. Verhert
es dagegen sein trübes Aussehen und gewinnt es Klarheit, so
ist die Diagnose immer günstig. Eine Quelle, die besonders
heftig zu sprudeln beginnt, zeigt an, daß Beamte vom niedrigsten
Rang rasche Beförderung erfahren werden; und so werden alle
möghchen sonderbaren Erscheinungen, die man am Wasser be-
merkt, in der verschiedensten Weise ausgelegt.
Im Weltall bildet die Menschheit neben Himmel und Erde
die dritte große Macht (yj^); Störungen in ihrem Tao rufen
daher unvermeidlich Störungen am Tao der Welt hervor
(S. 309), und umgekehrt. Jede außerordentliche Erscheinung
in der menschlichen Natur weist also hin auf eine Verkehrheit
im Tao der Welt und erheischt somit Erklärung des kommenden
Übels und Angabe der Mittel zu seiner Abhilfe. Sie sind dann
auch in den Geschichtsbüchern in Hülle und Fülle erwähnt
und bieten einen sehr eigentümhchen Lesestoff. Da wird von
Fällen plötzlichen Geschlechtswechsels gesprochen, der anzeigen
sollte, daß ein Weib oder irgendeine Person niederer Herkunft
die Zügel der Regierung an sich reißen werde. Geburten von
Monstrositäten jeglicher Gestalt werden aufgezählt, die Unglück
aller Art vorhersagen, solche wie Hermaphroditen, formlose
Fleischklumpen, hundert winzige Kinder von Fingergröße bei
einer einzigen Geburt; Schildkröten, Schlangen und andere
Tiere. Häufig soll eine Frau zwei oder drei verschiedene Tiere
auf einmal, oder ein Kind zusammen mit einigen Tieren geboren
haben. Die Geburt von Drillingen oder Vierlingen, sogar bis
zu vier Malen hintereinander durch dieselbe Frau, ist bisweilen
vorgekommen. Die Leibesfrucht hat wohl den Weg ans Tages-
licht durch den Nabel, die Flanke, die Brust, den Kopf, ja
durch ein Geschwür genommen. Ungeborne Kinder haben ver-
nehmbar im Mutterleib geschrieen, und neugeborne Kinder haben
unmittelbar nach der Geburt verständliche Worte gesprochen.
351
Frauen haben sich in Schildkröten und Gaviale, Männer in
Esel; Schlangen, Schweine und Raubtiere verwandelt, bald nur
teilweise, bald gänzlich. Ganz kleine Kinder sind auf die Stadt-
wälle geklettert und haben da Trommeln geschlagen und somit
rechtzeitig vor dem Herannahen blutdürstiger Feinde und Auf-
rührer gewarnt. Leichname ohne Kopf haben laute Prophe-
zeiungen ausgestoßen. Verrückte haben richtige Vorhersagungen
geäußert und sind oft unmittelbar hinterher getötet worden, da
sonst ihre übelbringenden Worte in Erfüllung gegangen wären.
Hörner sind recht häufig aus menschlichen Schädeln hervor-
gewachsen, und Barte aus dem AntHtz junger Frauen. Gatten
haben ihre Frauen verspeist und Gattinnen ihre Männer.
Kinder sind plötzlich zu außerordentlicher Größe, bisweilen zu
Riesen angeschwollen. Riesen und Riesenfußspuren sind in ge-
heimnisvoller Weise aufgetaucht und wieder verschwunden. Das
Auferstehen von Toten, sogar nach langem Todesschlafe in der
Erde, ist eine häufig erwähnte Begebenheit und kündete ver-
heerenden Krieg und Pestilenz an.
Bei der systematischen Beobachtung und Deutung der
sonderbaren Erscheinungen der menschlichen Natur spielte stets
eine große Rolle das f^ ^, Deuten von Versen, d. h. von zu-
fälligen Äußerungen, die man auf der Straße, dem Markt oder
sonstwo auflas und als bedeutungsvolle Orakel mit Sorgfalt den
Behörden zu überbringen pflegte. Besondere Aufmerksamkeit
schenkte man ihnen, wenn sie aus dem Munde von Kindern
kamen, da bei diesen völlige Ursprünglichkeit gewährleistet,
jede bewußte Absicht ausgeschlossen schien. Da derartige Aus-
sprüche aus Kindermund meist als ^ ^, Knabenverse, be-
zeichnet werden, so liegt die Vermutung nahe, daß Äußerungen
von Knaben höher bewertet wurden als diejenigen von Mädchen,
und zwar weil jene dem Jang angehören und daher mehr
Sen oder Göttlichkeit als das weibliche Geschlecht haben.
Diese Form der Orakeldeutung muß gewiß sehr alt sein, da
352
im Si Ki ein Fall erwähnt wird; welcher sich im achten
Jahrhundert v. Chr. ereignet haben soll. Zahlreiche weitere
Fälle werden in den dynastischen Geschichtswerken und anderen
Quellen berichtet.
Natürlich kann auch der ordentliche Zustand des T a o sich
sowohl wie seine Störungen in seltsamen Erscheinungen der Tier-
und Pflanzenwelt offenbaren^ die ja auch ein beseelter Unter-
teil des Universums ist. So sind sowohl früh im vorchristlichen
Zeitalter wie später in allen Jahrhunderten öfters seltene Vögel
von hoher Schönheit, näniHch ;^)§L. Fung-Huang, und
merkwürdige Einhörner, i^J^ Ki-lin, erschienen (vgl. S. 39);
von letzteren gelang es sogar, von Zeit zu Zeit Exemplare ein-
zufangen, mitunter auch weiße. Drachen, die Erzeuger und
Sinnbilder der Wolken und des Regens (s. S. 291) und darum
auch der segenspendenden Kräfte der kaiserlichen Würde, sollen
sich häufig aus großen Strömen erhoben haben als Vorboten
großen Glücks für Herrscher, Beamte und Volk. Doch sind
diese ehrwürdigen Geschöpfe zu erhaben, als daß sie sich dem
profanen Menschenauge zeigten. Geschieht dies dennoch, ver-
lassen sie also ihre fürstlichen Paläste am Firmament, dann
liegt unbedingt eine Störung des Tao vor, die einer im Tao
des Kaisers entspricht, weil dieser zum Beispiel nicht genau in
Übereinstimmung mit den Jahreszeiten oder den echten Grund-
sätzen der Regierung herrscht. Jeder der fünf Teile des Welt-
alls hat seine eigenartigen Drachen, und zwar der Osten blaue,
der Süden rote, der Westen weiße, der Norden schwarze und
die Mitte gelbe; deshalb muß jedesmal beim Erscheinen eines
Drachen auf seine Farbe genau geachtet werden, um den Fall
richtig im Zusammenhang mit den sämtlichen universistischen
Faktoren zu prüfen und zu deuten. Ist das Tao in seinem
gehörigen Zustand, dann sollen überhaupt keine Drachen ge-
sehen werden. Entdeckt man einen im Brunnen, etwa in Gestalt
einer Eidechse oder eines Salamanders, dann ist offensichtlich
353
kaiserliche Würde oder kaiserlicher Einfluß durch Beaniten-
verrat bedrängt; und findet man irgendwo einen toten Drachen
auf; dann ist es klar, daß der Himmelssohn sterben wird, oder
daß seine Entthronung bevorsteht.
Auch die staatliche Zoomantik und Ornithomantik haben
durchweg hauptsächlich in der Beobachtung und Untersuchung
tierischer Abnormitäten bestanden. So künden zum Beispiel
Vögel durch merkwürdigen Flug und außergewöhnliche Stimm
töne Unglück an; desgleichen, wenn sie zu ungewohnter Zeit
lernten und wegziehen, oder an ungewöhnlichen Plätzen ihre
Nester bauen, oder ihre eigenen Nester verbrennen; ferner, wenn
ihr Gefieder ungewöhnlich gefärbt ist, oder wenn sie sich in
andere Vögel verwandeln usw. Besonders sorgfältig werden
die • Hühner beobachtet. Wenn Hennen sich in Hähne ver-
wandeln, oder wenn Hennen krähen, so bedeutet dies, daß der
Kaiser geschlagen und besiegt, oder die höchste Gewalt bald
von einer Kaiserin oder Kaiserin -Witwe ausgeübt werden wird.
Besitzt eine Henne drei Füße, so besagt dies, daß der Kaiser
unter weiblichem Einfluß regiert, was immer großes Unheil zur
Folge haben kann. Recht bedenkliche Anzeichen sind es auch,
wenn Hähne Hörner haben, Eier legen oder in menschlicher
Sprache reden.
Zu Deutungen bietet sich ferner Anlaß, wenn besonders
große oder merkwürdige Fische oder Schildkröten gefangen,
oder im Wasser oder in der Luft gesehen werden, oder gar
in beträchtlicher Menge vom Himmel faflen. Häufig wird von
Schlangen mit sechs Füßen oder seltsam gefärbter Haut be-
richtet; ferner von Schlangen, die in den Palast des Kaisers
oder in gewöhnliche Wohnhäuser gekrochen kamen und damit
das Nahen von Mördern oder bewaffneten Rebellen anzeigten:
weiter von wunderbaren Tieren jeder Art, wie sechsfüßigen
Säugetieren, Pferden mit Hörnern oder langem, fleischigem,
behaartem Schweif; von Füchsen mit neun Schwänzen, weißen
De Groot, Universismus.
354 -,
Tigern^ Ratten und Mäusen; von glückverheißenden weißen
Kaninchen; weißen Schwalben und Finken, blauen oder weißen
Krähen und Elstern, Kaben mit drei oder vier Füßen, und
allerlei Vögeln mit doppelten Köpfen. Gelegentlich wurden diese
seltsanien Tiere eingefangen und nebst Bericht an den Hof ge
sandt. Mitunter sind wilde Bestien in bewohnte Städte als
Herolde des Tao eingedrungen und haben durch Gebrüll in
den Straßen oder auf den Wällen die bevorstehende Zerstörung
oder Entvölkerung der Stadt oder ein anderes größeres Unheil
angekündigt. Scharen von Wölfen haben Verheerungen unter
Menschenleben angerichtet, um kundzugeben, daß die kaiser-
liche Regierung gänzlich vom Tao des Himmels verlassen sei.
Füchse haben den nahen Sturz von Kaisern 'dadurch prophezeit,
daß sie sich in ihre Paläste und Privatgemächer eingeschlichen
hatten. Haustiere haben Monstrositäten jeder Art in die Welt
gesetzt; Stuten haben Zwillinge, Steine und Kinder geworfen,
und Hengste Fohlen. Kühe haben in menschlichen Lauten ge-
sprochen, sich mit Pferden gepaart und Einhörnern (Ki-lin)
das Leben geschenkt. Hunde haben sich mit Schweinen und
sogar mit Frauen gepaart; Schweine haben Elefanten hervor-
gebracht. Auch Insekten, besonders Fliegen und Grillen, sind
von Vorbedeutung, auch Bienen, deren Schwärme zu Kriegs-
zeiten Übel vorhersagen. Warnungen gehen von Bäumen und
Sträuchern aus, wenn sie in merkwürdiger Weise ineinander
oder aufeinanderzu wachsen oder Blüten und Früchte von
seltsamer Art oder von anderen Pflanzen tragen ; auch von ein-
getrockneten oder verfaulten Baumstümpfen, die plötzlich frisches
Grün oder Blüten hervorsprießen lassen, und von umgestürzten
Bäumen, die sich von selbst wieder aufrichten; endlich von
Bäumen und Sträuchern, die im Winter grünen oder bluten,
schreien oder jammern. Und so könnte die Aufzählung ohne
Ende weitergehen — ist doch in China jeder Gegenstand durch
den lebendigen Atem des Weltalls beseelt.
355
Nimmt es da noch Wunder, daß in diesem merkwürdigen
Lande Glocken und Alarmtrommeln von selbst ihre Stimme
haben erschallen lassen, um vor nahenden Feinden, Rebellen
und anderen Schrecken zu warnen? Klingt es da noch über-
raschend, wenn man an den Toren des kaiserlichen Palastes
wunderbare Geräusche gehört haben will, die sorgfältig auf-
gezeichnet wurden und sich als geheimnisvolle Vorzeichen von
Rebelhon und anderen großen Unheilen erwiesen? Wenn Teller,
Schüsseln, Töpfe und allerhand anderes Gerät, oder in Truppen-
lag-ern die Waffen mit einem Male sonderbare Töne hervor-
gebracht haben, die zumeist Niederlagen und dergleichen Un-
heil vorhersagten? Ganz zu schweigen von den wunderbaren
Dingen, die sich mit Götter- und Buddhabildern zugetragen
haben, welche z. B. geseufzt, geweint, geschwitzt, geblutet, sich
bewegt oder gar ihre Köpfe abgeworfen haben. Solche wahr-
nehmbaren Zeichen haben sich noch häufiger ereignet als Er-
scheinungen von Göttern oder Sien als Boten des Universums
zur Kundgebung von Warnungen und Orakeln.
Nachdem uns jetzt bekannt geworden ist, wie sich die
ffroße, die stanze Welt umfassende Kunst und Wissenschaft der
Mantik in Ostasien bis auf diesen Tag in den Hauptlinien
gestaltet hat, bleibt noch zu erwähnen, daß sie es auch alle
Jahrhunderte hindurch verstanden hat, den Sen oder göttlichen
Wesen, welche die zahllosen Kräfte der allgemeinen Weltseele
darstellen, Fingerzeige und Anzeichen über Kommendes zu
entlocken. Diese Kunst wurde stets von Sachkundigen getrieben,
sowohl zum Nutzen des einfachsten Mannes aus dem Volke
wie für Privat- und Staatsangelegenheiten der Mandarinen
und Kaiser.
Natürlich lassen sich an die Gottheiten oder ihre Bildnisse
stets Fragen aller Art mündhch richten; man kann das auch
schriftlich tun, indem man die Frage in Form eines Briefes
verbrennt, so daß sein Inhalt durch die Flammen zur betreflfenden
' 23*
356
Gottheit emporgetragen Avird. Die Beantwortung erfolgt in
verschiedener Weise. In den Tempeln geben sie meistens
mit Ziffern oder den Schriftzeichen der Zeitkreise versehene
Stäbchen^ welche man in einem Köcher durcheinander würfelt,
um darauf unter der führenden Hand der befragten Gott-
heit eines herauszuziehen; von einem mit demselben Zeichen
wie das Stäbchen versehenen Zettel liest man sodann die ge-
druckte Antwort ab, welche mehr oder weniger mystisch verfaßt
ist. Auch bekommt man Antworten mittels der zwei Hälften
eines der Länge nach gespaltenen ovalen Stückes Holz oder
Bambuswurzel, die also jede eine flache und eine gewölbte
Seite haben. Nachdem man seine Frage so gestellt hat, daß
sie der Gott mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten
kann, so läßt man die beiden Klötze zu Boden fallen; zeigen
sie dann beide ihre gewölbte oder ihre flache Seite, dann ist
die Antwort verneinend, bejahend dagegen, wenn eine flache
und eine gewölbte Seite nach oben liegt.
Sehr gebräuchlich ist es auch, Götter durch Ruten, Siebe,
Besen oder andere Gegenstände zu befragen, die man in der
Hand hält oder lose aufhängt. Der gewünschte Geist soll dabei
durch Beschwörungen oder durch Zauberformeln, die man
aufschreibt und verbrennt, veranlaßt werden, in solch einen
Gegenstand hinabzusteigen und dessen Bewegungen zu regeln,
die sodann in dazu ausgestreutem Staub, Sand oder Kleie eine
Orakelschrift zeichnen, welche die Sachverständigen lesen und
deuten. Begreiflicherweise lassen die Götter sich durch solche
Zauberformeln auch dazu bewegen, sich zeitweilig in Menschen
niederzulassen und durch ihren Mund mystische Orakelworte
zu äußern, die Sachkundige auffangen, niederschreiben und
deuteln. Schon in den ältesten heiligen Büchern werden solche
gelegentlich Besessenen unter den Namen /j^ ^^ ^i^^ ^^ Hi'
erwähnt; wir erkennen in ihnen also leicht eine heidnische
Priesterschaft der uralten animistischen Zeit. Sie waren und
357
sind noch immer beiderlei Geschlechts. Die Besessenheit ver-
setzt sie in einen Zustand der Hypnose, Ekstase, Gefühllosig-
keit, Verlorenheit, Erstarrung, aus dem sie erwachen sobald der
Gott sie wieder verläßt; und während dieses Zustandes pflegen
sie recht häufig sehr anormale Körperbewegungen zu machen
und sich höchst sonderbar aufzuführen. Ihr Beruf hat sich er-
klärlicherweise allmählich mit dem des taoistischen Priestertums
(S. 136 ff.) verquickt und umfaßt auch, auf Grund der Kraft
der Gottheit, welche sie beseelt und ihnen also zur Verfügung
steht, Exorzismus und auf Exorzismus gegründete Kranken-
heilung. Weibliche Wu und Hi' treten sehr häufig als Klar-
seherinnen auf, die in hypnotischem Zustande ihre Seele zur
Einholung von Enthüllungen in die Götterwelt wandern lassen.
Es ist aber unnötig, hier auf diesen Gegenstand einzugehen,
da die Ergebnisse meiner Forschungen über dieses uralte
Priestertum und über die Mantik mittels Götter und Geister
bereits in „The Religious System of China" (2. Buch, 5. Teil)
ausführlich veröffentlicht sind.
Träume sind, nach uralter Auffassung, Offenbarungen der
Seele des Träumenden, welche den Körper verlassen hat, um
zeitweilig in der Geisterwelt herumzuwandern. Daß somit auch
die Traumdeutung zur Enthüllung der Geheimnisse des Welt-
alls und der Zukunft von alters her eine große Rolle in China
gespielt hat, ist eine SelbstverständHchkeit.
Unter allen Methoden zur Erlangung von Fingerzeigen
aus der großen Allseele hat eine, als uralt und besonders heilig,
jederzeit die allerhöchste Stellung eingenommen, und zwar die,
welcher der Grundtext des Ji' gänzlich gewidmet ist und die
in den heiligen Büchern durch das Zeichen ^ J^i angedeutet
wird. Sogar für Prüfung der Richtigkeit und Erwünschtheit
geplanter Regierungsmaßregeln war sie immer die bevorzugte
Methode. Eine gewisse Pflanze, ^ Si genannt (Achillea
ptarmica, Schafgarbe), stand im Rufe, ein besonders großes
358
Quantum von Sen oder Ling, der Weltseele entlehnter gött-
licher Kraft; zu besitzen, angeblich wegen ihrer langen Lebens-
dauer und ihres Vermögens, alljährlich eine sehr große Anzahl
Stengel (^ Ts'e') hervorzubringen. Diese Stengel, ganz und
geknickt, ließen sich in acht Kombinationen zusammenlegen,
welche der Zahl der Weltgegenden entsprachen und diese Fi-
ofuren ergaben:
in welchen das Jang und das Jin durch die ganzen und die
geknickten (gebrochenen) Linien, also durch die himmlischen
und irdischen Grundzahlen 1 und 2 (vgl. S. 321), vertreten
waren. Dieses in unseren Augen ganz einfache Spiel enthüllte
der chinesischen Weisheit der Urzeit das verborgene univer-
sistische Urprinzip und war für sie daher das heilige Mittel zur
Ergründung von allem weiteren, was das Weltall in seinem
Schoß verbirgt; enthüllten doch die acht Figuren, die man ^\\
K u a nannte, das Gesetz der verschiedenen Mischungen von
Jang und Jin während jedes Jahrkreises, d. h. jedes Umlaufes
des T a 0. Überdies führte ein tieferes Studium zur Entdeckung,
daß durch Vermehrung der Zahl der Linien in jeder Figur auf
4, 5 und 6 die Anzahl der Kua sich auf 16, 32 und 64 er-
höhen ließ und somit stets das Mittel zur tieferen Ergründung
der Verborgenheiten des Tao bot. In dieser größten An-
zahl werden die Kua im Ji' besprochen und gedeutet. Li
diesem heiligen Buch sind die Namen und die Bedeutung,
welche die Weisheit der Alten ihnen beigelegt hat, ja sogar die
Bedeutungen jeder Einzellinie in jeder Figur, sorgfältig wieder-
gegeben: zwar wird nicht mitgeteilt, worauf sie beruhen, allein
wir wissen schon, daß das Vermögen zur Erkenntnis und Deu-
tung der Vorzeichen Sache der natürlichen Begabung ist. Es
kommt also für jeden Fall, in dem man die Weltseele zu Rate
ziehen will, nur darauf an, auf richtige Weise sich ein Kua
359
zu legen,- dessen Deutung läßt sich daraufhin aus dem Ji* er-
lesen und durch Scharfsinn näher erklären. Wahrscheinlich
bekam man die Kua etwa in der Weise des auf S. 356 er-
wähnten Stäbchenziehens.
Das Ji', das es dem Menschen ermöglicht, mittels der
Allseele, die in der Schafgarbe wohnt, den Erfolg seiner Un-
ternehmungen im voraus zu prüfen und somit der Gefahr zu
entgehen, daß sein Tun nicht mit der Weltordnung in Einklang
sein könnte, ist somit das allerwichtigste unter den heiligen uni-
versistischen Büchern. Konfuzius selbst hat auf seinen Wert
den Stempel gedrückt. Dem Lun Jü zufolge (VII, 16) sprach
wäre mir noch eine Vermehrung der Lebensjahre beschieden, so würde ich
fünfzig davon dem Studium des Ji' widmen, damit ich keine großen Irr-
tümer mehr begehe.
Daß die Kua, in einem Kreise aufgestellt, sich an die
zahlreichen Kreise, in welche die Chronomantik die übrigen
universistischen Faktoren zu ordnen pflegt (s. S. 328), legen
lassen, und daß das Ji^, welches sie deutet, dadurch mit einem
Schlage auch das große Handbuch für Chronomantik wird, läßt
sich leicht einsehen; auch daß, umgekehrt, die genannten Fak-
toren dadurch in den Dienst der Mantik des Ji* gestellt werden,
und dieses Buch mithin den großen Schlußstein der Mantik in
ihrer ganzen Verschiedenheit an Formen bildet.
Um aus der Allseele Anzeichen zu erhalten, wurden im
ältesten China neben der Schafgarbe auch Schildkröten ge-
braucht. Man nannte diese Methode, wie noch heutigentags, p
Pu'. Schildkröten können nämHch ebenfalls, wie es ihre Riesen-
exemplare erweisen, ein hohes Alter erreichen, was natürlich
auf den Besitz einer kräftigen, dem Jang entlehnten Lebens-
seele schließen läßt. Man sengte aus diesem Grunde ihre
Schalen mit heißem Eisen, brachte dadurch Risse und Linien
(^|<) hervor und las daraus die Orakel. Die Heiligkeit und
360
Vortrefflichkeit der beiden Methoden war der Staatsregierung-
für alle Ewigkeit gewährleistet durch ihr direkt vom Himmel
stammendes Grundgesetz^ das Hung Fan. In der Aufzählung
der neun hohen Obliegenheiten des Fürsten steht da ge-
schrieben :
zm^. mm ±hM.A.7^^bmooom
m^i^m.mM7!f'<:.\mMm±.mMjtf.A,
mom^^m=fA,mm.t.mi^.m
Die siebente heißt: die Ergründung des Ungewissen; erwälile und
setze Personen ein für die Mantik der Schildkröten und Stengel und be-
fiehl ihnen, diese Mantik zu verrichten. Bist du über eine Angelegenheit
von Bedeutung in Zweifel, so gehe mit deinem Gemüt zu Rate, dann be-
ratschlage mit deinen Ministern und Beamten, dann pflege Rats mit dem
Volke und ziehe die Mantik der Schildkröten und der Stengel zu Rate.
Wenn dann du selbst, die Schildkröte und die Stengel, die Minister und
Beamten und das Volk für die Sache sind, dann ist ein völliges gemein-
sames Einverständnis da, das für dich persönlich auf Wohlergehen und
Kraft hinweist, für deine Nachkommenschaft auf Glück, das ihnen be-
gegnen wird. Bist du mit der Schildkröte und den Stengeln für die Sache,
aber sind die Minister und Beamten samt dem Volke dagegen, dann wird
sie glücklich verlaufen; dasselbe wird der Fall sein, wenn die Minister
und Beamten, die Schildkröte und Stengel dafür, du mit dem Volke da-
gegen bist, oder wenn das Volk mit der Schildkröte und den Stengeln dafür,
du und die Minister und Beamten dagegen sind. Bist du mit der Schild-
kröte dafür, und sind die Stengel, Minister und Beamten und das Volk da-
gegen, dann wird, wenn die Angelegenheit dein Haus betrifft, diese glück-
lich verlaufen, unglücklich aber, wenn sie die Außenwelt angeht. Wo Schild-
kröte und Stengel zusammen mit den Menschen in Widerstreit sind, da
bringt Nichthandeln Glück, Handeln Unheil.
In diesen Zeilen liegt uns das älteste und heiligste Grund-
prinzip der Mantik der allerhöchsten ( )rdnung vor, nUnilicli :
die Orakel; welche die Weltseele durch den Geist und Verstand
der Menschen gibt, sind keineswegs gegen die, welche sie durch
Schildkröten und Schafgarbe verleiht, aufzuheben ; letzteren
aber ist auf jeden Fall der ausschlaggebende Wert und die
entscheidende Kraft beizumessen. Vollständig begreiflich, aber
dennoch kennzeichnend erscheint uns jetzt die Tatsache, daß
die Tsou- Dynastie für diese hohe Zwillingskunst viele Beamte
in ihrem Dienst hatte. Kap. 24 des Tsou Kuan erwähnt
erstens die ys^ p , Hauptmantiker für die Schildkröten, und schreibt
dazu: m^Mzm.-Bm\u,^Bmm.^
befassen sich mit der Methode der drei Ji', nämlich der Li6n-san, des
Kwei-tsang und des Ji' von Tsou; für alle diese Methoden sind die
grundlegenden Kua acht und die anderen 64 an Zahl. Wir vernehmen
hier also, daß neben dem Ji' von Tsou, das kein anderes als
das jetzige Ji' ist, noch zwei andere Ji' bestanden, die eben-
falls die 8 und die 64 Kua zur Grundlage hatten und, da sie
zuerst genannt werden, wohl älter waren als das Zeitalter von
Tsou. Sie scheinen dieses Zeitalter aber nicht überlebt zu
haben, was natürlich nicht ausschließt, daß ihr Inhalt ganz
oder teilweise in das Ji' von Tsou übergegangen sein kann.
Weiter erwähnt das Tsou Kuan die |> gjj; Meister der
Sehildkrötenmantik; ^ J[^ , Personal für die Schildkröten: ^ \y
Orakeldeuter-, endlich ^ \, Personen für die Stengelmantik, die
sich ebenfalls mit den Methoden der drei Ji* befaßten. Es gibt
also Zeugnisse zur Genüge, daß die Mantik der Schildkröten
und die der Kua neben und miteinander getrieben wurden; daß
Idas alle Zeiten hindurch der Fall geblieben ist, beweisen die zahl-
[reichen Schriften, welche die Doppelkunst hervorgebracht hat.
362
Dieses Kapitel hat also neue Beweise dafür herbeigebracht,
daß die ffroße Grundlehre des Universismus, die Lebensführuno-
des Menschen solle sich möglichst nach dem T a o des Weltalls
richten^ den Chinesen neben ihrer Religion und ihrem Staats-
wesen auch ihre Weisheit und Wissenschaft geschenkt hat.
Dem Kaisertum war bei der Durchführung dieser Grundlehre
vom Himmel selbst die führende Rolle zuerteilt, und es hat
diesen Auftrag mit strenger Konsequenz erfüllt nach dem uni-
versistischen Gesetz, welches scharf und bündig in diesen
Worten des heiligen Li Jun (III) seinen Ausdruck findet:
^m,s.nmnM.mmB%^,Amiiin
RR . So sollen dem Heiligen (Herrscher) zur Regelung seines Tuns Himmel
und Erde die Wurzel sein, J i n und J a n g das Grundprinzip, die vier
Jahreszeiten der Halt, die Sonne und die Planeten die chronometrische
Richtschnur, der Mond der Zeitmesser, die Kwai und Sön die Gehilfen,
die fünf Elemente der Grundstoff, die L i und die Zeremonien die Werk-
zeuge, die Natur der Menschen das (Arbeits)feld.
Unter dieser festen und strengen universistischen Führung
hat die universistische Wissenschaft ihre Entwicklung genommen,
ohne je den Boden ihrer erstarrten Grundformen zu verlassen.
Sie hat also alle Zeit den chinesischen Geist in ihre Fesseln
gelegt, ohne daß eine Wissenschaft in unserem Sinne neben
ihr keimen, atmen oder leben konnte; durch ihre unzähligen
Schriften und Bücher schmiedete sie sogar immer wieder neue
Fesseln um den Geist des chinesischen Volkes. Diese Schriften,
durchmischt mit Begriffen und Lehren über Götter und Dä-
monen, bieten dem Ethnographen eine unerschöpfliche Fund-
grube für Forschungen über die menschliche Vernunft, die, so-
lange sie strebt, nie zu irren aufgehört hat. Einen besonderen
Wert mag solches Forschungswerk durch die Tatsache be-
kommen, daß es in das erste Morgengrauen der Menschheits-
363
geschichte zurückführt, vielleicht in eine Zeit, als Babylon und
Assyrien sich ebenfalls eine universistische Kulturform geschaffen
liatten. Diese ist längst verschwunden; sie aus ausgegrabenen
Überresten soweit als möglich kennen zu lernen, ist die
Wissenschaft mühsam bestrebt; es dürfte dieses Bestreben durch
Kenntnis des chinesischen Universismus, der sich bis zu dieser
Stunde unversehrt erhalten hat, Erleichterung und Förderung
erfahren. Vielleicht wird eine Zusammen Wirkung auf beiden
Gebieten zu der Entdeckung einer gemeinsamen Wurzel der
alten Kulturen und Religionen Asiens führen: des Menschen
Bewußtsein seiner Abhängigkeit von der Macht des Weltalls
und der daraus folgenden Notwendigkeit, sich dieser Macht
engstens anzuschließen und anzupassen zur Erlangung ihrer
Segnungen und zur Beseitigung ihrer ihm schädlichen Wir-
kungen.
Dreizehntes Kapitel.
Ocomantik.
Ein wichtiger Hauptzweig der universistischen Kunst und
Wissenschaft muß noch in diesem Werke Erörterung finden^
zumal er bisher am meisten die Aufmerksamkeit des Auslandes
auf sich gezogen hat und das erste war, wodurch sich ihm das
eigenartige Wesen der chinesischen Geistesbildung in ihrer
wahren Form enthüllte. Gemeint ist die Kunst oder Wissen-
schaft; welche von alters her die Frage zu lösen versuchte, wie
der Mensch sich dem Weltall derart anpassen soll, daß er
samt seinen Schutzgöttern und Ahnen in einer Umgebung lebt,
wo die günstigen Einflüsse des Tao der Welt, also des Jang
und des Jin des Himmels und der Erde, möglichst zahlreich
und kräftig zusammentreffen. Nicht bloß Häuser, Dörfer und
Städte sollen sich in einer so günstigen Lage befinden, sondern
auch Altäre, Tempel und Gräber, und zwar weil die Götter und
die Toten, also die S e n, an die unter ihrem Schutze lebenden
Menschen die segnenden Einflüsse des Weltalls unmöglich ver-
teilen können, wenn ihnen nicht selbst in ihren Wohnsitzen ein
Überschuß davon zuströmt. Sind Altäre, Tempel und Gräber
an ungünstigen Orten angelegt, dann weigern sich die Götter
und die Geister der Toten darin zu verweilen, oder fühlen sich
daselbst so unbehaglich, daß sie in ihrem Arger den so sorg-
losen Menschen statt Segen Strafe senden.
Da es sich bei dieser Kunst und Wissenschaft in erster
Linie um vernünftige Anpassung von Gebäuden jeder Art an die
Erde handelt, so steht nichts im Wege, ihr den Namen Geo-
365
iiiantik beizulegen. Die verschiedenen Teile der Erde entlehnen
aber ihre Einflüsse den entsprechenden Teilen des Himmels,
und somit ist ein alter Name der Geomantik ;^i& K'an Jü,
das, was Himmel und Erde enthalten; bereits im 8i Ki (Anhang ZU
Kap. 127) wird eine K'an Jü-Schule erwähnt, deren Weisen
vom Kaiser Wu (2. und 1. Jahrh. v. Chr.) zu Rate gezogen
wurden. Es läßt sich aber urkundlich nachweisen, daß die
Geomantik noch viel älter ist, vielleicht wohl so uralt wie der
Universismus selbst. Im Buche Hi-Tse (II) des Ji*, dem-
selben, in dem die Urlehre des Universismus enthalten ist (s.
S. l)y wird nämlich die Geomantik dem Menschen zur Pflicht
gemacht in folgenden Worten: f P J^^ ^ |^ ^ ^ ^ i)fj J^
^M^M^&^^\M^MZ^'^ blickt hinauf, um die
Zeichnungen am Himmel zu lesen, und blickt hinab, um die Zeichnungen
in der Erde zu erforschen, denn aus ihnen lernt man die Einflüsse des leuch-
tenden (Himmels) und der dunklen (Erde) kennen. Die zugleich mit
der Astrologie auszuübende Geomantik wird also hier als die
Lehre der iljj ^ Ti Li, Zeichnungen im Erdboden, bezeichnet;
diesen klassischen Namen" hat sie bis zum heutigen Tage ge-
führt. Auch heißt sie allgemein I^I^Htj Jin Jang Su',
Wissenschaft oder Kunst von Jin und Jang. Der gebräUChHchste
Name aber ist ]^ ';^ Fung Sui, Wind und Wasser. Von
den Winden und dem Regenwasser, welches sie bringen, ist
nämlich die Ernährungsmöglichkeit und somit das Glück
oder Unglück der Menschheit vollständig abhängig (S. 314);
Fung Sui ist also ein Name für die kostbarsten Einflüsse
des Himmels und der Erde, welche, wie wir erfahren haben,
als T'iSn Sen, himmlische Götter von Wind, Wolken. Regen
und Donner, und als Ti K'i, irdische Götter der Meere und
Flüsse, endlich noch als Drachen in der Staatsreligion Ver-
ehrung und Opfer genießen.
fe Gleichwie die Chronomantik wird die Geomantik beruis-
mäßii? betrieben von Sachverständigen, die allgemein den Titel
366
von 0j5 Si; Meister^ führen. Schon von vornherein läßt es sich
als selbstverständlich annehmen^ daß sie in erster Linie mit
denselben uns bekannten Serien und Kreisen von universistischen
Faktoren ausgeübt wird^ die in der Chronomantik ihre Rolle
spielen, denn über das Verbinden und Verschieben derselben
und ihre Deutung mittels der K u a ist die chinesische univer-
sistische Weisheit nie hinaus gekommen. Auf einer runden
Holztafel, welche die Form einer platten Schüssel hat, in kon-
zentrischen Kreisen zusammengebracht, mit einer winzigen
Kompaßnadel im Mittelpunkt, stellen diese Faktoren ein
Zauberinstrument dar, aus dem alle geomantische Weisheit und
Kunst sich durch Anstrengung sachkundiger Vernunft, von
Handbüchern unterstützt, herausholen läßt. Die darauf befind-
lichen Kan und Ki, welche (s. S. 321) sowohl die Zeitteile
als die Kompaßpunkte darstellen, verknüpfen die Geomantik
durch ein festes Band mit der Chronomantik und ermöglichen
es also, bei Häuserbau auch die acht Schriftzeichen (S. 328)
der Bewohner, bei der Anlage eines Grabes die des Toten und
seiner Nachkommen in der Berechnung nützlich zu verwerten.
Da auch die 24 gleichen Perioden, in die die Chinesen seit
alters das Sonnenjahr einzuteilen pflegen, in ihrer natürlichen
Reihenfolge in einen der Kreise eingeschrieben sind, und
zwar so, daß die Äquinoktien mit dem Osten unji Westen, die
Sonnenwenden mit dem Süden und Norden zusammentreffen,
läßt sich auch tiefsinnig bestimmen, zu welcher Zeit des Jahres
Bauwerke irgendeiner Art unternommen werden sollen, während
die Kan und die Ki dann den Tag und die Stunden bestimmen.
Dadurch können für die Interessenten große Unannehmlichkeiten
entstehen, weil Werke, welche keinen Verzug erleiden können, ver-
schoben, andere verfrüht werden müssen ; allein mit solchen neben-
sächlichen Dingen kann die hohe Geomantik unmöglich rechnen.
Eine nicht weniger wichtige Rolle spielen in der Geo-
mantik die äußeren Formen (^) von Bergen, Höhen, Felsen,
367
Bäumen, Häusern und Gewässern aller Art, also die Ti Li,
die Zeichnungen in der Erde, deren Wahrnehmung das heilige J i *
der Menschheit ans Herz gelegt hat (S. 365). In diesen Ge-
staltungen sucht das geomantische Auge vor allem vier mythische
Tiere zu erkennen, durch die das Glück jeder Gegend bedingt
wird. Man teilt nämlich seit alten Zeiten die 28 Siu oder
Hauptsternbilder (S. 149) in vier Abschnitte von je sieben ein,
die dem Osten, Süden, Westen und Norden entsprechen und
bezw. ^ ^|, blauer Drache, ^ J^ ^ roter Vogel, ^ J^, weißer
Tiger, und ^^ ^^, schwarze Schildkröte, genannt werden. Wenn
möglich, sollen die Formen dieser vier Tiere sich zusammen
nah oder fern an den vier Seiten nachweisen lassen; unent-
behrlich für ein erstklassiges Fung Sui aber sind ein Drache
und ein Tiger, denn der Drache ist der Gott, der Wasser
(§ui) hervorbringt, und, wie es im vierten Anhang (Wön Jon)
des Ji' heißt: ^^ fl^ M,^ i^^ ^^^ Wolken kommen vom
Drachen und die Winde (Fung) vom Tiger. Purch diese vier Tiere
lassen sich die Einflüsse der 28 Sternbilder auf die verschiedenen
Unterteile der Gegend nachweisen, und damit ist das Band
zwischen Geomantik und Astrologie von selbst geknüpft. Es
ist aber gar nicht nötig, daß die Linien und Umrisse der
Landschaft irgendwelche AlmHchkeit mit Tieren zeigen; ein
Haus, Grabmal, Fels, Stein, Baum oder Gebüsch kann theo-
retisch eines der günstigsten Tiere darstellen. Ein Drache genügt
schon allein, um ein gutes Fung Sui darzustellen; dagegen
sind die anderen Tiere ohne den Drachen wertlos. Im Hause,
das in der richtigen Lage bei einem Drachen und einem Tiger
steht, oder das dort das Grab eines Ahnherrn besitzt, werden
sicherlich Zivil- und Militärstaatsdiener geboren werden: ist
doch der Drache das Sinnbild der kaiserlichen Regierung und
der Tiger das von Tapferkeit, Kraft und Mut.
Es gibt auch nachteilige, sogar tötende Einflüsse der
Winde, besonders der nördlichen, und es ist Aufgabe der Geo-
368
mantik; dafür zu sorgen, daß sie durch Höhenzüge, Felsen,
Bäume usw., oder sogar durch alberne Kunstmittel wie Stein-
haufen und Baumgestrüpp abgewehrt werden. Es ist nun gar
nicht erforderlich, daß sie diese Aufgabe in Wirklichkeit er-
füllen; es genügt bereits, wenn sie überhaupt sichtbar sind, und
sei es nur am fernen Horizont. Wie in jeder falschen Wissen-
schaft, ist in der Geomantik Theorie immer Trumpf, und so
kann z. B. ein kleiner Felsblock eine ganze Gegend vor schäd-
lichen Windeinflüssen schlitzen, wenn sie einfach dem Auge in
der Perspektive eine verhängnisvolle Öffnung in entfernten
Höhenzügen verdeckt.
Träger der ^ ÜJ^ S u i S 6 n oder ;(JC ^ S u i L i n g,
der göttlichen Wasserkraft, sind Flüsse, Bäche, Kanäle, Teiche,
sogar Abflußrinnen; ihnen ist also bei geomantischen Orts-
bestimmungen ganz besonders Rechnung zu tragen. Selbst im
ausgetrockneten Zustand sind sie im Besitz dieser göttlichen
Kraft. Windungen und Biegungen von Wasserläufen geben zu
tiefsinnigen Betrachtungen Anlaß. Teiche werden gegraben, um
Landstrichen, Tempeln und Mausoleen belebende Wasserkraft
zuzuführen; selbst bei der Anlage von Rinnen in Wohnungen
und außerhalb wird Lage, Form, Breite und Richtung geo-
mantisch berechnet.
Wir wissen, daß man sich in China Himmel und Erde
und jeden ihrer Unterteile als beseelte, lebende Wesen denkt.
Das Fung Sui von jeder Gegend, durch die Umgebungen
gebildet, ist also ein Organismus von verschiedenen Sen oder
Göttern, die sich durch Ling oder göttlit-he Wirkung kennzeichnen,
welche auf die daselbst wohnenden Menschen in allerhand Arten
und Weisen segnend einwirkt, am kräftigsten aber, wenn die
Unterteile der Gegend Zufuhr von ^^ t'iön Te', himm-
lischer Kraft oder Tugend, von den Sternen empfangen, unter deren
Einfluß sie stehen (vgl. S. 281j. Das Ling kann sich somit
auch unwirksam verhalten, auch endgültig erlöschen und also
369
für die Menschen wertlos werden; es heißt dann, das Fung
8ui sei tot. Auch kann das Ling sich auf einer bestimmten
Stelle des Fung Sui besonders anhäufen, dagegen an anderen
Stellen gänzlich dahinschwinden; es kann bald an der Ober-
Hache strömen ('^), bald in der Tiefe verborgen sein, sich an
einer und derselben Stelle bald stärker bald schwächer oflfen-
baren, usw. Natürliche Begabung setzt den tüchtigen Geomanten
instand, sich über alle solche Einzelheiten mit Entschiedenheit
auszusprechen. Er weiß auch den ^Yert des Fung Sui noch
nach vielem anderen abzuwägen, das sein Seherblick in den
Landschaftslinien zu entdecken vermag. Ist z. B. eine Höhe
von einem etwas wuchtigen Felsblock gekrönt, so kann sein
Urteil lauten, daß aller Wohlstand in der Gegend in seinem
Aufschwung gehemmt, wenn nicht sogar vollständig „zermalmt"
[JM) wi^d? ^^^ daß folglich daselbst nur Unglück und Armut
herrschen können. Zeigt ihm jedoch der Bergumriß die Form
einer Schlange, und erweckt dabei eine Wohnung oder ein Fels-
block in der Nähe des Kopfes dieses Tieres den Gedanken an
eine Perle, die von der Schlange ausgespien sein könnte, dann
wird der Fung Sui alle, die innerhalb seines Bannkreises
wohnen oder ihre Toten begraben, reich machen. Enthüllt sich
dem Auge des gelehrten Mannes im Gebirge das Bild dreier
dicht beisammen stehender Zacken, dann ist ihm das ein Be-
weis dafür, daß auf die Söhne und Enkel der in der Nähe
Wohnenden hohe Lorbeeren bei den Staatsprüfungen und somit
ansehnliche Ämter warten; ist es doch in der Gelehrtenwelt
bräuchhch, sich auf dem Schreibtisch einen kleinen Gegenstand
in Gestalt eines dreizackigen Hügels zu halten und zwischen
die Zacken die Spitze des Schreibpinsels zu legen, damit niclit
etwa die Tusche die Tischplatte beflecke. Spitzfindigkeit kann
natürhch in den Umrissen der Landschaft alles mögliche ent-
decken, was man sich wünscht. Werke über Geomantik ent-
halten ganze Listen von solchen Formdeutungen.
De Groot, Univeisismns. "*
i
370
Eine führende Rolle ist im System der Geomantik den
fünf Elementen zugewiesen. Es wird z. B. als selbstverständlich
angenommen, daß, wenn in einer Höhengestaltung das Element
Feuer vorherrscht, Feuerbrünste in der Umgebung häufig vor-
kommen müssen, es sei denn, daß diese Wirkung durch eine
andere Gestaltung, in der Wasser vorherrscht, aufgehoben wird.
Noch verhängnisvoller wird die Lage, wenn unweit des Feuers
sich in den Gestaltungen das Element Holz nachweisen läßt.
Wehe auch der Gegend, . wo das Element Erde durch Wasser
überwogen wird, denn da drohen Überschwemmungen. Wird
eine Gegend öfters von bewaffneten Räubern heimgesucht, dann
entdecken Geomanten in der Umgebung leicht eine Anhöhe,
deren Form auf Metall, also auf Waffen, hinweist. Sollten die
Bewohner in solchen ungünstigen Orten ihre Toten begraben,
so wird ihr durch das Fung Sui bedingtes Schicksal noch
erheblich verschlechtert. Dagegen ist mit gutem Fung Sui
jeder Ort gesegnet, wo Feuer und Wasser gleichmäßig regieren;
da wachsen die Feldfrüchte üppig und da herrscht Kinder-
segen.
Es ist eine alte Lehre, die bereits vor 2000 Jahren durch
Liu Ngan in seinen Schriften verkündigt wurde, daß die
Elemente einander besiegen (^ oder ^), vernichten (]^),
schädigen (^) und hervorbringen (^) können. Holz (Wachs-
tum) besiegt Erde und bringt Feuer hervor; Erde überwältigt
oder beeinträchtigt Wasser und erzeugt Metall; Wasser ver-
nichtet Feuer und schafft Holz ; Feuer besiegt J^Ietall und bringt
Erde. (Asche) hervor; Metall vernichtet Holz und erzeugt (wenn
es schmilzt) Wasser usw. Eine Unmasse von geomantischer
Theorie hat sich aus diesem Unsinn entwickeln können, Hand
in Hand mit einer praktischen Kunst zur Verbesserung und
Regulierung der Gelände- und Höhenformen. So wissen die
Fung S u i - Gelehrten z. B. den üblen Einfluß, der von einem
flammenförmig gezackten Felsen ausgeht, dadurch zu lähmen,
371
daß man in der richtigen Entfernung, die bis auf den Zoll
ausgerechnet wird, einen Teich oder Wassergraben anlegt.
Oder es wird einfach von dem gefährlichen Felszacken der
scharfe Gripfel entfernt; oder der Zacken wird etwas abgerundet,
wodurch er ein anderes Element wird, das gerade an der Stelle
fehlte; oder man leitet einen Bach oder Graben nach der
Stelle hin, um das unerwünschte Feuer zu löschen oder in
seiner Wirkung zu beschränken. Auch läßt sich ein Boden,
der flach ist und deswegen die Einflüsse des Elementes Erde
besitzt, in Feuer, Holz oder ein anderes Element verwandeln
durch die Errichtung von Steinhaufen bestimmter Gestalt. ^lit
der Absicht, in dieser Weise das Fung Sui von Städten,
Dörfern und Tälern zu verbessern, sind in China auch zahl-
reiche Türme oder Pagoden erbaut worden, in vielen Fällen
unter großem Aufwand von Kosten und Arbeit.
Die Anwesenheit der Elemente in den Gestaltungen des
Bodens gilt noch besonders für eine Sache höchster Wichtig-
keit deswegen, weil sie eines der Hauptbande ist, die Himmel
und Erde geomantisch verknüpfen. Seit alters sind nämlich in
China den fünf Planeten die Namen der fünf Elemente bei-
gelegt worden, und deswegen ist Merkur die himmlische flacht,
welche Wasser regiert, Mars die des Feuers, Jupiter die des
Holzes, Venus die des Metalls, Saturn die der Erde. Folglich
läßt sich von jedem Stück Erdboden auf Grund seiner Gestalt
bestimmen, unter den Einflüssen welches Wandersterns und
welcher von diesem durchquerten Gestirne es sich befindet.
Kein Wunder, daß bei der Auswahl einer Baustelle für ein
Haus, Grab oder Tempel die Geomanten vor allem den Ele-
menten Rechnung tragen, die an der betreffenden Stelle vor-
herrschen. Steiniger Boden, kahle Felsen, lockeres Geröll ver-
körpern mit ihrem ausgedörrten Aussehen und ihren an flackernde
Flammen erinnernden Umrissen das Element Feuer. Jeder an
solcher Stelle eingebettete Sarg würde rasch modern und der
24*
372
Seele also keinen dauernden Schutz bieten; er würde dort unter
einem ebenso schlechten Fung §ui liegen wie in einem Boden,
der vom Wasser beherrscht ist. Auch spitz auslaufende Berge
und Hügel verkörpern das Feuer. Ist dagegen der Gipfel sanft
gerundet; so herrscht das Metall vor. Wenn Höhen steil und
kühn emporragen, so soll ihnen das Element Holz innewohnen,
offenbar weil diese Form an den Wuchs der Bäume erinnert.
Bildet eine Kuppe eine erdige oder lehmige Terrasse, so ist das
Element Erde darin vorwiegend. Natürlich kann eine Boden-
erhebung zwei oder mehrere dieser Formen aufweisen und dem-
entsprechend mehrere Elemente verkörpern. Es versteht sich,
daß ein Geomant Feuer annimmt, wo ein anderer Metall oder
Wasser erblickt. Jedoch solche Meinungsverschiedenheiten haben
auch ihre Vorteile, denn sie setzen die Kundschaft, welche es
sich leisten kann, mehr als einem Gelehrten seinen Rat ab-
zukaufen, instand, mehrere Urteile gegeneinander abzuwägen,
bis nach langem Abwägen und Bezahlen das richtige Fung'
hui getroffen wird. Auch läßt sich auf diese Weise die Ent-
scheidung im Interesse des Geldbeutels der Geomanten recht
hübsch in die Länge ziehen.
Es treten also in der Geomantik deutlich zwei Systeme
hervor, nämlich eines, das hauptsächlich mit den verschiedenen
universistischen Faktoren arbeitet, und eines, das auf die ]f^
^-, Gestaltungen und Formen, das Schwergewicht legt. Daß auch
letzteres schon zur Zeit der Han-Dynastie bestand, lehrt uns
das 30. Kapitel der Ts*iön Han Su, das über ^b ^, wissen-
schaftliche Literatur, handelt; da wird eine ^^ ^, Methode der Ge-
staltungen, erwähnt, mit folgender Erklärung : ^ J^ ^^ jjt\ ^
^ (#) i^ Jt ÄE Iß ^ ^ ?^; «ie hebt ausführlich die Ge-
staltungen in den neun Provinzen hervor und basiert darauf die Formen
von Städten und Wohnungen. Unter sechs Werken dieser Schule
wird auch eines mit dem Titel ^ ^ j^ -J^ ZL ~f" ^, Boden-
gestaltungen für Paläste und Häuser, in 20 Kapiteln, erwähnt. Es
373
scheint^ daß diese „Formenschule" seit dem 9. Jahrhundert der
anderen überlegen gewesen ist infolge des Einflusses des damals
lebenden berühmten kaiserlichen Geomanten ^ J§>fö Jang
Jun-sung. Da dieser Großmeister seine letzten Lebensjahre
in ^ ^H K a n - 1 s 0 u in der Provinz K i a n g - s i verbrachte,
heißt seine Schule die Kan-tsou- oder Kiang-si- Schule. Er
führte die Einflüsse der Gestaltungen hauptsächlich auf Drachen
zurück, d. h. auf die durch Wasser gebildeten Einschnitte und
Aushöhlungen im Boden, und so führt eine seiner Schriften den
Titel ^ ~f" >?^ ^1 ^; das Buch der 36 Drachen. Daß diese Schule
leicht die Oberhand gewann, läßt sich wohl daraus erklären,
daß sie jedem, der über sehende Augen und Einbildungskraft
verfügt, die Ausübung der Geomantik und die Erwerbung einer
gut zahlenden Kundschaft sehr erleichtert, und überdies auch
Laien und alten Frauen erlaubt, über Drachen, Tiger und Ele-
mente urteilsfähig mitzufaseln, vor allem, wenn es die Gräber
ihrer Toten anbelangt, für welche jedermann verpflichtet ist,
hohes Interesse zu hegen und zu bekunden.
In der offiziellen Geomantik der kaiserlichen Regierung,
deren Ausübung natürlich auch dem K^in T iön Kißn auf-
erlegt ist, hat die Formenschule die Oberhand. In den Sta-
tuten dieser Behörde (Ta Ts'ing hui Tiön, Ausgabe 1899)
steht geschrieben:
It It ^ m + A o ^ # ^ Hc 0 ü Mb ^ * o
zM.it^mMm!^i>:^om^i^z^m.
L
374
n.Am.m\uz'mm.AM\ii'^.mniZm
Die zehn chinesischen Meister des Jin und Jang-: sie beschäftigen
sich mit den zu beobachtenden richtigen Stunden (für kaiserliche Zere-
monien usw.), mit der Bestimmung- von geeigneten Tagen und mit der
Wahl von Grundstücken. Die Kunst des Erwählens von Grundstücken: in
den höheren und tiefer liegenden Teilen der Bodengestaltungen beobachten
sie die Bewegungen des Atems (d, h. des Sen oder Ling), und aus den
Windungen der Bodengestaltungen ersehen sie, wo der Atem stillsteht.
Bei der Gründung einer Stadt nehmen sie die von Bergen und Flüssen
gebildeten Adern wahr, welche die Stelle umfassen, und bei dem Entwurf
von Palästen und Häusern erforschen sie die gedeihenverheißenden Formen-
linien, welche sich daselbst befinden oder dort herabsteigen. Was die
feineren und subtileren Fingerzeige (der Gestaltungen) betriift, so wende
man die genaueste Aufmerksamkeit den Drachenhöhlen, dem Sand und dem
Wasser zu. Drachen bilden nämlich den lebenden Atem der Erde; wo ein
Drache sich aufhält, da macht er eine Höhle, wo er in seiner Höhle sitzt,
da liegt der Berg oder Hügel, der die Gegend überherrscht, und wo er
emporsteigt, da ist der Ausgangsberg. Bestimmet also den Drachen im Aus-
gangsberg und bestimmet auch die Höhle des Drachen im überherrschenden
Berge; beiderseits der Höhle bilden die vorliegenden Anhöhen den Sand,
und die niedrigen Stellen das Wasser; ist nun der Drache wirklich da und
die Höhle richtig, der Sand ringsumher gelagert, während Wasser zufließt,
dann ist da eine glückverheißende Gegend. Das sind im allgemeinen die
wichtigsten Grundsätze der Formenschule, wozu dann noch die fünf Ele-
mente und die neun Himmelslichter kommen zur Erforschung des Charakters
und der Eigenschaften der Berge, sowie die acht K u a und die neun Teile
des Weltganzen zur Berechnung des zirkulierenden Atems der Erde; und
was noch weiter hinzukommt.
Weil die Geomantik sich vornehmlich mit der Anweisung
von Grabstellen beschäftigt, greift sie besonders tief in das
Volksleben ein. Die Toten werden nämlich in China nicht in
dazu angewiesenen Friedhöfen beerdigt, sondern überall, wo
sich dazu Gelegeliheit bietet und das Fung Sui für gut ge-
halten wird. Allezeit war im chinesischen Volke die Über-
375
Zeugung eingewurzelt, daß die Toten in einem Boden, auf den
Himmel und Erde günstig einwirken, sich behaglich fühlen und
deswegen die Nachkommen reich und glücklich machen und ihnen
Posten im Staatsdienst, sogar die höchsten, verschaflfen. Der Be-
sitz einer Staatsstellung ist gleichbedeutend mit Ehre und Rulim,
Wohlstand und Reichtum, Einfluß und Macht in diesem und
im künftigen Leben und ist somit den Ahnen recht erwünscht,
weil ihnen eine so beglückte Nachkommenschaft reiche Opfer
und ausgiebige Verehrung darbringt und ihnen überdies in der
Welt der Geister Macht und Einfluß sichert. Diese Gedanken
kommen schon in der Staatsgeschichte der ersten H an -Dynastie
mehrmals zum Ausdruck. Auch Kaiserhäuser waren stets von
dem Glauben beherrscht, daß ihr Glück, ihre Zukunft und
Dauer vom Fung §ui der Grabstätten ihrer Ahnen abhinge;
und eine so hohe Bedeutung legt die jetzige Dynastie dem
Fung Sui ihrer Ahnengräber bei, daß sie den Höhenzügen,
welche sie umgürten und ihr Fung Öui bilden, im Pantheon
der Staatsreligion einen Platz gewährt neben den heiligsten
Bergen des Reiches (s. S. 193 f.).
Gräber sind also Fetische, d. h. Gegenstände, deren inne-
wohnende Seelen man zur Spendung von Segen zwingt. Das
dazu angewandte Mittel, die Geomantik, hat somit den Ahnen-
kult, einen so überaus heiligen Teil der chinesischen Religion,
in Fetischismus umgewandelt, indem es die Kinderpflicht für
Körper und Seele der Toten zu Nebensächlichem erniedrigte,
dagegen die menschliche Selbstsucht zur Hauptsache machte.
Soll das Fung Sui seine Wirkung auf das Grab nicht ver-
fehlen, dann muß es direkt entweder auf die eingebettete Leiclie
einwirken oder auf den Grabstein, der den Toten und seine
Seele vertritt, weil dessen Name darauf gemeißelt ist. Gleich-
wie das Fung Sui jedes Hauses und Tempels, ist das eines
Grabes ein mühsam zusammengesetztes Gewebe von himmlischen
und irdischen Kräften oder §6n, die sämtlich harmonisch zu-
376 .
sammenstimmen und ineinandergreifen sollen wie ein Räder-
werk^ in dem das Versagen des kleinsten Teilchens Stockung
und Stillstand des ganzen zur Folge haben kann. Diese über-
große Empfindhchkeit macht die sachverständige Leitung der
Fung Sui-Meister unentbehrlich und ermöghcht es ihnen, sich
jederzeit auf die so leicht eintretenden Störungen zu berufen,
falls ihre Voraussagungen über die segnende Wirkung des Grabes
nicht in Erfüllung gehen. Ohne weiteres entschuldigen sie sich
mit der Behauptung, das Fung Sui sei in seiner Anlage vor-
trefflich gewesen, sei aber durch irgendeinen Zufall oder bösen
Streich feindseliger Nachbarn verwundet (f^) oder sogar ge-
tötet (^) worden.
Schon eine geringfügige Kleinigkeit vermag ein Fung
Sui tödlich zu verletzen, so ein Stein, den man achtlos von
seiner Stelle rückt oder den ein Fremder hingelegt hat, um das
Fung Sui eines ihm angehörigen Grabes zu verbessern; die
Errichtung eines Grenzzeichens; eine Hütte oder ein Schuppen,
die man unweit des Grabes oder auf einer Anhöhe gebaut hat,
und ähnliches mehr. Nichts aber ist so verhängnisvoll für ein
Grab, als wenn ein anderes in der Nähe angelegt wird. Ge-
wöhnlich tritt sodann der Fung Sui-Meister auf den Plan
und macht die Familie darauf aufmerksam, daß das neue Grab
den Einfluß irgendeines vortrefflichen Wasserlaufes unterbricht
oder die göttliche Wirkung (Ling), die vom Schwanz oder
Bein des Drachen oder Tigers ausgeht, hemmt, und daß die
Familie also einschneidende Maßnahmen zu ergreifen habe,
wenn nicht das schwerverletzte Tier verbluten und somit das
ganze Fung Sui hinschwinden solle. Verhandlungen mit den
Eigentümern der neuen Grabstelle verlaufen in der Regel er-
gebnislos, weil auch diese ihr Recht verfechten und auch ihre
Geomanten bereits reiche Bezahlung für ihre Arbeit zur Er-
werbung der Grabstätte genossen haben. Nur eine Entschädigung
in barer Münze könnte die Entfernung des gefährlichen neuen
377
Grabes erwirken; scheitert aber auch dieses Mittel infolge
hochgeschraubter Ansprüche der anderen Partei, so kommt
es wohl zum Prozeß, der beide Parteien der Habsucht der
Mandarinen und ihrer Trabanten ausliefert und großenteils oder
gänzlich ruiniert. Nicht selten werden die Streitenden hand-
gemein und schreiten zu Gewalttätigkeiten aller Art, vor allem
falls die eine Partei das neue Grab mit Hacken und Spaten
angreift, öffnet und entweiht. Dann kann die Gegenpartei
nicht umhin, entsprechende Vergeltungsmaßregeln zu ergreifen;
Schlägereien zwischen den beiden Ortschaften, Brandstiftung,
Zerstörung der Feldfrüchte, Verschleppung von Männern,
Frauen und Kindern als Geiseln zur Erpressung von Löse-
geldern, Raub, Mord, folgen unvermeidlich; kurz regelrechter
Bürgerkrieg ist an der Tagesordnung.
Nunmehr können die Mandarinen es nicht unterlassen,
zur Wiederherstellung der Ordnung kräftig einzugreifen. Sie
entsenden dazu Soldaten, und diese erpressen von der Be-
wohnerschaft so lange und so unbarmherzig Geld und Lebens-
mittel, bis kein Scheffel Reis, keine Kupfermünze mehr aufzu-
treiben ist. Inzwischen läßt sich die Behörde die Rädelsführer
bringen und straft sie bald väterhch mit Stockschlägen, bald
mit der ganzen fürchterlichen Schwere des Gesetzes wegen
Gräberschändung.
Es können auch Störungen des Fung Sui ganzer Ort-
schaften stattfinden und zu Fehden zwischen Stämmen und
Dörfern führen. Eine zu Bewässerungszwecken angebrachte
Veränderung des Laufes eines Gewässers oder der bisherigen
Kontur einer Anhöhe durch eine neugebaute Hütte und ähnliche
g-erinrfüffiffe Anläße können ernsthch das Fung Sui von
Landschaften schädigen, was sich durch schlechte Ernten,
sinkenden Wohlstand und Unglücksfälle jeglicher Art kennbar
macht. Nicht selten erfolgen Angriffe gegen das Fung Sui
feindhcher Nachbarn aus böser Absicht heraus, und man hat
378
Beispiele verzeichnet; daß die ganze männliclie Bewohnerschaft
eines Ortes sich tagelang abgemüht hat, das Glück eines
Nachbardorfes durch Abtragung eines Hügels, Einebnung einer
Bodenerhebung, Verletzung eines Drachengliedes zu untergraben
oder zu vernichten.
Auch in Städten sind Feindseligkeiten wegen Verletzung
des Fung Sui gang und gäbe. Häusliche Ausbesserungs-
arbeiten, der Bau einer Mauer, besonders wenn sie ihre Um-
gebung überragt, das Aufstellen eines Pfahls, das Fällen eines
Baumes, kurz jede Veränderung im gewöhnlichen Zustand der
Dinge kann das Fung Sui von Häusern und Tempeln stören
und somit alles mögliche Unglück bringen. Bei plötzlichem
Todesfalle ist die Verwandtschaft sofort dabei, die Schuld daran
dem Mitbürger zuzuschieben, der eine bauliche Veränderung
auf seinem eigenen Besitz vorgenommen hat, und es soll vor-
kommen, daß sie das Haus eines solchen Unglücklichen stürmt
und ruiniert, ihn selbst mißhandelt, oder die Leiche in sein Bett
legt, um Geldtribut zu erpressen und rachgierig tödliche Ein-
flüsse in sein Haus zu bringen.
Zum Glück sind bei Verletzungen des Fung Sui die
Geomanten meistens auch imstande, Genesung zu verschaffen,
vorausgesetzt, daß man sie rechtzeitig heranzieht. Ist ein Wohn-
haus gefährdet, dann wird z. B. auf ihre Anweisung eine Hecke
darum gebaut, die alle schädlichen Einflüsse fernhalten soll;
oder man klebt an der betreffenden Stelle auf Papier ge-
schriebene Zauberformeln an. Um das gefährdete Fung Sui
einer (3rtschaft, Stadt oder eines Dorfes wiederherzustellen,
werden ungünstige Konturen von Felsen, Anhöhen und Häusern
mit Geschick abgeändert und somit zu Werkzeugen des Segens
umgewandelt; eine allzu niedrige Bodenerhebung wird höher
gemacht; ein bedrohlicher Flußlauf erhält eine verbesserte
Richtung; an der gefährdeten Stelle pflanzt man einen Schutz-
hain, oder man baut Steinkegel; eine Bodengestaltung, worin
379
(las geübte geomantische Auge ein gefährliches Tier erblickt,
w'wd völlig unschädlich gemacht, indem man dessen Augen
^'ernichtet oder übermalt oder einen Fuß beseitigt; und so fort.
Tempel von Schutzgöttern, insbesondere aber die kleinen
und großen buddhistischen Klöster, welche allenthalben im
Reiche einsam an den Abhängen der Gebirge liegen, verdanken
im allgemeinen ihre Entstehung dem Bedürfnis, das Fung-Sui
des sich davor erstreckenden Landes zu regeln ('^Ij). Schon
seit dem vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung verzeichnet
die chinesische Literatur Beispiele von buddhistischen Klöstern,
wo Drachen zu bezwingen waren, welche Gewitterstürme her-
vorriefen und dadurch in der Ebene Überschwemmungen ver-
ursachten, sowie von anderen, die an Stellen lagen, wo die
Geistlichkeit Drachen erweckt und somit ersehnten Regenfall
lierbeigebracht hatte. Übrigens ist es Tatsache, daß bis zum
heutigen Tage die umwohnende Bevölkerung für den Unterhalt
solcher großen, zumeist recht alten Stiftungen ihre Geldbeiträge
und sonstigen Gaben spendet auf Grund der Überzeugung, daß
von ihnen das Fung §ui, also das Glück und die Frucht-
barkeit der Umgebung, direkt abhängig ist. Dagegen steht die
Verpflichtung der Mönche, durch religiöse Zeremonien und
Lesung von heihgen Büchern bei verheerender Trockenheit
Regen herabzubeschwören und bei schädlichem, schwerem Re-
genfall klares Wetter zu machen, und so Mißernte, Mangel und
Hungersnot abzuwenden. In diesen Zeremonien spielen ein paar
hundert Drachen als Regenspender die Hauptrolle.^ Das bud-
dhistische Mönchtum darf also mit gutem Grunde ein univer-
sistisches Priestertum des Fung §ui genannt werden.
Wie auf den Gräbern die Einflüsse des Fung äui der
Umgegend sich in dem Grabstein ansammeln, so vereinigen sie
sich in den Klöstern in den großen, vergoldeten Bildern, welche
^ Vergleiche meine Mitteilungen über diese Zeremonien in: „Le
Jode du Mähayäna en Chine", p. 148 ff.; Amsterdam 1893.
380
auf dem Altar im Haupttempel aufgestellt sind. Bei der Er-
richtung dieses Gebäudes wurde die Stelle dieser Bilder mit
großer Grenauigkeit geomantisch bestimmt, und nur demzufolge
sind sie imstande, das Fung Sui, in dessen Brennpunkt sie
sich befinden, wiederum weit über die Landschaft hinaus aus-
zustrahlen. Sie stellen in der Regel die ^ ^ san Pao, die
drei Kostbarkeiten (Triratna), vor, nämlich Dharma {^), das
Weltgesetz oder die Weltordnung; den Buddha i"^) Sakia-
muni, der im Mähayäna- System das Weltlicht vertritt, und
Sangha (f§); die gesamten Heiligen und Geistlichen, die in
der Weltordnung eine Rolle spielen. In der Umgebung eines
Klosters werden überdies zur Sicherung des Fung Sui sieben-
eckige Steinsäulen errichtet, welche auf jeder Seite den Namen
eines der sieben Tathägata oder Sonnen der Gegenwart und
der sechs früheren Weltperioden tragen. Endlich besitzt manches
Kloster eine Pagode C^»), die ein Bild oder eine Reliquie des
Sakiamuni enthält und dadurch imstande ist, über alle Ge-
genden, Felder und Auen, in deren Gesichtskreis sie sich be-
findet, den Geist (Sön, Ling) dieses Buddhas auszustrahlen,
zur Vertreibung aller Geister des Übels und der Finsternis.
Auch sie steht selbstverständlich in einer möghchst günstigen
geomantischen Lage und ist deshalb im wahrsten Sinne des
Wortes eine Fung Sui-Pagode, wie in der Tat das Volk sie
durchweg nennt. Also hat sich der eigene Universismus des
Buddhismus seit einer langen Reihe von Jahrhunderten dem
alten chinesischen Universismus und dessen Geomantik voll-
kommen angepaßt, ja sich damit verquickt; er hat sogar dabei
die führende Rolle übernommen, die er erfüllt mittels allerlei
religiöser Handlungen, welche Einwirkung auf sein Triratna
bezwecken, das im Weltall die höchste Macht ausübt.
Noch viel ließe sich über die Geomantik der Chinesen
ausführen, über ihre Geschichte und Literatur, über ihre in
mancher Hinsicht recht unheilvolle Wirkung unter dem Volke,
381
auch über die merkwürdige Klasse ihrer „Meister" und die
wunderbaren Leistungen, welche zahlreiche Erzählungen und
schriftliche Urkunden in allen Jahrhunderten ihnen zuschreiben.
Jedoch sei hier nicht über eine Darstellung der Grund- und
Hauptzüge dieser Afterwissenschaft hinausgegangen und der
Leser auf Band III meines „The Religious System of China"
verwiesen, wo erheblich mehr Material mit Belegen darüber
zusammengebracht ist.
Gewiß ist die chinesische Geomantik eine merkwürdige
Kulturerscheinung. Religiöse Ehrfurcht vor der Macht und
Majestät des Weltalls und dessen Götterheer ist der Vater, der
sie erzeugte; ihre Mutter war die menschliche Selbstsucht, die
das heihge All zum persönlichen stofflichen Wohl vernünftig
auszubeuten suchte; sollte da das Zwitterwesen wirklich etwas
anderes als ein Monstrum sein? Offenbare Tatsachen zeigen
zur Genüge, daß es immer ein Ungeheuer gewesen ist. Un-
zähligen Menschen, von gewissenhafter Sorge für die Zukunft
ihrer Nachkommen und Pflichtgefühl gegenüber den Toten be-
seelt, raubt es die Seelenruhe; es zwingt sie, sich zu verarmen,
zur Bereicherung von Geomanten, Bodenbesitzern und Grab-
maklern, die zur Ausbeutung der Kundschaft in der Regel
Hand in Hand gehen. Es ruiniert Famihen, die ihren leeren
Träumereien über das Glück, das ihre Gräber schaffen sollen,
ihr Vermögen zum Opfer bringen. Es stiftet Uneinigkeit in
Famihenkreisen und entzweit sogar Brüder, indem es lehrt,
daß ein und dasselbe Grab dem einen viel Glück, dem anderen
dagegen wenig oder gar keines bringt. Es veranlaßt, daß Tote
in hermetisch verschlossenen Särgen Jahre lang unbeerdigt
bleiben müssen, weil die Söhne sich nicht erlauben dürfen, sie
in weniger gutem F u n g S u i beizusetzen und damit ihre Aus-
sichten auf Reichtum, Ruf und Ehre zu verscherzen. Es sät
sogar Hader und Fehde zwischen Nachbarn, Sippen, Dörfera,
hetzt sie häufig in Kampf und Streit und setzt sie all den Leiden
L
382
auS; die Eingriffe der Behörde unvermeidlich mit sich bringen.
Fast jeder Neuerung, die sich für das Land segensreich er-
weisen könnte, wirft sich die Geomantik entgegen. Fast jeder
Weg- oder Kanalbau, fast jede Anlage von Brücken, Eisen-
bahnen, Telegraphenlinien verursacht in China Verletzungen und
Abschneidungen von Pulsen (|^) oder Adern, durch welche
die Kraft (L i n g) von Drachen oder Tigern fließt, wirft mithin
die geomantischen Berechnungen über den Haufen und bildet
den Anlaß, daß sich mitunter die Bewohnerschaft ganzer Ge-
meinden und Stadtviertel wie ein Mann erheben und ihre Wut
gegen die rücksichtslosen Menschen kehren, welche sich er-
dreisten, durch solche Unternehmungen das Glück aller zu zer-
stören. Insofern führt die Geomantik direkt zu einer unge-
heuren Verschwendung menschlicher Arbeitskraft. Denn in Er-
mangelung guter Straßen und brauchbarer Kanäle können
Schiffe, Lastwagen und Tragtiere nur in beschränkter Zahl
verwendet werden, und dieser Umstand macht es erforderlich,
menschliche Arbeitskraft zum Transport von Waren und Per-
sonen auf kaum gangbaren Pfaden in gewaltigem Umfang heran-
zuziehen. An vielen Stellen sieht sich die ganze Schiffahrt zu
weiten und schwierigen Umwegen gezwungen, weil irgendwo
auf dem direkten Wege eine zu niedrige Brücke den Ver-
kehr sperrt, die aus Gründen des Fung §ui nicht erhöht
werden darf.
Schlußwort.
Wir sind jetzt in der Lage, die verschiedenen Wissens-
gebiete Chinas zu übersehen: die Geomantik; die Chronometrie
und Chronomantik ; Beobachtung und Deutung ungewöhnlicher
Erscheinungen am Himmel und auf der Erde; die Philosophie
und Ethik der heihgen Schriften; Staatskunde; Medizin. Sie
alle sind religiöser Natur, alle integrierende Bestandteile eines
allesbeherrschenden Universismus. Sie bilden also die Wissen-
383
Schaft des Tao des Menschen^ die ihn lehren soll, wie er sich
die unentbehrlichen Segnungen des Weltalls sichern kann. In
dieser Wissenschaft liegt vermutlich vieles, was andere Teile
des alten Asiens mit ihr gemein hatten, was jedoch da zugrunde
gegangen ist, während sie im vollen Umfang und in unge-
schwächter Lebenskraft noch heute in China Staat und Volk
beherrscht. Das universistische System stellt den Höhepunkt
dar, bis zu welchem sich die geistige Kultur Chinas innerhalb
der Schranken einer strengen Orthodoxie und unter dem völligen
Ausschluß abweichender Lehren hat entwickeln können. Die
einzige Macht, die es zu untergraben und zu Fall bringen
könnte, ist gesunde Wissenschaft, die auf wirklicher Naturkunde
beruht. Aber nur die schüchternen Anfänge solcher Wissen-
schaft haben bisher unter ausländischem Einfluß nach China
ihren Weg gefunden. Sollte je die Zeit kommen, daß man sie
dort mit Ernst pflegt, dann muß ohne Zweifel eine vollständige
Umwälzung im gesamten geistigen Leben Chinas eintreten,
durch welche China entweder völlig aus den Fugen geraten
muß oder eine Erneuerung, eine Wiedergeburt erleben wird,
nach welcher China kein China, die Chinesen keine Chinesen
mehr sein werden.
Ein ungeheurer Prozeß, der sich bis dahin vollzieht! Er
hat sein Schlei fungs werk bereits sichtbar begonnen. Jedoch
Chinas Kultur ist weit älter als die ausländische, welche Hand
an sie legt; sie hat mehrere tausend Jahre hindurch allen
Stürmen der Weltgeschichte getrotzt; nach jeder politischen
Katastrophe, nach jedem Dynastiesturz, nach jeder Revolution,
nach jeder Beherrschung durch Barbarenvölker hat sie sich wie
ein Phönix aus dem Feuer verjüngt erhoben. Wird eine so
starke und zähe Kultur ohne äußersten Widerstand sich aus-
rotten lassen? China selbst hat kein zweites System an die
Stelle des alten zu setzen; demnach müßte der Tod des alten
Zusammenbruch, Auflösung und Anarchie zur Folge haben.
384
kurz die vollste Erfüllung des Satzes der eigenen heiligen Lehre,
wonach Katastrophe und Untergang unausbleiblich sind, wenn
die Menschheit das Tao verliert. Wird diese beklemmende
Voraussicht imstande sein, die Nation von der Bahn zur
Modernisierung abzuhalten? Zweifellos ahnt die erhaltende
Partei, daß Änderung Selbstmord ist, aber wird sie die Ober-
hand behalten und somit den Beweis erbringen, daß das Tao
des Weltalls und der Menschheit wohl erschüttert, jedoch nicht
zerstört werden kann? Früher oder später wird die Geschichte
hier die Antwort geben; vorläufig läßt sich nur eines feststellen:
an Chinas Horizont droht Sturm. Sollte es in der Ordnung der
Welt bestimmt sein, daß das grausame Werk des Abbruchs
seinen Fortgang nehme und die Tage von Chinas alter univer-
sistischer Kultur somit gezählt sind — dann sei wenigstens ihr
letzter Tag nicht auch der Tag des Verderbens eines durch
ausländische Einflüsse ins Unglück gestürzten Millionenvolkes I
Alphabetisches Sach- und Wortregister.
Absolutismus, s. Kaiser.
Absonderung' von der Welt, 86 ff., 92,
94, 97.
Ackerbau, wichtige Regierungsange-
legenheit, 220, 239, 247. — götter,
s. 8e Tsi', Sien Nung, Tsu, Kü-lung.
— und Einnahmeministeriura, 241.
A Hien, zweite Darbietung, Opferakt,
174.
Ahnen des Kaisers, 148 ff., 182, 184f.,
191, 196 ff., 199. S. Seelentafein,
Opfer.
Ahnenkult, 128 f., 299, 302. S. Toten-
kult. Des Kaisers, 190, s. Ahnen-
tempel.
Ahnentempel, 129, 339. Des Kaisers,
182, 197ff., 210ff., 214ff., 2l6fl\
Allmacht, s. Regungslosigkeit, Tao.
Altar zum Verbrennen von Opfer-
rindern, 146.
Altargrund des Himmels, 142 ff., der
Erde, 187 ff., der Sonne, 192, 230 ff.,
des Mondes, 192, 232 f., der Öe Tsi',
221 ff., 227, 248, des Ackerbaugotts,
235, 237, 281, der Seidengöttin,
2y0f., der himmlischen und ir-
dischen Götter, 272 ff.
Almanach, s. Kalender.
Amnestie, 337.
Animismus, 12.
Anthropolatrie, 128 f.
Anthropotheismus, 128 f.
Arzneilehre, 123 ff. S. Kalender.
Arzneipflanzen, lL'3ff., gesammelt im
Sommer, 306.
Askese, 45, 86 ff., 97 ff., 135.
Assyrien, 363.
De Groot, Universismas.
Astrologie, 315f., 341, 344. Amt für
— , s. K'in T'ien Kien.
Atem, Seele und Leben, 10, 110. —
I gymnastik, 110 ff., 118.
Äther. Auflösung im — , 90, 110. S.
Lebensäther.
Aufbewahrungshäuser bei Stantsal-
tären, 150, 191, 200.
Auflösung, s. Äther.
Autokratie, s. Kaiser.
Babylon, 363.
Bäume. Besitzen Tugenden des Tao.
Beseelung und Rolle in der Heil-
kunde, 123,
Baumverehrung, 140.
Beamte, s. Staatsbeamte.
Beglückwünschung des Kaisers, 2 14 ff.
Beichte, 133 f.
Berge, s. Götter. Die — der kaiserl.
Grabstätten, 193 f., 375.
Bergdämonen, 13.
Beschwörungen und Zauberformeln,
136 f., 356.
Besessenheit, 356 f.
Besteuerung, 84.
Bewirtungsamt, 158.
Bilder der Kaiser als Verehrungsge-
genstände, 215. S. Götzenbilder,
Seelentafeln.
Blitz, 347.
Brände, 347.
Brandopfer, 146, 164.
Bruderpflicht, 269, 272.
Brunnen. Ungewöhnliche Erschei-
nungen an — , 349.
Bücher, s. Klassische Schriften.
386
Buddha, 380.
Buddhismus, 1, 2, 99 f.
Chaos, 130.
Charakter, s. Natur.
Chavannes, 220.
Chronologie und Chronometrie, 314,
382.
Chronomantik, 318 ft'., 327 ff., 340,
366, 382.
Dämonen, 12 fF,, 106. Werkzeuge des
strafenden Himmels,! 4 fF. Erzeugen
Krankheiten, 118, 306. Sind sich
rächende Wesen, 16 f. Berg — , 13.
S. Kwei.
Däraonenglauben, Grundlage der
Moral, 15fF.
Dharma, 380.
Donner und seine Deutung, 347. S.
Götter.
Drachen und Drachengötter, 93, 291,
352, 365, 379. In der Geomantik,
367. Der blaue Drache, 367.
Drachenpavillons, 166, 179.
Eigenschaften, s. Tugenden.
Einflüsse des Weltalls, 119, 174.
Einhorn oder Ki-lin, 39, 352.
Einsiedler, 86 fr., 98 ff.
Elemente des Weltalls, 10, 334, 340.
Besiegen, schädigen, zerstören und
erzeugen einander, 121, 370. —
und Planeten, 341, 371. Rolle in
der Geomantik, 370 ff.
Enthaltsamkeit, s. Fasten.
Equipagen des Kaisers, 162 f., 323.
Erdbeben, Erdrutsche, Erdstürze, 348.
Erddämonen, 13.
Erde. Des Kaisers Eigentum, 69.
Quadratisch, 188. Verehrung, 187 ff.,
220, 293. Verehrung ihrer gebären-
den Kraft, 219 ff. S. Elemente,
Götter.
Erlösungsaskese, 45, 86 ff.
Erscheinungen der Natur, ungewöhn-
liche. Deutung, 331fl\, 336ft\, 382.
Nach den 5 Elementen gruppiert,
334. Vorschriftsmäßig observiert,
339 ff. Am Himmel, an der Sonne,
am Monde, 340. Auf der Erde,
848 ff. An Gräbern und Gewässern,
349. In der menschlichen Natur,
350 ff. Von Tieren, 352 ff. Von
Pflanzen, 354. Von Gegenständen,
355.
Eskorte, s. Equipagen.
Ethik, s. Sittenlehre.
Exorzismus, 106ft*., 109, 122, 130, 137,
329, 357.
Fan Niu, Brandrind, 164.
Fan T'an, Fan Ts'ai Tan, Fan Ts'ai
Lu, 146.
Fang, ein Gestirn, 243.
Fang Tse", 189.
Fang Ts'Jng, 218.
Farben. Die fünf — des Weltalls und
der Jahreszeiten, 171, 221, 223,
235, 305.
Fasten, 96f., 156f., 224, 307f., 336f.
— bild, 156, 161. — gebäude bei
Staatsaltären, 162, 184, 191.
Fön Hiön Kuan, Beamte für die
Nebenopfer, 174, 203.
Fön Je, 342.
Fetischismus, 139, 375.
Feuer, s." Elemente. — gott, 289.
Finsternisse, 333, 341.
Flüsse, 349. S. Götter.
Formen der Landschaften in der
Geomantik, 369, 372 ff.
Fou iVing Men, 230.
Frondienste, 84.
Fruchtkerne verlängern das Leben,
115.
Frühling, die Zeit für fürstliche
Wohltätigkeit und Ausbesserung
der Verkehrsmittel, 306. Kein
Leben vernichten, 305.
Fu, 107, 136 f.
Fu-hi, 72, 131, 235, 258.
Fu Sing, J6n Hui, 261.
387
Fu' Sui, günstige Vorzeichen, 334.
Fu'-tsin, Prinzengemahlin, 198.
Fu" Tsiu, Glückswein, 176.
Fu Tu, 218.
Fu Tu Jü-si, Zensorats -Vizeprä-
sident, 168.
Fnng-hou, 284.
Fung Huang, Phönixe, 39, 352.
Fung Jing-king, 311.
Fung Po', der Windgott, 149.
Fung Si6n Tien, 210, 238.
Fung Sui, Geomantik, 365 ff.
Fürsten; ihre Schutzgötter, 220. S.
Kaiser.
Ciebete, 137. S. Opfergebete.
Geburtsstunde bedingt das Lebens-
schicksal, 328.
Gegenstände. Sonderbare Erschei-
nungen an — n, 355.
Geister, s. Dämonen, Götter, Kwei.
Gelb. Farbe des Kaisertums, 238.
Gelehrsamkeit. S. Wissen.
Gelehrtentum. Ist konfuzianisch, 29;
besitzt Macht über böse Geister,
107.
<5eomantik, 292, 364 ff.; uralt, 365;
Faktoren, 366, Professoren, 366,
376, 381; Priester, 379; Literatur,
372 f., zwei Hauptschulen, 372 f.;
erzeugt Zwistigkeiten, 376 ff., 381 f.;
hemmt Kanal- und Wegbau, 382;
— der Gräber, 364, 374ff., 381.
S. Klöster, Tempel, Pagoden.
-Geschichtsschreibung, 314, 335.
Gespenster, s. Dämonen, Kwei. Ihre
Bekämpfung, 105 ff.
Gioro, 201.
Gleichgültigkeit, 43.
Glockentürme, 143, 231.
Glücksfleisch, 175 ff., 183.
Glückswein, 176.
Gott, der Weltschöpfer, unbekannt, 6.
Götter des Universismus, 12. S. Sön.
Spender von Licht und Leben, 45.
Werkzeuge des Himmels zur Be-
lohnung des Guten, 14 ff. Über
Kommendes befragt, 365 f. Lassen
sich in Menschen nieder, 356.
Menschen werden Götter, 32, 43 f.,
129; 8. Heiligkeit, Si6n. Konfu-
zianische, 140 ff.
Der Himmel (Sang Ti), 6, 14,
129, 141 ff. Sonne und Mond, 129,
149, 229ff. Sterne, 129, 149. Ju-
piter (T'ai Sui), 182, 238, 280 ff.
Großer Bär, Planeten, 28 Haupt-
sternbilder, 149. Nordpol, 288.
Wind, Wolken, Donner, Regen,
(T'i6n Sen\ 129, 149, 272 ff., 365.
Die Erde (Hou T'u), 187ff., 220,
293. Berge, Meere, Flüsse (Ti K'i),
139, 182, 191 ff, 194, 272 ff., 277 ff,
291 f., 307, 365; s. Drachen. Erd-
boden und Hirse (Sß Tsi'), 182,
219 ff., 224 f., 305, 308. Stadtgötter,
277, 290, 299.
Die Vorfahren des Kaisers, s.
Ahnen. Kaiser der früheren Dyna-
stien, 253 ff. Fu-hi, 72, 131. Sao
Hao,131. Sen Nung, 72,131, 235ff.,
281, 284. Tsu'-jung, 131. Göttin
der Seidenzucht, 24H. Kaiserliche
Lehrmeister, 257 f. Konfuzius und
die Koryphäen seiner Schule, 259 ff.
Götter der Heilkunde, 283; der
klassischen Studien, 286; der Ka-
nonen, 289; der Bauwerke, 293;
der Kornspeicher, 294; der Ziegel-
öfen, 294; der Pforten, 294, 308.
Kriegsgott, 285. Feuergott, 289.
Höllengott, 302. Gottheit der Ehe
und der Kindergeburt, 305. Ver-
diente Staatsdiener, 296 ff.
Taoistische, 127ff. Pan-ku, 130.
Juan Si T'ißn Wang, der Uranfang,
130. T'ien Tsiang, Tsiang Kiün,
130, 137. T'ai Juan ju' Nu, T'ai
Juan sing Mu, 131. Tung Wang
Kung, Juan Jang Fu, der Osten,
126, 131. Si WangMu, der Westen,
125, 131.
26*
388
Zeitgötter, 280 ff., 320. Tiergötter,
139 f. Gefolgschaftsgötter (Tsung
Wei), 150, 180, 191 ff., 195, 262.
Verschiedener Art, 139, 295 f.
Götterkult bezweckt Bekämpfung
der Dämonen, 15, 106.
Göttlichkeit, s. Heiligkeit.
Götzenbilder, 135, 138 If., 300, 355.
Gräber. Wohnstätte der Seelen der
Toten, 215. Versorgung, 299. Der
Kaiser, 193, 215, 218, 256, 375.
Grab des Konfuzius, 268, 270. S.
Erscheinungen, Geomantik.
Großer Bär, s. Götter.
Gruben für Opfergaben, 195 f.
Gymnastik, 112, 117, 122 f. S. Atem.
Hagel, 347.
Hagiographie, 98.
Hai, Meere, 194.
Han- Dynastie, 3.
Han Fei, 61.
Han-lin, 209, 298.
Han-si*. Jahreszeit, 299.
Han gu, 116.
Harmonie, 76, 269.
Hausreligion, 140.
He' Lung T'an, 292.
He' Ti, 236.
Heiligkeit. Besitz des Tao, 32, 56 ff.,
71ff., 74, 129. Göttlichkeit, 32, 57;
s. Öen. Verleiht Kenntnis der Zu-
kunft, vervollkommnet andere
spontan und übt Menschenliebe,
75. Des höchsten Herrschers, 26,
und der Kaiser, 67, 69, 73 ff., 79 ff.,
337. Durch Studium der heiligen
Bücher, 74, 76, s. Wissen. Bud-
dhistische, 99.
Heilige der alten Zeit, 28, 72;
des Konfuzianismus, 72 f., 261, 296;
des Taoismus, s. Sien. S. Askese.
Heilige Bücher, s. Klassische Schriften.
Heilkunde, universistische Wissen-
schaft, 119 ff., 123 ff., 284, 382.
Götter, 283. S. Atemgymnastik.
Heng, zwei heilige Berge, 193.
Herbst, Gebote und Verbote, 307 f.
Heterodoxie, 29 ff.
Hi', Priester, 356.
Hia, Fürstenhaus, 30.
Hia*, ein Ahnenopfer, 204.
Hiang, Ahnenopfer, 201.
Hiang Ngan, Weihrauchtisch, 150.
Hiao, S. Unterwürfigkeit.
Hiao Nan, 206.
Hiao Sun, unterwürfiger Enkel, 204.
Hia siao Tsing, alte Schrift, 304.
Hie* Lü' Lang, Stimmer der Ton-
arten, 168.
Hien. Weisheit und Tugend, 71, 73,
296, 334. Weise des Konfuzianis-
mus, 71 f., 261 f., 272, 296.
Hien Liang Se, 296.
Hien P'ing, Opferhymne, 172.
Hien So*, 323.
Hien -Juan, 236.
Himmel. Beschützer des Kaisertums,
68ff.,141. S.Erscheinungen, Götter,
Kaiser.
Himmelsaltar, 142 ff.
Himmelstempel, 151 ff.
Hiramelspforte, 132.
Hing Fa\ Methode der Gestaltungen,
372.
Hing Kung, kaiserl. Logierhäuser,
217.
Hio' Tsing, 271.
Hi P'ing, Opferhymne, 177.
Hirse, 219 ff.
Hi Seng, Opfertiere, 155 f.
Hi Tse, heilige Schrift, 7.
Hitze, 347.
Hiün Tao, 271.
Hiun Tsen, verdienstvolle Staats-
diener, 297.
Ho, Harmonie, 76, 2^9.
Ho', heiliger Berg, 193.
Ho' Kuan Tse, 60, 73.
Holz, s. Elemente.
Honigtau, 346.
Hou Han Su, 116.
389
Hou Pu, Landbau- und Einnahme-
iiiinisterium, 241.
Hou Öi, Wahrnehmung geeigneter
Stunden, 317.
Hou Tien, Hinterhalle, 199, 244.
Hou Tsi' 8i, 224.
Hou Tu, 187, 224, 293.
Hou Tu Kü-lung, 224.
Hü, Leerheit, 40, 44, S. Leere.
Hua, heiliger Berg, 193.
Huai, heiliger Fluß, 194.
Huang-ho, heiliger Fluß, 194.
Huaug m gi', Heiligtum, 191.
Huang k'ien Tien, Heiligtum, )53.
Huang Kin- Rebellen, 134.
Huang K'iung Jü, Heiligtum, 147.
Huang fSi, kaiserliche Lehrmeister,
257.
Huang Sou-ts'ai, 293.
Huang Ti, 72, 97, 102 ff., 119, 131,
236, 249, 284.
Huang Ti iCi, 187.
Hua To, 116.
Hui, 168.
Hun, die Seele, 11.
Hung Lic* Kiai, 58.
Hung-lu Se, Amt für das Hofzere-
moniell, 324.
Hung Fan, heilige Schrift, 332, 334,
360.
Hungerkur zur Verlängerung des
Lebens, 115.
Huo tSen, Feuergott, 289.
Hymnen, s. Opferlieder.
Hypnose, 357.
I, heiliger Berg, 193.
I, Lebenspflichten, 24, 31, 78, 269.
Idolatrie, 138 ff., 300.
I-jin, 69, 72.
I Li, heiliges Buch, 04.
I Lun T'ang, 265.
Inhaltlosigkeit, 44f. S.Leere.
Intoleranz, 3, 30 f.
Irrlehren. 29 f.
I-wu-lü, heiliger Berg, 194,
Ja Sing, Meng TsO, 261.
Jagden des Fürsten, 304, 308.
Jahr. Sonnen- und Mondjahr, 3l3f.
Das größte Jahr, s. T'ai Sui.
Jahreszeiten (24), 313, 366.
Jang und Jin, die Weltseelen, 7 f.,
10, 22, 109, 130f., 143f., 183, 187,
190, 192.
Jang Jun-sung, 373.
Jang Sen, — Song, - Sing, — Sou, 112.
Jang-tse, heiliger Fluß, 194.
Jao, 59, 63, 72, 131, 254, 257, 313.
Jao I, Jao Pien, 336.
Jao Sen, 294.
Jao Ts'an, Versdeutung, 351.
Jaspis, s. Opferjaspis.
Je' K'ung Lin, Besuchen des Grabes
des Konfuzius, 270.
Je' Ling, 217.
Je Ming, der Mond, 149, 234.
Jen Hui, 73, 95, 261.
Jen m, 112.
Jen Sing Kung, 268.
Jen Ti, 235, 284.
Ji', heiliges Buch, 7 f., 63, 257; zur
Ergründung des Weltalls, 357 ff.;
für Chronomantik, 359.
Ji', Einsiedlerei, 97.
Ji\ 42, 69, 81.
Jin, 97; s. Jang.
Jin, Einsiedlerei, 97.
Jin Jang Su', Geomantik, 365.
Jin Se, 79.
Jing Ti Sen, ein Opferakt, 170.
Jin, Tänzergruppe, 172.
Jiu P^ing, Lied, 179.
Jo*, heilige Berge, 192 f.
Jo', Flöten beim Tanz, 174.
Jo', Ahnenopfer, 201.
Pu, Musikministerium, 154.
Ki, heiliges Buch, 78.
Kung, Jo* Seng, 168.
der Große, 30, 42, 69, 72, 81,
257, 332.
Jü, Federn beim Tanz, 174.
Jü, Genügsamkeit, Zufriedenheit, 44 f.
Jo^
Jo'
Jo'
Jü
390
Juan Jang Fu, 131.
Juan K'iu, 143.
Juan Ming Juan, 292.
Juan »Si T'ien Wang-, der Uranfang,
130.
Jue' I, 340.
Jue' Ling, heiliges Buch, 96, 305 ff.,
311.
Jue' Ling kuang I, 311.
Jue"* Ling tsi' Jao, 311.
Jue' T'an, 230 ff.
Jue' T'an Wei, Besichtigung des
Altars, 164.
Jue' Tsiang, 282.
Jü' King San, 131.
Jü Kuan, Regenmütze, 183.
Jü Ming, 158.
Jung-ning, Gebirge, 193.
Jung P'ing, Opferhymne, 175.
Jung-ts'ing, 111.
Jün Han, die Milchstraße, 183.
Jun m, 120.
Jün 8i, Wolkengott, 149.
Jun 8i', Meteoriten, 343.
Jun Sing, Meteore, H43.
Ju* Pao, Siegel aus Jaspis, 199, 209.
Jupiter, Planet, 182, 238, 280ff., 315,
333. S. T'ai Sui.
Jü 6i, Regengott, 149.
Jü-si, Zensoren, 158.
Ju' Ts'an Ho, Bach zum Waschen
der Raupen, 250.
Ju* Tsao, heiliges Buch, 269.
Ju' Ts'e', Jaspisplatten, 199, 209.
Ju* Ts'uan San, 292.
K'ai-juan Li, 301.
Kaiser. Statthalter und Schützling
des Himmels, 68 ff., 141, 253.
Eigentümer der ganzen Erde, 69,
83. Vertreter des Himmels, 82.
Unbeschränkte Gewalt, 83 f. Herr
aller Fürsten der Erde, 83, der
Götter, 70, 79, 195, 279, der bösen
Geister, 107. Seine Allmacht, 80.
Platz unmittelbar nach Himmel
und Erde, 197. Der Polarstern
sein Sinnbild, 71.
Verkörperer des Tao, 80 ff., 83,
141, 253. Kann nur dem Tao ent-
sprechend regieren, 68 ft'., 141.
Konfuzianischer Gelehrter, 65 ff.,
heilig und göttlich, 26, 67, 69, 73 ff.,
79 ff,, 337. Umwandlung seiner
Tugenden (Te*) in gute Regierung
und Segnungen, 65ft\, 68 ff., 71, 80 f.
Oberhaupt der Religion, 141 ff.
Führer der Menschheit im Tao,
65, 253, 303. Predigt persönlich
die heilige Lehre, 263 ff. Förderer
der Wissenschaft, 67 f. Verantwort-
lich für Unheil in der Welt, 337.
Regelt seine Dynastie, 67. Seine
Gemahlinnen, Töchter und Schwie-
gertöchter, 251. Seine Verehrung
aus der Ferne, 246, 248.
Kaiser des höchsten Altertums,
in universistisclier Darstellung,
131, 235f., 254.
S. Ahnen, Ahnenkult, Bilder, Ka-
lender, Namen, Pol des Himmels.
Kaiserin und Seidenzucht, 249 ff.
Kalender. Der kaiserl. Regierung,
281, 312 ff.; außerhalb Chinas,
3l7f. ; zeremonielle Herausgabe,
322 ft\ Volks—, 327 f. Arznei und
Waffen gegen Übel, 329 f. —
von Sitten und Bräuchen, 304 ff.,
310 f.
Kalendrische Lebensführung, 303 ff.
Kälte, 347.
Kammern für die kaiserl. Ahnen,
199, 216.
Kan, Schilde beim Tanzen, 172.
Kan, die zehn Zykluszeichen, 315,
320 f., 328, 366.
Kan, Tabernakel, 199, 225, 254'.
K'an Jü, Geomantik, 365.
Kan Lu, Honigtau, 346.
Kanonengötter, 289.
Kanzlei des Kaisers, 158, 184, 265.
Kao Jang, 236.
391
Kao Mei, Gottheit der Ehe und der
Kindergeburt, 305.
Keng, Opferbrühe, 172.
Kenntnis, s. Wissen.
Ketzerei, 29 f.
Keuschheit der Witwen, 272.
Ki, zwölf Zykluszeichen, 315, 320f.,
328, 366.
K'i, Atem, Seele und Leben, 10, 110;
des Tao des Weltalls, 119 f., 173 f.
K'i, Landbaugott, 225.
Kia P'ing, Opferhymne, 175.
Kia Si, Sänftenträger, 162.
Kiai Ts'e, Mahnung zum Fasten, 157.
Kiang Su, 267.
Kiao Jü, 271.
Kiao Sou, 271.
Kiao Te* Sing, heiliges Buch, 75, 219.
Kie\ Reinheit, 45.
K'ien Siang, Himmelskunde, 312.
K'icn Ts'ing Men, Palasttor, 156,
211, 323.
K'i-jun, Berge, 193.
K'i Ku T'an, 143.
Ki' Li, 302.
Ki-lin, Einhorn, 39, 352.
Ki' Men, 200.
Kindespflicht (Hiao), s. Unterwürfig-
keit.
King, heilige Bücher, 63.
K'ing. Minister, 158.
King Hing Men, 258.
K'ing - ho, Beglückwünschung des
Kaisers, 244.
King P'ing, Opferhymne, 171.
King Te' Kiai, 253.
King Te' ts'ung Sing Tien, 253,
K'ing Ts'ing Kung, 244.
Kin Ho, 180.
K'i Nien Tien, Heiligtum, 150 f.
Kin K'i, 112.
Kin K'ue*, Himmelspforte, 132.
Kin Kwei, metallene Koffer, 210.
K'in T'ien, 236.
K'in T'ien Kien, 182, 293, 316f.,
318 ff., 322 ff., 335.
Kio'-lo, Gioro, 201.
K'i-po», 119.
K'i Se, Betopfer, 223,
Ki* Tien, 222.
Ki T§'en, Todestag, 216.
K'i-tsi, Preisgabe des Wissens, 45, 47.
K'i Ts'ing, Beten um klares Wetter,
226.
K'i Ts'un-Park, 292.
Ki* Tsung Tsou Su, altes Buch, 208.
Kiu I Jü-si, Zensoren der Zeremo-
nien, 168.
Kiün Se, 229, 283.
Kiün Tse, Besitzer von Weisheit
und Tugend, 71.
Klarseherinnen, 357.
Klassische oder heilige Schriften.
Wegweiser für das Tao der Mensch-
heit, die einzige wahre Lehre,
Grundlage des Staatswesens und
der Staatsreligion, 4, 28fl\, 30, 32,
57, 63 ff., 72, 85, 105, 382. Schützen
vor bösen Geistern und verlängern
des Leben, 105 ff. In Steiutafeln
graviert, 267.
Klöster. Taoistische, 99 f., 135 f.
Buddhistische, 99 f., ihre Geoman-
tik, 379 f.
Ko* Hung, 130, 133.
Ko Kung, Ko Seng, Sänger, 168.
Kometen, 333.
Konfuzianismus, Iff., 7, 64. Seine
Schriften, s. Klassische Scliriften.
Intoleranz, 3, 30 f. Umfaßt Ahnen-
kult, 129.
Konfuzius, 25, 95, 132, 257 f., 259 f.,
359. Der höchste Heilige, 72, 75.
Besuch bei Lao Tse, 93. Seine
Ahnen, 262, und Nachkommen, 264.
Beseelt Kaiser, Mandarinen und
Volk, 259. Tempel, 259,0'., 268, 270.
Korea, 325.
Korn und Kornkammer für die Staats-
opfer, 246 f.
Körper des Menschen, Zusanimen-
setzunff, 9.
392
Kosniogonie, 130 ff.
K'o-t'ao, 85.
Krankheit, von Dämonen verursacht,
118, 306.
Krankheitslehre ist universistisch,
l'JOf.
Kriegsg-ott, 285 f.
Kua, 358, 361.
Kuan, die Nabelgegend, 114, 117.
Kuan, taoistische Klöster, 99, 136.
Kuan I-wu, 20.
Kuan Keng T ai, 240.
Kuan Miao, 286.
Kuan Sang T ai, 250.
Kuan Ti, Kuan Jü, 285 ff.
Kuan Tse, Kuan Tsung, 19 ff'., 73.
Kuang Hao Kiai, 188.
Kuang Li, 146.
Kuang- lu* Se, Bewirtungsamt, 158.
Kuang- ts'ing, 102 ft\
Küche bei Staatsaltären, 150.
Ku'-fou, 268.
Kü Fu' Tien, Bekleidungshalle, 231,
238, 250.
Ku-kin Tu Su Tsi'-ts'ing, 68, 311. |
Ku'-liang Ts'uan, heiliges Buch, 64. j
Kü-lung, 224.
Ku-mang, 284.
Kundgebungen an Götter und Ahnen,
185, 196, 205, 212, 216.
Kung, Adeltitel, 198.
Kü Ngai, Jammern, 217.
Kung-jang Ts'uan, heiliges Buch,
64.
Kung Keng, 238.
K'ung Ki', Tse-se, 25, 62, 73, 261.
Kung Sang, 252.
Kung Ts'en, verdienstvolle Minister,
198.
Kung Wang, verdienstvolle Prinzen,
198.
Kun-lun- Gebirge, 125.
Kun-ming-See, 292.
Kuo' Tse Kien, 263 ff.
Ku' Sen, 112.
Kwei, Opferjaspis, 225.
Kwei, 9 f., 12 ff., 105, 118, 130, 134,
313, 329. S. Dämonen.
K\vei-ki, heiliger Berg, 193.
K wei Sing, 287.
Kwei-tsang, 361.
Iian, Brüstungen, 144.
Lang, Reihe von Wohnungen, 153.
Lanzenhalle, 222, 225.
Lanzentor, 200.
Lao Tse, 19 ff., 92, 98, 105, 133. Stifter
der taoistischen Kirche, 133. Ver-
walter der Himmelspforte, 132.
Verkünder des Buddhismus in
Indien, 100. Von Konfuzius be-
sucht, 93.
Lao Tsiu, 245.
Leben. Kann in Göttlichkeit über-
gehen, 101. Anpassung an den
Kalender, 303 ff.
Lebensäther (Tsing), 44 f., 58, 101,
109, 113.
Lebenselixire, 133.
Lebenspflichten, I, 24, 31, 78, 269.
Lebensregeln, s. Li. Zur Anpassung
an die Zeiten, 303 ff.
Lebensverlängerung, 101 ft"., 105.
Leere, 40 ff., 43 ff., 76 f. S. Leiden-
schaftslosigkeit.
Lehrer. Macht über böse Geister, 108.
Leidenschaften. Ihre Einschränkung,
76ff., 114. Entsprechen den Himmels-
gegenden und Winden, 120, 344.
Leidenschaftslosigkeit, 43, 91 f., 95.
Lei Si, Donnergott, 149.
Li, Geister, 299.
Li, richtige Lebensform, Gesetze für
das Benehmen, Zeremonien, Riten,
24 ff., 29, 32, 301 f. Entstammen
dem Weltall, 26, 77. Bezwingen
die Leidenschaften, 77. Unentbehr-
lichkeit, 27. Staatliche Kompila-
tionen, 301.
Liang I, 7.
Liang Su, 262.
Liao LUj Verbrennungsöfen, 147.
393
iJe' Sien Ts'uaii, 11 1.
Lien, Sänfte, 162.
Lien K'i, 112.
Lien-san, 361.
Li Fa', Zeitrechnung-, 335.
Li Jun, heiliges Buch, 9, 362.
Li Ki, heilig-es Buch, 9, 03, 305.
Li'-mu*. 284.
Ling-, Grabhügel, 215.
Ling, Seelenkraft, Göttermacht, 139,
295, 368f., 376.
Ling Jo', 124.
Ling Men, 145.
Ling Ts'in Men, Tor vor einem
Grabhügel, 217.
Ling Tsing, göttliche Andeutungen,
335.
Li Pu, Ministerium der Li, 78,
301.
Li Pu Ts(V Li, 301.
Li' Tai Ti Wang Miao, Heiligtum,
253 ff.
Literaturgott, 286 ff.
Liturgik des Taoismus, 137 f.
Liu Hiang, 111.
Liu Ngan, 58.
Liu-li, glasiertes Porzellan, 154.
Liu Sing, Wandelsterne, 343.
Luan I Wei, kaiserliche Equipagen,
163.
Lun Jü, heiliges Buch, G4.
Lung-je, Gebirge, 193.
Lung Ngen Tien, 216.
Lung P'an, Drachenschüssel, 176.
Lung Sen, 291.*
Lung T'ing, Drachenpavillon, 166.
Lü Pu-wei, 96, 112, 304.
Lü Si Ts'un Ts'iu, 97, 112, 304.
Macht, s. Tao, Regungslosigkeit.
Magische, 61, 106, 136.
Magie, s. Macht. Weiße, 106, 136.
Magische Worte und Schrift, 136.
Mahajäna, 22, 99 f.
Mandarinen, s. Staatsbeamte.
Mang P'ao, Drachenmantel, 240.
Mantik des Universums, i^Sl ff. S-
Chronomantik, Geomaiitik.
Maße und Gewichte, im Frühling
und Herbst nachzuprüfen, 306, 307.
Maulbeergarten, 250.
Ma Tsu Po, 292.
Meere, s. Götter.
Meng Tse, s. Menzius.
Men Sen, Torgötter, 291, 308.
Mensch, aus Erde geboren, 105. S.
Seele.
Menschenliebe, 24, 31, 269.
Menzius, 25, 46, 61, 73, 261.
Metal, s. Elemente.
Miao Hao, 173, 208.
Milchstraße, 183.
Ming Si, 192.
Ming Ts'en, namhafte Minister, 296.
Mirakelkraft, 295.
Mo, Seidendecken, 172-
Monate und Schaltmonat, 313. Ihre
Verehrung, 282.
Mond, 8. Erscheinungen, Götter.
Mondhäuser, s. Siu.
Monolith, s. Steintafel.
Moral und Dämonenglauben, 15 ff.,
und Naturerscheinungen, 337 f.
Musik. Bändigt Leidenschaften, 78 f.
Religiöse, 154f., 165, 169, 240.
Profane, 179. Ministerium, 154.
— und die Tage, 34:^
Xamen der Kaiser, 158, 173. Post-
hume, 173, 199, 207 f.
Nan Kiao, 142.
Natur (Sing) des Menschen ist gut,
23 f., 56, 58; ist schlecht, 25.
Naturismus, Naturkult, 127, 300.
j Naturkenntnis, 340.
I Nei Ko', kaiserliche Kanzlei. 184.
i Nei Kung, die inneren Palastgebäude,
211.
Nei Wei, Innenwall, 145.
Nei Wu Fu, kaiserliche Hausver-
wal ti
208, 212, 323.
Ngan Ting Men, 187.
394
Nien Sen, jährliche göttliche Wir- !
kung-, 281. I
Nirwana, 99. i
Nung, Gott des Ackerbaus, 224, 236.
I
Observatoren, 315, 332 f. 1
Öfen, s. Opferöfen.
Orakel, 357 ff, — worte aus dem Volks- }
und Kindermunde, 351. i
Ornithomantik, 353.
Orthodoxie, 29 ff., 67.
Osten, entspricht dem Frühling-, 146.
Opfer. Taoistische, 136 f. Dankgaben-,
183, 276. Brand—, 146, 164.
An den Himmel, 155 ff.. 180 f.; ;
für die Ernte, 180 f., 185; für Regen,
182 f., 226, 275 ff., 282, 307. An |
Sonne und Mond, 171, 174, 183, j
229 ff.; Sterne und Planeten, 171,
174, 234; Jupiter, 182, 238, 282; :
Wolken, Regen, Wind, Donner.
171, 174, 182f., 275ft:; die Erde,
183, 192 ff.; den Erdboden und die !
Hirse, 182, 223 f., 226, 308; Berge, i
Meere, Flüsse, 182, 192 ff., 275 ff.,
307 f; die kaiserl. Ahnen, 160 ff.,
183, 192 ff., 212, 216; die Kaiser
der früheren Dynastien, 255 f.; den
Gott des Ackerbaus, 237 f.; die i
Göttin der Seidenzucht, 251 ; die
kaiserlichen Lehrmeister, 257 f.;
Konfuziu.s und die Koryphäen seiner
Schule, 262, 2G7f., 271; die Götter
der Heilkunde, 285; die Zeitgötter, ,
282; Gespenster, 107. Für die un- ;
versorgten Seelen, 299. S. ferner:
Götter.
Opferbecher, 175; —fasten, 156 ff, ;
—fleisch (Glücksfleisch), 1 75 ff., 1 83 ;
— gebete, 158, 161, 165, 173f., 178, |
181, 196, 205; — gefäße, 159, 161,
172 ; —Jaspis, 161 , 1 70, 1 95 ; —körbe, i
159, 161; —körn, 246 f.; — lieder, 169, I
171 f., 175, 177 f.; — ministerium,
156; — musik, 154, 165, 109; — öfen, !
146f., 164, 178f., 196; — seide, 161, 1
170, 174, 178 f.; —speisen, 159, 165,
186; —Statuten, 279,287,295.302;
—tanze, 172, 174f., 271; — tiere,
155f., 158, 165, 171 f.; —Weihrauch,
161, 163, 170, 174; —wein, 172,
174 f., 179; —zelte, 160, 167, 185.
Pagoden in der Geomantik, 371,380.
P ai Fang, 188, 2)5, 232 f., 253, 266.
Pai Tien, Verneigungshalle, 222.
Pai Wei, Verneigungsplatz, 167.
Pai Zu', Verbeugungsteppich, 169.
Pa* K'i, acht Banner, 289.
Palast des Kaisers, universistisclie
Anlage, 234 f., 255.
Palastausgaben von Büchern. 68.
Pan, 144.
Pan-ku, 130 f., 132.
Pan So\ 326.
Pan Tsu, Verteilung des Glücks-
fleisches, 177.
Pao-hi, 236.
Pao Se, Dankgabenopfer, 183, 223.
P'ao Sen, Kanonengötter, 290.
P'ao Tsio\ Kürbisbecher, 175.
Paradies. Des Westens und des Osten,
125 f. Des Himmels, 132.
Parteilichkeit, Verletzung des Welt-
gesetzes, 34 f.
Patriarchat, 128.
Pa' Tse, acht Schriftzeichen, 328.
Pe' Hai, das Nordmeer, 250.
P'ei Tien, Nebenhalle, 191.
Pei Tlng, Steintafelkiosk, 254, 260,
298.
P'ei Wei, nebengeordnete Tafeln. 149,
184, 198, 234, 261.
Pe^ Jün Kuan, 138.
Pe' Ki', der Nordpol, 288.
Pe' Kiao, 187.
Peking, universistische Anlage, 234 f.
255.
Pe' Lung T'an, 292.
Pen Ts'ao King, 284.
P'eng-tsu, 105, 112, 124.
Pe' Ti, 236.
395
Fe' Tou, der Große Bär, 149.
Pflanzen. Als Dämonen, 13. Lebens-
kraft enthaltende Arzneien, 123 f.
Sonderbare Erscheinungen, 354.
S. Sen.
Pflichten (1), s. Tugenden.
Pflug, Erfinder, 236.
Pflugzeremonie. Des Kaisers, 238 ff.,
247 f., 249, ,305, 308. Der Verwal-
tungsbehörden, 247 f.
Pforten mit Inschrifttafel, 188. S.
P'ai Fang.
Phönixe, s. Fung Huang.
Pi\ Jaspisscheibe, 233.
Pi' Jung, kaiserl. Predigthalle, 264.
Pi Ku*, 115.
Pilgerfahrten, 139.
P'in, Stufen im Staatsdienst, 296.
Planeten und Elemente, 341, 371.
S. Götter und Opfer.
Po\ Seele, 9.
Pol des Himmels, 288, 290, 343.
Polarstern, 71, 129.
Polydämonismus, 12.
Polytheismus, 12, 127.
Predigtzeremonie des Kaisers, 263 f.,
269.
Priester des Taoismus, s. Tao Si.
Prinzen. Verehrung verdienstlicher
— , 198.
Prozessionen mit Götzen, 139.
Prüfungen für Staatsämter, 17, 29,
64 f., 271.
Pu\ 359.
Pu'-jen, s. Schweigsamkeit.
Quietismus, 48, 66. S. Regungslosig-
keit, Stille.
Hegen. Von allerlei Dingen, 345.
Deutung, 343 fl'. Beschwörung, 379.
S. Götter, Opfer.
Regenbogen, 346.
Regierung. Durch das Tao, 34, 70,
80 f. Erzieht das Volk im Tao, 32.
Hört auf das Volk, 37. Gesäubert
und verbessert zur Abwehrung von
Unheil, 337 f. Geführt mit Will-
fährigkeit, 36flF. Kritisiert, 338. S.
Kaiser, Staatsbeamte.
Regierungsnamen, 339.
Regungslosigkeit (Wu-wei). Eigen-
schaft des Weltalls, des Tao und
der Götter, 48 ff., 129. Hohe Tugend
des Fürsten, 49 ff., 66, 71; der
Menschheit, 44 f., 48 ff., 56, 90. Führt
zur Macht und Allmacht, 60, 54,
58, 71. Verbunden mit Atemgym-
nastik, 111.
Reich. Gründung, 3.
Reinheit, 43.
Religion. S. Buddhismus, Konfuzia-
nismus, Staatsreligion, Taoistische,
Universismus. Drei, nur eine, If.
Religionskriege, 134.
Ritual des Taoismus, 137 f.; der Staats-
religion, 142, 301.
Ruhe, Haupteigenschaft der Erde,
187, 349. S. Seelenruhe.
Rundtempel des Himmels, 147,
151.
San, Güte des Weltalls, 23, 31.
Sang -Dynastie. Ihr Stifter, s. Jü.
S. T ang.
Sang, natürliche Haupttugenden, 24,
47, 56, 68, 95.
Sangha, 380.
Sang Hi, Maulbeergarten, 250 f.
Sang Ti, s. Götter.
Sang T'u, 218.
Sang Ts'ing Kung, 132.
San Hai King, altes Buch, 125.
San Huang, 254, 257.
San Kuo', 285.
San Pao, 380.
gao Hao, 131, 236.
Sao K'ing, Unterpräsident eines
Ministeriums, 163.
Schafgarbe, 75, 357.
Schaltmonat, 313.
Scheintod, 115.
396
Schildkröten zur Erg-ründung der
Weltseele, 75, 359 ff. Die schwarze,
367.
Schinto, 32.
Schlachthaus bei Staatsaltären, 150,
191, 200.
Schneeopfer, 275, 277, 282.
Schrein, Tabernakel, K'aii, 199, 225,
254.
Schrift, heilig, segenspendend, exor-
zistisch, 109.
Schöpfung, 6, 10, 23, 48, 320.
Schulbildung ist klassisch und uni-
versistisch, 64.
Schulknaben haben Macht über böse
Geister, 108.
Schwarz, gleichbedeutend mit himm-
lisch, 110 f.
Schweigsamkeit, Pu-jen, 44 f., 48, 51 f.,
112.
Se, Mondhäuser, 342.
Se, Götter des Erdbodens, 219 ff. S.
Götter (So Tsi').
Se. Tempel, Kapelle, 271. Ahnenopfer,
201.
Seele des Menschen. Den Weltseelen
entliehen, 8 f., 22. Verfeinerung
(Tsing), 10!, 105. Lebenskraft, 101.
Verehrung, 300. S. Atem, Kwei,
Sen, Ahnenkult, Weltseele.
Seelenruhe, 45, 55, 90 f.
Seelensitze (Sen Wei) oder Seelen-
tafeln (Sen P'ai) für Götter und
Tote, 128f., 137, 148f, 153, 160,
106f., 191, 198f., 223f., 299f. Ihre
Beisetzung, 184, 196, 205 ff., 213.
Se Hiang, Weihrauchbeamte, 169.
Seide, s. Opferseide.
Seidenzucht und — ritus der Kaiserin
und der Gemahlinnen der Staats-
diener, 248 ff., 306.
Se Ju\ Beamte für Opferjaspis, 170.
Se' K'i, 112.
Se K'u ts'uan-Su tsung-Mu' t'i Jao, i
310.
Se Kung Sen, 293.
Selbstlosigkeit, Selbstverleugnung, 35,
40 ff'.
Selbstsucht, 34 f., 41 f.
Se-ma Tan und Se-ma Ts'ien, 87,
314 f.
Sen. Seele des Menschen, 9f, 22 f.,
57,101,110; der Tiere und Pflanzen,
13, 16, 123, 358, 359. Gute Geister,
Götter, 11 f., 32, 72, 127, 820; der
Kaiser ihr Herr, 70, 79. Göttlichkeit,
Heiligkeit, 32, 57. Kraft, Macht
(= Ling), 39, 295, 368 f., 375.
S6ng Tse, Opferschüsselschau, 165.
Sen Jo', 124.
Sen Jo' Su, Amt für Göttermusik. 154.
Sen K'u, Aufbewahrungshaus für die
Götter, 150.
Sen Lu, 154, 189.
S6n Nung, 235 ff.; s. Götter.
Sen P'ai, s. Seelensitze.
Sen Sien s. Sien.
Sen Sien Ts'uan, 133.
Sen Tao, 32.
Sen Ts'ang, heilige Kornkammer, 246f.
SenTso, Thronsitze für die Götter, 160.
Sen Tsu, Herr der Götter, 79.
Sen Ts'u, Küche für die Götter, 150.
Sen Wei, s. Seelensitze.
Sen Wu Men, 251.
Se Po', Beamte für Opferseide, 170.
Se Tien, Opferstatuten, 279, 287, 295.
Se Tsi', s. Götter.
Se Tsi' T an, 221.
Se Tsu', Opfergebetleser, 165.
Seuche, 343, 347. S. Dämonen.
Si, heiliges Buch der Lieder, 63.
Si, Lehrmeister, 257.
Öi, Tao Si, 86 f., 90 f.
Si, 357.
Si, Pflanze, 357.
Si', Kammern für die kaiserl. Ahnen,
199.
Siang Sui, Vorzeichen von Glück, 335 f.
Siao Si, 314.
Sie, 29, 121.
Siegel aus Jaspis, 199.
397
Sien, 98, 123, 127, 132.
Sien Hien, 261 f.
Sien I, 283.
Sien Jo\ 124.
Sien Nung, 235 ff.
Sien Tsan, Göttin der Seidenzucht,
248.
Sien Zu, 262.
.Si Fa\ alte Schrift, 207. .
Si Hien, 312.
Si Hien K'o, 316.
»Si Hien Su, kaiserliche Kalender, 312.
Si Huang, 3 f., 304.
Si Juan, Westpark, 259.
Si' Jue', 233.
Si Ki, 87, 342.
Si Lang-, Unterpräsident eines Mini-
steriums, 165.
Si Li T'an^, 269.
Si Ling, die westlichen kaiserl.
Grabstätten, 193.
Sing. S. Natur.
Sing, 57, 73. S. Heiligkeit.
Sing-fu, 205.
Sing Jü, Sternenregen, 343.
Sing P'ei, 184, 196.
Sing Pien, Veränderungen an den
Sternen, 336, 341.
Si P'ing, Opferhymne, 169.
Si" Se Tsu, Seelentafel des Boden-
gotts, 223.
Si Seng, Inspektion der Opfertiere,
156.
Sittenlehre des Konfuzianismus, 24,
382. S. Moral.
Si' Tien, 263.
Si Tsio', erblicher Adelstand, 296.
Si' Tsou Ki, alte Schrift, 126.
Siu, Mondhäuser, 28 Hauptstern-
bilder, 149, 328, 342, 367.
Siün Huang, 25.
Si-wang-mu, 125 f.
Sohn, Verkörperung der Seele seines
Vaters, 80.
Sohn des Himmels, s. Kaiser.
Sommer. Gebote und Verbote, 306 f.
Sonne. Erscheinungen, 340. S. Götter.
Sonnenwende, 96, 155, 192.
Sou Huang Tien, Heiligtum, 214.
Öou P'ing, Opferhymne, 172.
Sou So', 325.
Speichel, verschluckt zur Verlän-
gerung des Lebens, 115.
Spontaneität, 48, 54, 75.
Staatsämter verleihen Ehre, Reich-
tum, Macht, 375.
Staatsbeamte und Staatsmänner. Sind
Konfuzianisten, 29. Sie selbst, ihre
Schreibpinsel und Siegelabdrücke
wirken exorzistisch, 107 f. Sind
Gelehrte, somit tugendhaft und
segenspendend, 65. Übertragen die
Segnungen des Tao des Kaisers
auf das Volk, 80. Vertreten die
Erde, 82. Sklaven des Kaisers, 84 f.
Verehrung nach dem Tode, 198,
255 f., 272, 296 ff.
Staatskunde, Staatslehre, Staatsreli-
gion, Staatswesen sind klassisch,
konfuzianisch, universistisch, 4, 26,
382. S. Klassische Schriften.
Staatsprüfungen, 17, 29, 64 f., 271.
Staatsreligion, 4, 26, 141 ff., 300 ff.
Stadtgötter, 277, 290, 299.
Stamm- und Familienleben, 128.
Steintafelkiosk, s. Pei T'ing.
Sterne und Sternbilder. Beherrschen
die Unterteile der Erde, 333, 342,
3G5. Bestimmen das menschliche
Schicksal, 341 f. Deutung, 334. S.
Astrologie, Götter, Opfer.
Steuern, 84.
Stille, Ruhe, Schweigsamkeit, 45, 48,
66, 129f.
Stirnaufschläge (K'o-t'ao), 85.
Stofflosigkeit, Unkörperlichkeit, 43 f.,
45, 89 f., 95.
Strafgesetzbuch, 326.
Studium. Der Weg zur Heiligkeit,
74, 76,94, 96; deshalb dem Herr-
scher unentbehrlich, 66 f. S. Wissen.
Stürme, 345.
398
Su, heiliges Buch, 14, 63.
Su*, Verneigungen, 252,
Suan - tse', Wahl geeigneter Zeit-
punkte, 317.
Süden entspricht dem Sommer, 146.
Su Fu', schmucklose Gewänder, 183,
218.
Sui Kung, 312.
Sui Ling, 368.
Sui Sen, 368.
Sun, 51, 59, 63, 68 f., 71 f., 101, 132,
254, 257.
Sun, s. Willfährigkeit.
Sung, heiliger Berg, 192.
Sungari, 278.
Sung Ti Sen, Verabschiedung der
Kaiser und Götter, 177.
Sun-t'ien, Bezirk, 223, 240 ff., 274, 292.
Su' Sing, K'ung Ki"", 261.
Su*-su, Kunstrechnen, 321.
SuTsing, sämtliche Andeutungen, 335.
Su Wen, altes Buch, 119, 284.
Tabernakel, Schrein, s. K'an.
Tafeln, s. Seelensitze.
Tage, die Hauptfaktoren der Chrono-
mantik, 318. — und Musik, 343.
Ta Hio' Si, Großkanzler, 208, 265.
Tai, T'ai, heiliger Berg, 193.
Taifune, 345.
T ai Hao, 235, 284.
T'ai Hio', heiliges Buch, 64 ff. Hoch-
schule, 263 ff.
T'ai Ho Men, 160, 180, 323.
T'ai Ho Tien, Halle im Kaiserpalast,
160, 240.
Tai I Juan, 283.
T'ai Juan, Allschöpfung, 146,
T'ai Juan ju Nu, die Erde, 131.
T'ai Juan sing Mu, die Erde, 131.
T ai Ki', 7, 132.
Tai Kia\ 69; heiliges Buch, 210.
T'ai Ki' sang tsen Kung, Konfuzius,
132.
T'ai Miao, 182, 197 ff.
T'ai-pe*, Venus, 341.
T'ai P'ing, Opferhymne, 179.
T'ai P'ing, Religion, 134.
T'ai Se, 219.
T'ai Si, 315.
T'ai Sui, Jupiter, 182, 238,280ff. 315,
321, 333.
Tai Te', 101.
T'ai Ti, Höchster Kaiser, 126.
Ta Ming, jdie Sonne, 149.
Ta MingWei, Seelentafel der Sonne,
234.
T'ang, 37, 69, 72, 79, 82, 257.
T'ang, Tempelhalle, 211.
Tänze, s. Opfertänze.
Tao, di6 Ordnung, der jährliche Kreis-
lauf des Weltalls, 5 ff., 8, 22, 27 f.,
96. Anfangslos, 18 f. Entstehung
im Chaos, 18, 131. Schöpfer und
Erhalter, 10, 18, 40. Regungslos.
48. Die Quelle alles Guten, 23.
Tao des Himmels, 6, 81 ff., 281,
309; der Erde, 6, 219, 309; des
Herrschers, 80 ff., 101; s. Kaiser.
Tao des Menschen. Im Einklang
mit dem Tao des Weltalls, 5 ff., 8,
20, 22 ff., 25, 27, 31 ff., 33 ff., 40 ff.,
48ff., 56, 259, 303, 309, 383f. Ge-
lehrt durch die heiligen Bücher,
28, 63 f., 258, 269, 271. Erwerbung
und Besitz, 31, 88 ff. Verlängert
das Leben, 88, macht klarsehend,
89, allmächtig, 89 f. Ist Heiligkeit
und Göttlichkeit, 32, s. Heiligkeit.
Verleiht Macht und Herrlichkeit,
33, 58 ff., 106 ff.. Unverletzlichkeit,
58 f., 106 ff., Allwissenheit, 60, Los-
lösung vom stofflichen Dasein und
Verschmelzung mit dem Tao des
Alls, 89, 104f., 110. Beeinflußt das
Tao des Weltalls, 309, 315.
Störungen, Fohler im Tao des
Weltalls und des Menschen, 331 f.;
ihre Berichtigung, 333 f., 336 ff. S.
Erscheinungen.
Der buddhistischeWeg zur Heilig-
keit, 99.
399
:'aoistische Religion, 1,3, 5, 7. Kirche,
133 ff. Götterkult, 127 ff Tempel
und Götzen, 138 f. Ritual, Liturgik,
Kanon, I37f. Apostolat in Kiang-si,
13ü. Kosmogonie und Theogonie,
129ff. Exorzismus, 106, 130, 137.
Klöster l)9f., 135, f. Priester, s.
Tao 81.
Tao-jin, 112.
Tao Kia, Tao Kiao, Tao Men, 7.
Tao 8i,91,106,135f.,357. Heilkundige,
122. Opferpriester, Magier, Be-
schwörer, 136 f. Exorzisten, 106,
122, 136, 357.
Tao Te' King, 18 f., 31, 132.
Tao Tsang, 138.
Ta Se, große Opfer, 228.
Ta ^(\ 219.
Ta .Si, 314.
Ta Tai Li Ki, 101, 304.
Ta TsT', kaiserl. Hütte, 167.
Ta Ts'ing hui Tien, 301, 316, 335.
Ta Ts'ing Lu Li, 326.
Ta Ts'ing Men, 206, 283.
Ta Ts'ing Tien, 260.
Ta Ts'ing t'ung Li, 301.
Tau, 346.
Te', s. Tugenden.
Tempel, 138 f. Des Himmels, 147,
151 ff., 180f. Der Erde, 191. Des
Konfuzius, in Peking, 259 ff., in
K'ü^-fou, 268, in den Provinzen,
270. Auf kaiserlichen Grabstätten,
198, 205, 216. Der Zeitgötter, 281 f.
Der Götter der Heilkunde, 283 f.
Des Kriegsgottes, 286. Des Litera-
turgottes, 287. Des Nordpols, 288.
Des Feuers, 289. Der Stadtgötter,
290 f. Gewisser Fluß- und Wasser-
götter, 291 ff. Für Staatsdiener,
296 ff. S. Ahnentempel.
Tempel und Geomantik, 364, 379.
TengTao, ansteigender Steinweg, 218.
Terrasse bei den kaiserl. Pflugfeldern,
240 f.; beim Maulbeergarten der
Kaiserin, 250.
Teufel, 8. Dämonen.
Teufelbannung, s. Exorzismus.
Theogonie, 129 ff.
Tiironerbe, seine Erziehung, 67.
Thronsitze für die Götter, 160, 167.
Ti, Kaiser und Himmel, 141.
Ti, Pflichten des jüngeren Bruders,
269.
T'iao, Ahnentempelhalle, 199.
T'ion, Himmel, 141.
T'ien, Seelenruhe, 45, 55, 90 f.
Tien, Bechertisch, 173.
Tien, Palastgebäude, 234.
Tien, Sockel für Opferbecher, 176.
T'ien Ho, die Milchstraße, 183.
T'ien Huang, 131.
Tien I, Zeremonienmeister, 168.
Tien Jo*, Leiter der Opfermusik, 169.
Tien Ju Po', ein Opferakt, 170.
T'ien Ki\ der Pol, 343.
T'ien Ngan Men, 197.
T'ien Pien, 340.
T'ien Fing, himmlische Streitmacht,
130.
T'ien Sen, himmlische Götter. S.
Götter.
T'ien Si, Haupt der taoistischen
Kirche, 133.
T'ien T'an, 142.
T'ien Tao, Tao des Himmels, 6, 281,
309.
T'ir-n Te', s. Tugenden.
T'ien Tse, Sohn des Himmels, 80.
T'ien Tsiang, himmlische Heerführer,
130.
T'ien Tsiu, Honigtau, 346.
T'ien -tsu- Berge, 194.
T'ien Wen K'o, 316, 335, 341.
T'ien Wen Seng, Astronomen, 317.
Tiere als Dämonen, 13. S. Erschei-
nungen, Ki - lin, Fung Huang,
Drachen.
Tier Verehrung, 139.
Tierzyklus, 328.
Tiger in der Geomantik, 367.
Ti Huang, 131.
400
Ti K'i, irdische Götter. S. Götter.
Ti-ku\ 254.
Ti Li, Geomantik, 365.
T'in^, Trag-bahre, 161.
Ting Lu, Verbrennungstöpfe, 222.
Ti Tan, 187.
Ti Tao, Tao der Erde, 6, 219, 309.
Ti Tsi, kaiserliche Pflugfelder, 240.
Toleranz, 1.
Tore des Himmelaltars, 143, 146, 151.
Tote. Schutzgötter, 129. Lange un-
beerdigt, 381.
Totenkult, 38, 128f., 296, 299, 381. S.
Ahnen, Ahnenkult, Ahnentempel.
Tou K'wei, ein Sternbild, 287.
Träume, 357.
Tu', Opferstier, 165.
Tu\ heilige Flüsse, 194.
Tuan, Haupttugenden, 47.
Tuan-jang, 213.
Tugenden (Te'). Eigenschaften, Seg-
nungen des Weltalls, 23 f., 31.
Menschliche Tugend, Übereinstim-
mung mit der Weltordnung, 22 ff.,
309 ft'. Der Natur entlehnte Tugen-
den, 24, 33fr., 47,53fr., 56; s. Sang.
Durch Studium erworben, 65 ff.,
71; s. Studium. Zu verbergen, 87.
Verstärken die Lebenskraft, ver-
längern das Leben, 101 ff. Des
Himmels (Tien Te'}, 281, 321, 368;
des Kaisers, s. Kaiser; der Beamten,
65. Pflichten (I), 24, 31, 78, 269.
S. Moral, Sittenlehre.
Tui Jin, gegenüberstehender Führer,
169.
Tu'-li', Unabhängigkeit, 45.
Tun, T'un, Absonderung von der
Welt, 97.
Tung Hua Tor, 257, 265.
T'ung Jao, Knaben verse, 351.
Tung Ling, die östlichen kaiserl.
Grabstätten, 194.
Tung Tsung-su, 114.
Tung Wang Kung, 126, 131.
Tung Zen, Fastenbild, 156.
Tun K'i, 112.
Tu Su Tsi'-ts'ing, 68, 311.
Tu Ti Sen, 220.
Tu -tuan, alte Schrift, 223.
Ts'ai, drei Kräfte im Weltall, 309,
331, 350.
Ts'ai-kiai, Enthaltsamkeit, 158.
Ts'ai-kiai P'ai, Tafel der Enthalt-
samkeit, 156.
Ts'ai Kung, Fastengebäude, 162, 184,
191.
Tsai Seng T'ing, Schlachtkiosk, 150.
Ts'an Fu, Raupenzuchtfrauen, 252.
Tsan Jin, helfender Führer beim
Opfern, 169.
Ts'an Mu, Raupenzuchtmutter, 252.
Ts'an Si*, Seidenbaukammer, 250, 252.
Ts'an Su, Seidenbauamt, 250.
Tiang, Maß, 142.
Ts'ang, Ahnenopfer, 201.
Tsang Heng, 134.
Ts'ang-hie', Erfinder der Schrift, 109.
Tsang Kio', 134.
Tsang K'u, Grube für Opferwareu,
195.
Tsang Liang, 116.
Tsang Ling, 116, 133 f.
Tsang Lu, 134.
Ts'ang Ngan-Tor, 323.
Ts'ang-po'- Gebirge, 278.
Ts'aug Pi', blaue Jaspisscheibe, 161.
Ts'ang Sen, Kornkammergötter, 294.
Tsang Siu, 134.
Ts'ang Sui-Berge, 194.
Tsang Tao -ling, 133 f.
Tsao Heng, 146.
Tsao Jang Men, 230, 295,
Tsao Pi', Schutzmauer, 232.
Ts'ao Ts'ao, 135.
Tsao Tsung Se, Heiligtum, 297.
Tsao Zi', Verehrung der Sonne, 233.
Tschepe, 268.
Ts'e', Orakel Stengel, 358.
Tse', Intelligente, 262.
Tse kin Ts'ing, der Kaiserpalast, 211.
401
Tsen, Heiligkeit, 57, 71.
T§en, heilige Berge, 193.
Tseng Tse, 73, 261.
Tseii-tsung 8u, 130.
Tse-se, s. K'ung Ki'.
Tse* Zi* 8i, Chronomant, 327.
Tsi*, Hirse, 220.
Tsi, heiliger Fluß, 194.
Tsi, Mauergrundlage, 142.
Tsi, 24, 46. S. Wissen.
Ts'i, 64.
Ts'i', Hellebarde bei Opfertänzen,
172.
Ts'i', Maß, 142.
Tsiang Kiün, himmlische Heerführer,
130.
Tsie' K'i, 24 Jahreszeiten, 313.
Ts'ie' Tsuan, Wegräumung der Opfer-
gaben, 177.
Tslen Han Su, 334.
Ts'ien Tien, Vorderhalle, 198.
Tsi Fa\ heiliges Buch, 146.
Tsi I, heiliges Buch, 9, 197.
Tsi Kao, Benachrichtigung der Götter,
185.
Tsi iCi K'u, Aufbewahrungshaus für
Opfergeräte, 150.
Ts'in- Dynastie, 3.
Tsing, Stille und Ruhe, Schweigsam-
keit, 45, 66.
Tsing, Verfeinerung durch Tugend,
101 ff.
Tsing, s. Lebensäther.
Tsing, wahr, orthodox, 29, 67.
Tsing, Ahnenopfer, 201.
Ts'ing, Erdschicht eines Altars, 143.
Tsing, Heiligkeit, 57, 67.
Ts'ing Hien Kiai, 260.
Ts'ing Huang Sen, Stadtgötter, 277.
Tsing Hüen, K'ang-ts'ing, 223.
Tsmg-ming, Jahreszeit, 212, 217.
Tsing Se, Einsiedlerklause, 99.
Ts'ing Sen Wei, 167.
Ts'ing Ti, 235.
Tsing Tien, Haupthalle, 191.
Tsing T'ing, Brunnenpavillon, 150,
De Groot, Universismus.
Ts'ing Tsi Kuan, Opferbeamte, 203,
216.
Ts'ing Tsing, 146.
Tsin Si, höchster Gelebrtentitel, 261.
Ts'in-si\ Totenkapelle, 199.
Tsin Tsu, Opferakt, 171.
Ts'in Wang, Prinz höchsten Ranges,
155.
Tsio\ Opferbecher, 172.
Tsio' Se, Opferbecherbeamte, 172.
Tsi' Si', Webhaus, 251.
Tsi' Si Kuan, Opferbeamte, 168.
Tri' Ti, 235.
Tsi Tsang, Opfergelände, 142.
TsT Tsing, Sonne, Mond, 5 Planeten,
317.
TsT Tsing Si Hien Su, Kalender, 317.
Tsi Tsiu, Weinopferer, 265, 267.
Tsi T'ung, heiliges Buch, 249.
Tsiu, Opferwein, 172.
Tso Kung, Gymnastik, 122.
Tso Tu Jü-si, Zensoratspräsident,
168.
Tso Ts'uan, heiliges Buch, 15, 64.
Tsou, Zauberworte, 136 f.
Tsou- Dynastie und ihre Stifter, 72,
132, 257.
Tsou Kuan, heiliges Buch, 64, 314f.,
332 f.
Tsou Kung, 257 f.
Tsou Su, altes Buch, 208.
Tsou T'ien Sing Tsen, Sternenhimmel,
149.
Tsu, Ackerbaugott, 225.
Tsu, Glücksflelsch, 176.
Tsu, Opfertiergestelle, 165.
Tsu', Gebet, 158.
Tsu', Stamm, 128.
Ts'uan, makellose Opfertiere, 156..
Tsuan, Leckerbissen, 246.
Tsuan Se, 295, 298.
Ts'uan Sin Tien, Heiligtum, 258.
Tsuan -SU, 236.
Tsuang Tse, Tsuang Tsou, 19 ff., 87 f.
Tsu Hi, 261.
Ts'u Hien, Opferakt, 172.
26
402
Tsu'-jung, 131, 284.
Tsu' K'i, 112.
Tsun, Opferweintopf, 172.
Ts un, Maß, 142.
Tsung, 40, 44, 76, 269. S. Leere.
Tsung, gelbe Jaspisscheibe, 195.
Tsung, Stamm, 129.
Täung Hien, letzte Darbietung, Opfer-
akt, 174.
Tsung Jung, heiliges Buch, 11, 25,
64, 76 f.
Ts'ung Ki, Erhöhungsfundament,
147, 198.
Tsung Kung, der zentrale Palast,
Sterngefilde, 342.
Tsung Lou, Glockenturm, 143, 231.
Tsung -lie\ höchste Treue, 29G.
TSung Se, mittlere Opfer, 229.
Tsung Sing, Tseng Tse, 261.
Ts'ung Sing Se, Heiligtum, 261,
269.
Tsung Tien, Mittelhalle, 199.
Tsung Tsien K'u, Aufbewahrungs-
haus für Opfermatten, 150.
Tsung Wei, Gefolgschaftsgötter, s.
Götter.
Ts un Niu T'u, Blattkalender, 327.
Tsun Si, posthumer Ehrenname, 173,
207.
Ts'un Ts'iu, heiliges Buch, 63 f.
Ts un Ts'iu Fan Lu, altes Buch, 114.
Überschwemmungen, 349.
Unbeweglichkeit, Haupteigenschaft
der Erde, 187, 349.
Unerschütterlichkeit, 24, 47, 62..
Unglück, Unheil, 5 f., 12ff , 309 f.,
318 ff., 329, 331 ff.
Universismus. Die Religion des Uni-
versums, 2ff., 7, 129 ff., 141 ff.; ani-
mistisch, polytheistisch, polydämo-
nistisch, 12, 127. Grundlage des Er-
ziehungs- und Unterrichtssystems,
der Ethik und des Staatswesens,
22 ff., Ö6ff, 86 ff. Grundlage der
Wissenschaften, 312 ff., 330 ff..
364 ff.; s. Heilkunde. Seine Zu-
kunft, 383 f.
Unkörperlichkeit, Stofflosigkeit, 44 f.
Unparteilichkeit, Uneigennützigkeit,
34 f.
Untätigkeit. S. Regungslosigkeit.
Unterrichtssystem, 64 f.
Unterwürfigkeit (Hiao) des Kindes
und der Schwiegertochter. 78, 128,
269, 272.
Urin, getrunken zur Verlängerung
des Lebens, 115.
Venus, 341.
Verbrecher. Im Herbst bestraft, 307.
Verbrennung der alten Schriften, 4.
Verfeinerung (Tsing) durch Tugend,
101 ff.
Verfolgung. Religions-,' 2, 30 f.,
134 f.
Verneigungshalle, 222, 227.
Vernunft, Verstand, s. Weisheit.
Vögel, 353. Der Süden, 367. S. Fung
Huang.
Vogelverscheucher bei Staatsopfern,
225, 234.
Volksgötter, 138 f., 295, 302.
Vollheit, Selbstsucht, 41 ff., 91. S.
Leere.
Vollkommenheit. S. Heiligkeit.
Vorzeichen, 75, 309 f., 331 ff. S. Er-
scheinungen.
Wai Si, 315.
Wai Wei, Altarwall, 145.
Wandelsterne, 343.
Wang K'üe\ Verehrung des Kaisers
aus der Ferne, 246.
Wang Si, 257.
Wang Tsi, Opfer in der Ferne, 278,
283.
Wang Tsi, heiliges Buch, 195.
Wasser. Entstehung, 131. Entspricht
dem Winter, 308. Auf dem Altar
der Erde, 190. In der Geomantik,
365, 367 f. S. Götter, Elemente.
403
Wasserdämonen, 13.
Wei, Altarwall, 145.
Weihrauch. S. Opferweihrauch.
Wein. S. Glückswein, Opferwein.
Weinopferer, 265, 267.
Weisen der konfuzianischen Sclmle,
71f., 261 f., 272, 296.
W^eisheit. S. Hion, Wissen. Nicht zur
Schau stellen, 87.
Weltall. Seine Eigenschaften oder
Segnungen, 23 f. 31; Ordnung, 36.
Ein belebtes Wesen, das Leben
schafft, 6 ff., 8, 35. Verschmelzung
mit dem — , 104f.
Weltodempaar, s. Jang und Jin.
Weltordnung, s. Weltall.
Weltseele, s. Jang und Jin, Sen.
Über Kommendes befragt, 355 ff.
Wen, Stifter der Tsou- Dynastie, 72,
132, 257.
Wen Jen, heilige Schrift, 24.
Wen Miao, Konfuziustempel, 259.
Wen Te' tsi Wu, Ziviltänze, 174.
Wen Tä'ang, Gott der klassischen
Studien, 286 f.
Westen entspricht dem Herbst und
den Erntegaben, 146, 188.
Wetterkunde, 343 ff.
Wieger, 138.
Willfährigkeit (Sun), 36 ff. Anver-
wandte Tugenden, 40.
Winde. Entsprechen Leidenschaften,
344. Ihre Deutung, 333, 335, 343 f.
In der Geomantik, 365, 367 f. S.
Götter.
Winter. Entspricht Wasser, 320. Ge-
bote und Verbote, 308.
Wintersonnenwende, 155.
Wissen, 24. Hauptmittel zur Voll-
kommenheit oder Heiligkeit, 46 ff.,
57, 62 ff. Hohe kaiserl. Tugend,
66 ff. Ist zu verwerfen, 44 ff., 47,
53, 62, 90. — und Seelenruhe, 55.
Wissenschaft, 321, 355, 362, 382.
Witwenkeuschheit, 272.
Wohltätigkeit, 134, 306.
I Wohnungen unter günstigen Ein-
I Aussen des Weltalls, 364.
Wolken und ihre Deutung, 333, 335,
345 f. S. Gotter.
Wu, Kaiser der Tsou -Dynastie, 37,
72, 82, 257.
Wu, Nichtssein, 44 f.
Wu, heiliger Berg, 193,
Wu, Nebengebäude, 147, 152, 198.
Wu, Priester, 356.
Wu-hing, Unkörperlichkeit, 44 f.
Wu-jen, Schweigsamkeit, 45.
Wu Jun, 120.
Wu Kung, Tänzer, 168.
Wu Kung tsi Wu, Kriegstäuze, 172.
Wu Men des Kaiserpalastes, 162, 180,
197, 323.
Wu Miao, Kriegstempel, 286.
Wunschlosigkeit, 43.
Wu Seng, Tänzer, 168.
Wu Sing, fünf Planeten, 149. S.
Planeten.
Wu Ti, fünf Kaiser der Urzeit, 254.
Wu-ting, 82.
Wu' Ts'e, Zelthütte, 167.
Wu-wei. S. Regungslosigkeit.
Zahlen von Himmel und Erde, Jang
und Jin, 143f., 183, 231, 321.
Zauberkraft, s. Magie.
Zauberworte und — Zeichnungen, 106
Zeit. Ihr Lauf das Tao, 5, 8, 22, 254,
303.
Zeitdeutung. S. Chronomantik.
Zeitgötter, 280 ff., 320.
Zeitteile, für Handlungen geeignet
oder ungeeignet, 318 ff. Verehrt,
280ff, 320.
Zeitzykluszeichen, 233, 320 ff.; der
Geburt jedes Menschen, 328.
Zelt bei kaiserlichen Opfern, 167,
184, 217 f. S. Opferzelte.
Zen, Menschenliebe, 24, 31, 269.
Zen Tao, Tao des Menschen, 6.
Zensoren, 158, 324, 337.
Zeremonienmeister, 156, 169, 203.
26*
404
Zi' I, 340.
ZV Si, Taj^emeister, 327.
Zi' T'an, Opfergelände der Sonne,
230 ff.
Zoolatrie, 139 f.
Zoomantik, 353.
Zu, Gelehrte, 65, 73.
Zu Kiao, Konfuzianismus, 63.
Zukunft untersucht, 355 ff. S. Mantik.
Zurückg-ezogenheit eine Tugend, 94.
Zyklus von 12 Tieren, 328. S. Zeit-
zykluszeichen.
Bilder.
Nr. 1 zum Titelblatt.
„ 2 zu S. 141.
„ 3 zu S. 145.
„ 4 zu S. 151.
„ 5 zu S. 154.
„ 6 zu S. 187.
„ 7 zu S. 235.
Druck von A. Holzhausen, Wien.